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Schlagwort-Archive: Realistische Fiktion

Angie Thomas – The Hate U Give

Angie Thomas wurde 1988 in Jackson, Mississippi geboren. Sie wuchs in der überwiegend Schwarzen Nachbarschaft Georgetown auf, in der Kriminalität und Gewalt an der Tagesordnung waren. Die Realität ihres Viertels und die rassistischen Strukturen, die dafür verantwortlich sind, prägten ihr Leben früh. Im Alter von sechs Jahren erlebte sie eine Schießerei. Nach ihrem High-School-Abschluss entschied sie, in Jackson zu bleiben und die Belhaven University zu besuchen, eine Kunsthochschule, an der sie an einem Programm für kreatives Schreiben teilnahm. Während sie dort studierte, wurde 2009 der unbewaffnete 22-jährige Oscar Grant in Kalifornien von einem weißen Polizisten erschossen. Thomas war außer sich vor Kummer. Sie kannte junge Schwarze Männer wie Oscar Grant, hatte Freunde, die genau wie er waren. Er war einer von ihnen.

Ihre Emotionen trafen bei ihren hauptsächlich weißen Kommiliton_innen nicht nur auf Verständnis. Einige von ihnen relativierten den Mord, behaupteten, als Ex-Sträfling hätte Grant vielleicht verdient, was ihm geschehen war und konnten nicht nachvollziehen, dass die afroamerikanische Bevölkerung auf die Straße ging und Unruhen im Namen von jemandem anzettelte, der wahrscheinlich ohnehin früher oder später im Zuge seiner kriminellen Machenschaften gestorben wäre. Thomas fühlte sich verraten, betrogen von Menschen, die sie bisher als Freunde betrachtet hatte. Sie wusste nicht, wie sie auf diese Aussagen reagieren sollte. Heute sagt sie, sie hatte zwei Optionen: sie konnte entweder ihren Campus niederbrennen oder ihre Gefühle in ihrer Kunst verarbeiten. Ein Professor ermutigte sie, die zweite Variante zu wählen und ihre Perspektive einer Schwarzen jungen Frau auf die Erschießung von Oscar Grant als Motivation zu nutzen. Ihre Erfahrungen seien einzigartig und sie könnte denjenigen eine Stimme geben, die zum Schweigen gebracht wurden, deren Geschichten niemand sonst erzählte. Sie schrieb drei Kurzgeschichten, die alle in einem fiktiven Viertel spielten, das Georgetown sehr ähnlich war.

Thomas schloss ihr Studium 2011 erfolgreich ab. In den folgenden Jahren schrieb sie ein Kinderbuch, das sie jedoch nicht bei einem Verlag unterbringen konnte. Sie berichtet, dass sie über 150 Ablehnungsschreiben sammelte. Ihren Lebensunterhalt verdiente sie als Sekretärin eines Bischofs oder einer Bischöfin in einer Megachurch (eine evangelikal-protestantische kirchliche Gemeinde mit über 2000 Besucher_innen). Parallel ereigneten sich weitere Fälle von Polizeigewalt gegen Schwarze. 2012 wurde der 17-jährige Trayvon Martin erschossen, 2014 der 12-jährige Tamir Rice und der 18-jährige Michael Brown. In keinem der Fälle kam es zu einer Verurteilung. Die junge, unveröffentlichte Autorin trafen diese Gewaltakte mitten ins Herz. Naiv hatte sie geglaubt, nach dem Todesfall Oscar Grant und den anschließenden Ausschreitungen würde so etwas nie wieder vorkommen. Sie hatte sich geirrt. Weiterhin wurden Schwarze von Ordnungsinstanzen aufgrund ihrer Hautfarbe getötet, gedemütigt und misshandelt, während Politiker_innen die Taten der Polizist_innen mit ähnlichen Argumenten zu rechtfertigen versuchten, mit denen sie einst in Belhaven konfrontiert war. Sie begann, zwischen 2014 und 2015 nach Feierabend (und manchmal auch während der Arbeit) an einem Roman zu arbeiten, der von der 2013 gegründeten Black Lives Matter – Bewegung inspiriert war und orientierte sich dabei an den Kurzgeschichten, die sie im College verfasst hatte.

Dennoch hatte sie Angst, ihr neues Buch bei Verlagen oder Literaturagenturen anzubieten. Sie sorgte sich, dass es vielleicht zu Schwarz, zu divers sein könnte und keinen Anklang finden würde. Dann veranstaltete die Literaturagentur Bent eine Frage-Antwort-Runde auf Twitter. Angie Thomas hatte die Hosen voll, überwand sich jedoch, sich zu beteiligen. Sie fragte, ob ein Jugendbuch, dass die Black Lives Matter – Bewegung thematisiert, überhaupt eine Chance hätte, veröffentlicht zu werden. Brooks Sherman antwortete, dass es seiner Meinung nach keine unpassenden Themen für die Jugendliteratur gibt und es nur darauf ankäme, wie man sie anginge. Tatsächlich wollte er ihr Manuskript gern lesen. Sie schicke es ihm ein, zwei Monate später. Der Rest ist, wie man so schön sagt, Geschichte. Sherman wurde Thomas‘ Agent und als er das Buch, das mittlerweile den Titel „The Hate U Give“ (nach dem Bauch-Tattoo des verstorbenen Rappers Tupac) trug, auf dem Markt anbot, prügelten sich sage und schreibe 13 Verlage um die Rechte. Angie Thomas hatte einen Nerv getroffen. „The Hate U Give“ wurde ein Bestseller, preisgekrönt und medienwirksam verfilmt.

Tu, was sie sagen. Halte deine Hände sichtbar. Mach keine plötzlichen Bewegungen. Sprich nur, wenn du angesprochen wirst. Merk dir ihre Gesichter, besser noch ihre Dienstnummern. Starr kennt diese Regeln auswendig, seit sie 12 ist. Sie weiß genau, wie sie sich verhalten soll, wenn sie von der Polizei angehalten wird. Die Regeln sind notwendig. Die Regeln retten Leben. Khalils Leben konnten sie nicht retten. Er wurde in einer Fahrzeugkontrolle direkt vor Starrs Augen erschossen, von einem weißen Polizisten. Er war unbewaffnet. Starr ist die einzige Zeugin. Sie glaubte immer, würde ihr so etwas passieren, könnte sie niemand daran hindern, die Wahrheit laut herauszuschreien. Doch nun, da es passiert ist, lässt die Angst sie verstummen. Denn was sie sagt, könnte alles verändern – oder ihr Todesurteil sein.

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Verfasst von - 25. November 2020 in Realistische Fiktion, Rezension, Young Adult

 

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[Robert E. Howard & Conan der Barbar] Kapitel 3 – Mythenschmiede nach Texas-Art (Teil 2)

Hallo und herzlich Willkommen zu einem weiteren Tag in meinem Blogprojekt „Robert E. Howard & Conan der Barbar“. Heute gehen wir in die Vollen; wir beschäftigen uns mit Roberts ersten Geschichten und den ersten bedeutenden Figuren, die er entwickelte.

Bevor Robert E. Howard davon träumen konnte, die Literatur zu revolutionieren, musste er sich erst einmal einen Namen machen. Diesen langen, steinigen Weg begann er mit zwei Genres, die ihn sein Leben lang begleiteten: historische Fiktion und lustige Western im Stil der Tall Tales.

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Corey Ann Haydu – Life by Committee

Die Schriftstellerei ist bereits Corey Ann Haydus zweiter Karriereweg. Davor arbeitete sie als Schauspielerin, die ihre Ausbildung an einer Musikhochschule abschloss. Mit 26 merkte sie jedoch, dass sie sich auf dem falschen Pfad befand und wagte einen Neuanfang mit ihrer anderen Leidenschaft, dem Schreiben. Sie ergatterte ein Praktikum in einer auf Kinder- und Jugendromane spezialisierten Literaturagentur und verliebte sich in diese Gattung. Nach dem Praktikum nahm sie weitere Jobs in der Branche an und entschied, ihren Master of Fine Arts in einem Programm für das Schreiben von Kinderliteratur zu absolvieren. In dieser Zeit erschien auch ihr erstes Buch „OCD Love Story“. „Life by Committee“ ist ihr zweiter Roman.

Manchmal wünscht sich Tabitha, ein anderer Mensch zu sein. Sie wäre gern furchtlos, bereit, Risiken einzugehen und über die Stränge zu schlagen. Vielleicht könnte sie Joe dann endlich überzeugen, seine Freundin zu verlassen. Leider ist sie kein anderer Mensch. Ihre nächtlichen Chats, so voller Intimität und Sehnsucht, müssen ein Geheimnis bleiben, das sie nicht einmal ihrer besten Freundin mitteilen kann. Sie hat keine Freundinnen mehr. Nicht, seit sie anfing, sich für Jungs und ihr Aussehen zu interessieren, was offenbar ein Schwerverbrechen ist. Gerade als Tabby glaubt, keinen Tag länger schweigen zu können, stolpert sie über die Website Life by Committee. Die Regeln der LBC-Community sind einfach. Verrate ein Geheimnis. Erhalte deine Aufgabe. Erfülle deine Aufgabe, um dein Geheimnis zu schützen. Tabby ist fasziniert. Sie lässt sich auf LBC ein und genießt es, mehr zu wagen als jemals zuvor. Doch schon bald wird aus harmlosen Aufgaben bitterer Ernst und Tabby muss einsehen, dass das Beste für sie nicht immer das Richtige ist.

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John Green – The Fault in Our Stars

Kann ich irgendetwas über „The Fault in Our Stars“ von John Green schreiben, das noch nicht geschrieben wurde? Ich glaube nicht. Ich glaube auch nicht, dass ich euch erklären muss, um welches Buch es sich handelt. Spätestens beim deutschen Titel „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ (übrigens eine furchtbare Variante, schließlich ist der Originaltitel ein Shakespeare-Zitat) sollten in euren Köpfen alle Glocken laut klingeln. Also dachte ich mir, lassen wir die Einleitung doch einfach wegfallen. Ersparen wir mir ausnahmsweise die Recherche von Trivia, die sowieso jede_r nachlesen kann und kommen direkt zum Eingemachten. Denn das hat es dieses Mal so richtig in sich, das verspreche ich euch.

Hazel tanzt Tango mit dem Tod. Das war schon immer so. Seit in ihrer Kindheit der Krebs diagnostiziert wurde, der sie langsam von innen auffrisst, besteht ihre Hauptaufgabe im Überleben. Ein Wunder verschaffte ihr bereits mehr Lebenszeit, als ihre ursprüngliche Prognose versprach, doch Schule, Freunde und alles, was für andere 16-Jährige wichtig ist, hat für Hazel kaum Priorität. Erst, als sie in ihrer Selbsthilfegruppe den umwerfenden Augustus Waters kennenlernt, ändern sich ihre Prioritäten schlagartig und sie begreift, dass sie todkrank sein mag – aber noch längst nicht tot.

Okay. Dies wird vermutlich die persönlichste Rezension, die ich seit langer Zeit geschrieben habe. Formal handelt es sich um eine Besprechung von „The Fault in Our Stars“ von John Green. In Wahrheit ist es jedoch eher ein emotionales Resümee meiner Leseerfahrung. In Wahrheit ist es eine Geschichte meiner Trauer.

Einige von euch erinnern sich wahrscheinlich, dass meine Hündin Chilli am 24. September 2019 gestorben ist. Dieses Erlebnis war das Schlimmste, das mir bisher in meinem Leben widerfahren ist. Sie gehen zu lassen, war das Schwerste, das ich je tun musste. Chilli war der Mittelpunkt meines Universums. Sie war mein Sonnenschein, mein Ein und Alles, mein Grund, jeden Morgen aufzustehen. Als sie starb, hinterließ sie einen Krater in meinem Herzen, der so gewaltig ist, dass die Ränder erst jetzt, ein halbes Jahr später, beginnen, zu verschorfen und langsam zu heilen. Ich vermisse sie schrecklich. Es vergeht kein Tag und beinahe keine Nacht, ohne dass ich an sie denke oder von ihr träume.

Ich wusste ungefähr, was mich erwartet, als ich „The Fault in Our Stars“ aus dem Regal zog. Ich wusste, dass es ein Bestseller ist, gehypt wie kaum ein anderes Buch und dass es um eine krebskranke Jugendliche geht, die sich unsterblich verliebt. Meine Entscheidung, den Roman genau jetzt zu lesen, war eher impulsiv und nicht wohldurchdacht. Primär dachte ich, dass es ein guter Zeitpunkt sei, weil ich für die Motto-Challenge im März Verkaufsschlager lesen sollte, also Bücher, um die ein Hype besteht, die sich als Bestseller qualifizieren oder die von Autor_innen verfasst wurden, die als populär gelten. Man nenne mir ein Buch, das besser zu diesen Anforderungen passt als „The Fault in Our Stars“. Außerdem plante ich, mit der Lektüre meine Lesestatistik aufzupolieren, denn für meine Verhältnisse ist es mit etwas mehr als 300 Seiten recht schmal und Jugendliteratur liest sich in der Mehrheit der Fälle ja fix und flüssig. Ich war überrascht, wie sehr sich mein Bauch trotz dieser rationalen Gründe auf das Buch freute – ich hatte es eigentlich nur gekauft, weil es auf meiner Liste der modernen Klassiker stand, nicht, weil ich mich tatsächlich danach sehnte, die gehypte Geschichte kennenzulernen.

Es gab eine Zeit in meiner Lesekarriere, in der ich häufig zu sogenannter Erfahrungsliteratur griff. Berichte psychisch kranker Menschen, Krebstagebücher, die Erlebnisse von Menschen, die in die Fänge diverser Sekten gerieten, die Schilderungen misshandelter Kinder und Frauen – ich las sie alle. Ich denke, ich lechzte damals nach einer Öffnung meines Horizonts, ohne dass ich das in diesen Jahren hätte ausformulieren können. Irgendwann fühlte ich mich gesättigt und distanzierte mich wieder von diesen Büchern. Auf gewisse Weise waren sie ja doch alle gleich und die ständigen Angriffe auf mein Herz begannen, ihren Effekt zu verlieren. Ich stumpfte ab und hatte keine Lust mehr auf deprimierende, reale Geschichten. Seitdem mache ich um diese Form der Literatur meist einen großen Bogen. Ich verbannte die Krebstagebücher, die Berichte extremer Lebensumstände und Schicksalsschläge in eine entfernte Ecke meines Bücherhirns, die ich nur selten mental besuche. Obwohl es rein fiktiv ist, befand sich auch „The Fault in Our Stars“ in dieser eingestaubten Ecke, als ich es auswählte.

Ich bin kein besonders sentimentaler Mensch. Ich breche nicht bei jeder Kleinigkeit in Tränen aus. Ich bin nicht kaltherzig, aber es bedarf schon besonderer literarischer Momente, um meine emotional schützende Mauer zu überwinden. Beschreibungen von Krankheiten reichen dafür normalerweise nicht aus, weil ich seit meiner Geburt in meiner Familie mit den Auswirkungen gesundheitlicher Hürden konfrontiert bin. Ich wurde dazu erzogen, Krankheiten als das zu akzeptieren, was sie sind, zu tun, was nötig und möglich ist und nicht zu verzweifeln, egal, wie düster die Aussichten sind. Hysterie ist nicht hilfreich, nicht produktiv. Schwer krank zu sein ist – entschuldigt die Umgangssprache – scheiße, aber ich lernte, dass es gar nichts bringt, sich im Selbstmitleid zu suhlen und sich davon lähmen zu lassen. Das heißt allerdings nicht, dass ich alle Gefühle, die damit einhergehen, wie Zorn, Trauer und Hoffnungslosigkeit, nicht als legitim anerkenne.

Als Chilli krank wurde und ich zwei Monate lang zusehen musste, wie es ihr von Tag zu Tag schlechter ging, ohne ihr helfen zu können, habe ich all diese Empfindungen selbst erlebt. Ich habe geweint, ich bin innerlich mit jeder weiteren schlechten Nachricht aufs Neue zerbrochen. Aber ich bin immer wieder aufgestanden. Ich habe zusammengekehrt, was von mir übrig war, habe mir ein Lächeln ins Gesicht geklatscht und habe weiter gemacht. Ich schreibe das nicht, um Lob oder Bewunderung zu ernten, ich will lediglich erklären, wie ich mit Krankheiten umgehe. Sie verdiente es, dass ich an sie glaube. Ich durfte sie nicht sehen lassen, wie sehr mich ihre Erkrankung und ihre desaströse Prognose aus dem Gleichgewicht brachten. Sie brauchte mich an ihrer Seite bei diesem Kampf, sie brauchte ihre Mama, die mutig und stark für sie ist, sie beschützt und sie daran erinnert, dass es sich lohnt, zu kämpfen, egal wie weh es tut oder wie anstrengend es ist. Sie brauchte einen Champion und genau das war ich für sie, weil meine Verzweiflung uns beide nur handlungsunfähig gemacht hätte, hätte ich sie die Oberhand gewinnen lassen.

Deshalb fühlte ich mich für „The Fault in Our Stars“ hervorragend gewappnet. Mehr noch, ich glaubte vor der Lektüre nicht daran, dass mich dieses Buch, das ich aus der vernachlässigten „Erfahrungen“-Ecke meines Bücherhirns hervorkramte, berühren könnte. Ich vertraute auf meine Mauer. Ich befürchtete sogar, dass ich es unerträglich kitschig finden würde. Ich war nicht auf die entwaffnende Ehrlichkeit von „The Fault in Our Stars“ vorbereitet; ich war nicht darauf vorbereitet, wie tief es mich bewegen würde. Vielleicht hätte es das auch nicht geschafft. Vielleicht wäre meine Mauer funktional und intakt geblieben. Vielleicht. Wäre Chilli nicht im September gestorben.

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Jahresrückblick 2019: Zahlen, Diagramme und ein bisschen Sentimentalität

Hallo ihr Lieben! 🙂

Ich kann es kaum glauben. Mein Jahresrückblick 2019 ist tatsächlich innerhalb der ersten zwei Wochen des Jahres 2020 fertig geworden! Ich finde, das verdient einen Tusch! Es hat sich ausgezahlt, dass ich dieses Mal sehr diszipliniert war und bereits zum Jahresende angefangen habe, mein Resümee zusammenzustellen. Übrigens, laut Duden ist ein Resümee eine „knappe Inhaltsangabe“ oder „kurze Zusammenfassung“. Nun, das ist hier nicht der Fall. Mit „kurz und knapp“ kann ich nicht dienen – wie auch, schließlich soll dieser Rückblick 12 volle Lesemonate statistisch und emotional Revue passieren lassen.

Wie immer habe ich eine zweigeteilte Struktur gewählt, um euch die verschiedenen Facetten meines vergangenen Lesejahrs zu präsentieren. Im ersten Part werden wir 2019 statistisch aufarbeiten und anhand der Fakten ein objektives Fazit ziehen. Dafür habe ich bei Piktochart Infografiken erstellt, die euch mithilfe von Zahlen und Diagrammen einen transparenten Überblick verschaffen. Ich werde jede Kategorie einzeln kommentieren und interpretieren, damit ihr das nötige Kontextwissen erhaltet, um zu verstehen, wie die Statistiken einzuordnen sind. Ich möchte mich im Voraus dafür entschuldigen, dass die Legenden der Diagramme nicht mehr so gut zu lesen sind; das liegt einfach daran, dass Piktochart die Aufmachung veränderte und ich die Schriftgröße leider nicht beeinflussen kann. Ich bemühe mich, Zahlen und Prozentangaben in meinen Diskussionsabschnitten zu erwähnen, damit ihr diese trotzdem kennenlernt. Außerdem werde ich natürlich den Bezug zu den vergangenen Jahren herstellen, denn die entscheidende Frage, die es zu beantwortet gilt, lautet: Wie entwickelt sich mein Leseverhalten?

Im anschließenden zweiten Part machen wir es uns bequem, lehnen uns zurück und lassen 2019 emotional Revue passieren, Popcorn, Chips und Erfrischungen inklusive. Dafür werde ich 30 Fragen beantworten, die ursprünglich von Martina Bookaholics stammen. Seit einigen Jahren bietet sie das Formular nicht mehr auf ihrer Website an, deshalb habe ich auf die alte, bewährte Version von 2016 zurückgegriffen und meinen Header, den ich letztes Jahr erstellt habe, aktualisiert. Ich lade euch in die Kommandozentrale meines Bücherhirns ein; in dem kleinen Büro in einem Nebenraum meines Lektürearchivs wird es für uns alle vermutlich reichlich eng, aber ich habe Kissen und Decken ausgelegt, damit ihr es euch gemütlich machen könnt!

Habt ihr Lust auf einen ausführlichen Ausflug in die jüngste Vergangenheit? Dann klemmt euch die Sepiabrille auf die Nase, lasst euch von einem sentimentalen Harfenthema in die richtige Stimmung bringen und schon starten wir mit meinem Jahresrückblick 2019!

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Verfasst von - 14. Januar 2020 in Neuigkeiten & schnelle Gedanken

 

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Wolfgang Herrndorf – Tschick

Rezensionsheader Tschick

Wolfgang Herrndorf beging am 26. August 2013 Selbstmord. Drei Jahre zuvor war bei ihm ein bösartiger Hirntumor (Glioblastom) festgestellt worden. Während dieser drei Jahre führte er ein Blog-Tagebuch namens „Arbeit und Struktur“, in dem er schonungslos offen seine Gedanken zum Alltag mit einer tödlichen Erkrankung festhielt. Ich habe es gelesen. Es war … intensiv. Schmerzhaft. Aber auch witzig und manchmal herrlich belanglos, mit hohem Suchtfaktor. Absolut lesenswert. Herrndorf war ein beeindruckender Mann. Zwischen fatalistisch-makabren Überlegungen, Bestrahlung und Chemotherapie gelang es ihm tatsächlich, zwei Bücher zu verfassen, darunter der hochgelobte Jugendroman „Tschick“. Dieser entstand, weil Herrndorf die grundlegenden Prinzipien der Bücher seiner Jugend modernisieren wollte: Schnell verschwundene erwachsene Bezugspersonen, eine große Reise und ein großes Gewässer. Nun, das große Gewässer ergab mitten in Ostdeutschland wenig Sinn, aber der Rest ist in „Tschick“ durchaus zu finden.

Die Sommerferien sind in vollem Gange und der 14-jährige Maik Klingenberg hat nichts, aber auch gar nichts vor. Seine Mutter ist mal wieder in der Entzugsklinik, sein Vater mit seiner Assistentin auf Geschäftsreise. Maik sitzt vollkommen allein im Haus seiner Familie und bläst Trübsal. Er richtet sich gerade richtig schön im Selbstmitleid ein, als eines Tages ein blauer, verbeulter Lada vor seiner Tür hält und sein Mitschüler Tschick aussteigt. Tschick heißt eigentlich Andrej Tschichatschow und wohnt in einem Assi-Plattenbau in Hellersdorf. Keine Ahnung, wie der es aufs Gymnasium geschafft hat. Vielleicht Erpressung. Schließlich ist er Russe. Der Wagen ist natürlich geklaut. Und obwohl Maik eigentlich ein anständiger Junge ist, willigt er ein, mit Tschick einfach draufloszufahren. Quer über Deutschlands Landstraßen, durch verlassene oder vergessene Ortschaften, ein Abenteuer, das ihnen haufenweise Ärger einbrockt, ihnen aber auch den Sommer ihres Lebens beschert.

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Courtney Summers – All the Rage

Rezensionsheader All the Rage

Die kanadische Young Adult – Autorin Courtney Summers ist dafür bekannt, über schwierige Protagonistinnen zu schreiben, die schwierige Erlebnisse verarbeiten. Ihre Hauptfiguren werden eingangs oft als unsympathisch eingeschätzt. Das ist kein Zufall. Summers bemüht sich, realistische weibliche Charaktere zu konstruieren, die die gesellschaftliche Auffassung in Frage stellen, Mädchen müssten stets nett und liebenswürdig sein, um Empathie und Aufmerksamkeit zu verdienen. Sie zeigt bewusst komplexe Persönlichkeiten, keine Stereotypen und das schließt eben auch unangenehme Facetten ein. Mit „All the Rage“ übt Summers Kritik an der Rape Culture, die junge Frauen viel zu oft allein lässt.

Rote Lippen, rote Nägel. Ein Markenzeichen. Eine Rüstung, hinter der sich Romy Grey versteckt, weil ihr niemand glauben wollte. Seit sie öffentlich bezeugte, was ihr der Sohn der Sheriffs Kellan Turner antat, ist sie in der Kleinstadt Grebe als Lügnerin und Flittchen verschrien. Alle hassen sie, ihre Freunde wandten sich ab. Verletzt, zornig und der ständigen Beleidigungen müde ist ihr einziger Lichtblick ihr Job in einem kleinen Diner außerhalb des Orts. Hier kennt sie niemand, hier kann sie atmen. Doch eines Abends sitzt Penny an einem ihrer Tische – ihre ehemals beste Freundin, die sie zu dem Date überredete, das ihr Leben ruinierte. Die sie fallen ließ. Romy traut ihren Ohren kaum, als Penny ihr vorschlägt, Kellan anzuzeigen. Angeblich belästigte er auch andere Mädchen. Romy ist unfähig, zu reagieren. Einen Tag später wird Penny vermisst. Romy ahnt, dass ihr etwas Furchtbares zugestoßen ist. Sie muss sich entscheiden: wird sie schweigen oder wird sie kämpfen für all die jungen Frauen, die die Gesellschaft im Stich lässt?

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Joyce Carol Oates – Black Girl / White Girl

Joyce Carol Oates’ Karriere als Schriftstellerin verlief ungewöhnlich gradlinig. Sie wurde 1938 geboren, las bereits als Jugendliche große Literaten wie Dostojewski, Faulkner und Hemingway und begann im Alter von 14 Jahren selbst zu schreiben. Sie studierte Englisch und Philosophie und veröffentlichte 1963, zwei Jahre nach ihrem Abschluss, ihren ersten Kurzgeschichtenband „By the North Gate“. Seitdem folgten über 40 Romane, mehrere Theaterstücke, Kurzgeschichtensammlungen, Novellen, Lyrik, Essays und biografische Schriften. Sie gilt als eine der bedeutendsten Autor_innen der US-amerikanischen Gegenwartsliteratur, wurde mehrfach für den Pulitzer-Preis nominiert und wird immer wieder als Anwärterin auf den Literatur-Nobelpreis gehandelt. Ich drücke ihr jedes Jahr die Daumen und lese mich frei nach Laune durch ihr umfangreiches Werk. „Black Girl / White Girl“ stand auf meiner Oates-Leseliste ganz oben.

Am 11. April 1975, am Abend ihres 19. Geburtstags, starb Minette Swift bei einem schrecklichen Unglück auf dem Campusgelände des Schuyler College. Sie war eine der wenigen afroamerikanischen Studentinnen, die angenommen wurden. Die Umstände ihres Todes blieben rätselhaft. 15 Jahre später versucht Minettes ehemalige Mitbewohnerin Genna Hewitt-Meade die Ereignisse vor dem Tod der jungen Frau zu rekonstruieren. Schon bald verstrickt sie sich in den schmerzhaften Erinnerungen an ihre eigene verwirrende Jugend, die vom komplizierten Verhältnis zu ihren Eltern geprägt war. Als Tochter eines Bürgerrechtsanwalts verstand sie es als ihre Pflicht, Freundschaft mit Minette zu schließen und sie notfalls vor negativen Einflüssen zu beschützen. Doch Minette stieß sie von sich. Erst als Erwachsene begreift Genna, dass Minettes Weigerung, sich auf sie einzulassen, möglicherweise ihr Leben rettete – während es Minette das Leben kostete.

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Cecelia Ahern – The Gift

2018 habe ich mir vorgenommen, in der Weihnachtszeit endlich mal Weihnachtsbücher zu lesen. Da es mir immer schwerer fällt, Weihnachtsstimmung aufkommen zu lassen, hoffte ich, dass mir weihnachtliche Geschichten dabei helfen könnten. „The Gift“, ein Buch der Bestsellerautorin Cecelia Ahern, war eine naheliegende Wahl, denn es spielt nicht nur in der Weihnachtszeit, sondern befindet sich auch auf der Liste der modernen Klassiker der Bücherkultur-Challenge. Wie praktisch. Cecelia Ahern gehört sonst nicht zu meinen bevorzugten Autor_innen, weil ich sie in die Chic-Lit-Ecke sortiere, aber angesichts dessen, dass ich ihren Erfolgsroman „P.S. Ich liebe dich“ unerwartet gut fand, wollte ich es trotzdem mit „The Gift“ probieren.

Lou Suffern ist ein Überflieger. Er wohnt in einem eindrucksvollen Haus, fährt einen schnittigen Sportwagen und ist äußerst erfolgreich in seinem Beruf. Mit seiner Ehefrau Ruth hat er zwei bildhübsche Kinder. Doch sein rasanter Aufstieg der Karriereleiter fordert Opfer. Täglich kämpft Lou gegen die Uhr, um immer der Erste, der Beste zu sein. Er führt ein Leben auf der Überholspur und vernachlässigt für seine ehrgeizigen Ambitionen seine Familie. Bis er eines Tages kurz vor Weihnachten einem Obdachlosen einen Kaffee spendiert. Der Mann stellt sich als Gabe vor. Seine bemerkenswerte Auffassungsgabe imponiert Lou. Er besorgt ihm einen Job in der Poststelle seiner Firma. Diese Entscheidung beginnt er schnell zu bereuen. Gabe drängt sich nachdrücklich in sein Leben; ständig schaut er Lou über die Schulter, nervt ihn mit kryptischen Ratschlägen und wie gelingt es ihm eigentlich, an zwei Orten gleichzeitig aufzutauchen? Lou fühlt sich von Gabe bedroht. Er missversteht seine Absichten. Aber er wird verstehen. Schon bald. Denn Gabe macht Lou das wichtigste Geschenk überhaupt: Zeit.

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Antonia Michaelis – Der Märchenerzähler

Recherchiere ich Autor_innen für meine Rezensionen, freue ich mich immer, wenn ich in ihren Biografien und Interviews etwas finde, das mich mit ihnen verbindet. Bei Antonia Michaelis ist der Kitt zwischen uns allerdings so unwahrscheinlich, dass ich mir ungläubig die Augen rieb. In einem Interview wurde sie gefragt, ob sie sich noch an das erste Buch erinnere, das sie je gelesen habe. Sie antwortete, das wäre mit 5 Jahren ein Buch über drei kitschige kleine Katzen gewesen, die mit einem Wollknäuel spielten. Ich kenne das Buch! Es war auch eins meiner Kinderbücher! Zugegeben, ich weiß nicht, ob wir dasselbe Buch meinen, aber mir gefällt die Vorstellung. Glücklicherweise ist „Drei Kätzchen“ kein Hinweis auf die Qualität von Michaelis‘ eigenen Büchern. Sie überzeugte mich mit „Die Worte der Weißen Königin“ – nun wollte ich sie mit „Der Märchenerzähler“ erneut auf die Probe stellen.

Auf dem Schulhof kursieren über den polnischen Kurzwarenhändler die wildesten Gerüchte. Er schwänzt die Schule. Er lebt in einem Plattenbau. Er verkauft Drogen. Für Anna war ihr schweigsamer Mitschüler kaum mehr als ein verschwommener Schemen am Rande ihrer Wahrnehmung. Bis zu dem Tag, an dem sie die Puppe findet. Plötzlich erhält der polnische Kurzwarenhändler einen Namen. Er heißt Abel Tannatek und verfügt über eine magische Stimme. Er ist ein Märchenerzähler, der sich rührend um seine kleine Schwester Micha kümmert, für die er wundervolle Geschichten erfindet. Schon bald ist Anna von ihm verzaubert und entdeckt Gefühle, die sie niemals für möglich gehalten hätte. Doch sie spürt auch, dass irgendetwas nicht stimmt. Das Märchen nimmt eine beängstigende Wendung. Welche finsteren Geheimnisse verbirgt Abel? Tiefer und tiefer versinkt Anna in einem undurchsichtigen Strudel von Fantasie und Realität und erkennt, dass das Märchen vielleicht kein Happy End haben kann…

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