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Schlagwort-Archive: Rezension

Patrick Ness – The Rest of Us Just Live Here

Wie ihr wisst, liebe ich die Serie „Buffy – Im Bann der Dämonen“. Obwohl das letzte große Abenteuer der Vampirjägerin vor mittlerweile fast 20 Jahren ausgestrahlt wurde, begeistert mich ihre Geschichte bis heute und ich zähle die sieben (ursprünglichen) Staffeln zu einem der wichtigsten popkulturellen Einflüsse in meinem Leben. Eines habe ich mich trotz aller Leidenschaft allerdings immer gefragt: Was ist „Buffy“ bitte für ein komischer Name? Ungewöhnliche Namen wie dieser sind typisch für das Young Adult – Genre. Oder kennt ihr Menschen, die Katniss heißen? Der Autor Patrick Ness findet diese Eigenheit ebenfalls amüsant. Er fragte sich, warum wir ständig mit den Geschichten der Buffys, Katnisses, Hazels und so weiter konfrontiert werden, aber selten mit der Geschichte eines Mike. Die Antwort ist einfach: Weil jemand, der Mike heißt, wahrscheinlich nicht Auserwählt ist. Dass dieser nicht-auserwählte Mike dennoch ein Held sein kann, zeigt Ness in seinem Roman „The Rest of Us Just Live Here“.

Mikey und seine Freund_innen werden niemals die Welt retten. Sie gehören nicht zu den Indie-Kids mit ihren hippen Namen und dramatischen Abenteuern. Sie kämpfen nicht gegen Unsterbliche und werden nie die Apokalypse verhindern. Es können eben nicht alle Auserwählt sein. Doch das bedeutet nicht, dass sie ihr Leben im Schatten der Indie-Kids und der bevorstehende Schulabschluss nicht vor Herausforderungen stellen würde. Normal zu sein, ist für Mikeys Clique Abenteuer genug. Manchmal ist ihr Alltag Heldentat genug. Manchmal reicht es, in ihrer eigenen kleinen Ecke des Universums ihr Bestes zu geben. Nicht für die Menschheit – füreinander.

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Christoph Hardebusch – Die Werwölfe

Christoph Hardebusch durchlief eine mehr als typische Entwicklung vom Fantasyleser zum Fantasyautor. Nachdem er studiert und einige Zeit als freier Texter in der Werbebranche gearbeitet hatte, gelang es ihm 2005, eine Agentur von seinem literarischen Talent zu überzeugen. Kurz darauf erschien sein Debüt „Die Trolle“ – obwohl ihm die Troll-Szene in „Der kleine Hobbit“ als Kind zu gruselig war. Es folgte die „Sturmwelten“-Trilogie, erneut ein Werk der High Fantasy. Dass Hardebusch auch andere Interessen und einen Abschluss in Geschichte hat, zeigte sich erstmals 2009. Sein damals veröffentlichter Einzelband „Die Werwölfe“ verknüpft den Werwolfmythos mit einer aufregenden historischen Epoche und faszinierenden historischen Persönlichkeiten.

Conte Ercole Viviani möchte seinen Sohn Niccolo in das Familiengeschäft einführen. Der junge Italiener ist von dieser Aussicht jedoch nicht begeistert. Lieber möchte er seine Tage mit Literatur verbringen und davon träumen, ein gefeierter Schriftsteller zu werden. Lediglich ein kleiner Hoffnungsschimmer bleibt ihm. Bevor er sein Erbe antritt, schickt ihn sein Vater auf eine ausgedehnte Europareise. Die erste Station seiner Grand Tour ist das pittoreske Genf. An den Ufern des malerischen Schweizer Sees wird er 1816 in die Gesellschaft eingeführt. Als er eine Einladung in die berüchtigte Villa Diodati erhält, kann er sein Glück kaum fassen, denn dort residiert der Dichter Lord Byron, den Niccolo zutiefst verehrt. Nächtelang diskutiert er über Poesie und Liebe, über Okkultes und Wissenschaft. Aber Lord Byron umgibt ein Geheimnis, das Niccolos Leben für immer verändert. Gejagt von der katholischen Inquisition muss er herausfinden, was es bedeutet, eine Bestie zu sein, die nur in Legenden existieren sollte: Ein Werwolf.

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Charlie Huston – Half the Blood of Brooklyn

Charlie Huston ist vor allem für zwei Werke bekannt: Seine „Joe Pitt“-Reihe und die „Hank Thompson“-Trilogie. Interessanterweise entstanden beide Serien parallel. Der erste Band von „Hank Thompson“, „Caught Stealing“, erschien 2004; der erste Band von „Joe Pitt“, „Already Dead“ (auf Deutsch „Stadt aus Blut“), 2005. Tatsächlich entwickelte Huston seinen Vampyr Joe Pitt, weil er zuvor Hank Thompson zum Leben erweckte. Er wollte über eine Figur schreiben, die nicht zufällig mit Ärger konfrontiert wird wie Hank, sondern gezielt nach Ärger sucht, einen knallharten Typen. Das ist ihm mit Joe definitiv gelungen – sollten noch Zweifel daran bestanden haben, räumt der dritte Band „Half the Blood of Brooklyn“ diese aus.

Manhattan ist eine kleine Insel. Zu klein, um alle Vampyre zu ernähren, ohne Aufmerksamkeit zu erregen. Die Clans wissen, dass Expansion notwendig ist: Mehr Territorium, mehr Leute, mehr Macht. Es werden bereits Gespräche mit Clans aus Brooklyn geführt. Vor einigen Monaten wäre Joe Pitt das noch egal gewesen. Jetzt ist er allerdings wieder Mitglied der Society. Sein Boss Terry versorgt ihn mit Geld und Blut – ein Privileg, das nicht alle Vampyre genießen. Viele sind auf andere Quellen angewiesen. Als Joe über die Leiche eines jüdischen Süßigkeitenverkäufers stolpert, der in seinem Hinterzimmer mit Blut handelte, ahnt er, dass etwas faul ist. Candy Man Solomon wurde brutal hingerichtet, sein Blutvorrat vergiftet. Er war nicht infiziert, also wieso sollte ihn jemand wie einen Vampyr ermorden? Während Joe über das Motiv grübelt, schickt ihn Terry nach Brooklyn, um dort einen Clanvertreter abzuholen. Es sollte ein schneller, unkomplizierter Auftrag werden. Aber jenseits der Brücke spielt man nach anderen Regeln und die einzig gültige Währung ist Blut …

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Verfasst von - 1. Juni 2021 in Horror, Rezension

 

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Sarah Beth Durst – The Queen of Sorrow

Die Inspiration für die High Fantasy – Trilogie „The Queens of Renthia“ war ein Unfall. Buchstäblich. Vor einigen Jahren nahm die Autorin Sarah Beth Durst an einem Schreib-Retreat teil. Sie war gerade angekommen und auf dem Weg zu ihrer Unterkunft, einer kleinen Hütte im Wald. Verzaubert bestaunte sie die Natur, sah hoch in die Baumwipfel und achtete nicht auf ihre Füße. Sie stolperte, fiel hin und schlug sich die Lippe auf. Als sie später durch ihr Fenster den Wald betrachtete, den Geschmack ihres Blutes noch auf der Zunge, traf sie die Idee für ihr nächstes Buch wie ein Blitzschlag: Blutgierige Naturgeister! Im Finale „The Queen of Sorrow“ beendet Durst die Geschichte, die mit dieser schmerzhaften Erleuchtung begann.

Daleina wusste, dass der Ehrgeiz ihrer alten Freundin Merecot grenzenlos ist. Dennoch traf es sie hart, dass Merecot bereit war, ihre jahrelange Freundschaft für ihre Ziele zu opfern. Allein das beherzte Eingreifen von Naelin rettete Aratay vor Merecots Ambitionen. Jetzt regieren Daleina und Naelin Seite an Seite. Gemeinsam gelang es ihnen, die Kontrolle über die Elementare zurückzugewinnen. Erstmals seit langer Zeit herrscht in Aratay wieder Frieden. Doch als Naelins Kinder von Elementaren aus Semo entführt werden, setzen ihr Zorn und ihre Verzweiflung alles aufs Spiel, was sie erreichten. Sie ist überzeugt, dass Merecot für die Entführung verantwortlich ist. Der Konflikt zwischen den Königinnen droht zu eskalieren. Ein Krieg scheint unausweichlich. Aber Daleina zweifelt. Dieser allzu offensichtliche Schachzug passt nicht zu Merecot. Schon bald erfährt Naelin, wie Recht Daleina hat. Merecot verfolgt Pläne, die größer sind als Semo und Aratay. Können Daleina und Naelin ihr trauen? Ist sie die Hoffnung, auf die ganz Renthia wartet – oder stürzt sie die Welt ins Verderben?

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Verfasst von - 25. Mai 2021 in Fantasy, High Fantasy, Rezension

 

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Sarah Beth Durst – The Reluctant Queen

Als Sarah Beth Durst begann, „The Queens of Renthia“ zu schreiben, verfasste sie zuerst 90 Seiten einer Geschichte, in der eine Königin in Gefahr ist und auf die Hilfe einer mächtigen Waldfrau hofft, die sich allerdings weigert, ihre Kräfte einzusetzen. Solltet ihr euch wundern, dass dieser Plot nicht der Handlung des ersten Bandes „The Queen of Blood“ entspricht, habt ihr Recht. Es ist die Handlung des zweiten Bandes „The Reluctant Queen“. Durst schickte ihre 90 Seiten an ihre Agentin, die das Manuskript an ihren Herausgeber David Pomerico weiterleitete. Er schlug ihr vor, daraus den zweiten Band zu machen. Durst war von seinem Vorschlag begeistert. Deshalb ist „The Reluctant Queen“ die Fortsetzung, obwohl die Trilogie mit der Idee für diesen Band geboren wurde.

Der Preis, den Daleina für die Krone zahlte, war zu hoch. Die schreckliche Tragödie ihrer Krönung wird sie für immer verfolgen und belastet ihre Regentschaft von Aratay. Das Volk nennt sie hinter ihrem Rücken die Blutkönigin. Schwerer als Trauer und Schuld wiegt für Daleina jedoch das Wissen, dass ihr Reich den Elementaren schutzlos ausgeliefert ist, sollte ihr etwas zustoßen. Sie braucht eine Nachfolgerin. Dringender, als öffentlich bekannt ist. Denn Daleina hütet ein furchtbares Geheimnis: Sie stirbt. Schon bald. Verzweifelt entsendet sie ihren Champion und Mentor Ven in die entlegensten Gebiete ihres Reiches, um unentdeckte und übersehene Talente ausfindig zu machen. Dort, in einem kleinen Dorf tief im Wald, begegnet er Naelin. Naelins Kräfte übersteigen alles, was Ven je in einer Kandidatin erlebt hat. Die junge Mutter könnte Aratays Rettung sein. Dem steht nur eines im Wege: Naelin würde lieber sterben, als Königin zu werden.

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Verfasst von - 18. Mai 2021 in Fantasy, High Fantasy, Rezension

 

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Linwood Barclay – Fenster zum Tod

Die deutsche Ausgabe von „Fenster zum Tod“ von Linwood Barclay wirbt damit, dass der Thriller „ein virtuoses Remake“ des Filmklassikers „Fenster zum Hof“ von Alfred Hitchcock ist. Diese Einordnung ist ein wenig übertrieben. Tatsächlich erklärte der in Kanada lebende Autor in einem Interview, dass die Idee für seinen Roman durch den Hund eines Freundes entstand. Die Parallelen zu Hitchcocks Streifen fielen ihm erst auf, als er mit dem Schreiben bereits begonnen hatte. Dieser Hund (er hieß Winston) wurde zufällig von einem Google Street View – Auto fotografiert, während er aus dem Fenster seines Heims schaute. Noch Jahre später war er online zu sehen. Das brachte Barclay zum Nachdenken: Was, wenn das Auto statt eines Hundes etwas wesentlich Böseres festgehalten hätte?

Nach dem plötzlichen Unfalltod seines Vaters ist der 37-jährige Ray Kilbridge für alles verantwortlich. Er muss die Beerdigung organisieren, er muss entscheiden, was mit dem Haus geschehen soll und er muss für seinen zwei Jahre jüngeren Bruder Thomas sorgen. Thomas leidet an Schizophrenie und ist nicht fähig, selbstständig einen Haushalt zu führen, weil er seiner speziellen Obsession nicht entkommen kann: Er ist besessen von Stadtkarten. Tag für Tag sitzt er Stunde um Stunde vor seinem Computer und schreitet virtuell die Straßen großer Städte ab. Bei einem dieser Streifzüge entdeckt er etwas Beunruhigendes. Die Kamera hat einen Mord festgehalten. Thomas ist außer sich, doch Ray ist nicht sicher, ob er ihm glauben kann. Hat sein Bruder tatsächlich ein Verbrechen beobachtet oder spielte ihm seine Krankheit einen Streich? Und wie sollen sie die Polizei überzeugen, zu ermitteln? Sie haben keinerlei Beweise, denn das Bild, das Thomas gesehen haben will, ist verschwunden …

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Verfasst von - 11. Mai 2021 in Krimi, Rezension, Thriller

 

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Sarah Beth Durst – The Queen of Blood

Die Autorin Sarah Beth Durst kenne ich schon sehr lange. Es mag locker um die 15 Jahre her sein, dass ich ihren Jugendroman „Ivy: Steinerne Wächter“ gelesen habe. Diese Geschichte, die in der ehrwürdigen Princeton University spielt, die Durst selbst besuchte, bezauberte mich damals. Trotzdem habe ich mich nie veranlasst gesehen, zu überprüfen, was sie sonst noch geschrieben hat. Sie geriet in meinem Kopf in Vergessenheit. Erst im Juli 2017 rief sie mir der Zufall wieder in Erinnerung: Ich stolperte über ihren High Fantasy – Trilogieauftakt „The Queen of Blood“. Neugierig, ob sie meinem Lieblingsgenre gewachsen ist, beschloss ich, dem ersten Band der Trilogie „The Queens of Renthia“ eine Chance zu geben.

Seit ihrer Kindheit bewegt Daleina nur ein Wunsch: Sie möchte ihrem Volk helfen, es schützen und bewahren. Die Menschen ihrer Heimat Aratay respektieren die Gesetze des Waldes, der bis an die Grenzen des Reiches reicht. Doch überall – in den Baumkronen, am Boden, in der Luft – teilen sie ihr Leben mit boshaften, blutrünstigen Elementargeistern, die die Menschheit aus tiefstem Herzen hassen. Als junges Mädchen wurde Daleina Zeugin eines furchtbaren Massakers, das allein ihre Familie überlebte. Sie schwor, nicht zuzulassen, dass sich ihre Tragödie andernorts wiederholt. Obwohl ihre Fähigkeiten zur Kontrolle der Elementare vergleichsweise schwach sind, erkämpfte sie sich mit harter Arbeit einen Platz unter den Anwärterinnen auf den Thron. Aratays Königin ist das Schild ihres Volkes. Ihr Wille legt den Elementaren Ketten an. Ihre Macht ist absolut. Aber Macht hat ihren Preis. Daleina entdeckt, dass die amtierende Königin ein schreckliches Geheimnis hütet. Sie muss sich entscheiden: Ist sie bereit, Blut zu vergießen, um ihren Schwur einzuhalten?

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Dave Eggers – Zeitoun

Rezensionsbanner des Buches "Zeitoun" von Dave Eggers

Am 28. August 2005 erließ New Orleans‘ Bürgermeister Ray Nagin die erste Evakuierungsanordnung in der Geschichte der Stadt. Alle Einwohner_innen, die konnten, sollten New Orleans verlassen und wer nicht konnte, sollte Zuflucht in einem der öffentlichen Schutzzentren suchen. Zu diesem Zeitpunkt war der Großteil der Bevölkerung bereits geflohen. Geflohen vor einem Sturm, wie ihn die USA bis dahin nur selten erlebt hatten: Katrina.

Katrina war der viertstärkste Hurrikan, der das Festland der USA je traf. Sie verursachte 125 Milliarden Dollar Schaden und ist damit der teuerste Tropensturm seit Beginn der Aufzeichnungen (seit 2017 teilt sie sich diesen Rekord mit Hurrikan Harvey). Die Todeszahlen können lediglich geschätzt werden; man geht von über 1.800 Todesopfern aus. Die meisten Menschenleben forderte sie in New Orleans und den umliegenden Gemeinden. Als sie dort am 29. August 2005 einschlug, erfüllte sie die Kriterien eines Kategorie 3 – Hurrikans.

Sie verwüstete New Orleans in einem nie dagewesenen Ausmaß. 80 Prozent der Stadt wurden überflutet, weil die Dämme aufgrund eines fatalen Konstruktionsfehlers nicht hielten. Die gesamte Infrastruktur wurde schwer beschädigt: Straßen waren unpassierbar, die Elektrizitätsversorgung brach zusammen und Kommunikationskanäle versagten weitgehend. Über 204.000 Häuser wurden zerstört; über 400.000 Menschen waren plötzlich obdachlos und hunderttausende verloren ihren Zugang zu ihren Heimen und/oder Jobs. Insgesamt geht man davon aus, dass etwa eine Million Menschen durch Katrina dauerhaft vertrieben wurden. Die demografischen Auswirkungen für die USA ähneln den Effekten der Migrationswellen während der Great Migration und der Großen Depression.

Die Unterstützung für New Orleans lief schleppend an, nachdem Katrina abgezogen war. Es gab keinen Plan dafür, was geschehen sollte, falls die Dämme brachen. Stattdessen trat der sogenannte Hurricane relief plan in Kraft, der jedoch an der weitreichenden Überflutung scheiterte. Die meisten Hilfskräfte konnten zuerst nicht in die Stadt vordringen und diejenigen, denen es gelang, waren zu wenige, um die über 100.000 Menschen, die vor Ort geblieben waren, angemessen zu versorgen. Ohne den couragierten Einsatz privater Organisationen hätte Katrina wahrscheinlich noch mehr Leben gekostet. Es dauerte fünf Tage, bis Hilfe von Bundesebene eintraf.

Den Hilfskräften bot sich ein Bild des Grauens: New Orleans, vormals ein pulsierendes kulturelles Zentrum und Schauplatz des berühmten Karnevals Mardi Gras, war eine Trümmerstadt, in der Leichen in den Straßen lagen oder im Wasser trieben. Darüber hinaus herrschte eine gewisse Nervosität, weil die Medien behauptet hatten, die zivile Ordnung sei kollabiert und von Plünderungen, Gewalt, Vergewaltigungen und Morden berichteten. Tatsächlich waren viele dieser Berichte hemmungslos übertrieben, schlicht falsch oder lediglich Gerüchte, doch da das Kommunikationsnetzwerk gestört war, war es schwierig, sie zu widerlegen und eine realistische Einschätzung der Lage vorzunehmen. Ordnungshüter_innen und Hilfskräfte betraten die Stadt mit diesen Berichten im Kopf und waren auf das Schlimmste eingestellt.

Deshalb war die Errichtung eines Übergangsgefängnisses eine der höchsten Prioritäten des Wiederaufbaus. Bereits zwei Tage nach Katrina wurden sechzehn nach oben offene und mit Stacheldraht gesicherte Maschendrahtzellen von Häftlingen des Louisiana State Penitentiary Gefängnisses auf dem Gelände des Greyhound Busbahnhofs aufgestellt. Die Überwachung übernahmen Wärter_innen derselben Einrichtung, die als eines der härtesten Hochsicherheitsgefängnisse der USA gilt. Die Käfige boten Platz für jeweils etwa 45 Personen, wodurch im sogenannten Camp Greyhound insgesamt bis zu 700 Menschen festgehalten werden konnten. Die Zellen verfügten über keinerlei Möbel, alle Insass_innen mussten auf dem blanken Zementboden schlafen, während die ganze Nacht alle von einem Generator betriebenen Lichter brannten. Sie bekamen zu essen und hatten Zugang zu mobilen Toiletten, erhielten jedoch keine Rechtsbetreuung und durften nicht einmal den ihnen zustehenden Anruf tätigen. Wer auf nicht schuldig plädierte, wurde in eines der umliegenden Gefängnisse überstellt und musste dort auf die weitere Abfertigung warten.

Es stellte sich heraus, dass viele der Insass_innen, die in Camp Greyhound inhaftiert wurden, unschuldig waren. Die überforderten und überspannten Ordnungskräfte reagierten häufig unverhältnismäßig und verhafteten willkürlich Menschen, die ihnen subjektiv als Bedrohung erschienen. Den meisten der Häftlinge wurden Plünderungen vorgeworfen. Oft handelte es sich dabei allerdings um ganz normale Bürger_innen von New Orleans, die nach Katrina in Geschäften und Privathäusern nach grundlegendsten Versorgungsmitteln wie Wasser, Nahrung und Kleidung suchten und dafür in Camp Greyhound landeten. Ein gewisser James Terry berichtete, dass er für die „Plünderung“ seiner eigenen Wohnung verhaftet wurde. Im Anschluss wurde er sieben Monate eingesperrt, ohne jemals angeklagt, einem_einer Richter_in vorgeführt zu werden oder Zugang zu einem Rechtsbeistand zu erhalten. Er war nicht der einzige. Viele schilderten ähnliche Erlebnisse. Der Anwalt Ashton O‘Dwyer erzählte, dass er während seiner Gefangenschaft mit Pfefferspray und Bean Bag Geschossen (nichttödliche Schrotmunition in kleinen Beuteln) attackiert wurde. Auch er wurde niemals angeklagt. Die US-amerikanische Justiz versagte auf ganzer Linie.

Doch nicht nur das Rechtssystem bekleckerte sich nach Katrina nicht gerade mit Ruhm. Im Zuge des Wiederaufbaus mussten sehr viele Häuser entweder abgerissen und neu errichtet oder komplett saniert werden. In dieser Zeit lebten zahlreiche der Bewohner_innen entweder in den Obergeschossen, während das Erdgeschoss wiederhergestellt wurde, oder in Hotels, Mietobjekten, Zeltstädten oder Trailern. Diese Trailer wurden zum Teil von der der Homeland Security unterstellten FEMA (Federal Emergency Management Agency, zu Deutsch in etwa Bundesagentur für Katastrophenschutz) bereitgestellt, trafen aber erst Monate nach Katrinas Wüten ein und deckten nur zwei Drittel des Bedarfs. Als sie eintrafen, waren viele unbewohnbar oder nicht voll funktional, ohne Wasser- und/oder Elektrizitätsanschluss. Bürokratische Hürden und die politische Suche nach einem schwarzen Peter erschwerten den Einwohner_innen von New Orleans die Rückkehr in ihre Heimat erheblich, sodass ein Jahr nach Katrina nur 53 % der Bevölkerung wieder in der Stadt lebten. 2007 waren es immer noch nur zwei Drittel der Bevölkerung; 2009 waren weiterhin viele Häuser zerstört und ihre Besitzer_innen ruiniert.

Wir wissen, wie es den Menschen in New Orleans während und nach Katrina erging, weil viele bereit waren, ihre Geschichten zu teilen. Ein Projekt, das sich der Dokumentation der Erlebnisse von Katrina-Überlebenden widmete, war „Voices from the Storm“ der gemeinnützigen Menschenrechtsorganisation Voices of Witness. Voices of Witness versteht sich als Sprachrohr aller Betroffenen von Unrecht überall auf der Welt. Mithilfe der Oral History – Methode sammeln sie persönliche Berichte dieser Betroffenen, stellen sie zusammen und veröffentlichen sie in Buchform, um gesellschaftliche Missstände konkret sichtbar zu machen. In dieser Mission reisten sie – bereits wenige Tage nachdem Katrina abgezogen war – nach New Orleans und in alle Gebiete, die ebenfalls getroffen wurden und interviewten Überlebende. Die Ergebnisse dieser Gespräche erschienen 2005 als „Voices from the Storm“. Auf diese Weise wurde Dave Eggers auf Abdulrahman und Kathy Zeitoun aufmerksam.

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Verfasst von - 27. April 2021 in Biografie, Non-Fiction, Rezension

 

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Robert V. S. Redick – The Rats and the Ruling Sea

Angesichts dessen, dass Robert V. S. Redick der Autor des vierbändigen Seefahrtabenteuers „The Chathrand Voyage“ ist, könnte man vermuten, er sei in der Nähe des Meeres aufgewachsen. Tatsächlich wuchs er jedoch mitten Iowa auf, so weit entfernt vom Ozean wie nur möglich. Redick glaubt, seine Faszination mit der See ist genau darauf begründet: Durch die große Entfernung erhielt sie für ihn eine magische, mystische Ausstrahlung. Diese spezielle Beziehung ließ er offenbar in sein High Fantasy – Epos einfließen, das er im zweiten Band „The Rats and the Ruling Sea“ fortsetzt.

Ihr Hochzeitstag sollte für eine junge Frau der glücklichste ihres Lebens sein. Für Tasha Isiq ist dieser Tag ein Opfer. Ihre Ehe mit einem mzithrinischen Prinzen soll den lang erhofften Frieden zwischen ihrer Heimat Arqual und dem ehemals verfeindeten Mzithrin besiegeln. Leider ist die Hochzeit nicht mehr als eine Täuschung, ein perfides Manöver des arqualischen Königs, um den alten Gegner endgültig in die Knie zu zwingen. Als Tasha und ihre Verbündeten den kaltblütigen Plan des Königs an Bord der ehrwürdigen IMS Chathrand aufdeckten, waren sie entsetzt. Sie waren bereit, die Wahrheit zu offenbaren – jedoch nicht um jeden Preis. Tasha geriet in die Gewalt des finsteren Magiers Arunis, der droht, sie zu töten, sollten sie plaudern. Pazel, Neeps und Hercól befinden sich in einer aussichtslosen Lage. Reden sie, wird Arunis Tasha ermorden. Reden sie nicht, werden die Mzithrin Tasha hinrichten, sobald der Verrat des arqualischen Königs ans Licht kommt. Können sie die Hochzeit vereiteln, ohne Tashas Leben zu riskieren und die IMS Chathrand daran hindern, Kurs auf die unkartierten Gewässer der Ruling Sea zu nehmen und in einen Krieg zu segeln, der ganz Alifros erschüttern könnte?

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Verfasst von - 13. April 2021 in Fantasy, High Fantasy, Rezension

 

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Ruth Emmie Lang – Beasts of Extraordinary Circumstance

Liest man häufig Interviews mit Autor_innen, stellt man fest, dass viele ähnliche Strategien nutzen, um Hürden in ihrem Schreibprozess zu überwinden. Die in Schottland geborene Schriftstellerin Ruth Emmie Lang berichtet hingegen von einer Technik, über die ich noch nie gestolpert bin. Hat sie Schwierigkeiten, die Stimme einer Figur zu finden, castet sie diese Figur in ihrer Fantasie. Sie stellt sich vor, welche Schauspieler_innen die Rolle übernehmen könnten und liest ihr Manuskript mit ihren Stimmen, visualisiert ihre Mimik und Gestik. Ihnen ein Gesicht zu geben, hilft ihr, ihren Charakteren Leben einzuhauchen. Je lebendiger diese mit Fortschreiten der Geschichte werden, desto seltener muss sie auf diese Krücke zurückgreifen. Dieses interessante Vorgehen unterstützte Lang dabei, ihren Debütroman „Beasts of Extraordinary Circumstance“ fertigzustellen, den ich als Rezensionsexemplar von Netgalley erhielt.

Als Weylyn und Mary einander das erste Mal begegneten, waren sie noch Kinder. Sie war das Mädchen, das ihm Kuchen brachte; er war der Junge, der im Wald unter Wölfen lebte. Gemeinsam erlebten sie ein Abenteuer, das in einer Tragödie endete. Mary wurde ihrem Vater zurückgebracht; Weylyn wurde den Behörden übergeben. Er traf viele Menschen, wurde Teil vieler Familien. Doch immer wieder ereigneten sich um ihn herum seltsame Naturphänomene, die nicht zu erklären waren. Tiere verhielten sich merkwürdig, Tornados und Flutwellen schienen seinem Willen zu gehorchen. So sehr er geliebt wurde, stets musste Weylyn weiterziehen und die Leben, die er berührte, hinter sich lassen. Erst, als er Mary wiedersieht, wünscht er sich, selbst berührt zu werden. Nur sind seine scheinbaren Kräfte unberechenbar und bisweilen gefährlich. Kann er riskieren, mit Mary zusammen zu sein – oder wird er ein einsamer Reisender bleiben?

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