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Schlagwort-Archive: Kurzgeschichte

Kevin Hearne, Delilah S. Dawson & Chuck Wendig – Three Slices

Vor mittlerweile fast genau sechs Jahren war ich an einem Abend im April bei einer Lesung des Autors Kevin Hearne. Hearne ist vor allem für seine Urban Fantasy – Reihe „The Iron Druid Chronicles“ um den gewitzten Druiden Atticus O’Sullivan bekannt. Die Lesung sollte den damals aktuellen siebten Band „Shattered“ vorstellen, da sich jedoch herausstellte, dass niemand im Publikum bereits so weit gelesen hatte (mich eingeschlossen) und auf Deutsch auch erst drei Bände erschienen waren, warf Hearne das ursprüngliche Programm kurzerhand über den Haufen und lud stattdessen zu einer Frage-Antwort-Runde ein. Es wurde ein unterhaltsamer, fröhlicher und äußerst informativer Abend. Hearne plauderte bereitwillig und offen aus dem Nähkästchen und bewies, dass ihn sein ehemaliger Beruf als Lehrer hervorragend darauf vorbereitet hatte, in den direkten Kontakt mit seinen Fans zu treten.

Abgesehen davon, dass er einige verheißungsvolle Andeutungen bezüglich „Shattered“ einfließen ließ, berichtete er, dass er kurz zuvor sein erstes Projekt im Selfpublishing veröffentlicht hatte: Eine schmale Kurzgeschichten-Anthologie namens „Three Slices“. Hearne erklärte, dass ihm das Mitspracherecht, das ihm sein großer Verlag Del Rey über die Hauptreihe der „Iron Druid Chronicles“ zugestand, nicht ausreichte. Durch das Selfpublishing konnte er erstmals alles selbst entscheiden und umging die Entscheidungsträger_innen seines Verlages, die sich möglicherweise nicht bereit erklärt hätten, seine Kurzgeschichte „A Prelude to War“ zu veröffentlichen. Diese schrieb er nämlich nicht, weil er das Gefühl hatte, die „Iron Druid Chronicles“ bräuchten unbedingt eine Ergänzung zwischen dem siebten Band „Shattered“ und dem achten Band „Staked“, sondern weil er über ein skurriles Thema gestolpert war und nicht widerstehen konnte, dieses literarisch zu verarbeiten: Tyromantie.

Tyromantie ist Wahrsagerei mit Käse. Ja, ganz genau. Käse. Ich kann verstehen, dass ihn diese abgedrehte Praxis faszinierte. Sie reizte ihn so sehr, dass er zwei seiner Kolleg_innen fragte, ob sie nicht ebenfalls Geschichten schreiben wollten, in der Tyromantie eine Rolle spielt: Delilah S. Dawson, die für ihre „Blud“-Reihe bekannt ist, und Chuck Wendig, aus dessen Feder die „Miriam Black“-Reihe stammt. Alle drei steuerten für „Three Slices“ jeweils eine Kurzgeschichte bei, die in ihren bestehenden Universen stattfindet und in der die Zukunft mithilfe von Käse vorausgesagt wird: „A Prelude to War“ von Hearne, „Not my circus, not my monkeys” von Dawson und „Interlude: Swallow“ von Wendig.

Ich habe „Three Slices“ eigentlich nur notgedrungen gelesen. Obwohl ich vor sechs Jahren schwor, dass ich mir die Anthologie zulegen würde, war ich in der Zwischenzeit von diesem Vorhaben abgerückt, weil sie mich einfach nicht genug interessierte – den Fokus der Tyromantie hatte ich wohl vergessen. Doch als ich den achten Band der „Iron Druid Chronicles“, „Staked“, aufschlug, stand in der Einleitung, dass die Lektüre von „A Prelude to War“ notwendig sei, um zu verstehen, wieso „Staked“ nicht dort begann, wo „Shattered“ endete. Ich stöhnte auf und gab mich geschlagen. Dann würde ich die Anthologie eben lesen.

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Verfasst von - 23. März 2021 in Fantasy, Rezension, Urban Fantasy

 

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[Robert E. Howard & Conan der Barbar] Fazit

Es ist vollbracht. Mein Blogprojekt „Robert E. Howard & Conan der Barbar“ ist abgeschlossen. Acht Wochen. 22 Beiträge (diesen eingeschlossen). Ich kann es noch gar nicht fassen. Für euch ist dieses Finale wahrscheinlich weniger spektakulär als für mich, aber ihr befindet euch ja auch in der vorteilhaften Position, lediglich die Früchte meiner Arbeit zu sehen. 😉 Ich habe monatelang geschuftet und all meine Leidenschaft für Literatur, Fantasy und Robert E. Howard in diese Beitragsreihe gesteckt. Verzeiht mir, dass ich mich jetzt, am Ende, ein wenig sentimental fühle.

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[Robert E. Howard & Conan der Barbar] Kapitel 6 – Leseanleitung: Wie man Conan liest – Chronologien

Ordnung in Robert E. Howards Geschichten zu bringen und besonders Conan in einer schlüssigen Chronologie zu organisieren, ist aus verschiedenen Gründen fordernd und kompliziert. Aspekte wie Reihenfolge oder Kohärenz hatten für Robert als Pulp-Autor keine Priorität, weil er wahrscheinlich gar nicht damit rechnete, dass irgendjemand versuchen könnte, seine Conan-Erzählungen zusammenhängend am Stück zu lesen. Pulp Magazine erschienen meist monatlich oder mit größeren Zeitabständen und veröffentlichten ausschließlich abgeschlossene Geschichten. Jede Ausgabe bot den Leser_innen neue literarische Abenteuer, die vielleicht wiederkehrende Figuren enthielten, grundsätzlich aber selten intensive Verbindungen zu früheren Publikationen herstellten. Daher konnte sich Robert vermutlich nicht vorstellen, dass seine Beiträge eines Tages, lange nach dem qualvollen Tod des Pulp Marktes, zusammengetragen und gebündelt veröffentlicht werden würden und gab sich keine Mühe, eine offensichtliche Chronologie einzuarbeiten.

Außerdem muss sein schriftstellerisches Konzept für Conan in Betracht gezogen werden. Er hatte gar nicht vor, Conan eine abgeschlossene, lückenlose Biografie auf den Leib zu schneidern. Für ihn gab es im Werdegang des Cimmeriers lediglich drei feste, nicht verhandelbare Säulen, die er in den ersten drei Geschichten „The Phoenix on the Sword“, „The Frost-Giant’s Daughter“ und „The God in the Bowl“ definierte: Conan sollte gegen Ende seines Lebens König von Aquilonia sein, er sollte bereits sehr früh in seiner Karriere mit dem Übernatürlichen in Kontakt treten und er sollte als Barbar von dem Moment an, da er mit ihr konfrontiert wurde, in permanentem Konflikt mit der angeblichen Zivilisation stehen. Alle Stationen, die Conan zwischen diesen Stützpfeilern absolviert, waren Roberts persönliche schriftstellerische Spielwiese. Durch den Verzicht auf eine konkret umrissene Biografie gestattete er sich selbst maximalen Freiraum und konnte sich nach Lust und Laune Abenteuer einfallen lassen, da er nicht gezwungen war, zeitliche oder geografische Logik herzustellen. Die Schlüsselphrase lautet „Irgendwann in seinem Leben“. Conan konnte als Söldner, Dieb, Pirat, Rebellenführer, Soldat und König quer durch das hyborische Zeitalter ziehen, weil Robert nur andeutungsweise festlegte, wann er wo welche Position einnahm. Er war in der Lage, ihm jede Rolle zuzuschreiben, weil niemand beweisen kann, dass Conan aufgrund temporärer oder räumlicher Beschränkungen keine Gelegenheit hätte, eine oder mehrere davon zu erfüllen. Selbst wenn er ihn als Koch, Henker oder Schmied hätte inszenieren wollen, wäre das prinzipiell möglich gewesen.

Meiner Meinung nach war diese Unverbindlichkeit ein brillanter Schachzug, der die Darstellung von Conan als fleischgewordenem Mythos optimal unterstützt. Lesen wir heute über legendäre Figuren der Historie, akzeptieren wir vorbehaltlos, dass unter Umständen nicht alle Fakten überliefert oder belegt sind und einige ziemlich fantastisch anmuten. Wir können zum Beispiel anhand weniger, unbewiesener Anekdoten nur vermuten, wie Alexander der Große seine Jugend verbrachte. Conan ist mit derselben Einstellung zu behandeln. Roberts Geschichten sollten mündlichen Überlieferungen ähneln, die weder einen Anspruch auf Vollständigkeit noch auf inhaltlichen Wahrheitsgehalt erhoben. Kämpfte Conan tatsächlich gegen einen Affenmenschen? Wer weiß. War er vor seiner Eroberung des Throns von Aquilonia zuletzt als Söldner unterwegs? Vielleicht. Die Unkenntnis der genauen Abläufe unterstreicht seinen mythischen Status und ich bin mir absolut sicher, dass Robert das beabsichtigte. Es ist bezeichnend, dass beispielsweise keine Geschichten existieren, die beschreiben, wie und wann Conan König wurde oder er seine Diebeslaufbahn einschlug.

Es muss Robert amüsiert haben, als Conan-Fans begonnen, den Lebensweg des Barbaren anhand der spärlichen Hinweise in seinen Geschichten nachzuzeichnen. Den Anfang dieser Bemühungen erlebte er nämlich noch mit; der erste Vorschlag für eine Chronologie wurde bereits 1936 von den beiden Science-Fiction-Autoren P. Schuyler Miller und John D. Clark in dem Essay „A Probable Outline of Conan’s Career“ vorgelegt, die ihn Robert vor seinem Tod zur Korrektur schickten. Nachdem sich Conan als Franchise etablierte und über die Jahrzehnte immer mehr Erweiterungen der Saga erschienen (unter anderem natürlich von L. Sprague de Camp), wurde die Chronologie zunehmend kompliziert, weil auch andere Schriftsteller_innen den gewaltigen inhaltlichen Spielraum seiner diffusen Biografie für sich nutzten, um ihre eigenen Adaptionen zu ergänzen. Soweit ich weiß, hielten sich alle an die grundlegenden Eckpunkte seines Lebens und Charakters – beispielsweise hat wohl nie jemand versucht, aus Conan einen Koch zu machen – aber innerhalb dieses Rahmens schrieben sie zahlreiche Abenteuer. Daraus ergab sich die Notwendigkeit, zumindest die wichtigsten und populärsten Neuveröffentlichungen in die Chronologie zu integrieren, was wiederum zu einer Revision der Version von Schuyler Miller und Clark sowie zu gänzlich neuen Vorschlägen führte. Bis heute gibt es allerdings keine Chronologie, die jede einzelne Conan-Geschichte (Original und Franchise) sinnvoll berücksichtigt.

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[Robert E. Howard & Conan der Barbar] Kapitel 6 – Leseanleitung: Wie man Conan liest – Ausgaben

Ab heute möchte ich euch beibringen, wie ihr Conan lesen könnt. Da durchschnittliche Leser_innen mit diversen Komplikationen konfrontiert werden, wenn sie planen, ihre Bibliotheken mit Robert E. Howards Geschichten über den Cimmerier zu erweitern, möchte ich all mein erworbenes Wissen einsetzen, um euch diese Aufgabe zu erleichtern. Meine Leseanleitung ist garantiert nicht die einzig wahre Herangehensweise an den berühmten Barbaren und ich versuche gar nicht erst, diesen Anspruch zu erfüllen. Vielmehr ist sie ein unverbindlicher Wegweiser, der euch mit Tipps und Ratschlägen dabei unterstützen soll, eure Annäherung an Conan so sinnvoll und logisch wie möglich zu gestalten. Ihr könnt einen Teil meiner Vorschläge nutzen, ihr könnt alle befolgen oder auch keinen. Das ist ganz euch überlassen. Dieser Beitrag ist lediglich ein Referenzdokument, auf das ihr zurückgreifen könnt, solltet ihr Hilfe benötigen.

Die Anleitung teilt sich in zwei Abschnitte. Im heutigen ersten schildere ich die aktuelle Situation auf dem Buchmarkt und schlage euch Ausgaben drei verschiedener Verlage vor, mit denen euer Einstieg in Conans hyborisches Zeitalter meiner Meinung nach glücken kann. Im morgigen zweiten Abschnitt behandeln wir eine Auswahl an Chronologien, die seit Ende der 1930er Jahren vorgelegt wurden und an denen man sich bei der Lektüre von Conan orientieren kann. Wieso das wichtig ist, haben wir in den vorangegangenen Beiträgen bereits angerissen – jetzt sprechen wir ausführlich darüber.
Mein Anliegen ist, dass ihr am Ende der Leseanleitung, die darüber hinaus den lang herbeigesehnten Schlussakkord dieses umfangreichen Blogprojekts darstellt, bestens gewappnet seid, um Conan selbst kennenzulernen. Ich hoffe, ich kann euch um einiges schlauer und aufgeklärter in die Welt entlassen. Seid ihr bereit? Dann auf zum letzten Akt.

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Robert E. Howard – The Conan Chronicles

Heute werde ich berichten, wie die Conan-Geschichten von Robert E. Howard auf mich wirkten und wie sie mir gefielen. Diese Rezension unterscheidet sich von meinen üblichen Buchbesprechungen, weil ich beschlossen habe, theoretische Hintergründe komplett auszuklammern. Es ist einfach nicht nötig, auf diese Aspekte einzugehen, weil die Rezension im Rahmen meines umfangreichen Blogprojekts zu dem vermutlich berühmtesten Barbaren der Kulturgeschichte und dessen Schöpfer erscheint. Wer sie „in Echtzeit“ am Veröffentlichungstag liest, dürfte demzufolge bereits über ein recht detailliertes Bild dieses Themenkomplexes verfügen. Wer hingegen später darüber stolpert, sollte zumindest das Kapitel „Conan: Der texanische Barbar“ lesen, um eine kontextuelle Einordnung zu erhalten, denn diese werde ich heute nicht vornehmen. Heute werde ich mein Herz sprechen lassen und meinen Kopf ausschalten – oder es zumindest versuchen.

Bevor ich mein Herz befrage, was es von Conan hielt, möchte ich allerdings ein paar Sätze zu meinen Ausgaben verlieren, denn wie wir in den späteren Beiträgen des Blogprojekts lernen werden, ist es keineswegs unerheblich, welche Versionen der Geschichten man liest. Sorgt euch nicht, falls ihr mit diesen Informationen jetzt noch nicht allzu viel anfangen könnt; ich verspreche euch, spätestens nach dem Kapitel zu Roberts Vermächtnis, das nächste Woche online gehen wird, ergeben sie Sinn.
Derzeit besitze ich „The Conan Chronicles“ als Doppelausgabe des britischen Verlags Gollancz. Der erste Band „The Conan Chronicles“ erschien 2008 im Rahmen ihrer „Ultimate Fantasies“- Reihe, der zweite Band „The Hour of the Dragon“ 2001 im Rahmen ihrer „Fantasy Masterworks“-Reihe. Enthalten sind alle 21 Geschichten, fünf Fragmente, das Gedicht „Cimmeria“, die Essays „The Hyborian Age“ und „Notes on Various Peoples of the Hyborian Age“ sowie eine Karte des hyborischen Zeitalters. Anhand der Urheberrechtsverzeichnisse in beiden Bänden gehe ich davon aus, dass ich Roberts Originaltexte ohne Überarbeitungen und Ergänzungen von L. Sprague de Camp gelesen habe.

So, Theorie beiseite, Vorhang auf für Conan.

Das hyborische Zeitalter war vom Geräusch singender Schwerter untermalt. Es war eine Epoche der Gewalt und des Blutvergießens, der Kriege, Aufstände, wilder Magie und mythischer Kreaturen. Doch ein Mann fürchtete weder Mensch noch Bestie. Ein Mann, geboren auf den gnadenlosen Schlachtfeldern Cimmerias, dem ein außergewöhnliches Schicksal bestimmt war. Er war ein Barbar, groß und stark wie ein Löwe. Seine Feinde erzitterten vor dem Klang seiner Stimme und der Schärfe seiner Waffen. In seinen blauen Augen brannten Abenteuerlust, Ehrgeiz und Heldenmut. Er bereiste die ganze Welt, war ein Dieb, ein Soldat, ein Pirat, ein Söldner, ein König und beuge sein Knie vor niemandem. Noch heute erzählt man von seinen Taten. Noch heute erinnert man sich an seinen Namen, der erst zum Mythos und dann zur Legende wurde: Conan.

Es war amüsant, nach so langer Zeit meine Notizen zu meiner zweibändigen Sammlung aller originalen Conan-Geschichten zu konsultieren. Ihr müsst verstehen, dass ich den ersten Band „The Conan Chronicles“ vor beinahe zwei Jahren gelesen habe, den zweiten Band „The Hour of the Dragon“ vor etwa anderthalb Jahren. Oh ja, so lange geht das schon mit mir und Conan. Ich ahnte bereits nach der Lektüre des ersten Bandes und einer kurzen Recherche zum Autor, dass eine normale Rezension nicht ausreichen würde, um allen Aspekten des Fantasy-Klassikers gerecht zu werden. Dennoch verfasste ich meine Notizen wie sonst auch, weil ich damals noch nicht wusste, wie genau ich die Besprechung und alle zusätzlichen Informationen organisieren wollte. Das heißt, ich habe Conan bewertet lange bevor ich mir all das Hintergrundwissen aneignete, durch das wir uns nun gemeinsam in diesem Blogprojekt arbeiten. Rückblickend finde ich es sehr unterhaltsam, welche Richtung meine Gedanken einschlugen, was mir auffiel, was ich bemängelte und was ich mochte.

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[Robert E. Howard & Conan der Barbar] Kapitel 4 – Conan: Der texanische Barbar (Teil 3)

Hallo und herzlich Willkommen zu einem weiteren Tag in meinem Blogprojekt „Robert E. Howard & Conan der Barbar“. Heute schließen wir die theoretische Analyse der Conan-Geschichten ab. Gestern haben wir erfahren, dass Robert nach 12 Erzählungen eine Auszeit von Conan nahm und etwa sechs Monate später mit „The Devil in Iron“ wieder einstieg. Während dieses Abenteuer eher durchschnittlich ist, zeigte er mit der folgenden Geschichte „The People of the Black Circle“ abermals, dass er ein Meister der Action war…

Weird Tales Ausgabe vom September 1934, in der „The People of the Black Circle“ das Coverfeature war, illustriert von Margaret Brundage, als gemeinfrei gekennzeichnet, Details auf Wikimedia Commons

„The People of the Black Circle“ war die erste Conan-Novelle und bietet eine komplexe, intelligente Handlung voller Action, Schwertkämpfe und auf Hypnose basierender Magie. Ich erinnere mich an einige epische Szenen. Conan, der zu einer Besprechung durch ein hochgelegenes Fenster erscheint, wutschnaubend und eindrucksvoll. Verfolgungsjagden zu Pferd. Eine sensationelle Belagerungsschlacht vor einem Berg. Wilde, gefährliche Magie. Robert E. Howard konzipierte „The People of the Black Circle“ sehr anschaulich und greifbar; er zeigt seinen Leser_innen, was passiert, statt sie darüber in Dialogen aufzuklären, wie er es zuvor oft tat. Dieser Unterschied ist spürbar und gestaltet die Lektüre rasant und nervenaufreibend. Die wichtigste Figur neben Conan ist Prinzessin Yasmina, die Schwester des Königs von Vendhya, der von den Hexern des Schwarzen Zirkels tödlich verflucht wurde. Yasmina schwört Rache und plant, Conan als ihr Werkzeug einzusetzen. Sie bietet ihm an, seine inhaftierten Männer freizulassen, wenn er dafür den Schwarzen Zirkel unschädlich macht. Wie zu erwarten war, ist Conan von diesem Erpressungsversuch nicht begeistert und entführt Yasmina kurzentschlossen durch das oben erwähnte Fenster (noch so eine epische Szene), um ebenfalls über ein Druckmittel zu verfügen. Die Entführung läuft allerdings nicht ganz wie angenommen, denn Yasmina ist alles andere als eine furchtsame, devote Maid. Sie gibt Conan Kontra, zankt mit ihm und als sie sich letztendlich zusammenraufen, weil sich ihre Interessen dann doch überschneiden, findet er in ihr eine kluge, unabhängige, einfallsreiche Frau, die mit allen Wassern gewaschen ist.

Zum zweiten Mal nach Bêlit versuchte Robert, eine weibliche Figur zu integrieren, deren Persönlichkeit nicht dem typischen Fräulein in Nöten entspricht. Obwohl Yasmina diese Rolle rein strukturell durchaus erfüllt, ist sie kein Opfer, sondern nimmt aktiv Einfluss auf die Handlung. Auch verfällt sie Conan nicht blindlings, wie so viele ihrer Vorgängerinnen. Sie fühlen sich zueinander hingezogen, aber Yasmina behält ihren gesunden Menschenverstand und vergisst niemals ihre Verantwortung gegenüber ihrem Heimatland. Sie ist eine Weiterentwicklung von Bêlit und hätte für Conan eventuell eine wunderbare Partnerin sein können, stünden sie nicht auf gegensätzlichen politischen Seiten. Es ist möglich, dass die Begegnung mit Novalyne Price 1933 Robert zu Yasminas Entwurf inspirierte, ich halte das jedoch für eher unwahrscheinlich, weil Robert meiner Ansicht nach erst spät mit aller Konsequenz aufging, dass Novalyne eine Frau und somit mögliche Partnerin war. Mark Finn konstatiert, dass es ebenso möglich ist, dass er die Nase voll vom Figurentyp des Fräuleins in Nöten hatte, denn er mochte die melodramatischen Romanzen in Westernfilmen nie und beschwerte sich in seiner Korrespondenz offen über die Rolle weiblicher Figuren in Seabury Quinns „Jules de Grandin“ – Geschichten. Diese Erklärung erscheint mir plausibler, weil Novalyne Price erst im Herbst 1934 nach Cross Plains zog und es – soweit ich weiß – nach ihrem ersten Treffen bis dahin keinen Kontakt zwischen ihr und Robert gab. Man sollte Novalynes Einfluss nicht überschätzen; Robert hatte durchaus auch ein eigenes Interesse an starken weiblichen Charakteren.

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[Robert E. Howard & Conan der Barbar] Kapitel 4 – Conan: Der texanische Barbar (Teil 2)

Hallo und herzlich Willkommen zu einem weiteren Tag in meinem Blogprojekt „Robert E. Howard & Conan der Barbar“. Gestern wurden wir Zeug_innen von Conans Geburt und haben erfahren, dass Roberts Behauptung, der Barbar hätte seine Fantasie voll ausschattiert betreten, definitiv geflunkert war. Heute finden wir heraus, wie Conan Weird Tales eroberte, obwohl Farnsworth Wright zuerst nicht allzu begeistert von ihm war…

Antwortschreiben von Farnsworth Wright mit der Ablehnung von „The Frost-Giant’s Daughter“ und den Änderungswünschen an „The Phoenix on the Sword“, als gemeinfrei gekennzeichnet, Details auf Wikimedia Commons

Als Robert E. Howard im Sommer 1932 seine ersten drei Conan-Geschichten an Weird Tales schickte, lehnte Herausgeber Farnsworth Wright „The Frost-Giant’s Daughter“ und „The God in the Bowl“ rundheraus ab. An „The Phoenix on the Sword“ verlangte er Änderungen, war aber grundsätzlich bereit, sie zu veröffentlichen. Nun, die Kundschaft ist König, also kam Robert Wrights Wünschen nach, statt auf seiner originalen Version zu bestehen. Das Positive an dieser Überarbeitung war, dass er nun bereits „The Hyborian Age“ konsultieren und einen Teil des darin enthaltenen Hintergrundwissens in „The Phoenix on the Sword“ aufnehmen konnte. Soweit ich es verstanden habe, integrierte er während dieser Überarbeitung auch den mittlerweile als ikonisch betrachteten Auszug aus den fiktiven „Nemedian Chronicles“ als Vorwort, in dem er seinen Leser_innen einen ersten Ausblick darauf gewährte, welchen epischen Helden sie kennenlernen würden:

„Hither came Conan, the Cimmerian, black-haired, sullen-eyed, sword in hand, a thief, a reaver, a slayer, with gigantic melancholies and gigantic mirth, to tread the jeweled thrones of the Earth under his sandaled feet.“

(„Hierher kam Conan, der Cimmerier, schwarzhaarig, mit mürrischen Augen, Schwert in der Hand, ein Dieb, ein Plünderer, ein Mörder, mit gigantischer Melancholie und gigantischer Fröhlichkeit, um die juwelenbesetzten Throne der Erde mit seinen in Sandalen gehüllte Füßen zu betreten.“)

(Howard, Robert E.: The Conan Chronicles Volume 2: The Hour of the Dragon. London: Gollancz, 2001. Seite 295)

Die Änderungen zahlten sich aus, Wright akzeptierte und veröffentlichte „The Phoenix on the Sword“ im Dezember 1932.

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[Robert E. Howard & Conan der Barbar] Kapitel 4 – Conan: Der texanische Barbar (Teil 1)

Der große Tag ist gekommen. Wir haben uns endlich zum Herz dieser Beitragsreihe vorgearbeitet. Ab heute beschäftigen wir uns mit Conan, Robert E. Howards berühmtester Schöpfung. Seinetwegen lernte ich Robert E. Howard kennen. Die Kurzgeschichten um den wehrhaften, legendären Cimmerier werden heute von so vielen Autor_innen als Inspiration und Einfluss angegeben, dass ich einfach wissen wollte, wie das bitte mit meinem damaligen Bild von Arnold Schwarzenegger im Lendenschurz zusammenpasste. Ich habe gelernt, dass es überhaupt nicht zusammenpasst. Diese Erkenntnis ist der Grund, warum es diese äußerst umfangreiche Beitragsreihe gibt.

Conan der Cimmerier – oder Conan der Barbar, ein Titel, den er Weird Tales – Herausgeber Farnsworth Wright verdankt – ist eine literarische Figur, die in den beinahe 90 Jahren seit ihrer Entstehung in einem Ausmaß das Opfer popkultureller Verklärung wurde, das kaum vorstellbar und vergleichbar ist. Fragt man heute jemanden nach Conan, erinnert sich diese Person höchstwahrscheinlich an den jungen, aufstrebenden Schauspieler und Bodybuilder aus Österreich, dessen damals stark akzentuiertes Englisch dank der wenigen Dialoge im Film „Conan der Barbar“ von 1982 kein Hindernis war. Alternativ erinnert sie sich vielleicht an Comics, Cartoons und Spiele (Brettspiele, Rollenspiele, Computerspiele) oder an die Neuverfilmung von 2011 mit Jason Momoa in der berühmten Hauptrolle. Kaum jemand weiß, dass Conan ein Star der Pulp – Literatur der 1930er Jahre war und der kreative Texaner, der gerade einmal 30 Jahre alt wurde, ist als sein Schöpfer beinahe ganz in Vergessenheit geraten. Ich betrachte es als meine Aufgabe, dieser ungerechten Entwicklung entgegenzuwirken. Gerade weil Conan immensen Einfluss auf das popkulturelle Bild des Barbaren und auf zahlreiche Autor_innen hat, verdient Robert E. Howard die Anerkennung, die sich daraus ergibt. Darum habe ich dieses Projekt auf die Beine gestellt. Ehre, wem Ehre gebührt.

In diesem Kapitel zu Conan werden wir uns mit mehreren Unterpunkten auseinandersetzen. Wir werden uns einen Überblick über seine Entstehung und Veröffentlichungsgeschichte verschaffen und einige Kurzgeschichten auseinandernehmen, um zu erörtern, wie Robert E. Howard die Themen, die ihn stets beschäftigten, im Kontext dieser Fantasy-Reihe verarbeitete. Danach werde ich von meinen persönlichen Erfahrungen mit Conan im Rahmen einer Rezension zu den beiden Sammelbänden, die ich gelesen habe, berichten. Im nächsten Kapitel werden wir uns Robert E. Howards Vermächtnis ansehen, in dem Conan eine Sonderrolle einnimmt. Abschließend werde ich euch mit einer Conan-Leseanleitung hoffentlich klüger in die Welt entlassen. So sieht der weitere Fahrplan dieser langen Reise aus; ich hoffe, ihr habt Lust und seid gewappnet, tief in die Dimension des berühmtesten Barbaren der Literaturgeschichte einzutauchen.

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[Robert E. Howard & Conan der Barbar] Kapitel 3 – Mythenschmiede nach Texas-Art (Teil 5)

Hallo und herzlich Willkommen zu einem weiteren Tag in meinem Blogprojekt „Robert E. Howard & Conan der Barbar“. Heute schließen wir das Kapitel zu Roberts Literatur außer Conan ab. Wir werden noch eine Figur kennenlernen, die der Schriftsteller zwar erst spät in seinem Leben entwickelte, die meiner Meinung nach aber seine persönlichste Schöpfung war.

1932 trocknete Roberts Markt für Box-Geschichten mit der (vorübergehenden) Einstellung von Fight Stories fast komplett ein. Trotz dieses Rückschlags hielt der Seemann Steve Costigan zwei wichtige Lektionen für ihn bereit. Erstens: Das Schreiben lustiger Erzählungen in der Tradition der Tall Tales fiel Robert leicht. Zweitens: Er konnte sie an das Pulp Action Stories verkaufen, in dem der boxende Seemann einige Gastspiele verbracht hatte. Nachdem Steve Costigan mehr oder weniger die Segel streichen musste, wurde Robert klar, dass er Action Stories als Kunden behalten konnte, indem er lediglich das Genre änderte. So wurden aus witzigen Box-Geschichten witzige Western.

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[Robert E. Howard & Conan der Barbar] Kapitel 3 – Mythenschmiede nach Texas-Art (Teil 4)

Hallo und herzlich Willkommen zu einem weiteren Tag in meinem Blogprojekt „Robert E. Howard & Conan der Barbar“. Letzte Woche haben wir bereits ein recht breites Spektrum von Roberts Fiktion abgedeckt. Heute müssten wir eigentlich mit Conan starten. Robert E. Howard entwickelte seine Figur 1932 und schrieb die ersten drei Geschichten um den eindrucksvollen Cimmerier. Doch da Conan das Herzstück dieses Projekts ist und eine gesonderte Analyse erhält, gönnen wir uns den Luxus, seine Existenz vorerst zu ignorieren und komplett zu überspringen. Stattdessen möchte ich euch heute zu Beginn eine andere Figur vorstellen, die Robert ebenfalls etwa 1932 entwarf und für deren Schicksal er sich im hyborischen Zeitalter bediente, die fiktive, sagenumwobene Epoche, in der Conan seine Abenteuer erlebt.

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