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[Robert E. Howard & Conan der Barbar] Kapitel 6 – Leseanleitung: Wie man Conan liest – Chronologien

Ordnung in Robert E. Howards Geschichten zu bringen und besonders Conan in einer schlüssigen Chronologie zu organisieren, ist aus verschiedenen Gründen fordernd und kompliziert. Aspekte wie Reihenfolge oder Kohärenz hatten für Robert als Pulp-Autor keine Priorität, weil er wahrscheinlich gar nicht damit rechnete, dass irgendjemand versuchen könnte, seine Conan-Erzählungen zusammenhängend am Stück zu lesen. Pulp Magazine erschienen meist monatlich oder mit größeren Zeitabständen und veröffentlichten ausschließlich abgeschlossene Geschichten. Jede Ausgabe bot den Leser_innen neue literarische Abenteuer, die vielleicht wiederkehrende Figuren enthielten, grundsätzlich aber selten intensive Verbindungen zu früheren Publikationen herstellten. Daher konnte sich Robert vermutlich nicht vorstellen, dass seine Beiträge eines Tages, lange nach dem qualvollen Tod des Pulp Marktes, zusammengetragen und gebündelt veröffentlicht werden würden und gab sich keine Mühe, eine offensichtliche Chronologie einzuarbeiten.

Außerdem muss sein schriftstellerisches Konzept für Conan in Betracht gezogen werden. Er hatte gar nicht vor, Conan eine abgeschlossene, lückenlose Biografie auf den Leib zu schneidern. Für ihn gab es im Werdegang des Cimmeriers lediglich drei feste, nicht verhandelbare Säulen, die er in den ersten drei Geschichten „The Phoenix on the Sword“, „The Frost-Giant’s Daughter“ und „The God in the Bowl“ definierte: Conan sollte gegen Ende seines Lebens König von Aquilonia sein, er sollte bereits sehr früh in seiner Karriere mit dem Übernatürlichen in Kontakt treten und er sollte als Barbar von dem Moment an, da er mit ihr konfrontiert wurde, in permanentem Konflikt mit der angeblichen Zivilisation stehen. Alle Stationen, die Conan zwischen diesen Stützpfeilern absolviert, waren Roberts persönliche schriftstellerische Spielwiese. Durch den Verzicht auf eine konkret umrissene Biografie gestattete er sich selbst maximalen Freiraum und konnte sich nach Lust und Laune Abenteuer einfallen lassen, da er nicht gezwungen war, zeitliche oder geografische Logik herzustellen. Die Schlüsselphrase lautet „Irgendwann in seinem Leben“. Conan konnte als Söldner, Dieb, Pirat, Rebellenführer, Soldat und König quer durch das hyborische Zeitalter ziehen, weil Robert nur andeutungsweise festlegte, wann er wo welche Position einnahm. Er war in der Lage, ihm jede Rolle zuzuschreiben, weil niemand beweisen kann, dass Conan aufgrund temporärer oder räumlicher Beschränkungen keine Gelegenheit hätte, eine oder mehrere davon zu erfüllen. Selbst wenn er ihn als Koch, Henker oder Schmied hätte inszenieren wollen, wäre das prinzipiell möglich gewesen.

Meiner Meinung nach war diese Unverbindlichkeit ein brillanter Schachzug, der die Darstellung von Conan als fleischgewordenem Mythos optimal unterstützt. Lesen wir heute über legendäre Figuren der Historie, akzeptieren wir vorbehaltlos, dass unter Umständen nicht alle Fakten überliefert oder belegt sind und einige ziemlich fantastisch anmuten. Wir können zum Beispiel anhand weniger, unbewiesener Anekdoten nur vermuten, wie Alexander der Große seine Jugend verbrachte. Conan ist mit derselben Einstellung zu behandeln. Roberts Geschichten sollten mündlichen Überlieferungen ähneln, die weder einen Anspruch auf Vollständigkeit noch auf inhaltlichen Wahrheitsgehalt erhoben. Kämpfte Conan tatsächlich gegen einen Affenmenschen? Wer weiß. War er vor seiner Eroberung des Throns von Aquilonia zuletzt als Söldner unterwegs? Vielleicht. Die Unkenntnis der genauen Abläufe unterstreicht seinen mythischen Status und ich bin mir absolut sicher, dass Robert das beabsichtigte. Es ist bezeichnend, dass beispielsweise keine Geschichten existieren, die beschreiben, wie und wann Conan König wurde oder er seine Diebeslaufbahn einschlug.

Es muss Robert amüsiert haben, als Conan-Fans begonnen, den Lebensweg des Barbaren anhand der spärlichen Hinweise in seinen Geschichten nachzuzeichnen. Den Anfang dieser Bemühungen erlebte er nämlich noch mit; der erste Vorschlag für eine Chronologie wurde bereits 1936 von den beiden Science-Fiction-Autoren P. Schuyler Miller und John D. Clark in dem Essay „A Probable Outline of Conan’s Career“ vorgelegt, die ihn Robert vor seinem Tod zur Korrektur schickten. Nachdem sich Conan als Franchise etablierte und über die Jahrzehnte immer mehr Erweiterungen der Saga erschienen (unter anderem natürlich von L. Sprague de Camp), wurde die Chronologie zunehmend kompliziert, weil auch andere Schriftsteller_innen den gewaltigen inhaltlichen Spielraum seiner diffusen Biografie für sich nutzten, um ihre eigenen Adaptionen zu ergänzen. Soweit ich weiß, hielten sich alle an die grundlegenden Eckpunkte seines Lebens und Charakters – beispielsweise hat wohl nie jemand versucht, aus Conan einen Koch zu machen – aber innerhalb dieses Rahmens schrieben sie zahlreiche Abenteuer. Daraus ergab sich die Notwendigkeit, zumindest die wichtigsten und populärsten Neuveröffentlichungen in die Chronologie zu integrieren, was wiederum zu einer Revision der Version von Schuyler Miller und Clark sowie zu gänzlich neuen Vorschlägen führte. Bis heute gibt es allerdings keine Chronologie, die jede einzelne Conan-Geschichte (Original und Franchise) sinnvoll berücksichtigt.

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[Robert E. Howard & Conan der Barbar] Kapitel 5 – Unreif, schlampig und ödipal: Der jahrzehntelange Kampf um Anerkennung für Robert E. Howard (Teil 2)

Hallo und herzlich Willkommen zu einem weiteren Tag in meinem Blogprojekt „Robert E. Howard & Conan der Barbar“. Gestern haben wir gelernt, dass Roberts Vermächtnis bereits in den ersten 20 Jahren nach seinem Tod gravierende Änderungen und Umdeutungen erlebte. Heute werden wir erfahren, dass L. Sprague de Camp noch viel weiter ging, um Conan der Welt so zu präsentieren, wie er ihn interpretierte und keine Gelegenheit ausließ, um Robert öffentlich zu diskreditieren…

L. Sprague de Camp (Jahr unbekannt) © Bookogs

Gnome Press veröffentlichte von 1950 bis 1957 sieben Conan-Sammelbände. Vier davon enthielten Einleitungen und Geschichten, die L. Sprague de Camp geschrieben oder überarbeitet hatte. Der letzte Gnome Press – Band „The Return of Conan“ war die erste Conan-Geschichte, die nicht ursprünglich von Robert stammte oder auf einer seiner Ideen basierte. Stattdessen hatte sie ein schwedischer Howard-Fan namens Björn Nyberg verfasst. Natürlich musste de Camp auch in diesem Fall intervenieren; Nybergs Erzählung fiel ebenso seinem Rotstift zum Opfer wie Roberts Nachlass. Schon damals zeigte sich, wie ambitioniert de Camp war, was die Zusammenarbeit zwischen ihm, Oscar Friend und Michael Greenberg von Gnome Press belastete. Im März 1954 schrieb Friend einen Brief an Kuykendall, in dem er berichtete, dass ein „cleverer Schriftsteller“, der mehrere Howard-Geschichten für das Projekt überarbeitet hatte, eine höhere finanzielle Beteiligung verlangte und damit drohte, selbstständig über Conan zu schreiben, weil der Autor ja sowieso tot sei. Dabei kann es sich nur um de Camp gehandelt haben. Friend warnte ihn, dass er ihn verklagen würde, sollte er auch nur einen Schritt in diese Richtung unternehmen, solange Conan dem Urheberrecht unterlag. Kurz bevor „The Return of Conan“ veröffentlicht wurde, geriet de Camp auch mit Michael Greenberg aneinander. Es ging um Zahlungen, die Gnome Press de Camp schuldete. Außerdem wollte de Camp seine überarbeiteten Conan-Geschichten Taschenbuchverlagen anbieten, was Greenberg als Rechteinhaber strikt ablehnte. Immer deutlicher kristallisierte sich heraus, dass de Camp große Pläne mit Conan hatte und bereit war, notfalls um die Kontrolle über Roberts Barbaren zu kämpfen.

1959 war für die weitere Entwicklung des Mythos Conan aus mehreren Gründen ein entscheidendes Jahr. Man mag die Gnome Press – Ausgaben für die Vorgehensweise der beteiligten Akteure kritisieren, es steht jedoch völlig außer Zweifel, dass sie das öffentliche Interesse an Robert und seinem Cimmerier förderten. Die Fans begannen, sich mit den damals verfügbaren Mitteln zu vernetzen, um sich über ihre Leidenschaft austauschen zu können. Deshalb wurde 1959 eines der ersten Howard-Conan-Fanzines gegründet: Amra. Bereits zu den frühen Exemplaren trugen Autor_innen bei, die heute sehr bekannt sind, darunter Michael Moorcock und Marion Zimmer Bradley. Amra war das Medium, in dem der Fantasy-Schriftsteller Fritz Leiber 1961 erstmals den Begriff der Sword and Sorcery aufbrachte und als literarisches Subgenre definierte. L. Sprague de Camp nahm ebenfalls an den Diskussionen innerhalb des Magazins teil und verbreitete dort mit Vorliebe seine Ansichten über Roberts Leben und dessen Suizid. Dass es sich dabei um einen zweifelhaften Segen handelte, wurde erst Jahre später offenkundig.

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