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Montagsfrage: Die holde Weiblichkeit?

Hallo ihr Lieben! 🙂

Mein Reisepass ist beantragt! Ja, mein Termin am Freitag fand tatsächlich statt und nun mahlen die Mühlen der Bürokratie. Es war eine seltsame Erfahrung, in Corona-Zeiten ein Amt zu besuchen. Ich durfte das Gebäude erst ca. 10 Minuten vor meinem Termin betreten. Eine Sicherheitsbeamtin wachte darüber, dass niemand gegen diese Vorschrift verstößt und hakte auf einer Liste alle Termine ab. Ich habe sie in Gedanken „Torwächterin“ getauft. Eine weitere Abweichung vom normalen Betrieb besteht darin, dass ich für die Abholung abermals einen Termin vereinbaren muss. Das war vor Corona nicht nötig, aber jetzt ist es eine Vorsichtsmaßnahme. Glücklicherweise ist das weniger schwierig als einen Termin für die Beantragung zu bekommen, für die Abholung steht wohl ein tägliches Kontingent zur Verfügung. Ich soll einfach schon mal eine Mail schreiben und um einen Termin in ca. vier Wochen bitten. Darum kümmere ich mich heute, ich hoffe, dass das wirklich so reibungslos funktioniert wie versprochen. Oh und ich muss dafür zu einem anderen Bürgeramt fahren. Die Dokumentenausgabe wurde anscheinend je nach Bezirk zentralisiert. Dennoch, ich bin optimistisch.

Außerdem möchte ich euch heute ein kurzes Update zum Conan/Howard-Projekt geben: ich bin jetzt bei Conan angekommen und arbeite die Stichpunkte aus, die ich für meinen Text benutzen werde. Ich habe beschlossen, dass ich das Kapitel „Conan in der Popkultur“ kurz halten werde, denn eigentlich braucht uns das nicht zu kümmern. Uns geht es schließlich um den literarischen Conan, nicht um die Film- oder Comicvariante. Es fällt mir schwer, das Projekt nicht noch weiter ausufern zu lassen, als es ohnehin schon ist, doch an gewissen Stellen muss ich Grenzen ziehen. Ich denke, es wird vier große Kapitel geben: Howards Biografie, Howards Werk neben Conan, Conan und eine Leseanleitung. Über den letzten Punkt bin ich mir aber noch nicht ganz einig.

Solange ich hinter den Kulissen weiterhin fleißig an Conan arbeite, ist die Montagsfrage von Lauter&Leise als Lebenszeichen meinerseits besonders wichtig für mich. Heute möchte Antonia folgendes wissen:

Sollten weibliche Autoren mehr aus der Sicht weiblicher Protagonisten schreiben?

Vorneweg möchte ich festhalten, dass Antonia die heutige Frage zusätzlich in drei Unterfragen unterteilt:

1. Sollten wir generell mehr Literatur von weiblichen (oder non-binären) Autor_innen lesen, weil die Perspektive dieser Autor_innen jahrhuhndertelang oft nicht zur Sprache kam?

2. Sind weibliche Autor_innen die einzigen, die ihre Perspektive deutlich machen können?

3. Brauchen wir dazu per se eine Protagonistin?

Darüber hinaus ist „weiblich“ hier heute ein Platzhalter, der symbolisch für die gesamte Vielfalt der Menschheit steht. Es kann nach Belieben auch POC, Queer oder jede andere Spielart von Diversität eingesetzt werden. Antonia möchte im Grunde auf alle lange Zeit literarisch unterrepräsentierten Bevölkerungsgruppen hinaus. Ich werde beim „weiblich“-Beispiel bleiben, weil ich selbst eine weiße, heterosexuelle Europäerin bin und mich demzufolge am besten mit diesem Attribut identifizieren kann.

So, nun, da der Disclaimer steht, kommen wir zum Eingemachten. Ich habe ein prinzipielles Problem mit dem Verb „sollen“ im Kontext der Lektüreauswahl. Wer entscheidet denn, was ich lese? Nur ich selbst. Das heißt, nur ich selbst lege fest, welche Bücher in meinem Regal und auf meinem Nachttisch landen, niemand sonst. Dadurch ist „sollen“ meiner Ansicht nach die falsche Formulierung, weil ich es vermeide, mir Vorschriften aufzuerlegen. Ich lese, was ich möchte, nicht, was ich lesen soll, weil glücklicherweise niemand da ist, der oder die mir meine Auswahl diktieren könnte. In Bezug auf die Frage kann ich dementsprechend bloß antworten, dass ich nicht finde, dass ich mehr Autorinnen lesen sollte.

Ich habe in den letzten Jahren immer wieder versucht, den Anteil der weiblichen Autoren in meiner Buchauswahl zu erhöhen, weil mir durchaus bewusst ist, dass der literarische Kanon bis heute von weißen Männern dominiert wird. Ich wollte gern ein ausgeglicheneres Verhältnis herstellen. Ich bin spektakulär gescheitert. Offenbar wecken Bücher von männlichen Autoren eher mein Interesse als Bücher von weiblichen Autoren. Obwohl ich bewusst darauf achten wollte, häufiger Schriftstellerinnen den Vorzug zu geben, zeigte meine Jahresendstatistik jedes Mal, dass ich mehr Schriftsteller lese. Deshalb habe ich beschlossen, diese Tendenz zu akzeptieren und das Verhältnis von Autorinnen zu Autoren zukünftig aus meiner Statistik zu streichen. Es erscheint mir nicht mehr zeitgemäß, diese Unterscheidung überhaupt vorzunehmen, weil ich das Konzept von Diversität als real anerkenne und mir darüber im Klaren bin, dass diese Welt mehr als eine binäre Geschlechtereinteilung zu bieten hat. Ich empfinde diese Aufschlüsselung mittlerweile als exkludierend und denke, dass sie fälschlicherweise impliziert, dass das Geschlecht oder Gender von Autor_innen für mich eine Rolle spielt. Das ist nicht der Fall, ich suche ein Buch nicht aus, weil es von einer Frau, einem Mann oder einer Transperson geschrieben wurde. Ich wähle es aus, weil mich die Geschichte neugierig macht und interessiert. Ich habe die bewusste Entscheidung getroffen, diese Unterschiede nicht mehr anzusprechen, denn ich glaube, dass ich damit ein Statement abgebe, das sehr viel mehr meiner Weltsicht entspricht. Wahre Gleichberechtigung, wahrer Feminismus (Feminismus ist laut meiner Definition das Bestreben, eine Gleichbehandlung aller Geschlechter/Gender zu erreichen) ist dann gegeben, wenn keine Unterschiede auftreten und sie dementsprechend auch nicht thematisiert werden müssen. Folglich ist meine Buchauswahl trotz des höheren Anteils männlicher Autoren feministisch, weil das Geschlecht/Gender kein Aspekt ist, der dabei von irgendeiner Bedeutung für mich ist. Es ist mir egal. Alle bekommen grundsätzlich die gleiche Chance, mein Interesse zu wecken. Deshalb gibt es keinen Anlass für mich, gezielt mehr Autorinnen zu lesen.

Eine kleine Ausnahme stellt die High Fantasy dar, denn ich bemühe mich weiterhin, die mutigen schreibenden Schildmaiden dieses extrem männerdominierten Genres zu unterstützen. Die Gründe hierfür sind gesellschaftlicher Natur; mir ist aufgefallen, dass männliche High Fantasy – Autoren meist mehr Aufmerksamkeit und Werbung erhalten als weibliche, was dazu führt, dass in diesem Rahmen nicht ebenso viele Schriftstellerinnen bekannt sind wie Schriftsteller. Um allen dieselbe Chance einräumen zu können, muss ich erst mal das gesamte Spektrum kennen, also verfolge ich noch immer die Mission, meinen Horizont zu erweitern und mehr Frauen zu entdecken, die sich in meinem Lieblingsgenre herumtreiben. Solange vom Buchmarkt kein Gleichgewicht hergestellt wird, muss ich es eben selbst tun und das heißt, bewusst nach den unterrepräsentierten weiblichen High Fantasy – Autorinnen zu suchen, was jedoch nicht bedeutet, dass ich wahllos jedes Buch kaufe und lese, auf dessen Cover ein weiblicher Name prangt.

Die zweite Unterfrage erscheint mir ebenfalls problematisch, weil sie einen ernstzunehmenden Mangel an Empathie andeutet. Im Endeffekt sagt Antonia mit dieser Formulierung, dass sich nur eine Frau in eine Frau hineinversetzen kann. Das ist schlicht nicht wahr. Das Schöne an Vielfalt ist ja, dass wir trotz unserer Verschiedenheit alle eines gemeinsam haben: wir sind Menschen. Unsere Empfindungen unterscheiden sich weniger, als es uns durch überholte sexistische Vorurteile gern weisgemacht werden will, was sich zum Beispiel wunderbar aus unseren Hirnstrukturen ableiten lässt. Es ist natürlich richtig, dass Frauen oder andere Personen des nicht-binären Spektrums wahrscheinlich Erfahrungen sammeln, mit denen Männer niemals konfrontiert werden und andersherum. Aber das heißt ja noch lange nicht, dass sich ein Mann grundsätzlich nicht vorstellen kann, was es bedeutet, als Frau die Welt zu erleben und mit ihr zu interagieren. Ob dieses Potential auch genutzt wird, ist eine ganz andere Frage, doch ich glaube, dass die Fähigkeit dazu in uns allen existiert. In einigen mehr, in anderen weniger und in einigen Fällen ist sicherlich eine bewusste Auseinandersetzung mit einer bestimmten Thematik von Nöten, um sie zu aktivieren, aber wir können es alle.

Würde ich beispielsweise entscheiden, ein Buch mit einer Hauptfigur zu schreiben, die sich nicht mit den binären Geschlechterrollen identifiziert, müsste ich Zeit und Aufwand investieren, um herauszufinden, wie so eine Person fühlt, wahrnimmt und interagiert, mit welchen Schwierigkeiten und Konflikten sie konfrontiert ist und wie sie ihre Selbstwirklichung gestaltet, weil ihre Erlebenswelt weit von der meinen entfernt ist. Dennoch bin ich fest überzeugt, würde ich diese Recherchen umsetzen und in Kauf nehmen, könnte auch ich ein gutes, überzeugendes und sensibles Buch schreiben (vorausgesetzt, ich hätte das erforderliche schriftstellerische Talent). Wenn ich mich auf eine andere Perspektive einlasse, könnte ich lernen, sie einzunehmen. Antonia hat selbstverständlich Recht, jede Perspektive ist einzigartig, doch das bedeutet nicht, dass wir alle kleine Inseln sind, die isoliert im Universum herumschwimmen, auf ewig unverstanden und einsam. Wir können Brücken zueinander bauen und durch diese Brücken können sich wunderschöne Erfahrungen ergeben. Die Mischung aus männlicher Weltsicht und Empathie für eine weibliche Weltsicht kann unheimlich bereichernd sein. Ich denke, dass Autor_innen, die sich trauen, einfühlsam aus einer Perspektive zu schreiben, die nicht der ihren entspricht, zu mehr Verständnis zwischen uns allen beitragen. Nichtdestotrotz stimme ich Antonia zu, dass es eine gute und lange überfällige Entwicklung in der Literatur ist, dass mittlerweile beinahe jede Erfahrung auch aus erster Hand beleuchtet wird. Dieser Fortschritt trägt ebenfalls dazu bei, unser Verständnis für einander zu vergrößern und ist zweifellos ein Privileg, das geschätzt werden sollte.

Kommen wir zur letzten Frage. Hier bin ich mit Antonia vollkommen einer Meinung: für die Repräsentation ist es nicht primär von Belang, ob eine weibliche Figur die Hauptrolle in einer Geschichte einnimmt. Viel entscheidender ist, wie diese Repräsentation umgesetzt wird. Wie viele Bücher von Autorinnen gibt es, in denen die Protagonistin ein wandelndes Klischee ist? Sie sind Legion. Es hat schon seine Gründe, dass ich kein Fan der Chic-Lit bin. Im Umkehrschluss bedeutet das, dass die Kombination einer weiblichen Autorin und einer weiblichen Protagonistin nicht automatisch eine Sexismus-freie Repräsentation garantiert. Es ist hingegen durchaus möglich, dass ein Mann eine Geschichte schreibt, in der eine weibliche Figur lediglich eine Nebenrolle einnimmt, diese dafür allerdings realistisch, lebendig und vorurteilsfrei charakterisiert ist. Daher denke ich nicht, dass weibliche Hauptfiguren nötig sind, um eine weibliche Weltsicht sensibel und glaubhaft zu transportieren.

Letztendlich bin ich der Meinung, dass Klischees und Vorurteile über Geschlecht, Gender, Hautfarbe, sexuelle Orientierung, Religion, sozialen Status und so weiter auf der Makroebene der Literatur grundsätzlich nichts zu suchen haben. In einer perfekten Welt würden all diese Punkte bei der Konzipierung einer Geschichte und bei der Behandlung von Autor_innen keine Rolle spielen. Leider leben wir (noch) nicht in einer perfekten Welt und unsere Wahrnehmung selbiger hat Einfluss auf jeden Moment in unseren Leben und demzufolge auch auf den Entstehungsprozess von Büchern. Umso wichtiger ist es, dass Autor_innen beim Schreiben reflektiert und selbstkritisch vorgehen. Dann ist es möglich, unsere gesellschaftlichen Konflikte zu thematisieren, ohne verletzende Annahmen zu reproduzieren. Denn dass sie darüber schreiben, halte ich für unabdingbar, um unseren gesamtgesellschaftlichen Fortschritt voranzutreiben. Wenn wir nicht darüber lesen, sprechen, diskutieren, werden wir sie auch nicht überwinden.

Wie betrachtet ihr die Repräsentation von Vielfalt in der Literatur?

Ich freue mich wie immer sehr auf eure Beiträge und Kommentare und wünsche euch allen einen bezaubernden Start in die neue Woche!
Alles Liebe,
Elli ❤️

 

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Montagsfrage: Diversität – gelungen oder misslungen?

Hallo ihr Lieben! 🙂

Ich habe eins der coolsten Geburtstagsgeschenke ever bekommen! Ich habe ja am Sonntag genullt (30), kann nun nicht mehr leugnen, erwachsen zu sein und weil erwachsene Menschen anspruchsvolle Literatur konsumieren (*hüstel*), dachten sich meine Eltern wohl, sie unterstützen meinen Ehrgeiz und schenken mir etwas, das mich motiviert, Klassiker zu lesen. Ich bin jetzt stolze Besitzerin eines Rubbel-Posters der 99 Bücher, die man gelesen haben muss. Das ist richtig toll, auf dem Poster sind 99 moderne und historische Klassiker abgebildet. Aber die Cover sind großteils versteckt, wie bei einem Rubbellos. Nur Titel und Autor sind sichtbar. Wenn man eins der Bücher gelesen hat, darf man das Cover freirubbeln und kann so wunderbar visuell dokumentieren, welche Fortschritte man macht. Ich war überrascht, dass ich bereits 19 der 99 Bücher gelesen habe. Ich dachte, es wären weniger. Jedenfalls finde ich das total super und freue mich riesig darüber. Da sag mal noch einer, man könne Bücherwürmern ja ohnehin nichts schenken außer Büchern. 😉
Zum Start in mein neues Lebensjahr und die neue Woche widme ich mich nun hochmotiviert der (späten) Montagsfrage von Antonia von Lauter&Leise!

Pride Month Edition: Wie geht Representation (nicht)?

Selbst ich als stinklangweilige Hete habe mitbekommen, dass im Juni Pride Month ist. Persönlich betrifft mich das natürlich nur am Rande, aber ich fühle solidarisch mit allen Menschen, die in der Gesellschaft global ausgegrenzt, diskriminiert und verfolgt werden, weil sie nicht der Heteronormativität entsprechen. Das ist Unrecht und deshalb lasse ich mich auch gern auf dem Berliner Christopher Street Day blicken: um zu zeigen, dass soziale Gerechtigkeit keine Sache von Minderheiten ist, sondern uns alle angeht. Ich freue mich daher sehr über die heutige Frage, obwohl ich, um sie zu beantworten, der später erscheinenden Dienstags-Rezension vorgreifen muss. Denn wenn jemand meiner Meinung nach begriffen hat, wie Repräsentation literarisch funktioniert, ist es Alex Marshall.

Alex Marshall heißt eigentlich Jesse Bullington und ist der Autor der epischen Fantasy-Trilogie „The Crimson Empire“, deren erster Band auf Deutsch als „Blut aus Silber“ erschienen ist. Ich habe alle drei Bände gelesen, die ausstehende Rezension für Dienstag bespricht den letzten Band „A War in Crimson Embers“. Daher habe ich auch ausführlich zum Autor recherchiert, wie es eben meine Art ist. Jesse Bullington ist heterosexuell, weiß und männlich. Normalerweise interessiert mich das selten (und wenn, dann leider eher aus negativen Gründen), aber in diesem Kontext ist es bemerkenswert, weil er mit seiner Trilogie das erklärte Ziel verfolgte, die Vielfältigkeit unserer Realität abzubilden, ohne Diskriminierung und Intoleranz zu reproduzieren. Ganz gelang ihm das nicht, weil ein Volk seines Univerums, des Sterns, durchaus unter Rassismus leidet, doch sexualisierte Gewalt, Homophobie, Transphobie und Frauenfeindlichkeit sucht man dort vergebens. Die meisten Führungspositionen sind von Frauen besetzt, die vorherrschende sexuelle Orientierung ist Bisexualität und Transsexualität ist so natürlich integriert, dass mir bei einer Figur erst sehr spät aufging, dass sich Geschlecht und Gender unterscheiden. Ich finde es großartig, dass Marshall bewusst entschied, die gender- und geschlechtbasierten Konflikte der Wirklichkeit auszuklammern und zu beweisen, dass er dennoch eine spannende Geschichte erzählen kann.

Es gab jedoch Stimmen, die das anders sahen. Ich habe Rezensionen von Leser_innen gelesen, die Marshall vorwarfen, sein Universum sei „nicht wirklich“ gleichberechtigt. Diese bemängelten, es reiche nicht, Frauen als Anführerinnen zu inszenieren, während die Männer nicht allzu gut wegkommen und alle Figuren bisexuell und promiskuitiv zu machen. Ich habe mir sehr lange den Kopf über diese Aussagen zerbrochen, mich daran abgearbeitet und analysiert, was das Zeug hält, weil ich herausfinden wollte, was mich daran störte. Ich finde nicht, dass Männer in „The Crimson Empire“ als Witzfiguren herhalten müssen. Okay, sie führen ausnahmsweise mal weder Königreich noch Armee, aber wen juckt das? Als Teufels Advokat möchte ich daran erinnern, dass kein Hahn danach gekräht hätte, wäre das traditionell patriarchalische System der Fantasy mal wieder bestätigt worden. Ich habe außerdem bereits erwähnt, dass ich Bisexualität für die vorherrschende sexuelle Orientierung des Sterns halte. Ich hatte nicht das Gefühl, dass Marshall strategisch platzierten Figuren ein Interesse für beide Geschlechter auf den Leib schusterte. Die sexuelle Offenheit des Sterns ist meiner Ansicht nach eine Konsequenz der beneidenswerten Toleranz dieses Universums. Wo sich niemand verstecken muss, tut es auch keiner. Logisch.

Im Endeffekt kam ich allerdings zu dem Schluss, dass all diese Argumente nur um den Kern des Themas kreisen. Die Frage, ob der Stern gleichberechtigt „genug“ ist, beantwortet sich nicht dadurch, wer wen liebt und welche Rolle erfüllt. Gelungene literarische Diversität und Gleichberechtigung hängen nicht primär davon ab, ob Figuren auftauchen, die schwul, lesbisch, trans, polyamor oder was auch immer sind, sondern von ihrer dynamischen Interaktion mit der Welt, in der sie leben. Beispielsweise ist Homophobie in einem Buch für mich nur dann akzeptabel, wenn diese eindeutig und fundiert kritisiert wird. Der Stern ist meiner Meinung nach nicht nur deshalb gleichberechtigt und divers, weil eine Vielfalt von Lebensentwürfen abgebildet wird, sondern hauptsächlich, weil diese dort niemanden auch nur im Geringsten interessieren. Es ist allen egal, unter einer Frau in den Krieg zu ziehen. Es ist allen egal, dass es Kämpferinnen gibt, die äußerlich männlich sind. Es ist allen egal, dass eine Figur sich gleich doppelt verliebt, in zwei sehr unterschiedliche Personen. Niemand spricht darüber und das ist für mich das herausstechendste Zeichen für Toleranz und Gleichberechtigung: es ist so normal, dass es nicht mal ein paar Worte wert ist.

Deshalb teile ich die Meinung der anderen Rezensent_innen nicht und kann ihnen nur raten, mal einen Schritt zurückzugehen und das große Ganze zu betrachten, statt sich daran aufzuhängen, dass es mehr Heldinnen als Helden gibt. Das ist nicht der Punkt. Der Punkt ist, dass es auf dem Stern verflixt noch mal NIEMANDEN. KÜMMERT. Wenn die Figuren das hinkriegen, sollten wir als Leser_innen auch dazu in der Lage sein, oder nicht? Alex Marshall thematisiert Intoleranz und Diskriminierung, indem er sie eben nicht thematisiert. Das ist bewundernswert, Punkt. Wer etwas anderes behauptet, hat meiner Ansicht nach überhaupt nichts verstanden.

In welchen Büchern ist eurer Meinung nach die Repräsentation von Diversität gelungen oder mächtig in die Hose gegangen?

Ich freue mich wie immer sehr auf eure Beiträge und Kommentare und wünsche euch allen eine hervorragende Woche!
Alles Liebe,
Elli ❤️

 

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