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Schlagwort-Archive: Mord

Arne Dahl – Neid

Der schwedische Autor Arne Dahl heißt eigentlich Jan Lennert Arnald. Ich vermute, dass er ein weiches Pseudonym nutzt, weil er seine schriftstellerische Tätigkeit von seiner Arbeit als Literaturwissenschaftler für die Schwedische Akademie, die jährlich den Nobelpreis für Literatur vergibt, trennen will. Aktuell gehört Arnald nicht zum Nobelkomitee und ich konnte leider nicht herausfinden, ob er in der Vergangenheit mit der Auswahl der Preisträger betraut war, aber die Vorstellung ist schon ziemlich cool.
Sein Pseudonym Arne Dahl, das meiner Ansicht nach übrigens wesentlich einprägsamer ist als Jan Lennert Arnald, kenne ich als Autor der politischen Thriller-Reihe „Opcop“, auf die mich mein Vater 2015 aufmerksam machte. Vom dritten Band „Neid“ erwartete ich erneut eine spannende, extrem intelligente Handlung voller politischer Implikationen.

Einem dänischen Wissenschaftler wird in Stockholm auf offener Straße die Kehle durchgeschnitten. Der Mord gleicht einer Hinrichtung, brutal, provokant und inszeniert. Der wichtigste Zeuge floh unbemerkt vom Tatort: ein rumänischer Bettler, der das Smartphone des Toten an sich nahm und jetzt im Besitz hochsensibler Daten ist, die ihn ebenfalls das Leben kosten könnten. Leider will der europäischen Operativeinheit Opcop niemand verraten, an welchem geheimen, brisanten Projekt der Wissenschaftler zuletzt arbeitete. Der verschwundene Rumäne ist ihre beste Spur, da Opcop bereits mit Hochdruck gegen die Bettlermafia und den europäischen Menschenhandel ermittelt.
Währenddessen wird die französische EU-Parlamentarierin Marianne Baillard mit kompromittierenden Fotos erpresst und bedroht. Sie plant, einen Gesetzesentwurf auf den Weg zu bringen, der ganz Europa verändern würde. Wer würde über Leichen gehen, um sie aufzuhalten?
Irgendwie sind beide Fälle miteinander verbunden. Nun liegt es bei der Opcop-Gruppe, herauszufinden, welche Parallelen bestehen, bevor weitere Menschen sterben.

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Verfasst von - Juli 25, 2017 in Politik, Rezension, Thriller

 

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Erfahrungsbericht zum Reread von Harry Potter und Der Feuerkelch

HP re-read_hell [398640]

Die Schatten werden länger

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Es ist seltsam. Je weiter Marina aka DarkFairy und ich in unserem „Harry Potter“ – Reread voranschreiten, desto unzuverlässiger werden meine Erinnerungen. Bereits beim dritten Band, „Harry Potter und Der Gefangene von Askaban“, ließ mich mein Gedächtnis im Stich; ich weiß nicht mehr, wann ich ihn das erste Mal in den Händen hielt. An meine erste Begegnung mit „Harry Potter und Der Feuerkelch“ habe ich ebenfalls keine konkreten Erinnerungen, allerdings ist ein Teil meines Ichs fest überzeugt, dass ich den vierten Band zu Weihnachten von meinen Eltern geschenkt bekam. Obwohl ich nicht in der Lage bin, Momentaufnahmen von diesem Weihnachtsabend abzurufen, besteht dieser Teil darauf, dass es so gewesen ist. Theoretisch ist das möglich, denn „Der Feuerkelch“ erschien im Oktober 2000 auf dem deutschen Markt. Ich war 11 Jahre alt, alt genug für eine Eule aus Hogwarts, die sich leider bis heute nicht blicken ließ.

16 Jahre später freute ich mich sehr auf den Reread des vierten Bandes, weil ich ihn stets als unheimlich aufregend empfand. Zwei Großereignisse erwarteten mich, die Quidditch-Weltmeisterschaft und das Trimagische Turnier, an dem Harry unfreiwillig teilnehmen würde.
Nachdem ich während des Rereads von „Harry Potter und der Gefangene von Askaban“ anfangs Schwierigkeiten hatte, mich an die Bilder meiner Fantasie zu erinnern und immer wieder von den Darstellungen der Verfilmung überwältigt wurde, versuchte ich, möglichst gelassen an „Der Feuerkelch“ heranzugehen und mich nicht unter Druck zu setzen. Ich habe gelernt, dass meine Vorstellungskraft am besten funktioniert, wenn ich sie frei fließen lasse und nicht zu viel darüber nachdenke. Da ich bereits vor der Lektüre einige meiner eigenen Bilder abrufen konnte, war ich zuversichtlich, dass es auch beim Lesen klappen würde. Ich lag richtig. Meine Bilder überlagerten die Film-Darstellungen. Hin und wieder wollte sich ein vorwitziges Film-Bildchen in den Vordergrund drängen, doch in diesen Fällen konnte ich, wie bereits beim Lesen von Band 1 und 2, dieses einfach bewusst nach hinten schieben. Ich sah, was ich sehen wollte und fühlte mich in meine Kindheit zurückversetzt.

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Verfasst von - Februar 21, 2017 in Fantasy, Rezension, Urban Fantasy

 

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Chloe Neill – Auf den letzten Biss

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Es ist offiziell. „Chicagoland Vampires“ endet mit Band 13, der am 25. August 2017 unter dem Titel „Ein Biss von dir“ erscheinen wird. Angesichts dieser Neuigkeiten möchte auch ich etwas verkünden: ich werde die Reihe bis zum bitteren Ende durchziehen. Ich habe lange mit mir gehadert und bin skeptisch, ob sich diese Entscheidung auszahlen wird, aber ein Teil von mir ist überzeugt, ich bin es Merit einfach schuldig, zu erfahren, wie ihre Geschichte endet, nachdem ich sie jahrelang begleitet habe. So kurz vor Schluss möchte ich nicht mehr abbrechen. Ich will wissen, wie es ausgeht. Nach „Auf den letzten Biss“ liegen noch drei Bände vor mir. Ein Leseziel für 2017 ist damit gesetzt.

Chicago ist zur Ruhe gekommen. Nach wochenlangen Ausschreitungen hat sich die Lage endlich entspannt. Doch die Beziehungen zwischen Menschen und Übernatürlichen sind noch immer schwierig, der Frieden empfindlich. Als Merit, Hüterin des Hauses Cadogan, zum Schauplatz eines brutalen Mordes gerufen wird, befürchtet sie das Schlimmste. Das Opfer wurde mit Katanas durchbohrt. Alles deutet auf einen Vampirangriff hin. Erst eine genauere Untersuchung zeigt, dass die Hinrichtung lediglich aussehen soll, als wären Vampire dafür verantwortlich. Versucht jemand, die Vampirgemeinschaft in Verruf zu bringen und so das sensible Gleichgewicht der Stadt erneut zu stören? Merit möchte den Ermittler_innen helfen, kann jedoch kaum mehr tun, als ihnen beratend zur Seite zu stehen, denn die Belange Cadogans verlangen ihre Aufmerksamkeit. Seit Ethan den Vorsitzenden des Greenwich Presidium herausforderte und sich selbst auf den Posten bewarb, wird er bedroht und erpresst. Es ist Merits Aufgabe, ihren Meister und Geliebten zu schützen, nur wird sie das Gefühl nicht los, dass er ihr etwas Bedeutsames verschweigt. Ist ihre Liebe stärker als die dunklen Geheimnisse seiner Vergangenheit?

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Verfasst von - Januar 13, 2017 in Fantasy, Rezension, Urban Fantasy

 

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Erfahrungsbericht zum Reread von Harry Potter und Der Gefangene von Askaban

HP re-read_hell [398640]

Das Tor zur Selbsterkenntnis

Harry Potter und Der Gefangene von AskabanSeit ich ihn das erste Mal gelesen habe, ist „Der Gefangene von Askaban“ mein liebster „Harry Potter“-Band. Rein rational betrachtet gibt es dafür keine befriedigende Begründung, es ist eine rein emotionale Präferenz. Die beiden Bände davor und alle Bände, die danach kamen, lösten bei mir einfach nicht die gleiche Begeisterung aus. Der dritte Band potenzierte meinen Wunsch, Hogwarts selbst besuchen zu dürfen, vielleicht, weil Joanne K. Rowling darin vergleichsweise ausführlich auf Harrys Alltag als Schüler eingeht. Erstaunlicherweise kann ich mich jedoch nicht daran erinnern, wie „Der Gefangene von Askaban“ in meinen Besitz gelangte. So detailliert meine Erinnerungen an das Ergattern der ersten beiden Bände sind, bezüglich des dritten Bandes ist dort bloß grauer Nebel. Ich weiß nicht mehr, wann ich „Der Gefangene von Askaban“ das erste Mal in den Händen hielt und ich weiß auch nicht mehr, wie ich die Wartezeit empfand. Wikipedia behauptet, das Buch wäre im August 1999 erschienen, was bedeutet, dass ich nach „Die Kammer des Schreckens“ 5 Monate ausharren musste, bis ich erfuhr, wie die Geschichte weiterging. Durch meine Selbstkenntnis schlussfolgere ich, dass diese Zeitspanne die Hölle für mich gewesen sein muss, aber ich habe keine Ahnung, ob ich tatsächlich so sehr unter meiner Ungeduld gelitten habe. Es wurmt mich, dass ich mich nicht erinnern kann. Ausgerechnet bei dem Band, der mir stets der liebste war, lässt mich mein Gedächtnis im Stich.

Für den Reread spielte es glücklicherweise keine Rolle, wie „Der Gefangene von Askaban“ bei mir einzog. In Absprache mit Marina alias DarkFairy begann ich das Buch am Abend des 01. Juli. Ich machte es mir bei angenehmen Temperaturen auf meinem Balkon gemütlich und legte los.
Schnell stellte ich fest, dass ich meinen Vorsatz, mir beim Lesen Zeit zu lassen und die Lektüre voll auszukosten, beim dritten Band nicht würde einhalten können. Zu sehr fesselte mich Geschichte, zu intensiv war die erneute Erfahrung des Abtauchens in eine Welt, die ich bereits als 10-Jährige liebte. Ich flog durch die Seiten und war nicht in der Lage, mich zu bremsen. Ich ergab mich dem Sog und ließ mich mitreißen, denn ich sah keinen Sinn darin, mich zur Gemächlichkeit zu zwingen.

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Verfasst von - Juli 26, 2016 in Fantasy, Urban Fantasy

 

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Robert Jackson Bennett – City of Stairs

2016-01-30 - Bennett City of Stairs

Jahrhundertelang lebten die Menschen Saypurs unter der Knechtschaft des Kontinents. Von sechs Gottheiten regiert, gelenkt und geformt, war der Kontinent eine Welt der Magie, des leibgewordenen Glaubens. Besonders Bulikov, die Stadt der Harmonie, in der alle Götter gleichermaßen verehrt wurden, galt als personifiziertes Wunder. Bis Saypur revoltierte. In einem gewaltigen Befreiungsschlag tötete eine kleine Armee der Saypuri die Götter und beendete die Versklavung ihrer Heimat. Aus Knechten wurden Meister. Heute windet sich der Kontinent zu den Füßen Saypurs. Es vergeht kein Tag, an dem die Saypuri seine Bewohner nicht spüren ließen, wer den Krieg gewann. Die Ausübung jeglicher religiösen Praktiken ist verboten. Geschichtliche Dokumente, die Erinnerungen eines ganzen Volkes, werden unter Verschluss gehalten. Die Bevölkerung ist arm und leidet unter der weitreichenden Zerstörung, die durch das Verschwinden der Götter entstand.
In diesen unsicheren Zeiten wagt sich eine Saypurische Agentin nach Bulikov. Offiziell ist Shara Thrivani nur eine weitere, unbedeutende Repräsentantin. Doch inoffiziell untersucht sie den Mord an einem angesehenen Historiker, der die Vergangenheit des Kontinents erforschte. Obwohl es viele Fraktionen gibt, die seinen Tod gewollt haben könnten, scheint mehr dahinter zu stecken, denn Efrem Pangyui war einem schrecklichen Geheimnis auf der Spur. Ein Geheimnis, das die Geschichte zweier Völker umschreiben könnte.

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Verfasst von - Februar 24, 2016 in Fantasy, High Fantasy, Rezension

 

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Gemeinsam Lesen

Gemeinsam Lesen 2

Hallo ihr Lieben! 🙂

Jeden Dienstag lesen wir gemeinsam! Diese tolle Aktion wird wöchentlich von den Schlunzen-Büchern veranstaltet; die Fragen dieser Woche findet ihr durch einen Klick aufs Logo!

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Verfasst von - Januar 26, 2016 in Neuigkeiten & schnelle Gedanken

 

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Markus Heitz – Totenblick

2015-09-28 - Heitz Totenblick

Ich bin ein Fan von Markus Heitz. Er ist der meistvertretene Autor in meinem Bücherregal und das will bei all den Reihen, die ich mehr oder weniger konsequent verfolge, schon etwas heißen. Trotzdem habe ich so meine Probleme mit seinen Büchern, weswegen meine letzte Reise mit ihm ein Weilchen her ist. Ich finde seine Ideen toll, liebe seine Vorstellungskraft und fühle mich in der Atmosphäre seiner Geschichten äußerst wohl. Doch seine Spannungsbögen sind für meinen Geschmack ab und zu ein wenig lasch. Daher haben seine Bücher Längen, durch die ich mich durchkämpfen muss. Er ist einer dieser Autor_innen, auf die ich wirklich Lust haben muss, damit ich die zähen Passagen in Kauf nehme. Dieser Zeitpunkt war Ende letzten Monats gekommen – mein Bauch entschied, dass es Zeit für „Totenblick“ war.

Leichen, die wie große Werke der Kunst inszeniert sind. Eine Botschaft: „Die Wahrheit liegt im Auge des Betrachters“. Leipzig wird von einem Serienmörder heimgesucht, der Angst und Schrecken säht. Nicht nur unter der Bevölkerung, sondern auch unter den Ermittlern, denn wer den Toten in die Augen sieht, muss kurz darauf selbst sterben. Der Aberglaube des Totenblicks zieht sich wie ein Geschwür durch die Behörden, gegen das Kriminalhauptkommissar Peter Rhode parallel zur Jagd auf den Mörder ankämpfen muss. Er ist auf die Hilfe seines alten Freundes Ares Löwenstein angewiesen. Auf seine Hilfe – und auf seine Kontakte aus seiner dunklen Vergangenheit bei einem Biker-Club. Doch schon bald geraten Rhode und Löwenstein selbst ins Visier des Mörders. Werden auch sie Opfer des Totenblicks?

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Verfasst von - Oktober 28, 2015 in Krimi, Rezension, Thriller

 

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Joyce Carol Oates – My Sister, My Love

„My Sister, My Love“

my sister my love

Autor: Joyce Carol Oates

Format: Taschenbuch

Seitenzahl: 562

Verlag: Fourth Estate

Sprache: Englisch

ISBN: 0007305761

Genre: Realistische Fiktion > Psychologischer Realismus

ausgelesen am: 17.03.2015

Soundtrack: The Pretty Reckless – „Sweet Things“

Bewertung:

Meine überschwängliche Begeisterung für die Autorin Joyce Carol Oates war möglicherweise vorher bestimmt. Ich fand nämlich heraus, dass wir am gleichen Tag Geburtstag haben, obwohl die Grand Dame des psychologischen Realismus natürlich wesentlich älter ist als ich. Vielleicht ist es nur mein närrischer Aberglaube, dass ich an eine schicksalhafte Verbindung glauben möchte, aber vielleicht auch nicht. „My Sister, My Love“ ist mein zweiter Roman aus ihrer Feder und wie bereits „Blonde“ beruht er auf Tatsachen. Oates ließ sich vom mysteriösen Mord an der 6-jährigen JonBenét Ramsey inspirieren. Deswegen ist es mir wichtig, zu betonen, dass sich diese Rezension ausschließlich auf ihre literarische Interpretation bezieht. Meine Meinung über die fiktiven Charaktere steht in keinerlei Zusammenhang mit den realen Persönlichkeiten.

„My Sister, My Love“ ist die Geschichte von Skyler Rampike. Und es ist die Geschichte seiner kleinen Schwester Bliss. Bliss, die mit dem Namen Edna Louise zur Welt kam und im Alter von 4 Jahren zum Wunderkind des Eiskunstlaufes wurde. Es ist die Geschichte einer Tragödie, die bereits begann, lange bevor Bliss kurz vor ihrem siebten Geburtstag ermordet wurde. Ehrlich und ungeschönt berichtet Skyler von seiner dysfunktionalen Familie, seinem Leben im tiefen Schatten seiner Schwester und dem Mordfall, der die Fassade der Perfektion zerstörte und eine endlose Kette von Anschuldigungen und Verdächtigungen nach sich zog. Erneut durchlebt er die schmerzhaften Erinnerungen, die Ungewissheit und das unerträgliche Gefühl der Schuld, um Bliss‘ wahre Geschichte offen zu legen und endlich eine Antwort auf die Frage zu finden, die ihn seit diesem verhängnisvollen Tag quält: wer hat Bliss getötet?

„My Sister, My Love“ erzeugte in mir eine unfassbare emotionale Resonanz. Intellektuell ist mir bewusst, dass ich nicht Skyler lauschte, sondern Joyce Carol Oates. Doch weil sie ihm ihre Stimme lieh, ist es für mich fast unmöglich, ihn nicht als eigenständige Persönlichkeit zu begreifen. Ich vergaß während des Lesens immer wieder, dass Oates‘ Figuren eben nur das sind: fiktiv. Skyler wurde für mich zu einer lebendigen Instanz, dessen Humor das einzige war, das mich davon abhielt, wahre Sturzbäche von Tränen zu vergießen. Dieser zynische, bittere, zutiefst traumatisierte junge Mann brachte mich zum Schmunzeln, obwohl an seiner Geschichte rein gar nichts zum Lachen ist. Er schreibt chaotisch, ungeordnet, teilweise unzusammenhängend – gerade dadurch wirkte sein Manifest für mich authentisch. Jedes Wort habe ich ihm geglaubt.
10 Jahre sind seit dem Mord an Bliss vergangen, doch für Skyler sind die Ereignisse noch immer präsent. Wie könnten sie auch nicht, nach all den furchtbaren Dingen, die ihm und seiner kleinen Schwester angetan wurden, von den Personen, die sie eigentlich bedingungslos lieben sollten: ihren Eltern. Betsey und Bix Rampike gehören zu der Sorte Menschen, die keine Kinder bekommen sollten und zumindest Betsey war auch noch gar nicht bereit dazu, Mutter zu werden. Ihre Kinder sind nur ein weiteres Statussymbol, die sie nicht ihrer selbst willen liebt, sondern nur aufgrund ihres Nutzens für ihre egoistischen, verdrehten Pläne. Sie ist völlig abhängig von der Meinung anderer über sie und erwartet von ihren Kindern das Gleiche. Niemals werden Skyler und Bliss nach ihren Wünschen oder Gefühlen gefragt, stattdessen perfektionieren beide Elternteile die Strategie der emotionalen Erpressung, die letztendlich in emotionalem Missbrauch gipfelt. Sie WOLLEN nicht sehen, wie sehr beide Kinder leiden, denn das widerspräche ja ihrem eigenen krankhaften Ehrgeiz.
Kennt ihr das Wort „Eislaufmutter“? Betsey Rampike definiert diesen Ausdruck völlig neu. Sie pusht Bliss‘ Karriere auf dem Eis skrupellos und ohne Rücksicht auf Verluste. Sie scheut nicht einmal davor zurück, den Namen ihrer kleinen Tochter von Edna Louise in Bliss ändern zu lassen. Ihr müsst euch vergegenwärtigen, was das für ein so junges Kind bedeutet: für Edna Louise muss es sich angefühlt haben, als hätte ihre eigene Mutter ihre Identität gestohlen und mit dieser leeren Hülle namens „Bliss“ ersetzt, die nur dann vollwertig war, wenn sie Erfolg, Bewunderung und Applaus erfuhr. Skylers Gefühle für seine jüngere Schwester sind durch Betseys Fixierung unglaublich kompliziert. Ja, er liebt sie, doch schon von ihrer Geburt an empfand er Edna Louise als Eindringling. Als sie zum Wunderkind Bliss wird, wird es noch schwieriger, weil er sich neben ihr unsichtbar und unbedeutend fühlt. Es wäre Betseys und Bix‘ Aufgabe gewesen, Skylers widersprüchlichen Gefühlen entgegen zu wirken und ihm Liebe und Wertschätzung zu vermitteln. In diesem Punkt versagten beide kolossal. Während Betsey schlicht kein Interesse an ihrem Sohn hat, glänzt Bix hauptsächlich durch Abwesenheit. Er ist das Paradebeispiel eines gleichgültigen Vaters; unfähig, seine Kinder zu beschützen.
Nach Bliss‘ Tod beginnt Betsey, durch Talkshows zu tingeln und die Geschichte ihrer ermordeten Tochter zu vermarkten. Sie nutzt die Tragödie ihres Lebens als Sprungbrett, während Skyler verloren, verstört und allein von einer Klinik in die nächste geschoben wird. Es gibt eine Szene, in der Skyler einen dieser Auftritte seiner Mutter im Fernsehen sieht. Für mich war das einer der schlimmsten Momente im ganzen Buch. Ich wurde so wütend, dass ich Betsey eine Backpfeife verpassen wollte, die so heftig wäre, dass sich mein flammend roter Handabdruck deutlich auf ihrem Gesicht abzeichnete. Es war eine wahnsinnig intensive Fantasie, weil ich einfach nicht fassen konnte, wie eine Mutter sich so egoistisch verhalten kann und fleißig an ihrer eigenen Karriere feilt, während sie sich eigentlich um ihren traumatisierten Sohn kümmern sollte.

Ich muss diese Rezension an dieser Stelle abbrechen. Es geht einfach nicht mehr. Ich werde schon wieder wütend und so unglaublich traurig. Betsey Rampike ist die widerlichste, abstoßendste literarische Figur, die mir jemals untergekommen ist. Skyler und Bliss… Gott, ich hoffe inständig, das Leben ihrer realen Vorbilder war nicht genauso. Wisst ihr, nach all dem Schmerz, den ich gemeinsam mit Skyler durchlebt habe, dachte ich eigentlich, es könnte nicht mehr schlimmer kommen. Doch am Ende hat mich Joyce Carol Oates noch einmal eiskalt erwischt. Mir war es das Buch über nicht klar. Ich habe es erst am Ende begriffen. Ein Teil von Skyler glaubte all die Jahre, er hätte Bliss getötet.
Wer sich auf „My Sister, My Love“ einlässt, muss sich bewusst sein, dass dieses Buch auf eine Art und Weise emotional und tragisch ist, die die Grenzen der Fiktion überwindet. Es ist nicht kitschig, voyeuristisch oder übertrieben – Joyce Carol Oates zeigt nur, wozu Menschen fähig sind und wie viel Schmerz wir selbst denjenigen zufügen können, die uns am nächsten stehen. Gebrochene Knochen heilen, aber eine zerstörte Psyche erholt sich unter Umständen nie mehr. Skyler, ich weiß, du existierst nicht. Trotzdem wirst du für immer einen Platz in meinem Herzen haben und deswegen möchte ich dir folgendes sagen: du bist wertvoll. Du bist es wert, geliebt zu werden. Was deine Eltern dir angetan haben, war Unrecht.

 

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10. 03. 2015 – Gemeinsam Lesen

Gemeinsam Lesen 2

Hallo ihr Lieben! 😀

Jeden Dienstag lesen wir gemeinsam! Diese wunderbare Aktion wird abwechselnd von Weltenwanderer und Schlunzen-Bücher betreut; die Fragen dieser Woche findet ihr bei Weltenwanderer durch einen Klick aufs Bild. 🙂

1. Welches Buch liest du gerade und auf welcher Seite bist du?

Ich lese gerade „My Sister, My Love“ von Joyce Carol Oates und bin auf Seite 55 von 562.

my sister my love „Little Bliss Rampike is an ice-skating superstar and just six years old when she is found brutally murdered in the furnace room of her affluent New Jersey home. The crime shocks America and sends the media world into frenzy. No one escapes suspicion, and everyone, it seems, is ready with a theory, an accusation – or a false confession. Now Bliss’s older brother Skyler, himself an early suspect, is determined to set the record straight in this raw account of his sister’s short life and horrific death. But can his memories really be trusted? Or is he hiding the truth of what happened to Bliss that night – even from himself?“

2. Wie lautet der erste Satz auf deiner aktuellen Seite?

„It was noted, a few pages back, that my Rampike ancestors had originally lived in the north of England, and belonged to a „radical Calvinist sect“; in fact, my father’s most -sole?- distinguished ancestor was the celebrated/notorious Reverend Joshua Rampike who’d brought his small but fanatically devoted flock of believers („flock“ – sadly, a cliché! – is invariably the most appropriate word for such Calvinist/Christian ancestors of mine) to the newly established settlement at Philadelphia, in 1668; their hope was to escape religious persecution in the unfathomably dreary hills of Humberside, on the North Sea, and to establish a theocracy, under the thunderous leadership of Reverend Rampike, in which they might persecute other Christians.“

3. Was willst du unbedingt zu deinem aktuellen Buch loswerden? (Gedanken dazu, Gefühle, ein Zitat, was immer du willst!)

Ich liebe Joyce Carol Oates. Sie schreibt so wundervoll. Ihre Art, sich in ihre ProtagonistInnen hineinzuversetzen und ihre Gefühls- und Gedankenwelt lebendig werden zu lassen, ist in meinen Augen absolut unerreicht. Ich kenne keine andere Autorin, die so sensibel, einfühlsam und psychologisch realistisch Geschichten entstehen lässt.

„My Sister, My Love“ hat, wie auch schon „Blonde“, einen Bezug zu tatsächlichen Ereignissen und Personen. Vermutlich ist es bei LovelyBooks deswegen unter den historischen Romanen abgelegt, obwohl ich das ja ein wenig übertrieben finde, schließlich spielt es im Jahr 1996. 😉
Vorbild ist der mysteriöse Fall der 6-jährigen JonBenét Ramsey, die 1996 ermordet im Keller ihres Elternhauses aufgefunden wurde. JonBenét war eine klassische Kinder-Schönheitskönigin. Am 26. Dezember fanden ihre Eltern im Treppenhaus einen Erpresserbrief, in dem stand, sie sei entführt worden und in dem ihnen angedroht wurde, das Mädchen werde getötet, sollten sie nicht 118.000$ (seltsame Summe, oder?) zahlen, ohne die Polizei zu rufen. Die Ramseys informierten die Polizei trotzdem; während diese auf den Anruf der Erpresser wartete, durchsuchte die Familie selbst das Haus. John Ramsey, JonBenéts Vater, fand die Leiche seiner Tochter im Keller. Der erwartete Anruf der Erpresser blieb aus.
Im Folgenden begann eine Hetzjagd der Presse gegen die Familie, obwohl es keine Beweise gab, die die Schuld der Eltern belegt hätten. Erst 2008, 12 Jahre nach der Tat, entschuldigte sich die US-Justiz und erklärte den Verdacht gegen die Ramseys als haltlos. Zu diesem Zeitpunkt war JonBenéts Mutter Patsy Ramsey bereits einer Krebserkrankung erlegen und verstorben. Bis heute ist nicht geklärt, wer für den Mord an JonBenét Ramsey verantwortlich war. 2009 wurde die Akte erneut geöffnet.

In „My Sister, My Love“ verarbeitet Joyce Carol Oates die Rolle der Medien in diesem Fall und portraitiert eine Familie, die bereits vor der Tragödie schwerwiegende Probleme hatte. Ich denke, das Buch wird ein ziemlich bewegender Ausflug in eine gestörte Familie. Oates schreibt aus der Perspektive von Bliss‘ älterem Bruder Skyler und bereits jetzt kann ich ihn soweit einschätzen, dass ich sagen kann, dass der arme Junge einige tiefe psychische Narben aus seiner Kindheit davon trug. Aufgrund des Mordes an seiner Schwester, aber auch aufgrund der Strukturen in seiner Familie. Betsey Rampike, Skylers und Bliss‘ Mutter, durfte ich auch schon kennenlernen. Sie ist… also ich würde auf bipolar tippen. Vielleicht hat sie auch „nur“ eine postnatale Depression – irgendetwas ist in ihrer Seele jedenfalls nicht in Ordnung. In den Szenen, die Skyler bisher beschrieben hat, ist er vier Jahre alt. Sie erzählt ihm Dinge, die völlig unangemessen sind und stellt ihm Fragen, auf die er keine Antwort geben kann. Sie behandelt ihn nicht wie ihren 4-jährigen Sohn, sondern wie einen gleichberechtigten Gesprächspartner. Das ist falsch. Er sollte nicht ihr seelischer Mülleimer sein.
Außerdem glaube ich, dass ich ein bisschen brauchen werde, um das Buch abzuschließen. Oates schreibt wundervoll, ist aber nicht ganz einfach zu lesen. Im Falle von „My Sister, My Love“ tritt das besonders zu Tage, weil Skylers Gedanken und Erinnerungen weder linear noch geordnet sind. Er schreibt einfach drauf los, was ihr im Zitat sicher schon festgestellt habt.

4. Welcher Charakter aus deinem aktuellen Buch ist dir am sympathischsten? Was würdest du gerne mit ihm/ihr unternehmen, wenn du ihn/sie treffen könntest?

Puh, schwer zu sagen. Bisher kenne ich ja eigentlich nur Skyler und auch über ihn weiß ich noch nicht viel. Ich kann diese Frage daher eigentlich noch gar nicht beantworten. Wie ich Oates kenne, ist es auch gut möglich, dass ich keinen ihrer Charaktere jemals so sympathisch finde werde, dass ich ihn oder sie treffen wollen würde. Ihre Figuren sind oft facettenreich und ambivalent, sodass es nicht so einfach ist, sich eine Meinung zu ihnen zu bilden. Sie sind wahre Persönlichkeiten, mit einigen guten, aber auch schlechten Eigenschaften.
Anhand dessen, was ich bis jetzt über Skyler weiß, würde ich nichts mit ihm unternehmen wollen. Ich würde wohl versuchen, ein sicheres Umfeld für ihn herzustellen; eine Atmosphäre und Situation, die es ihm ermöglicht, sich zu öffnen. Eine Umgebung, in der ich ihn in den Arm nehmen und ihm sagen könnte, dass er aufhören muss, sich zu bestrafen für das, was Bliss passiert ist. Ob er nun Schuld an ihrem Tod hat oder nicht, irgendwann muss er sich selbst vergeben, will er weiter leben. Wovon ich allerdings (noch) nicht überzeugt bin. Skyler ist ein zutiefst verstörter junger Mann, was könnte ich schon mit ihm unternehmen? Woran hätte er Spaß? In seinem Herz und in seiner Seele herrscht Dunkelheit. Er ist traurig und wütend. Ich würde ihm gern einen schönen Moment schenken, aber ich bezweifle doch sehr stark, dass ihn irgendetwas wahrhaft erreichen würde. Also würde ich nur versuchen, ihm zuzuhören.

Was lest ihr im Moment? Welchen Charakter aus eurer Lektüre würdet ihr gern treffen und was würdet ihr dann unternehmen?

Ich freue mich wie immer sehr auf eure Antworten und Kommentare! 🙂
Alles Liebe,
Elli

 
 

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Arne Dahl – Zorn

„Zorn“

zorn

Originaltitel: “Hela havet stormar”

Reihe: Opcop #2

Autor: Arne Dahl

Format: Taschenbuch

Seitenzahl: 496 Seiten

Verlag: Piper

Sprache: Deutsch

ISBN: 3492053068

Genre: Thriller > Politik

ausgelesen am: 05.01.2015

Bewertung:

Ihr wisst ja bereits, dass ich angefangen habe, die Opcop – Reihe von Arne Dahl zu lesen, weil mein Vater sie mir schmackhaft gemacht hat. Was ihr allerdings noch nicht wisst, ist, dass ich „Gier“ wohl kaum gelesen hätte, hätte er nicht gesagt, dass ich es lesen muss, um „Zorn“ zu verstehen. „Zorn“ ist das Buch, um das es mir eigentlich ging; das Buch, auf das ich neugierig war. Jetzt im Nachhinein weiß ich, dass es absolut richtig war, erst „Gier“ zu lesen. Mein Vater hatte Recht, ich hätte andernfalls niemals verstanden, warum sich das Ermittlungsteam aus genau diesen PolizistInnen zusammensetzt und auch ein paar Aspekte der Handlung wären mir schleierhaft geblieben.

Ein plastischer Chirurg wird erhängt in seiner Wohnung in Belgien aufgefunden. Der Tatort ist nahezu klinisch sauber, alles wirkt normal und nicht, als hätte der gefeierte Arzt unter Depressionen und Alkoholismus gelitten. Ist es möglich, dass es gar kein Selbstmord war, sondern Mord?
In einer Stockholmer Kneipe wird der albanische Waffenhändler Isli Vrapi in einer brutalen Schießerei samt seinen Leibwächtern ermordet. Im Chaos ist erst nicht klar, was genau passiert ist, bis sich herausstellt, dass die Schießerei ein kühl und akribisch geplanter Anschlag war.
Auf Capraia, einer italienischen Gefängnisinsel, stolpert ein deutscher Wanderer über die Leiche eines tschechischen Politikers. Der Kommunist wurde vergiftet und erstochen, zusätzlich wurde ihm ein beträchtliches Stück Fleisch aus dem Oberarm gebissen. Von einem menschlichen Gebiss.
Drei Mordfälle, verteilt über ganz Europa. Nun liegt es an der geheimen operativen Europol-Einheit, herauszufinden, ob und wie sie in Verbindung stehen. Doch diese Aufgabe ist gefährlicher als gedacht, denn schon bald gerät die Opcop-Gruppe selbst ins Fadenkreuz…

Ich werde immer ganz blass, wenn ich realisiere, welche Verbrechen unter der Schirmherrschaft der verschiedensten Regierungen möglich waren und sind. Deportation, Experimente, Folter – alles Dinge, die nicht nur im Faschismus durchgeführt wurden, sondern auch in Systemen, die sich nach außen hin mit schönen Worten schmücken wie Gleichheit, Freiheit und Menschenwürde. Kein politisches oder wirtschaftliches System ist humanistisch, das ist eine Illusion. Erinnere ich mich an „Gier“ und vergleiche es mit „Zorn“, so wird mir bewusst, dass der Kapitalismus ebenso diktatorisch ist wie der Kommunismus und Sozialismus. Nur ist es eine andere Form der Diktatur; weniger physisch, eher abstrakt, eine Diktatur des Geldes. Ich denke, in „Zorn“ geht es um diesen Vergleich. Es geht darum, dass all diese Systeme eines gemeinsam haben: sie gehen über Leichen. Dementsprechend greifen die Handlungen von „Gier“ und „Zorn“ nahtlos ineinander; der zweite Band führt die Ereignisse des ersten weiter und fügt ihnen eine weitere Ebene hinzu. Auf diese Weise konzipierte Arne Dahl erneut einen höchst verzwickten Fall, den ich nicht allein lösen konnte. Wieder musste ich dem Ermittlungsteam vertrauen, durch die bereits entwickelten Sympathien fiel mir das allerdings wirklich leicht. Ich fand es spannend und interessant, dass Dahl den Fokus dieses Mal auf andere Einzelpersonen der Opcop-Gruppe lenkte. Ich hoffe sehr, dass er diese Strategie in den weiteren Bänden beibehält, denn so lernt man die Figuren persönlich und intim genauer kennen. Es sind ja noch einige übrig, über die ich noch nicht so viel weiß, wie ich gern wissen würde.
Davon abgesehen, dass der Fall in „Zorn“ ein anspruchsvolles, aufregendes Rätsel ist, fand ich auch das Setting toll. Das italienische Capraia ist nämlich nicht die einzige Gefängnisinsel, die die LeserInnen in diesem Band besuchen. Mich faszinieren Gefängnisinseln; vermutlich, weil ich mir nicht vorstellen kann, dort leben zu müssen und weil sich so viele Mythen und Legenden darum ranken. Die berühmte Faszination des Grauens. In diesem Zusammenhang möchte ich – ohne zu viel zu verraten – darauf hinweisen, dass es hilfreich ist, wenn man „Der Graf von Monte Christo“ gelesen hat oder zumindest grob über den Inhalt Bescheid weiß, denn diese Geschichte ist ein wiederkehrendes Motiv.

Arne Dahl hält in „Zorn“ das hohe Niveau, das ich in „Gier“ bereits kennenlernen durfte, mühelos aufrecht. Seine Fälle sind wie Irrgärten, in denen es nicht nur einen roten Faden gibt, sondern viele. Wenn ich mir vorstelle, wie Dahl seine Romane schreibt, sehe ich ihn vor einem riesigen Whiteboard stehen, über das dutzende, sich kreuzende Fäden gespannt sind und die ein Spinnennetz ergeben, das nur er völlig überblickt. Ein paar Fäden gehen über den Rand hinaus, für potentielle Verwicklungen und Handlungsstränge in den nächsten Bänden.
Okay, Whiteboard und Fäden sind vielleicht unrealistisch, aber ich denke, im Prinzip liege ich gar nicht so falsch. Dahl ist ein kontrollierter, kreativer Autor, dessen politisches Feingefühl wirklich außergewöhnlich ist. Ganz nebenbei konstruiert er auch noch eine Vielzahl sympathischer Figuren, die seine anspruchsvollen Rätsel lässig vorantreiben. Wer politische Thriller mag, kann mit „Zorn“ gar nicht falsch liegen. Doch gebt Acht, denn in seinem intelligenten Labyrinth zieht nur Arne Dahl selbst die Fäden.

 
2 Kommentare

Verfasst von - Januar 14, 2015 in Politik, Rezension, Thriller

 

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