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Montagsfrage: Nein zu Rassismus

Hallo ihr Lieben! 🙂

Kennt ihr das? Ihr schlagt einen Band einer Reihe auf und noch bevor die Geschichte beginnt, steht dort ein Hinweis, dass zwischen diesem und dem letzten Band eine Kurzgeschichte erschienen ist, die wichtig für das Verständnis der Handlungsentwicklung ist. Das ist mir letzte Woche passiert, als ich mir „Staked“, den achten (und vorletzten) Band der „Iron Druid Chronicles“, von Kevin Hearne vornehmen wollte. Dort heißt es in einem Hinweis des Autors, dass die Handlung nicht an der Stelle ansetzt, an der „Shattered“ aufhörte, weil dazwischen die Kurzgeschichte „A Prelude to War“ liegt, die in der Mini-Anthologie „Three Slices“ erschienen ist und die man lesen sollte, wenn man gewisse Anspielungen in „Staked“ verstehen will. Trotz meines neu gewonnenen Respekts für Kurzgeschichten hat mich das zugegeben ziemlich geärgert. Ich finde es blöd, wenn die Hauptreihe in sich nicht so logisch aufgebaut ist, dass man das zusätzlich erschienene Beiwerk lesen muss, um ein vollständiges Bild zu erhalten. Dennoch habe ich mich schnell damit abgefunden und mir die Kindle-Version von „Three Slices“ heruntergeladen. „Three Slices“ ist das Ergebnis einer Kollaboration zwischen Kevin Hearne, Delilah Dawson und Chuck Wendig. Alle drei haben Kurzgeschichten im Rahmen ihrer bereits existierenden Reihen geschrieben, in denen ein bestimmtes, recht bizarres Thema eine Rolle spielt: Tyromantie, die Weissagung mit Käse. Als ich das in der Einleitung der Anthologie erfuhr, war ich fast schon wieder versöhnt. Wahrsagerei mit Käse ist einfach so abgedreht, dass ich mich darauf freute, herauszufinden, wie die drei das in ihre Geschichten eingebaut haben. Mittlerweile bin ich natürlich durch und muss sagen, für die „Iron Druid Chronicles“ wäre es nicht nötig gewesen, eine separate Kurzgeschichte zu verfassen. „A Prelude to War“ hätte ebenso gut das erste Kapitel in „Staked“ sein können. Ich weiß allerdings zu schätzen, dass ich dadurch Delilah Dawson und Chuck Wendig kennenlernte, die es wohl beide auf meine Wunschliste schaffen werden.

Ist euch schon mal ähnliches passiert? Wie habt ihr das empfunden? Findet ihr ergänzende Kurzgeschichten im Rahmen einer Reihe gut oder mögt ihr es auch lieber, wenn die Hauptreihe in sich so geschlossen ist, dass ihr frei entscheiden könnt, die Kurzgeschichten zu lesen? Ich bin gespannt, was ihr dazu zu sagen habt.

Erst eimal habe ich jedoch etwas zu sagen, nämlich zur heutigen Montagsfrage von Antonia von Lauter&Leise!

Welche Bücher, die gegen Rassismus, Ignoranz und Unwissenheit arbeiten, könnt ihr empfehlen?

Ich habe auch schon überlegt, wie ich diese Themen angesichts der aktuellen Entwicklungen in den USA und den damit verbundenen Diskussionen auf meinen Blog bringen kann. Es fällt mir manchmal sehr schwer, meinen reinen Buchblog nicht für politische Botschaften zu entfremden. Deshalb danke ich Antonia dafür, dass sie mir zeitnah die Möglichkeit gibt, mich heute zu Rassismus und Polizeigewalt zu äußern und meine ganz persönliche Weltsicht zu teilen, bevor ich ein paar Buchempfehlungen ausspreche.

Wann immer ich mich mit Rassismus beschäftige, schäme ich mich für die Weiße Weltbevölkerung. Ich schäme mich für die Historie, ich schäme mich für Unsensibilität, ich schäme mich für überwältigende Unwissenheit und die Weigerung, das eigene Verhalten, speziell den Sprachgebrauch, auch nur minimal anzupassen, um empathisch, einfühlsam und inkludierend zu sein. Ich hasse es, dass so wenigen Weißen ihre privilegierte Position in der globalen Gesellschaft bewusst ist. Ich hasse es, wie viele Weiße sich sofort angegriffen fühlen, wenn sie auf ihr rassistisches Benehmen hingewiesen werden. Ich hasse es, dass ich als Weiße Europärin niemals, niemals, niemals wieder gutmachen kann, was meine, nein, unsere Vorfahr_innen Völkern angetan haben, die eine andere Hautfarbe haben und bis heute antun. Ich fühle mich hilflos und machtlos, weil ich lediglich mein eigenes Verhalten modifizieren und nicht die ganze Welt dazu zwingen kann, historisch und täglich Verantwortung zu übernehmen. Ich weiß, dass es nicht um Schuld geht und ich weiß, dass es bereits ein Schritt in die richtige Richtung ist, dass ich anerkenne, dass People of Color überall auf unserem Globus Rassismuserfahrungen machen, die ich niemals erleben werde. Aber oft reicht mir das nicht. Ich möchte wirklich etwas verändern und kann nicht, weil es ein systemisches, strukturelles Problem ist, das sich nicht durch meinen guten Willen allein in Luft auflöst. Es ist so unglaublich frustrierend, dass ich kaum Einfluss habe – eine Empfindung, die Menschen, die tatsächlich rassistisch behandelt werden (im Gegensatz zu mir), sicherlich hundertfach verstärkt wahrnehmen. Versteht mich nicht falsch, mir ist bewusst, dass jede Stimme, die sich gegen Rassismus ausspricht, wichtig und bedeutend ist. Aber einen Wandel erreichen wir nur durch eine geeinte Massendynamik, der so viele Faktoren entgegenstehen – wirtschaftlich, sozial, politisch – dass ich mir manchmal die Haare ausreißen und laut schreien möchte.

Ich hasse es auch, dass ich Zweifel daran habe, dass die Black Lives Matter – Bewegung und alle anderen Organisationen, die großartige Arbeit leisten, um diesen uralten, tief verwurzelten Konflikt in den Fokus der Öffentlichkeit rücken, den Wandel einleiten können, den wir so dringend benötigen. Ich hasse meinen eigenen Zynismus, durch den es mir so schwerfällt, Hoffnung zu entwickeln. Ich möchte glauben, ich möchte hoffen, doch wenn ich mir ansehe, wie viel sich ändern muss, um Rassismus nachhaltig zu überwinden, erscheint mir diese Mammutaufgabe viel zu gewaltig. Das heißt nicht, dass ich deshalb untätig bleibe. Ich bilde mich weiter, ich achte auf mein Verhalten, ich lese und konfrontiere mich immer und immer wieder mit dieser Thematik, weil Aufgeben einfach keine Option ist. Ich habe eine Verantwortung und ich bemühe mich, dieser nachzukommen. Wir alle sollten das.

Damit kommen wir nun zu meinen Empfehlungen, bevor ich mich noch weiter in das Thema hineinsteigere und am Ende wieder Tränen fließen. Ich denke, dass es zwei entgegengesetzte Richtungen gibt, aus denen man sich mit Rassismus beschäftigen kann: einerseits als Vergangenheitsbewältigung und andererseits als Gegenwartskonfrontation. Die beiden Aspekte schließen sich nicht aus, ganz im Gegenteil, meiner Ansicht nach ist es wichtig, sich mit der Vergangenheit zu beschäftigen, um die Gegenwart zu verstehen und die Ursachen der heutigen Situation zu durchschauen, was der einzige Weg ist, eine Veränderung zu erreichen. Ich möchte euch heute vier Bücher empfehlen, die verschiedene Punkte auf diesem Spektrum abdecken. Drei davon sind explizit auf die USA ausgerichtet, das vierte widmet sich deutschem Rassismus. Ich habe alle vier gelesen. In meinem Regal befinden sich weitere ungelesene Werke, die zum heutigen Thema passen, aber ich möchte mich auf die Werke beschränken, mit denen ich tatsächlich Erfahrungen gesammelt habe.

Beginnen wir in der Vergangenheit, mit „Beloved“ von Toni Morrison. Toni Morrison, die leider letztes Jahr verstorben ist, war eine Lichtgestalt für die afroamerikanische weibliche Literatur. Sie gewann 1993 als erste afroamerikanische Frau den Literaturnobelpreis. Für „Beloved“ erhielt sie außerdem den Pulitzer-Preis. Das Buch basiert auf der Geschichte von Margaret Garner, eine Sklavin, die 1856 ihre zweijährige Tochter ermordete, um sie vor einem Leben in Sklaverei zu bewahren. Es handelt von der ehemaligen Sklavin Sethe, die Jahre nach ihrem Martyrium noch immer herauszufinden versucht, was Freiheit für sie bedeutet. Sie hadert mit ihren Erinnerungen und mit den Entscheidungen, die sie traf. Mich hat das Buch sehr berührt, weil es nicht nur die grausame Realität der Sklaverei beschreibt, sondern auch das Trauma, das diese für die betroffenen Menschen selbst Jahre später bedeutete. Durch die Abschaffung der Sklaverei war nicht plötzlich alles gut – eine Lektion, die die aktuellen Proteste erneut auffrischen. Es führte mir vor Augen, wie viel Einfluss die Vergangenheit auf die Gegenwart hat und ist deshalb gerade im Moment die ideale Lektüre, um sogar der weißen Bevölkerung zu erklären, welche Dimension das Verbrechen der Sklaverei einnahm, wie tief und nachhaltig die davon ausgelösten Verletzungen sind und welche Konsequenzen es bis heute hat. Auf Deutsch erschien es als „Menschenkind“.

Das zweite Buch ist ebenfalls ein Klassiker: „To Kill a Mockingbird“ bzw. „Wer die Nachtigall stört“ von Harper Lee. Dieses Buch setzt sich im Vergleich zu „Beloved“ mit einer etwas jüngeren Vergangenheit auseinander und behandelt Rassismus im Südstaat Alabama zur Zeit der Großen Depression (also in den 1930er Jahren). Es ist ein Weißes Buch, sowohl bezüglich der Autorin als auch bezüglich der Hauptfiguren, was meiner Ansicht nach allerdings kein Nachteil ist. Die Protagonistin ist die 8-jährige Jean Louise „Scout“ Finch, deren Vater Atticus als Anwalt den Afroamerikaner Tom Robinson vor Gericht verteidigt, dem vorgeworfen wird, eine Weiße Frau vergewaltigt zu haben. Durch die Weiße, kindliche Perspektive hinterfragte Harper Lee (2016 verstorben) Verhalten und Verantwortung der Weißen Bevölkerung im Kontext dieses Prozesses. Es ist ein wunderbares, selbstkritisches Plädoyer für Humanität, das Missstände anprangert, die bis heute aktuell sind.

Eine moderne Auseinandersetzung mit strukturellem Rassismus und Polizeigewalt in den USA bietet hingegen „The Hate U Give“ von Angie Thomas. Selbst wenn ihr keine andere meiner Empfehlungen wahrnehmt, dieses Buch solltet ihr lesen. Unbedingt. Es erschien 2017, ich habe es aber erst im März dieses Jahres gelesen, knapp zwei Monate vor dem Mord an George Floyd. Rückblickend erscheint mir diese Lektüreauswahl deshalb beinahe prophetisch und ich bin dankbar, dass ich den Fall George Floyd dadurch wesentlich besser einschätzen kann. Angie Thomas konnte mir am Beispiel ihrer Protagonistin Starr nachvollziehbar, greifbar und konkret vermitteln, was es heutzutage bedeutet, ein Schwarzer Teenager in den USA zu sein und wie tief Rassismus dort gesellschaftlich verwurzelt ist, wie er sich äußert und warum es ignorant ist, sich selbst als „farbenblind“ zu bezeichnen. Sie ließ mich an Erfahrungen teilhaben, die ich selbst niemals machen werde und brachte mir eine Realität näher, die nicht der meinen entspricht. Ich finde keine Worte dafür, wie wertvoll ich „The Hate U Give“ empfand. Es lehrte mich Demut, es erinnerte mich daran, wie privilegiert ich lebe. Für ihre Ehrlichkeit, ihren Mut und ihre Offenheit gebürt Angie Thomas mein voller Respekt. Wenn ihr wirklich verstehen wollt, was es heißt, in den USA Schwarz zu sein, lest „The Hate U Give“.

Rassismus ist kein exklusiv US-amerikanisches Problem. Rassismus findet sich überall auf der Welt und trotz der deutschen Historie, durch die wir es eigentlich besser wissen müssten, erstarkt auch hierzulande rechter Extremismus bereits seit Jahrzehnten wieder. Während die Politik lange genug auf dem rechten Auge blind war, dürfen wir niemals vergessen, dass es Gründe dafür gibt, dass sich Menschen rassistischen und faschistischen Idealen verschreiben. Um zu verstehen, was in unserem Land passiert, müssen wir verstehen, was diese Menschen antreibt und dass ihr Hass oft ganz persönliche Motivationen hat, die in ihren Biografien zu suchen sind. Es reicht nicht, sie als „rechte Spinner“ abzutun, das verkennt die Gefahr, die von ihnen ausgeht. Wir können nur ändern, was wir begreifen. Darum möchte ich euch zum Schluss ein Buch ans Herz legen, das in den 90er Jahren erschien, zu einer Zeit, in der rechte Gewalt in vielen deutschen Städten eskalierte: „Wir sind auch die kämpfende Front: Frauen in der rechten Szene“ von Sonja Balbach. Es ist lange her, dass ich das Buch gelesen habe, aber an Aktualität hat es nie verloren. Es besteht aus Interviews mit Frauen, die sich ganz offen zur rechten Szene bekennen und versucht, anhand dieser Gespräche herauszufinden, warum diese Frauen sich mit menschenverachtendem Gedankengut identifizieren. Da es ausschließlich die weibliche Perspektive beleuchtet, kann es natürlich keine allgemein gültige, umfassende Analyse der rechten Szene sein, aber es bietet einen Einblick in eine Welt, die für viele sehr schwer nachzuvollziehen ist. Ich fand es hochinteressant und bin bis heute überzeugt, dass wir zuhören müssen, um diese Menschen nicht für immer an Neofaschismus und Neonationalsozialismus zu verlieren. Man kann nun argumentieren, dass es falsch ist, dieser Einstellung eine Bühne zu geben, aber ich glaube, dass es gravierende Folgen hat, sie zu ignorieren. Wir müssen das aushalten, denn wir alle sind mitverantwortlich dafür, dass Rassismus bis heute ein Problem ist und rassistische Ansichten wachsen und gedeihen. Ich wiederhole es noch einmal: wir tragen Verantwortung und diese schließt eben auch diejenigen ein, die wir am liebsten vergessen, verleugnen und verschweigen würden. Es bringt niemandem etwas, so zu tun, als existierte rechte Gewalt nicht, schon gar nicht denjenigen, die von ihr betroffen sind.

Es hat mich viel Zeit gekostet, diesen Beitrag zu verfassen. Ich hoffe, dass sich der Aufwand gelohnt und euch Anreize verschafft hat, euch mit Rassismus literarisch zu beschäftigen. Es ist entscheidend, zu verstehen, dass „Weiß“ überall auf der Welt mit „privilegiert“ gleichgesetzt werden muss und Rassismus etwas ist, gegen das wir alle kämpfen müssen, jeden Tag, im Großen wie im Kleinen. Will man Veränderung, muss man bei sich selbst anfangen. Bücher zu lesen, die für Rassismus sensibilisieren, kann ein wichtiger erster Schritt sein. Hinterfragt euch selbst. Seid mutig, seid laut. Nein zu Rassismus. An jedem Tag, an jedem Ort.

Könnt ihr Bücher empfehlen, die sich gegen Rassismus aussprechen?

Ich freue mich wie immer sehr auf eure Beiträge und Kommentare und wünsche euch allen einen hervorragenden Start in die neue Woche!
Alles Liebe,
Elli ❤️

 

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[Lieber Literaturnobelpreis, wir müssen reden] Kapitel 5: Ein Plädoyer für die Abschaffung des Literaturnobelpreises

Ein Plädoyer für die Abschaffung des Literaturnobelpreises

Heute präsentiere ich euch den letzten Beitrag zur Thematik des Literaturnobelpreises. Halleluja, ein Ende ist in Sicht! Ich hoffe, ihr seid bereit für das große Finale, denn obwohl auch ich froh bin, wenn ich mich erneut dem normalen Blogalltag widmen und endlich wieder eine Rezension schreiben kann (Ich vermisse das wirklich!), ist dieser Post für mich ohne Zweifel der wichtigste der ganzen Serie. Heute resümiere ich all die Fakten, die wir in den letzten vier Tagen zusammengetragen haben und stelle euch anhand der Argumente, die sich aus den einzelnen Beiträgen für mich ergaben, mein Fazit vor. Ich werde euch erklären, warum ich glaube, dass der Literaturnobelpreis abgeschafft werden sollte. Schenkt mir ein letztes Mal eure Aufmerksamkeit, es wird Zeit für ein harsches Urteil.

Im ersten Kapitel «Erbschaft mit Folgen» haben wir uns mit dem Testament von Alfred Nobel beschäftigt, das der Auslöser für die Vergabe der Nobelpreise war. Wir haben die Struktur der von ihm verfügten und finanzierten Nobelstiftung aufgeschlüsselt, ihre Zusammenarbeit mit den einzelnen Einrichtungen, die die Preise verleihen, analysiert und die relevanten Statuten für den Vergabeprozess gesichtet. Kurz: Wir haben die rechtliche und organisatorische Basis für die Nobelpreisvergabe allgemein und für die Literaturnobelpreisverleihung im Speziellen identifiziert. Bereits diese nüchterne Faktensammlung offenbarte mir einige problematische Punkte, die das Prozedere meiner Ansicht nach ernsthaft belasten.

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[Lieber Literaturnobelpreis, wir müssen reden] Kapitel 4: «Ich bin ein Schriftsteller»

«Ich bin ein Schriftsteller»

Ich muss den heutigen Beitrag mit einer Einschränkung beginnen: Ich möchte darauf verzichten, euch den äußerst bewegten Werdegang von Peter Handke detailliert darzulegen. Das würde zu weit führen und ist für die Thematik des Literaturnobelpreises nicht relevant. Es genügt, euch mitzuteilen, dass er einer der bekanntesten deutschsprachigen Autor_innen ist, ihm der Durchbruch 1966 mit „Die Hornissen“ gelang und er stets eine gewisse Exzentrik an den Tag legte, die ihn veranlasste, seine Kolleg_innen und den Literaturbetrieb im Allgemeinen scharf anzugreifen. Seine Fehde mit dem verstorbenen Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki ist legendär. Er war streitbar und schreckte nicht davor zurück, auch mal zuzuschlagen, wenn ihm etwas nicht passte, so zum Beispiel den FAZ-Journalisten Jochen Hieber. Heute lebt Peter Handke zurückgezogen in einem kleinen französischen Dorf bei Versailles.

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Was uns hier heute interessieren soll, ist Peter Handkes enge Bindung an die ehemals jugoslawischen Staaten, die im Erbe seiner Mutter, einer Kärntner Slowenin, begründet ist. Er wurde 1942 in Griffen geboren, eine Gemeinde, die seit Ende des 6. Jahrhunderts Ziel slowenischer Siedlungswellen war. Im Zweiten Weltkrieg wurden Teile der slowenischen Bevölkerung in KZs deportiert, woraufhin Griffen Vergeltungsmaßnahmen des slowenischen Widerstands erlebte. Diese Eindrücke prägten die frühste Kindheit von Peter Handke und entfachten in ihm eine Sympathie für das ehemalige Jugoslawien, die wiederum dazu führte, dass er weite Teile des Staates bereiste. Anfang der 1990er steigerte sich sein Interesse zusätzlich durch die politische Situation.

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Kate Jarvik Birch – Tarnished

Rezensionsheader Tarnished

Auf ihrer Website erklärt Kate Jarvik Birch, ihre Liebe zum Schreiben sei in ihrer Kindheit erblüht. Was sie nicht erwähnt, ist, dass diese Leidenschaft in der Familie liegt. Ihre Mutter, Elaine Birch, arbeitete 30 Jahre als Journalistin, bevor sie eine Karriere als Bühnenautorin einschlug. 2011 wurde das erste gemeinsame Stück von Mutter und Tochter, „(a man enters)“, in ihrer Heimat Salt Lake City uraufgeführt. Die Kritiken nahmen es überwiegend positiv auf. Ihren Debütroman veröffentlichte Kate Jarvik Birch erst Jahre später, aber ich glaube, der Erfolg des Stückes verlieh ihr das nötige Selbstbewusstsein, ohne das ich „Tarnished“, den zweiten Band der „Perfected“-Trilogie, heute vielleicht nicht für euch besprechen würde.

Ella wurde als Sklavin geboren. Sie ist ein im Labor perfektioniertes Haustier, gezüchtet, um reichen Familien Freude zu bereiten. Doch ihren freien Willen konnten ihr weder die Genetik noch ihr Besitzer nehmen. Die verbotene Liebe zu seinem Sohn Penn verlieh ihr den Mut, ihre Ketten zu sprengen und gemeinsam mit ihm nach Kanada zu fliehen. Leider wurde das Paar an der Grenze getrennt; nun befindet sich Ella in einem Flüchtlingslager für entlaufene Haustiere in Kanada, während Penn in den USA dem Zorn seines Vaters ausgeliefert ist. Ellas spektakuläre Flucht hatte allerdings viel dramatischere Konsequenzen, als die beiden jemals vermuteten: eine grausame Mordserie erschüttert das Land. Die Opfer sind Haustiere. Wenn ihretwegen junge Mädchen wie sie selbst getötet werden, kann Ella nicht tatenlos zusehen. Unterstützt von der ruppigen Missy nimmt sie den gefährlichen Weg zurück in die USA auf sich und wagt sich in die zwielichtige Welt der Schwarzmärkte, um Penn zu retten und ihren Leidensgenossinnen zu helfen. Sie wird nicht zulassen, dass andere den Preis für ihre Freiheit zahlen.

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Ira Levin – The Stepford Wives

Rezensionsheader The Stepford Wives

„The Stepford Wives“ von Ira Levin erschien 1972. Damit fiel die Veröffentlichung zufällig (?) in das Jahr, in dem das Equal Rights Amendment vom US-Senat angenommen wurde. Dieser Verfassungszusatz sollte die Gleichstellung der Geschlechter in den USA vorantreiben und Frauen weitreichende Rechte zusichern, stieß in den Bundesstaaten jedoch auf erbitterten Widerstand. Gegner_innen des ERA beriefen sich auf traditionelle Geschlechterrollen, prophezeiten, dass Frauen zum Militärdienst gezwungen und schützende Gesetze, die zum Beispiel Unterhaltsansprüche regelten, null und nichtig würden. Phyllis Schlafly, eine der Schlüsselfiguren der Oppositionsbewegung, behauptete, der Zusatz sei lediglich ein Vorteil für junge Karrierefrauen, der die Sicherheit von Hausfrauen im mittleren Alter, die keinen Beruf erlernt hatten, hingegen bedrohte. In diesem Kontext war „The Stepford Wives“ beinahe prophetisch, denn darin geht es um eben jene Hausfrauen, die Schlafly gefährdet sah.

Als Joanna und Walter Eberhart mit ihren Kindern nach Stepford zogen, hofften sie, ein neues Leben fernab vom Trubel der großen Stadt beginnen zu können. Stepford ist ein malerisches Idyll ruhiger Straßen und freundlicher Nachbarn, ein Paradies des gehobenen Mittelstandes. Doch während sich die Kinder schnell einleben und Walter Anschluss in der exklusiven Men’s Association findet, wird Joanna das Gefühl nicht los, dass sich hinter der lächelnden Fassade des Örtchens ein schmutziges Geheimnis verbirgt. Es sind die Frauen. Sie sind nett und höflich, aber sie scheinen neben der obsessiven Erfüllung ihrer Haushaltspflichten keine Interessen zu haben. Sie sind zu perfekt. Irgendetwas stimmt nicht in Stepford und Joanna muss herausfinden, was vor sich geht – bevor es zu spät ist.

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Ein Kommentar

Verfasst von - 13. November 2019 in Rezension, Science-Fiction

 

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Herman Melville – Moby-Dick

Rezensionsheader Moby-Dick

Der Mann, der niemals irgendwo gescheitert ist, kann nicht groß werden. – Herman Melville

Die Biografin Laurie Robertson-Lorant schrieb über Herman Melville, man könne ihn entweder als gescheiterten Schriftsteller charakterisieren oder als verkanntes Genie und Visionär. Melville gehört zu den tragischen Figuren der Literaturgeschichte, die erst weit nach ihrem Tod die Anerkennung erlangten, die sie verdienen.

1819 in New York geboren, nach einer Kindheit, die vom Bankrott seines ehemals wohlhabenden Vaters geprägt war, fuhr Melville im Alter von 20 zur See und erlebte fünf äußerst turbulente Jahre auf Handelsschiffen, Walfängern und sogar einer Kriegsfregatte. Er desertierte, heuerte wieder an, war Teil einer Meuterei, wurde ins Gefängnis geworfen, floh und bereiste weite Teile des Atlantiks und Pazifiks. Er war ein Abenteurer. Zurück in New York verarbeitete er seine Erlebnisse in zwei erfolgreichen, überwiegend fiktiven Reisedokumentationen, „Typee“ (1846) und „Omoo“ (1847). Leider stellten diese beiden Romane bereits den Höhepunkt seiner literarischen Karriere dar, an den er nie wieder anknüpfen konnte. Nicht einmal mit dem Buch, für das er heute am besten bekannt ist: „Moby-Dick“.

Melville litt unter der gesellschaftlichen Zurückweisung, erkrankte an Depressionen und konnte sich nur schwer mit der Missachtung der Kritiker abfinden. Dennoch gab er das Schreiben niemals auf, veröffentlichte weiterhin Romane und Kurzgeschichten und wandte sich vermehrt der Lyrik zu. Als er im September 1891 im Alter von 72 Jahren starb, hinterließ er die unveröffentlichte Gedichtsammlung „Weeds and Wildings“ und ein fragmentarisches Manuskript namens „Billy Budd“, das erst 1919 von seinem Biografen Richard Weaver entdeckt und 1924 überarbeitet veröffentlicht wurde. Bei seinem Tod war der kurzzeitige literarische Star Herman Melville längst in Vergessenheit geraten. Die New York Times widmete seinem Nachruf lediglich ein paar Zeilen.

Rückblickend geht man davon aus, dass Melville seiner Epoche zu weit voraus war. In seinen Werken finden sich Techniken und Stilmittel, die erst in den 1920er Jahren populär wurden und seine zeitgenössische Leserschaft überforderten. Es überrascht daher nicht, dass Melville auch erst anlässlich seines 100. Geburtstags wiederentdeckt und sein literarisches Schaffen neubewertet wurde. Seitdem gilt er als Vorreiter der Moderne und als einer der Väter der US-amerikanischen Literatur, an dem sich Literaturwissenschaftler_innen aus verschiedensten Perspektiven abarbeiten.

„Moby-Dick“, Melvilles monumentaler Roman, erschien 1851. Die Druckgeschichte des Buches wirkt aus heutiger Sicht absurd: der Setzer arbeitete bereits daran, während Melville noch schrieb und Korrekturen anordnete. Das ursprüngliche Manuskript ist nicht erhalten, ein für Melville-Forscher_innen unglücklicher Umstand, weil „Moby-Dick“ zwar in England und den USA mit nur etwa einem Monat Abstand originalveröffentlicht wurde, sich die beiden Ausgaben jedoch stark unterschieden. Die britische Ausgabe wurde Opfer der Zensur, die „antiroyalistische“ und religionskritische Passagen strich. Außerdem fehlte der Epilog. Die US-amerikanische Ausgabe hingegen verzichtete auf viele der nachträglichen Änderungen, weil diese nicht mehr eingearbeitet werden konnten. Trotz dessen konnten beide Versionen ein literaturhistorisches Novum vorweisen. Die britische Ausgabe erschien unter dem unspezifischen Titel „The Whale“; auf dem US-amerikanischen Cover war „Moby-Dick; or, The Whale“ zu lesen. Damit war dies der allererste Roman, dessen titelgebende Hauptfigur ein Tier war, noch dazu mit Eigennamen.

Für mich entwickelte „Moby-Dick“ über die Jahre ohne mein Zutun eine beinahe unheimliche Eigendynamik. Ich hatte immer vor, das Buch zu lesen, dieses Schwergewicht unter den Klassikern. In meiner Vorstellung lag ich im hohen Alter auf meinem Sterbebett und flüsterte „Aber den Wal, den hab ich gelesen“. Das mag seltsam klingen, aber ich glaube, dass viele Leser_innen sich literarische Meilensteine setzen, die sie im Laufe ihres Lebens unbedingt abhaken wollen. Für mich war es eben „Moby-Dick“.
Im Juni 2015 lachte mich eine günstige deutsche Ausgabe von dem Wühltisch eines Antiquariats an, die ich freudig und kurzentschlossen mit heimnahm. Es war das letzte Mal für lange Zeit, dass mir das Buch positive Emotionen vermittelte.

Anfangs betrachtete ich den Wal in meinem Bücherregal mit der üblichen Zutraulichkeit. Ich vertraute darauf, dass seine Zeit kommen würde und setzte mich nicht unter Druck. Doch die Jahre vergingen und irgendwie gelang es dem Wal, zunehmend Raum in meinem Hinterkopf einzunehmen und darin herumzuspuken. Wann immer das Thema auf Bücher kam, die ich längst gelesen haben wollte, schlug er heftig mit seiner Schwanzflosse und machte auf sich aufmerksam. Ich stellte fest, dass mich die ausstehende Lektüre einschüchterte. Es ist ein dickes Werk von über 800 Seiten, geschrieben in einer Zeit, in der Eingängigkeit noch nicht als Ziel der Literatur verstanden wurde. Ich begann, bei jeder sich bietenden Gelegenheit mit anderen Leser_innen über „Moby-Dick“ zu sprechen, um aus ihren Erfahrungen eine Ahnung dafür zu entwickeln, was mich erwartete und meine Ängste zu lindern. Leider hatte diese Taktik eher den gegenteiligen Effekt. Langweilig und langatmig sei der Wal, eine Qual und überhaupt keine angenehme Lektüre.

Mir schlotterten die Knie. In meinem Kopf verwuchs sich das Buch „Moby-Dick“ mit seinem tierischen Titelhelden und ich verwandelte mich in eine abstruse Version von Kapitän Ahab: das Subjekt der Begierde und der obsessive Jäger (bzw. die Jägerin), auf ewig vereint in einem unvollendeten Tanz. Ich hatte die Befürchtung, niemals bereit zu sein. Ich sehnte und bangte dem Moment gleichermaßen entgegen.

Dann wurde ich im Juni 2019 nach meinen „SuB-Leichen der Schande“ gefragt, also nach ungelesenen Büchern, die ich schon lange vor mir herschiebe. Der weiße Wal in meinem Kopf flippte aus. Er veranstaltete einen spektakulären Zirkus und überflutete mich mit Wellen des schlechten Gewissens. Ich begriff, dass ich längst bereit war. Meine Sorgen, mein Respekt vor der Lektüre, blockierten mich. Als mir das klar wurde, regte sich endlich mein alter Freund, der Trotz. Ich ärgerte mich über mich selbst und entschied, dass ich dem Wal nicht länger erlauben wollte, munter vorwurfsvoll durch meinen Geist zu planschen. Es reichte. Daher nahm ich im Juli 2019 meinen ganzen Mut zusammen und holte ihn aus dem Regal. Ich würde es schaffen. Ich würde „Moby-Dick“ lesen und den weißen Wal erlegen. Komme, was da wolle.

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Verfasst von - 24. September 2019 in Klassiker, Rezension

 

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Erica Fischer – Aimée & Jaguar: Eine Liebesgeschichte, Berlin 1943

Rezensionsheader Aimée & Jaguar

Homosexualität war im nationalsozialistischen Deutschland strafbar. Im Dritten Reich betrachtete man schwule Männer als entartet und als eine Bedrohung für den Staat, da man fürchtete, sie versuchten, interne Strukturen zu unterwandern und diese von innen heraus zu zerstören. Seit 1934 wurden Homosexuelle verstärkt verfolgt, interniert und ermordet. Laut Paragraf 175 des Reichsstrafgesetzbuches genügten bereits „begehrliche Blicke“, um eine Verhaftung und teilweise sogar eine sofortige Deportation zu rechtfertigen.

Die Zahl der Verurteilungen stieg bis Kriegsbeginn 1939 stetig an. Wikipedia verzeichnet für das Jahr 1935, in dem §175 in Kraft trat, 2.363 Schuldsprüche – 1938 waren es 9.536. Männer, die auf sogenannte „Umerziehungsmaßnahmen“ nicht wie gewünscht reagierten, wurden in Konzentrationslager verschleppt und gezwungen, ein Symbol zu tragen, das ihre sexuelle Orientierung für alle sichtbar machte: den rosa Winkel. Wie viele schwule Männer in den KZs umgebracht wurden, ist rückblickend schwer zu ermitteln, weil nicht klar ist, wie viele von ihnen für ihre Zugehörigkeit zu einer anderen verfolgten Bevölkerungsgruppe interniert wurden. Schätzungen zufolge wurden etwa 10.000 Schwule in die KZs gebracht, von denen circa 53% die Qualen der Lager nicht überlebten.

Paradoxerweise richtete sich der Hass der Nazis primär auf schwule Männer, nicht auf Homosexuelle im Allgemeinen. Lesbische Frauen waren von Paragraf 175 nicht betroffen; es existieren allerdings Hinweise darauf, dass Lesben aus anderen Gründen inhaftiert und in den KZs für entsprechendes Verhalten bestraft wurden. Dennoch zweifelt der Historiker Alexander Zinn an, dass eine gezielte Verfolgung homosexueller Frauen stattfand. Seine These ist meiner Meinung nach nicht von der Hand zu weisen, was ich in der Position der Frau im Nationalsozialismus begründet sehe. Das Dritte Reich war strikt patriarchalisch. Frauen hatten sich um Küche, Kinder und Kirche zu kümmern und sollten sich sonst bevorzugt im Hintergrund halten. Ich glaube, dass die alten Säcke der Parteispitze um Hitler gar nicht auf die Idee kamen, Frauen könnten so etwas wie eine individuelle sexuelle Identität besitzen. Ich kann mir gut vorstellen, dass ihr völliges Unverständnis des weiblichen Geschlechts, die vollkommene Reduzierung der Frau auf ihre Rolle als Mutter, Ehe- und Hausfrau, Lesben vor einer dem Paragrafen 175 ähnlichen Gesetzgebung schützte. Den Nazis fehlte einfach die Fantasie. Doch selbst wenn ihnen bewusst war, dass sich einige Frauen zum eigenen Geschlecht hingezogen fühlten, sahen sie darin eventuell nicht dieselbe Bedrohung, die sie in schwulen Männern vermuteten.

Woran auch immer es lag, homosexuelle Frauen konnten ihre Orientierung freier ausleben als homosexuelle Männer, obwohl Denunzierungen selbstverständlich möglich waren. Wie hoch das Risiko konkret war, hing stark davon ab, wie stabil und zuverlässig das soziale Netz der Frauen war. Wer sich in einem eingeschworenen Freundeskreis bewegte und sich sonst nichts zu Schulden kommen ließ, war vor einer Entdeckung relativ sicher. Diese Faktenlage erklärt, wieso Lilly Wust und Felice Schragenheim verhältnismäßig offen in einer lesbischen Beziehung leben konnten.

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Verfasst von - 3. September 2019 in Biografie, Non-Fiction, Rezension

 

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Ralph »Sonny« Barger – Hell’s Angel: Mein Leben

Rezensionsheader Hells Angel Mein Leben

Ich könnte heute nicht mehr sagen, wann mein Interesse am Motorradclub Hell’s Angels begann. Ich gehe davon aus, dass Hunter S. Thompsons literarische Reportage „Hell’s Angels“ großen Anteil daran hatte, die ich las, als ich etwa 20 Jahre alt war. Der exzentrische Journalist reiste in den 60er Jahren mit dem Club. Seine Schilderungen faszinierten mich. Er malte das Bild wilder, unbeugsamer, freiheitsliebender Männer, die sich von niemandem etwas sagen ließen und eigene Gesetze schrieben. Ihre Lebensauffassung brachte meinen eigenen Freiheitsdrang, der in meiner Jugendzeit stark ausgeprägt war, zum Singen. Ich sah in ihnen moderne Piraten, Rebellen und fühlte mich zu ihren Idealen hingezogen.

Es dauerte Jahre, bis ich bereit war, einzusehen, dass meine romantischen Vorstellungen der Hell’s Angels vollkommen verklärt waren. In den Medien häuften sich Berichte von kriminellen, mafiaähnlichen Strukturen, schweren Straftaten wie Zuhälterei, Drogen- und Waffenhandel und blutigen Fehden, die nicht selten in Rachemorden gipfelten. Ich fühlte mich desillusioniert und enttäuscht. Diese Nachrichten hatten nichts mit der sympathischen Bande ruppiger Aussteiger zu tun, die ich in „Hell’s Angels“ kennengelernt hatte. Heute weiß ich, dass ich das immense kriminelle Potential des Clubs, das sich bereits in den 60ern andeutete, einfach ignorierte. Ich wollte es nicht sehen.

Mit der Erkenntnis kam die Ernüchterung. Je öfter ich Nachrichten sah oder las, die die gewalttätigen oder illegalen Exzesse der Hell’s Angels dokumentierten, desto weniger verstand ich, wie aus einem Haufen Verlierer, die der Gesellschaft freiwillig den Rücken gekehrt hatten, eine strikt organisierte, globale, kriminelle Vereinigung werden konnte. Diese Frage beschäftigt mich noch immer. Deshalb nahm ich mir im Februar 2019 die biografischen Aufzeichnungen des Mannes vor, der es meiner Ansicht nach am besten wissen musste: Ralph »Sonny« Barger, Gründungsmitglied und langjähriger Präsident der Hell’s Angels.

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Justin Cronin – The City of Mirrors

Das Finale der „The Passage“-Trilogie, „The City of Mirrors”, erschien im März 2016, sechs Jahre nach der Veröffentlichung des ersten Bandes „The Passage“ – deutlich später als geplant. Diese Verzögerung hatte einen spezifischen Grund. 2012 wurde beim Autor Justin Cronin Prostatakrebs diagnostiziert. Er musste sich einer schweren, mehrstündigen Operation unterziehen. Soweit ich weiß, geht es ihm heute gut, aber natürlich veränderte diese Erfahrung seinen Blick auf das Leben und die Geschichte, die er erzählen wollte. Es kostete ihn Zeit, herauszufinden, wie er seine neue Wahrnehmung, die sich unter anderem in gesteigerter Religiosität äußert, in „The City of Mirrors“ einfließen lassen wollte, obwohl das Ende der Trilogie von Anfang an feststand. Geschichten sind letztendlich eben immer auch Spiegelbilder ihrer Schöpfer_innen.

Die Virals sind verschwunden. Seit 20 Jahren wurden keine Infizierten gesichtet. Langsam beginnen die Menschen, der Sicherheit zu trauen. Sogar Peter, obwohl er sich noch immer fragt, was nach ihrem verheerenden Kampf gegen die Zwölf mit Amy geschah und ihn seltsame Träume quälen. Tagsüber ist er ein verantwortungsbewusster Vater, doch nachts entschwindet er in eine betörende Fantasiewelt. Der optimistische Ausbau der Städte lenkt ihn nur bedingt von seinem grotesken Doppelleben ab. Sein alter Freund Michael Fisher hingegen beteiligt sich nicht am Wiederaufbau der Zivilisation. Er widmet seine ganze Energie einem verrückten Plan, um die Menschheit zu retten, weil er nicht daran glaubt, dass die Virals wirklich ausgelöscht sind. Er hat Recht. Einer ist noch übrig. Der Eine, klüger, gerissener und boshafter als alle anderen. Der Erste, der je infiziert wurde: Zero…

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Verfasst von - 16. Mai 2019 in Dystopie, Rezension, Science-Fiction

 

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Justin Cronin – The Twelve

Justin Cronin glaubte anfangs nicht, dass „The Passage“ ein ernstzunehmendes Projekt werden könnte. Der Auslöser war seine damals 8-jährige Tochter Iris, die ihn aufforderte, endlich mal ein spannendes Buch zu schreiben. Sie wünschte sich Vampire, eine rothaarige Figur und ein Mädchen, das die Welt retten sollte. Sie begannen, spielerisch Ideen auszutauschen, als Möglichkeit, Zeit miteinander zu verbringen. Erst später wurde Cronin klar, dass ihre Geschichte tatsächlich Potential haben könnte. Er schrieb den ersten Band „The Passage“ und feierte einen Bestseller. Inwieweit Iris am zweiten Band „The Twelve“ beteiligt war, weiß ich leider nicht, aber eines ist sicher: Cronin verdankt ihr seinen kometenhaften Erfolg.

Babcock und seine Nachkommen sind tot. Fünf Jahre sind vergangen, seit Peter und seine Freunde die Kolonie verließen. Ihre Gruppe ist versprengt; ihr einstiger Zusammenhalt nur noch Erinnerung. Doch schon bald müssen sie sich darauf besinnen, was sie verbindet. Es heißt, in Iowa existiere eine Stadt namens Homeland, die von einem skrupellosen Tyrannen regiert wird. Dorthin verschleppte Menschen schuften als Sklav_innen, um den wahnsinnigen Plan des Direktors zu realisieren: er will ein dauerhaftes Heim für die Zwölf errichten. Als Peter Gerüchte erreichen, dass Sara noch leben könnte und in Homeland gefangen gehalten wird, reist er mit alten und neuen Freunden nach Iowa, um sie zu befreien. Vor Ort bietet sich ihnen jedoch eine einmalige Chance. Der Plan des Direktors steht kurz vor der Vollendung. Die verbliebenen elf der ursprünglichen zwölf Virals werden sich in Homeland versammeln, um ihr neues Domizil zu beziehen. Können Peter und seine Gefährten die Gunst der Stunde nutzen und die Bedrohung der Virals ein für alle Mal ausschalten?

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Verfasst von - 15. Mai 2019 in Dystopie, Rezension, Science-Fiction

 

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