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Heinz Buschkowsky – Neukölln ist überall

Ich lebe seit etwa 12 Jahren in Berlin-Neukölln. Ich ahne, dass einigen jetzt bereits ein kalter Schauer über den Rücken läuft und andere große Augen kriegen und fragen „Neukölln? Ist das nicht dieser Problembezirk? Mit der Rütli-Schule und so?“. Ja, ist es. Es ist ebenfalls der traurige Schauplatz, an dem ein junges Mädchen in einem Koffer verbrannt wurde. Das war gar nicht weit von meiner Wohnung.

Als ich hierherzog, hätte ich mir niemals vorstellen können, zu bleiben. Ich – das Kind aus dem Osten der Stadt, aufgewachsen in Marzahn, wo sich der Anblick von Plattenbausiedlungen quasi in meine Netzhaut brannte – zog damals in den vierten Stock eines Altbaus nahe der belebten Hermannstraße, zu meinem damaligen Freund. Meine Beziehung zu diesem Mann überlebte die Zeit nicht – meine Beziehung zu Neukölln hingegen vertiefte sich mit einer Intensität, die ich niemals für möglich gehalten hätte.

Als unsere Beziehung endete, suchte ich eine eigene Wohnung, die sich schon damals kaum finden ließ. Ich wollte eigentlich zurück in den Osten, weil ich mich dort verwurzelt fühlte und mir die in Frage kommenden Bezirke – speziell Prenzlauer Berg, Pankow und Friedrichshain – einfach so viel hipper und cooler erschienen als Neukölln mit seinem hohen Einwandereranteil und der daraus resultierenden Atmosphäre. Leider (oder glücklicherweise) wollte man mich im Osten nicht. Ich fand keine Wohnung. Ich suchte ein halbes Jahr und schraubte meine Ansprüche zähneknirschend immer weiter herunter. Irgendwann landete ich bei der Hausverwaltung meines Ex-Freundes. Sie hatten eine kleine 2-Zimmer-Wohnung im Angebot, im ersten Stock desselben Hauses, in dem mein Ex damals noch lebte (er zog später aus). Ich besichtigte die Wohnung, bekundete mein Interesse und erhielt den Zuschlag. Tja. Da war ich nun, wieder in Neukölln. Übergangsweise. Dachte ich.

Ich weiß nicht, wann es passiert ist. Vermutlich gab es keinen spezifischen Schlüsselmoment, wahrscheinlich war es ein gradueller Prozess, den ich gar nicht bewusst wahrnahm. Die Jahre vergingen und meine Pläne, den Bezirk wieder zu verlassen, rückten immer mehr in den Hintergrund. Ich begann, mich wohl zu fühlen. Ich lernte das pure Leben, das hier durch die Straßen pulsiert, die zentrale Lage, die unzähligen Spätis und Kneipen, das Tempelhofer Feld und die kulturelle Vielfalt zu schätzen. Ich erfreute mich an den grünen Oasen in meinem Kiez, die meiner Hündin so viele Möglichkeiten für Spiel und Spaß bieten. Ich fand einen Freundeskreis, wuchs Stück für Stück in diese Welt hinein. Und irgendwann wachte ich eines Morgens auf und stellte fest, dass ich nicht mehr gehen wollte. Ich hatte mich in Neukölln verliebt.

Diese Rezension zu Heinz Buschkowskys politischer Analyse „Neukölln ist überall“ ist für mich daher sehr persönlich. Buschkowsky war von 2001 bis 2015 Neuköllner Bezirksbürgermeister der SPD. Sicher ist er einigen von euch bekannt, denn er war stets eine popularisierende Persönlichkeit und eckte mit Zitaten wie „Multikulti ist gescheitert“ sogar in seiner eigenen Partei an. Wo immer er auftrat und sich äußerte, erregte er Aufsehen. Vor der Lektüre seines Buches war ich aufgrund der Medienberichte selbst kein Fan von ihm. Ich empfand seine Kritik an meinem geliebten Bezirk als zu harsch und als beleidigend. Natürlich hat Neukölln einige Probleme, aber die resignierte Frustration, die ich aus Buschkowskys Äußerungen heraushörte, wurde meiner Lebensrealität nicht gerecht. Von „Neukölln ist überall“ hatte ich ebenfalls nur Negatives gehört. Lesen wollte ich es trotzdem, aus dem kindischen Impuls heraus, Neukölln verteidigen zu wollen. Ich wollte Buschkowsky widersprechen, seine Thesen in der Luft zerreißen und das Buch mit dem guten Gefühl schließen, es besser zu wissen als dieser meckernde alte Mann.

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Ein Kommentar

Verfasst von - 4. September 2018 in Non-Fiction, Politik, Rezension

 

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25. 02. 2014 – Meinungsfreiheit, Sensationsgier und Thilo Sarrazin

Zu allererst möchte ich mich bei dem deutschen Recht auf Meinungsfreiheit dafür bedanken, dass ich diesen Beitrag schreiben und veröffentlichen kann.

Gestern wurde Thilo Sarrazins neues Buch „Der neue Tugendterror – Über die Grenzen der Meinungsfreiheit in Deutschland“ veröffentlicht (Verlag: DVA, ISBN: 3421046174). Der ehemalige Finanzsenator Berlins fühlte sich da auch gleich mal genötigt, eine Pressekonferenz dazu abzuhalten. In seinem neuen Werk geht es laut taz (s. Artikel) um Sarrazins Auffassung der Wirkung der Massenmedien, seine Argumentation gegen die Homo-Ehe und die geschlechtergerechte Sprache und – als wäre das alles noch nicht genug – teilt er auch noch verbale Schläge gegen Frauen aus. Inwieweit das nun stimmt kann ich nicht beurteilen, denn ich habe das Buch natürlich (noch) nicht gelesen. Somit kommen wir auch zu dem Punkt, auf den ich eigentlich hinaus möchte: Thilo Sarrazin gehört zu den – nutzen wir den Begriff mal euphemistisch – Autoren, deren Bücher ich zwar lesen, aber niemals kaufen möchte. Seinen Bestseller „Deutschland schafft sich ab“ habe ich bis heute nicht gelesen, obwohl ich gern einmal kritisch beleuchtet hätte, was Herr Sarrazin in seiner beschränkten Sicht auf Welt und Gesellschaft so über Muslime und Hartz-IV-Empfänger zum Besten gibt. Ihm wurde für dieses Werk von so vielen Seiten Rassismus vorgeworfen, dass auch in mir die Sensationslust anspringt und ich einfach gern gesehen hätte, ob Sarrazin wirklich so reaktionär ist, wie ihm unterstellt wurde. Ich hätte aus diesem Buch ganz sicher nichts mitgenommen, außer dem Unverständnis für eine öffentliche, politische Person, die fest davon überzeugt ist, seine kleine persönliche konservative Meinung hätte irgendeinen Mehrwert für unsere Gesellschaft. Dass diese es wert ist, literarisch ausformuliert, gebunden und für knapp 23,00 € respektive 15,00 € (Taschenbuch-Ausgabe) verscherbelt zu werden. Dies gilt natürlich auch für seinen neusten literarischen Erguss „Der neue Tugendterror“. Vermutlich würde mich das Buch im besten Fall aufregen, aber trotzdem bin ich neugierig. Allerdings ist die Neugier kein Grund, dem Mann dafür Geld in den Rachen zu schmeißen und ihn somit anhand des wirtschaftlichen Erfolgs seiner Veröffentlichung zu bestätigen. Denn genau das ist das Problem an Büchern wie diesen (obwohl die taz überzeugt ist, dass „Der neue Tugendterror“ nicht dazu gehört, weil es für kaum jemanden wirklich lesenswert wäre): kaufen wir diesen Schund und geben der Sensationsgier nach, implizieren wir dem – *räusper* – Autor, dass seine Gedanken und Ansichten es wert sind, verlegt zu werden. Die Verkaufszahlen geben ihm ja recht. Ich sage dazu: nein. Macht das nicht. Gebt kein Geld nur dafür aus, eure Neugier zu befriedigen. Kontrolliert eure Sensationslust und zeigt Menschen wie Thilo Sarrazin, dass ihre Worte weniger wert sind als das Papier, auf dem sie gedruckt werden. Dass wir sie nicht brauchen. Dass sie der Gesellschaft oder Kultur keinen Gefallen tun, wenn sie ihre Geistesblitzes von vorgestern in die Welt hinaus trompeten. In der Hoffnung, dass sie dann irgendwann einfach aufhören, Ansichten zu veröffentlichen, die sich tief in der dunkelgrauen Zone befinden. Weil sie merken, dass sich (fast) niemand dafür interessiert. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Artikel aus der taz: Sarrazin auf Bundespressekonferenz: Den Müll trennen – taz.de.

Artikel aus der ZEIT ONLINE: Thilo Sarrazin: Die Grenzen der Meinungsvielfalt | ZEIT ONLINE.

Artikel aus der SZ: Neues Sarrazin-Buch „Der neue Tugendterror“ – Politik – Süddeutsche.de.

Artikel aus der FAZ: Thilo Sarrazins „Tugendterror“: Der Ungleichheitsapostel – Bücher der Woche – FAZ.

P.S.: Ich weigere mich, Thilo Sarrazins Bücher selbst zu verlinken.

++ACHTUNG: Dieser Beitrag wurde übertragen. Erstellungsdatum ist der 25.02.2014!++

 

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