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Schlagwort-Archive: Novelle

Montagsfrage: Vor oder zurück?

Hallo ihr Lieben! 🙂

Ich hoffe, ihr habt mich letzte Woche nicht vermisst, weil ich die Montagsfrage kommentarlos ausfallen ließ. Die Frage kam recht spät, es war ein Feiertag, meine Familie war zu Besuch, das Wetter war sensationell und irgendwie kam einfach alles zusammen, sodass ich keine Lust hatte, Zeit vor dem Rechner zu verbringen. Diese Woche bin natürlich wieder ganz regulär am Start und mache mich ohne weitere Umschweife an die Beantwortung der neuen Montagsfrage von Antonia von Lauter&Leise!

Prequel oder Sequel?

Antonia hat wirklich eine Schwäche für komplizierte Fragen. Meiner Meinung nach müssen wir uns als Voraussetzung für eine Antwort erst einmal darauf einigen, wie sich Prequel und Sequel im Buchuniversum überhaupt definieren. Beide Begriffe stammen aus dem Filmjargon. Laut Wikipedia handelt es sich bei einem Prequel um „eine Erzählung, die als Fortsetzung zu einem Werk erschien, deren Handlung aber in der internen Chronologie vor diesem angesiedelt ist“; bei einem Sequel hingegen um einen „Film, der die Handlung eines Vorgängerfilms fortführt“. Ich finde, diese Definitionen müssen im Kontext von Literatur ein wenig abgewandelt bzw. loser formuliert werden, denn in beiden Fällen fehlt mir die Option, eine weitere, eigenständige Geschichte im selben Universum anzusiedeln. Diese Variante zählt für mich ebenfalls dazu, selbst wenn andere Charaktere und eine komplett neue Handlung fokussiert werden. Der einzig entscheidende Faktor ist die Chronologie. Die daraus resultierende Bandbreite erschwert es mir, mich festzulegen, ob ich Prequels oder Sequels lieber mag. Es kommt darauf an.

Tendenziell bevorzuge ich wohl eher Sequels. Prequels können ihren Reiz haben, aber ich verzichte zum Beispiel häufig darauf, Kurzgeschichten zu lesen, die zeitlich VOR einer Buchreihe spielen. Das hängt sicher auch damit zusammen, dass ich generell kein großer Freund von Kurzgeschichten bin, doch in den meisten Fällen interessieren mich diese zusätzlichen Informationen zu bestimmten Figuren der Reihe einfach nicht. Ich schaue lieber in die Zukunft als in die Vergangenheit.
Manchmal sind diese Rückschauen allerdings auch sehr hilfreich, um die Motivationen eines Charakters besser zu verstehen. Ein passendes Beispiel ist „Fairest“ von Marissa Meyer. Die Novelle erschien als Zwischenband der „Lunar Chronicles“, beleuchtet jedoch die Vergangenheit der bösen Königin Levana. Diese Geschichte empfand ich als äußerst wertvoll, weil ich nach der Lektüre besser begreife, warum Levana bestimmte Entscheidungen innerhalb der Reihe trifft. Ich kann Prequels folglich durchaus schätzen, sie müssen mir allerdings wirklich einen Mehrwert bieten und nicht nur bestätigen, was ich bereits weiß.

Um zu erklären, wieso mir Sequels mehr zusagen, möchte ich Tad Williams heranziehen. Seine Trilogie (im Deutschen Tetralogie) „Das Geheimnis der Großen Schwerter“ ist ein Klassiker der High Fantasy. Der erste Band „Der Drachenbeinthron“ wurde 1988 erstveröffentlicht, das Finale „Der Engelsturm“ 1993. 2017, 29 Jahre nach „Der Drachenbeinthron“ , kehrte er wieder in das Universum Osten Ard zurück, erst mit dem Übergangsband „Das Herz der Verlorenen Dinge“, dann mit dem Auftakt „Die Hexenholzkrone“ seiner neuen Trilogie „Der Letzte König von Osten Ard“. Das Vorwort von „Das Herz der Verlorenen Dinge“ ist eine wundervolle, ergreifende Danksagung an seine Fans, ohne die er ihm zufolge niemals nach Osten Ard zurückgefunden hätte. Ich hätte schon da beinahe geheult. Als ich dann mit „Die Hexenholzkrone“ begann, hatte ich eine echte, sichtbare Gänsehaut, weil nicht nur in der Realität fast 30 Jahre vergangen sind, sondern auch in Osten Ard. Ich kann kaum ausdrücken, wie berührend es war, all die Charaktere, die ich aus „Das Geheimnis der Großen Schwerter“ kannte, um 30 Jahre gealtert wiederzutreffen. Das war ein sehr besonderer Moment meiner Lesekarriere, den meiner Ansicht nach kein Prequel jemals toppen kann. Ich sehe meine Figuren lieber gereift und erlebe, wie sie sich weiterentwickelt haben, statt ihrer Jugend einen Besuch abzustatten.

Handelt es sich hingegen um eine Geschichte, die lediglich dasselbe Universum als Setting nutzt, ist mir die Chronologie nicht wichtig. Mit neuen Figuren und einer neuen Handlung ist mir die Kategorisierung als Prequel oder Sequel egal, weil der Bezug zur ursprünglichen Geschichte ja nur auf geografischen und kulturellen Gegebenheiten basiert. Tauchen dann am Rande Charaktere auf, die ich schon kenne, freue ich mich einfach, unabhängig davon, ob sie jünger oder älter sind als bei meinem ersten Zusammentreffen mit ihnen. Diese Cameo-Auftritte zaubern mir immer ein Lächeln ins Gesicht.

Heute kann ich euch demzufolge keine simple Antwort bieten. Obwohl ich eher zu Sequels tendiere, können mir Prequels ebenfalls gefallen, wenn sie mir Informationen bieten, die mein Verständnis eines bestimmten Aspekts der Originalgeschichte erweitern. Es gibt überflüssige Fortsetzungen, genauso wie es überflüssige Vorgeschichten gibt. Ich möchte mich daher nicht festlegen und schließe mit einem entschiedenen Jein. 😉

Tummelt ihr euch lieber in der Zukunft oder der Vergangenheit?

Ich freue mich wie immer sehr auf eure Beiträge und Kommentare und wünsche euch allen einen großartigen Start in die neue Woche!
Alles Liebe,
Elli ❤️

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Joyce Carol Oates – Black Girl / White Girl

Joyce Carol Oates’ Karriere als Schriftstellerin verlief ungewöhnlich gradlinig. Sie wurde 1938 geboren, las bereits als Jugendliche große Literaten wie Dostojewski, Faulkner und Hemingway und begann im Alter von 14 Jahren selbst zu schreiben. Sie studierte Englisch und Philosophie und veröffentlichte 1963, zwei Jahre nach ihrem Abschluss, ihren ersten Kurzgeschichtenband „By the North Gate“. Seitdem folgten über 40 Romane, mehrere Theaterstücke, Kurzgeschichtensammlungen, Novellen, Lyrik, Essays und biografische Schriften. Sie gilt als eine der bedeutendsten Autor_innen der US-amerikanischen Gegenwartsliteratur, wurde mehrfach für den Pulitzer-Preis nominiert und wird immer wieder als Anwärterin auf den Literatur-Nobelpreis gehandelt. Ich drücke ihr jedes Jahr die Daumen und lese mich frei nach Laune durch ihr umfangreiches Werk. „Black Girl / White Girl“ stand auf meiner Oates-Leseliste ganz oben.

Am 11. April 1975, am Abend ihres 19. Geburtstags, starb Minette Swift bei einem schrecklichen Unglück auf dem Campusgelände des Schuyler College. Sie war eine der wenigen afroamerikanischen Studentinnen, die angenommen wurden. Die Umstände ihres Todes blieben rätselhaft. 15 Jahre später versucht Minettes ehemalige Mitbewohnerin Genna Hewitt-Meade die Ereignisse vor dem Tod der jungen Frau zu rekonstruieren. Schon bald verstrickt sie sich in den schmerzhaften Erinnerungen an ihre eigene verwirrende Jugend, die vom komplizierten Verhältnis zu ihren Eltern geprägt war. Als Tochter eines Bürgerrechtsanwalts verstand sie es als ihre Pflicht, Freundschaft mit Minette zu schließen und sie notfalls vor negativen Einflüssen zu beschützen. Doch Minette stieß sie von sich. Erst als Erwachsene begreift Genna, dass Minettes Weigerung, sich auf sie einzulassen, möglicherweise ihr Leben rettete – während es Minette das Leben kostete.

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Siegfried Lenz – Deutschstunde

Siegfried Lenz war einer der bedeutendsten Schriftsteller der deutschen Nachkriegsliteratur. 1926 in Ostpreußen geboren, wurde er 1943 zur Kriegsmarine eingezogen und desertierte kurz vor Kriegsende in Dänemark. Später etablierte er sich erst als Autor von Erzählungen, Kurzgeschichten und Novellen, bevor ihm mit seinen Romanen ebenfalls der Durchbruch gelang. Sein vermutlich wichtigstes Werk ist „Deutschstunde“, das 1968 erschien und im Kontext der Studentenunruhen große Beachtung erhielt. Siegfried Lenz positionierte sich stets gegen die deutsche Kriegsvergangenheit und zögerte nie, sich literarisch mit den Verbrechen des Nationalsozialismus auseinanderzusetzen. Die Bücher des 2014 verstorbenen Autors werden bis heute im Deutschunterricht vieler Schulen behandelt. Auf dem Lehrplan meines Gymnasiums stand er hingegen nicht, weshalb ich „Deutschstunde“ im Januar 2018 privat las.

„Die Freuden der Pflicht“ lautet das Thema, zu dem Siggi Jepsen im Deutschunterricht einer Hamburger Besserungsanstalt einen Aufsatz schreiben soll. Ein Thema, zu dem er so viel zu sagen hat, dass er nicht weiß, wo er beginnen soll. Am Ende der Stunde hat er kein einziges Wort zu Papier gebracht. Die Anstaltsleitung bietet ihm an, den Aufsatz als Strafarbeit zu vollenden – allein, in Isolation. Eingeschlossen in seiner Zelle findet er endlich die Ruhe, die er benötigt, um sich seinen Erinnerungen zu stellen. Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat schildert Siggi seine Kindheit als Sohn des nördlichsten Polizeihauptwachtmeisters Deutschlands, der 1943 die Order erhielt, das Malverbot des Künstlers Max Ludwig Nansen durchzusetzen. Ungehemmt berichtet er, wie das blinde Pflichtbewusstsein seines Vaters sein Leben entscheidend prägte und warum er im Alter von 10 Jahren entschied, zu rebellieren und die Bilder des Malers heimlich zu retten. Je länger Siggi schreibt, desto klarer schält sich seine Vergangenheit heraus und desto näher rückt er der Erkenntnis, nach der er es ihn mehr als alles andere verlangt: wer er ist.

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2 Kommentare

Verfasst von - 13. März 2018 in Deutsch, Klassiker, Rezension

 

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Stephenie Meyer – Bis(s) zum ersten Sonnenstrahl: Das kurze zweite Leben der Bree Tanner

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Die letzte Aufgabe des Lesebingos 2016 verlangte von mir, ein Buch mit einer Zeitangabe im Titel zu lesen. Ich entschied mich für „Bis(s) zum ersten Sonnenstrahl“, eine Novelle aus Stephenie Meyers „Twilight“-Universum, die schon ewig bei mir versauerte. Ich denke, ich habe dieses Buch damals einfach zu spät gekauft. Meine Begeisterung für die „Twilight“-Reihe war bereits abgekühlt, sodass ich kein Bedürfnis verspürte, „Bis(s) zum ersten Sonnenstrahl“ sofort zu lesen. Es bekam seinen Platz im Regal und blieb dort jahrelang. Erstaunlicherweise sorgte ich mich jedoch nie, dass meine Erinnerungen an Bellas und Edwards Geschichte verblassen könnten. Ich fühlte mich stets gewappnet für die Novelle. Nun war es Zeit, herauszufinden, ob ich mit diesem Gefühl richtiglag.

Falle nicht auf. Halte dich an die Regeln. Vermeide Konfrontationen. Diese drei einfachen Grundsätze helfen Bree Tanner, zu überleben. Als eine von vielen in einem Nest neugeborener Vampire muss sie täglich um ihre Existenz fürchten. Täglich besteht die Gefahr, von den anderen Neugeborenen in einem Wutanfall ausgelöscht zu werden. Bree hat keine Freunde. Sie vertraut niemandem. Als sie Diego kennenlernt, fällt es ihr schwer, ihr schützendes Misstrauen abzulegen. Doch der ältere Vampir zeigt ihr, dass Freundschaft auch unter ihresgleichen möglich ist. Bree träumt von einer gemeinsamen Zukunft, weit entfernt von den anderen. Sie ahnt nicht, dass sie zu einem bestimmten Zweck erschaffen wurde. Sie weiß nichts von den Cullens oder Bella Swan und erkennt das Vampirnest nicht als das, was es ist: eine Armee. Sie ist einfach nur ein Mädchen, das Pech hatte. Dies ist ihre Geschichte.

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Daniela Rohr – Im Turm des Panopticons

„Im Turm des Panopticons“

Im Turm des Panopticons

Autor: Daniela Rohr

Format: Kindle Edition

Seitenzahl: 102 Seiten (Print-Ausgabe)

Verlag: Selbstverlag

Sprache: Deutsch

ASIN:  B00HBD05G8

Genre: Science Fiction & Thriller

ausgelesen am: 15.02.2015

Bewertung:

Die Autorin Daniela Rohr trat vor zwei, drei Wochen mit der Bitte um eine Rezension an mich heran. Sie schlug mir vor, entweder ihre Roman-Collage „Der Zeit-Zwirbel-Effekt und seine Knöpfchendrücker“, die aus 11 zusammenhängenden Kurzgeschichten besteht, oder die Novelle „Im Turm des Panopticons“ zu rezensieren. Beide Werke sind dem Genre Science Fiction zuzuordnen. Reine Science Fiction lese ich sonst eher nicht, aber für mich klang „Im Turm des Panopticons“ so spannend und interessant, dass ich neugierig wurde. Ich nahm ihre Bitte mit Freuden an.

Im Turm des Panopticons erfüllt Linea Wermut ihren Dienst. Das Herz des gigantischen, interstellaren Gefängnisses ist bereits seit über 5 Monaten ihr Arbeitsplatz. Als Wärterin ist es ihre Aufgabe, rebellische SystemkritikerInnen zu beobachten – ohne dass die Insassen es bemerken. Unzählige Kameras, gläserne Zellen und das zentrale Computersystem „Alexa“ machen die totale Überwachung möglich. Alles ist genau wie immer für Linea – das heißt, hauptsächlich sterbenslangweilig. Doch dann scheint einer der Gefangenen bei einer Routineüberprüfung der Zellen genau in die Kamera zu starren. Direkt in Lineas Gesicht. Als wüsste er, dass sie da sei. Was absolut unmöglich ist. Linea fühlt sich unbehaglich, schiebt den Vorfall jedoch schnell gedanklich beiseite. Er kann sie nicht sehen. Keinesfalls. Aber als Linea weitere seltsame Verhaltensweisen der Insassen auffallen, kommt ihr der Gedanke, dass sie sie doch sehen könnten, plötzlich gar nicht mehr so absurd vor…

Dafür, dass ich reine Science Fiction normalerweise meide, hat mich „Im Turm des Panopticons“ sehr positiv überrascht. Vielleicht sollte ich dem Genre doch ab und zu eine Chance einräumen und mich darauf einlassen. Diese Novelle von Daniela Rohr ist ein wirklich spannender Psycho-Trip, der die LeserInnen schnell in eine Dimension führt, in der Realität und Einbildung parallel zueinander zu existieren scheinen. Es ist, als würden sich verschiedene Versionen derselben Situation über einander legen, sodass alles irgendwie zusammen passt, irgendwie aber auch überhaupt nichts. Ich fühlte mich, als würde ich durch dicken Nebel waten; am Rande konnte ich immer wieder Schemen der Wahrheit ausmachen, die jedoch konturlos blieben. Umso spaßiger und aufregender war es, zu raten, was denn nun tatsächlich mit Linea geschieht. Erst ganz am Ende löst Daniela Rohr diesen Nebel auf – mit einem Knall, der sich gewaschen hat.
Die Zugkraft der Geschichte geht meines Erachtens nach von der Protagonistin Linea aus. Sie ist eine wirklich starke Figur, in die ich mich sofort hineinversetzen konnte. Ich denke, die Identifikation mit ihr fiel mir besonders leicht, weil ich mich in einigen Szenen vermutlich ganz ähnlich verhalten hätte. Als ihre Paranoia zunehmend drängender wurde, konnte auch ich mich ihrem Einfluss nicht ganz entziehen. Ich begann zu zweifeln. Trotzdem ließen sich all die Jahre Thriller-Erfahrung nicht völlig ausknipsen, am Ende war meine Intuition doch unbestechlich. Aber ich liebe ja den Moment, in dem mir vom Autor oder in diesem Fall der Autorin gesagt wird, dass ich auf der richtigen Fährte war. Die Auflösung der tatsächlichen Situation konnte ich in ihren Details selbstverständlich nicht vorhersehen, was auch gut so war, allerdings war es ein gutes Gefühl, zu wissen, dass mich Daniela Rohr nicht völlig verwirren konnte. 😉
Darüber hinaus hat mich die bedrohliche, beklemmende Atmosphäre nachhaltig beeindruckt. Die Darstellung der absoluten Isolation, in der sich Linea befindet, ist Daniela Rohr hervorragend gelungen. Diese Isolation ist der Ausgangspunkt aller Entwicklungen, denn Linea ist nicht nur von den Insassen des Gefängnisses komplett abgeschottet, sondern auch von der Erde. Sie kann telefonieren, aber ansonsten ist ihr einziger Kontakt die künstliche Intelligenz des Computersystems Alexa. Wie sagt man so schön? „Im Weltall hört dich niemand schreien“. Genau das macht die Situation so vertrackt und unheimlich. Sie ist ganz allein. Niemand kann ihr helfen. Niemand versteht ihre Ängste. Wie reagiert man, wenn man das Gefühl hat, langsam verrückt zu werden und außer der unausweichlichen Rationalität eines Computers keinen Beistand bekommt? Ich konnte voll und ganz nachvollziehen, wie verzweifelt Linea sich gefühlt hat. Wem sollte sie glauben? Ihren eigenen Augen oder Alexas Logik?

„Im Turm des Panopticons“ ist eine zwingende Novelle, der man sich als LeserIn gedanklich einfach nicht entziehen kann. Man kommt nicht darum herum, sich zu fragen, wie man selbst handeln würde, wäre man in Lineas Position. Daniela Rohr hat meiner Meinung nach eine Menge Potential und Talent, das sich vor allem darin zeigte, dass ich selbst irgendwann nicht mehr sicher einschätzen konnte, was Wirklichkeit ist und was Einbildung. Das Ende der Geschichte setzt dann noch mal einen drauf; völlig unvorhersehbar, selbst wenn man glaubt zu wissen, was mit Linea passiert und ebenso nachhaltig wie die Atmosphäre. Ich erwische mich auch jetzt noch manchmal dabei, dass ich darüber nachdenke, weil mich die aufgeworfene Frage einfach beschäftigt.
Ich kann euch dieses kurze Werk begeistert empfehlen, aber wenn ihr es lesen möchtet, nehmt euch einen Tag Zeit, an dem ihr sonst nichts anderes vorhabt, denn ich bin überzeugt, ihr wollt und könnt es nicht mehr aus der Hand legen.

Ich bedanke mich von Herzen bei Daniela Rohr, die mir ihr Werk als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat und außerdem wahnsinnig freundlich war. Wollt ihr mehr über sie und ihr Schaffen wissen? Dann schaut doch mal auf ihrer Website vorbei!

 
9 Kommentare

Verfasst von - 25. Februar 2015 in Science-Fiction, Thriller

 

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