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Erica Fischer – Aimée & Jaguar: Eine Liebesgeschichte, Berlin 1943

Rezensionsheader Aimée & Jaguar

Homosexualität war im nationalsozialistischen Deutschland strafbar. Im Dritten Reich betrachtete man schwule Männer als entartet und als eine Bedrohung für den Staat, da man fürchtete, sie versuchten, interne Strukturen zu unterwandern und diese von innen heraus zu zerstören. Seit 1934 wurden Homosexuelle verstärkt verfolgt, interniert und ermordet. Laut Paragraf 175 des Reichsstrafgesetzbuches genügten bereits „begehrliche Blicke“, um eine Verhaftung und teilweise sogar eine sofortige Deportation zu rechtfertigen.

Die Zahl der Verurteilungen stieg bis Kriegsbeginn 1939 stetig an. Wikipedia verzeichnet für das Jahr 1935, in dem §175 in Kraft trat, 2.363 Schuldsprüche – 1938 waren es 9.536. Männer, die auf sogenannte „Umerziehungsmaßnahmen“ nicht wie gewünscht reagierten, wurden in Konzentrationslager verschleppt und gezwungen, ein Symbol zu tragen, das ihre sexuelle Orientierung für alle sichtbar machte: den rosa Winkel. Wie viele schwule Männer in den KZs umgebracht wurden, ist rückblickend schwer zu ermitteln, weil nicht klar ist, wie viele von ihnen für ihre Zugehörigkeit zu einer anderen verfolgten Bevölkerungsgruppe interniert wurden. Schätzungen zufolge wurden etwa 10.000 Schwule in die KZs gebracht, von denen circa 53% die Qualen der Lager nicht überlebten.

Paradoxerweise richtete sich der Hass der Nazis primär auf schwule Männer, nicht auf Homosexuelle im Allgemeinen. Lesbische Frauen waren von Paragraf 175 nicht betroffen; es existieren allerdings Hinweise darauf, dass Lesben aus anderen Gründen inhaftiert und in den KZs für entsprechendes Verhalten bestraft wurden. Dennoch zweifelt der Historiker Alexander Zinn an, dass eine gezielte Verfolgung homosexueller Frauen stattfand. Seine These ist meiner Meinung nach nicht von der Hand zu weisen, was ich in der Position der Frau im Nationalsozialismus begründet sehe. Das Dritte Reich war strikt patriarchalisch. Frauen hatten sich um Küche, Kinder und Kirche zu kümmern und sollten sich sonst bevorzugt im Hintergrund halten. Ich glaube, dass die alten Säcke der Parteispitze um Hitler gar nicht auf die Idee kamen, Frauen könnten so etwas wie eine individuelle sexuelle Identität besitzen. Ich kann mir gut vorstellen, dass ihr völliges Unverständnis des weiblichen Geschlechts, die vollkommene Reduzierung der Frau auf ihre Rolle als Mutter, Ehe- und Hausfrau, Lesben vor einer dem Paragrafen 175 ähnlichen Gesetzgebung schützte. Den Nazis fehlte einfach die Fantasie. Doch selbst wenn ihnen bewusst war, dass sich einige Frauen zum eigenen Geschlecht hingezogen fühlten, sahen sie darin eventuell nicht dieselbe Bedrohung, die sie in schwulen Männern vermuteten.

Woran auch immer es lag, homosexuelle Frauen konnten ihre Orientierung freier ausleben als homosexuelle Männer, obwohl Denunzierungen selbstverständlich möglich waren. Wie hoch das Risiko konkret war, hing stark davon ab, wie stabil und zuverlässig das soziale Netz der Frauen war. Wer sich in einem eingeschworenen Freundeskreis bewegte und sich sonst nichts zu Schulden kommen ließ, war vor einer Entdeckung relativ sicher. Diese Faktenlage erklärt, wieso Lilly Wust und Felice Schragenheim verhältnismäßig offen in einer lesbischen Beziehung leben konnten.

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2 Kommentare

Verfasst von - 3. September 2019 in Biografie, Non-Fiction, Rezension

 

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Montagsfrage: Chaotische Ordnung oder geordnetes Chaos?

Hallo ihr Lieben! 🙂

Diese Woche habe ich etwas Ungewöhnliches mit euch vor. Ich werde euch in den nächsten drei Tagen drei Rezensionen zu einem Thema präsentieren, durch die wir uns tief in eben jenes Thema einarbeiten. Ich nenne es mein Rezensionsexperiment. Wissen durch Rezension. Ich habe hart gearbeitet, um diese drei Besprechungen fertigzustellen und ich hoffe sehr, dass ihr Spaß daran habt und euch ein bisschen unterhalten fühlt. Ich sehr gespannt auf eure Reaktionen und fast ein bisschen aufgeregt. Morgen geht es los! 😀
Bis dahin widmen wir uns heute erst einmal dem Ritual zum Wochenstart, der Montagsfrage von Antonia von Lauter&Leise.

Ordnest du deinen Bücherschrank oder geht bei dir alles kreuz und quer?

Ich besitze ja keinen Bücherschrank, sondern Regale, die sich über drei Wände ziehen. Sie enthalten zur Zeit schätzungsweise etwa 2.000 Bücher. Zur Erinnerung hier noch einmal zwei stolze Fotos meines Schmuckstücks:

Als ich Antonias Antwort las, die davon sprach, dass Bücherregale selbst Kunstwerke sein können, sie von einer nach Farben sortierten Bibliothek träumt und ursprünglich nach Genre ordnete, bekam die verklemmte, strenge Bibliothekarin in mir einen Anfall samt Schnappatmung. Vielleicht wurde etwas gekreischt. Jeder Bücherwurm soll seine/ihre Sammlung natürlich nach Lust und Laune oder eben auch gar nicht organisieren. Das geht mich nichts an und ist völlig okay. Aber für mich kommen solche Experimente nicht in Frage. Ich bin da traditionell eingestellt. Bei mir wird primär strikt alphabetisch nach Autor_innen-Nachname und sekundär chronologisch nach Erscheinungsdatum sortiert. Alles andere erscheint mir unlogisch. Ich habe mal versucht, primär nach Genre zu ordnen, doch das endete in einem komplett unausgeglichenen Gesamtbild, das mich beinahe zur Verzweiflung trieb. Die Kategorisierung ist bei vielen Büchern sehr schwierig, weil sie eigentlich dem Crossgenre angehören. Historische Fiktion und Krimi. Urban Fantasy und Humor. Thriller und Young Adult. Für mich war es fast unmöglich, mich zu entscheiden, weil ich alle Genres als gleich wichtig empfand. Außerdem besitze ich überdurchschnittlich viele Fantasy-Schmöker, wodurch diese Sektion immer deutlich mehr Raum einnahm als alle anderen. Ich fand das unpraktisch. Letztendlich bin ich deshalb zu dem Ordnungssystem zurückgekehrt, das ich seit meiner Kindheit von meinen Eltern kenne: alphabetisch nach Nachname. Ich bin damit sehr glücklich, denn dank der schicken Regalstopper mit Buchstaben, die ich mir 2014 gegönnt habe, finde ich mich hervorragend zurecht. Mein Regal ist ordentlich, übersichtlich und mehr erwarte ich nicht. Macht ihr alle, wie ihr wollt, ich bleibe eine Traditionalistin. 😉

Wie sortiert ihr euer Bücherregal?

Ich freue mich wie immer sehr auf eure Beiträge und Kommentare und wünsche euch allen einen fabelhaften Start in die neue Woche!
Alles Liebe,
Elli ❤️

 
 

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