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Montagsfrage: Diversität – gelungen oder misslungen?

Hallo ihr Lieben! 🙂

Ich habe eins der coolsten Geburtstagsgeschenke ever bekommen! Ich habe ja am Sonntag genullt (30), kann nun nicht mehr leugnen, erwachsen zu sein und weil erwachsene Menschen anspruchsvolle Literatur konsumieren (*hüstel*), dachten sich meine Eltern wohl, sie unterstützen meinen Ehrgeiz und schenken mir etwas, das mich motiviert, Klassiker zu lesen. Ich bin jetzt stolze Besitzerin eines Rubbel-Posters der 99 Bücher, die man gelesen haben muss. Das ist richtig toll, auf dem Poster sind 99 moderne und historische Klassiker abgebildet. Aber die Cover sind großteils versteckt, wie bei einem Rubbellos. Nur Titel und Autor sind sichtbar. Wenn man eins der Bücher gelesen hat, darf man das Cover freirubbeln und kann so wunderbar visuell dokumentieren, welche Fortschritte man macht. Ich war überrascht, dass ich bereits 19 der 99 Bücher gelesen habe. Ich dachte, es wären weniger. Jedenfalls finde ich das total super und freue mich riesig darüber. Da sag mal noch einer, man könne Bücherwürmern ja ohnehin nichts schenken außer Büchern. 😉
Zum Start in mein neues Lebensjahr und die neue Woche widme ich mich nun hochmotiviert der (späten) Montagsfrage von Antonia von Lauter&Leise!

Pride Month Edition: Wie geht Representation (nicht)?

Selbst ich als stinklangweilige Hete habe mitbekommen, dass im Juni Pride Month ist. Persönlich betrifft mich das natürlich nur am Rande, aber ich fühle solidarisch mit allen Menschen, die in der Gesellschaft global ausgegrenzt, diskriminiert und verfolgt werden, weil sie nicht der Heteronormativität entsprechen. Das ist Unrecht und deshalb lasse ich mich auch gern auf dem Berliner Christopher Street Day blicken: um zu zeigen, dass soziale Gerechtigkeit keine Sache von Minderheiten ist, sondern uns alle angeht. Ich freue mich daher sehr über die heutige Frage, obwohl ich, um sie zu beantworten, der später erscheinenden Dienstags-Rezension vorgreifen muss. Denn wenn jemand meiner Meinung nach begriffen hat, wie Repräsentation literarisch funktioniert, ist es Alex Marshall.

Alex Marshall heißt eigentlich Jesse Bullington und ist der Autor der epischen Fantasy-Trilogie „The Crimson Empire“, deren erster Band auf Deutsch als „Blut aus Silber“ erschienen ist. Ich habe alle drei Bände gelesen, die ausstehende Rezension für Dienstag bespricht den letzten Band „A War in Crimson Embers“. Daher habe ich auch ausführlich zum Autor recherchiert, wie es eben meine Art ist. Jesse Bullington ist heterosexuell, weiß und männlich. Normalerweise interessiert mich das selten (und wenn, dann leider eher aus negativen Gründen), aber in diesem Kontext ist es bemerkenswert, weil er mit seiner Trilogie das erklärte Ziel verfolgte, die Vielfältigkeit unserer Realität abzubilden, ohne Diskriminierung und Intoleranz zu reproduzieren. Ganz gelang ihm das nicht, weil ein Volk seines Univerums, des Sterns, durchaus unter Rassismus leidet, doch sexualisierte Gewalt, Homophobie, Transphobie und Frauenfeindlichkeit sucht man dort vergebens. Die meisten Führungspositionen sind von Frauen besetzt, die vorherrschende sexuelle Orientierung ist Bisexualität und Transsexualität ist so natürlich integriert, dass mir bei einer Figur erst sehr spät aufging, dass sich Geschlecht und Gender unterscheiden. Ich finde es großartig, dass Marshall bewusst entschied, die gender- und geschlechtbasierten Konflikte der Wirklichkeit auszuklammern und zu beweisen, dass er dennoch eine spannende Geschichte erzählen kann.

Es gab jedoch Stimmen, die das anders sahen. Ich habe Rezensionen von Leser_innen gelesen, die Marshall vorwarfen, sein Universum sei „nicht wirklich“ gleichberechtigt. Diese bemängelten, es reiche nicht, Frauen als Anführerinnen zu inszenieren, während die Männer nicht allzu gut wegkommen und alle Figuren bisexuell und promiskuitiv zu machen. Ich habe mir sehr lange den Kopf über diese Aussagen zerbrochen, mich daran abgearbeitet und analysiert, was das Zeug hält, weil ich herausfinden wollte, was mich daran störte. Ich finde nicht, dass Männer in „The Crimson Empire“ als Witzfiguren herhalten müssen. Okay, sie führen ausnahmsweise mal weder Königreich noch Armee, aber wen juckt das? Als Teufels Advokat möchte ich daran erinnern, dass kein Hahn danach gekräht hätte, wäre das traditionell patriarchalische System der Fantasy mal wieder bestätigt worden. Ich habe außerdem bereits erwähnt, dass ich Bisexualität für die vorherrschende sexuelle Orientierung des Sterns halte. Ich hatte nicht das Gefühl, dass Marshall strategisch platzierten Figuren ein Interesse für beide Geschlechter auf den Leib schusterte. Die sexuelle Offenheit des Sterns ist meiner Ansicht nach eine Konsequenz der beneidenswerten Toleranz dieses Universums. Wo sich niemand verstecken muss, tut es auch keiner. Logisch.

Im Endeffekt kam ich allerdings zu dem Schluss, dass all diese Argumente nur um den Kern des Themas kreisen. Die Frage, ob der Stern gleichberechtigt „genug“ ist, beantwortet sich nicht dadurch, wer wen liebt und welche Rolle erfüllt. Gelungene literarische Diversität und Gleichberechtigung hängen nicht primär davon ab, ob Figuren auftauchen, die schwul, lesbisch, trans, polyamor oder was auch immer sind, sondern von ihrer dynamischen Interaktion mit der Welt, in der sie leben. Beispielsweise ist Homophobie in einem Buch für mich nur dann akzeptabel, wenn diese eindeutig und fundiert kritisiert wird. Der Stern ist meiner Meinung nach nicht nur deshalb gleichberechtigt und divers, weil eine Vielfalt von Lebensentwürfen abgebildet wird, sondern hauptsächlich, weil diese dort niemanden auch nur im Geringsten interessieren. Es ist allen egal, unter einer Frau in den Krieg zu ziehen. Es ist allen egal, dass es Kämpferinnen gibt, die äußerlich männlich sind. Es ist allen egal, dass eine Figur sich gleich doppelt verliebt, in zwei sehr unterschiedliche Personen. Niemand spricht darüber und das ist für mich das herausstechendste Zeichen für Toleranz und Gleichberechtigung: es ist so normal, dass es nicht mal ein paar Worte wert ist.

Deshalb teile ich die Meinung der anderen Rezensent_innen nicht und kann ihnen nur raten, mal einen Schritt zurückzugehen und das große Ganze zu betrachten, statt sich daran aufzuhängen, dass es mehr Heldinnen als Helden gibt. Das ist nicht der Punkt. Der Punkt ist, dass es auf dem Stern verflixt noch mal NIEMANDEN. KÜMMERT. Wenn die Figuren das hinkriegen, sollten wir als Leser_innen auch dazu in der Lage sein, oder nicht? Alex Marshall thematisiert Intoleranz und Diskriminierung, indem er sie eben nicht thematisiert. Das ist bewundernswert, Punkt. Wer etwas anderes behauptet, hat meiner Ansicht nach überhaupt nichts verstanden.

In welchen Büchern ist eurer Meinung nach die Repräsentation von Diversität gelungen oder mächtig in die Hose gegangen?

Ich freue mich wie immer sehr auf eure Beiträge und Kommentare und wünsche euch allen eine hervorragende Woche!
Alles Liebe,
Elli ❤️

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David Levithan – Every Day

Sucht man nach LGBT-Jugendliteratur, stößt man schnell auf David Levithan. Der Autor erarbeitete sich eine beachtliche Reputation, weil Diversität in seinen Büchern eine wichtige Rolle spielt. Er begann seine Karriere als Lektor; sein erster Roman „Boy Meets Boy“ stellte sein Traum-Manuskript dar: eine Geschichte über homosexuelle Teenager fern jeglicher Klischees und Stereotypen. Offenbar war er nicht der einzige, der sich das wünschte, denn das Buch wurde ein Erfolg. Sein vermutlich bekanntestes Buch ist jedoch „Every Day“, in dem er untersucht, wie eine Existenz ohne Label wie Gender, Sexualität und Rasse, die Menschen zur Kategorisierung verwenden, aussähe. Außerdem wollte er herausfinden, ob es möglich wäre, eine Person zu lieben, die sich jeden Tag verändert. Der 2012 erschienene Roman erfuhr einen unfassbaren Hype, der auch an mir nicht vorbeiging. Aber da ich dazu neige, die Letzte zu sein, die ein gehyptes Buch liest, holte ich „Every Day“ erst 2018 von meinem SuB.

Stell dir vor, du müsstest jeden Tag aufs Neue herausfinden, wer du bist. Stell dir vor, du hättest keinen eigenen Körper, kein eigenes Leben, keinen Anker. Nur deine Identität, dein abstraktes, formloses, heimatloses Ich, das Tag für Tag in der Existenz eines anderen Menschen erwacht. Was würdest du tun? Würdest du das Abenteuer suchen, Grenzen überschreiten? Würdest du verantwortungsvoll mit dem Leben umgehen, das dir anvertraut wurde? Was würdest du vermissen? Dein Gesicht im Spiegel? Familie, Freunde, Routine? Oder die Hoffnung auf die große Liebe?
Seit A denken kann, bedeutete Leben, in eine andere Person hineinzuschlüpfen. So war es immer. Doch Rhiannon änderte alles.

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Marcia Clark – Without A Doubt

Ich begrüße euch herzlich zum dritten und letzten Teil unseres Rezensionsexperiments. In den letzten zwei Tagen haben wir uns mit den Fakten des Falls O.J. Simpson vertraut gemacht. Ich habe euch „The Run of His Life: The People V. O.J. Simpson” von Jeffrey Toobin und „If I Did It: Confessions of the Killer” von O.J. Simpson vorgestellt und meine Eindrücke mit euch geteilt. Heute kehren wir noch einmal zum Strafprozess gegen Simpson in den Jahren 1994 und 1995 zurück. Seit Beginn meiner Recherchemission war es mir wichtig, ausgeglichenen und umfassend vorzugehen. Deshalb möchte ich heute ein Buch rezensieren, das einen weiteren, einzigartigen Blickwinkel auf den Mordprozess vermittelt. Wir beschäftigen uns mit „Without A Doubt“ von der Chefanklägerin Marcia Clark.


Der Medienrummel in den USA um den Fall O.J. Simpson war gewaltig. Bereits vor Prozessbeginn mutierte die Presse zum 13. Jurymitglied – und manch ein Reporter schwang sich zum Richter und Henker auf. Seriosität und Qualität der Berichterstattung variierten enorm. Die Causa Simpson lockte eine ganze Armee von Schmierfinken aus ihren Löchern, die nicht davor zurückschreckten, Falschinformationen zu verbreiten, Beweismaterial öffentlich zu machen und Zeug_innen stolze Summen für Interviews zu zahlen. Dieser ausufernde Zirkus beeinflusste den Strafprozess maßgeblich. Die Verhandlung wurde live auf dem Fernsehsender Court TV übertragen. Die Juryauswahl wurde durch die flächendeckende Berichterstattung massiv erschwert, weil sich kaum eine Person in Los Angeles finden ließ, die nicht bereits von den Morden an Nicole Brown Simpson und Ronald Goldman gehört oder gelesen hatte. O.J. Simpsons Verteidiger, das „Dreamteam“, nutzten die Presse aktiv, um den Prozess zu ihren Gunsten zu manipulieren. Zeitgleiche, inoffizielle Pressekonferenzen aus dem Stegreif von Robert Shapiro und Johnnie Cochran am Ende eines Prozesstages waren keine Seltenheit.

Die Staatsanwaltschaft musste auf diese Tricks natürlich verzichten. Selbst wenn sie die Medien für sich hätten einspannen wollen – sie durften es nicht. Vielleicht schoss sich die Presse deshalb auf das Team der Anklage ein. Alle Mitglieder sahen sich scharfen Angriffen ausgesetzt, wurden als unerfahren, arrogant und schlicht inkompetent dargestellt. Doch niemand von ihnen erntete so viel Spott, Häme, Bosheit und Kritik wie Marcia Clark.

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Verfasst von - 27. September 2018 in Biografie, Non-Fiction, Rezension

 

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Susie Orbach – Bodies: Schlachtfelder der Schönheit

Susie Orbach ist eine Koryphäe auf dem Gebiet der Psychoanalyse und der Psychotherapie. Als Expertin für Essstörungen und das enge Verhältnis von Körper und Selbstwertgefühl führt sie seit Jahrzehnten eine Praxis in London, gründete 1976 das „Women’s Therapy Centre“, veröffentlichte mehrere Bücher (darunter der Bestseller „Anti-Diät-Buch“) und behandelte Prinzessin Diana wegen ihrer Bulimie. Sie ist eine engagierte Feministin, die unermüdlich die Prozesse unserer Gesellschaft demaskiert, die unser Körpergefühl zielgerichtet unterminieren, Unsicherheiten bewusst provozieren, aus selbigen profitieren und uns in einen Krieg gegen den eigenen Körper treiben. Sie trug entscheidend zur feministischen Debatte bei, in der das Empfinden von Körperlichkeit heute mehr denn je als essenzieller Faktor für die Entwicklung einer gesunden Persönlichkeit angesehen wird.

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Laurell K. Hamilton – Bloody Bones

In Großbritannien und den USA weckt der Titel des fünften „Anita Blake“-Bandes, „Bloody Bones“, vermutlich ganz bestimmte Assoziationen. Ich lehne mich mal aus dem Fenster und behaupte, dass deutsche Leser_innen hingegen keine Ahnung haben, welche Anspielung sich darin versteckt. Im englischsprachigen Raum ist Bloody Bones als Kinderschreck bekannt, der nahe Gewässern lebt und unartige Kinder ertränkt. Die Legende variiert natürlich. Alternativ lebt das Monster in einem Schrank unter der Treppe; in neueren Versionen treibt es in Abflussrohren sein Unwesen. Obwohl ich das Buch schon einmal auf Deutsch gelesen habe, erinnerte ich mich nicht an diese Sagengestalt. Insgesamt war meine Erinnerung an Band 5 vollkommen verschwunden, sodass ich „Bloody Bones“ gänzlich unbelastet beginnen konnte.

Jeder andere Animator hätte den Auftrag, einen ganzen Friedhof voller 200 Jahre alten Leichen zu erwecken, um einen Streit über die Besitzverhältnisse des Landes beizulegen, ablehnen müssen. Doch Anita Blake ist nicht wie ihre Kolleg_innen. Ist das Opfer mächtig genug, könnte sie es schaffen. Sie ist neugierig; will wissen, ob sie den Auftrag meistern kann, ohne menschliches Blut zu vergießen. Sie sagt zu und kurz darauf sitzt sie, begleitet von Larry, bereits in einem Helikopter, der sie nach Branson, Missouri bringen soll. Dort angekommen, bekommt sie es allerdings nicht nur mit gierigen Anwälten und der dubiosen Familie Bouvier zu tun, sondern auch mit einer rätselhaften Mordserie. Alle Opfer sind jung und nahezu blutleer. Für Anita ist der Fall klar: der Täter ist ein Vampir. Sie ahnt nicht, dass sich in den Wäldern rund um Branson noch ein ganz anderes Wesen verbirgt. Ein Wesen, das schlimmer und gefährlicher ist als ein Nest skrupelloser Vampire…

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Verfasst von - 15. November 2017 in Fantasy, Rezension, Urban Fantasy

 

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Let’s talk about… Gender in der Urban Fantasy: Sie wollte es, er konnte nicht anders – Vergewaltigungsmythen

Logo Gender in der Urban Fantasy

 

Hallo ihr Lieben! 🙂

Heute führen wir gemeinsam die Let’s talk about… – Reihe Gender in der Urban Fantasy weiter. Es hat ein wenig länger gedauert als geplant, weil das aktuelle Thema doch um einiges komplexer und umfangreicher ist, als ich angenommen hatte. Vor zwei Wochen haben wir entspannt und relativ locker begonnen, indem wir uns fragten, was an Vampiren in der Young Adult Urban Fantasy eigentlich so attraktiv ist (HIER). Das Thema dieser Woche ist definitiv schwieriger und für einige sicher harter Tobak: wir beschäftigen uns mit Vergewaltigungsmythen in der Urban Fantasy bzw. Paranormal Romance. Dafür möchte ich euch das Paper „Rape Myths‘ Twilight and Women’s Paranormal Revenge in Romantic and Urban Fantasy Fiction“ (2014) von Kristina Deffenbacher vorstellen.
Doch bevor wir starten, muss ich sicherstellen, dass ihr die Basis ihrer Arbeit kennt und versteht.

Einerseits geht es um die Gender Rollen, die mit einer Vergewaltigung einhergehen. Laut Lynn Higgins und Brenda Silver sind die Thematik der Vergewaltigung und die Möglichkeit, dass eine Person vergewaltigt wird, zentral für die Konstruktion von Gender Identität. Demzufolge kann man davon sprechen, dass Vergewaltiger tendenziell eher durch das männliche Gender charakterisiert sind (selbst wenn es keine Männer sind), während Opfer eher das weibliche Gender aufweisen.
Andererseits ist es sehr wichtig, dass ihr begreift, was Vergewaltigungsmythen überhaupt sind. Ich kannte diesen Ausdruck vor meiner Recherche zu diesem Thema auch nicht, deswegen habe ich einfach Wikipedia bemüht und dort nach einer Definition gesucht. Der entsprechende Artikel definiert den Vergewaltigungsmythos als „Bagatellisierung sexualisierter Gewalt“, das heißt, er bezeichnet die verdrehte Vorstellung, Frauen wollten von Männern sexuell überwältigt werden, weshalb eine Vergewaltigung nach dieser Logik weder eine Gewalttat noch strafbar wäre. Er entschuldigt Täter und beschuldigt Opfer, daher spricht man in diesem Zusammenhang auch von „Täter-Opfer-Umkehr“ oder „Victim blaming“. Diese Mythen sind deshalb so gefährlich, weil sexuelle Gewalt von Männern gegen Frauen geleugnet, verharmlost und gerechtfertigt wird. Typische Sätze sind zum Beispiel „Sie wollte es“ und „Er konnte einfach nicht anders“. Letzterer zielt darauf ab, Männern unkontrollierbare Triebhaftigkeit zu unterstellen, die sie von der Verantwortung für ihre Taten frei spricht. (Wikipedia Artikel)

In den 70er und 80er Jahren waren romantische Romane populär, in denen die Protagonistin von einem Mann gewaltvoll genommen wird, ganz nach dem Prinzip „Er vergewaltigt sie, bis sie ihn liebt“. Heutzutage ist Vergewaltigung gesellschaftlich nicht akzeptiert, weswegen diese Romane (zu Recht) in der Versenkung verschwanden. Trotzdem erlebt die Erzählung der „erzwungenen“ oder „aufgezwungenen Verführung“ eine Wiederbelebung im literarischen Genre der Urban Fantasy bzw. der Paranormal Romance. Lustigerweise gibt es einige moderne UF-Heldinnen, die sich deutlich von den Heldinnen der Vergangenheit distanzieren und eine klare Linie zwischen lustvoller sexueller Unterwerfung und der Unterwerfung des Willen ziehen. Im zweiten Mercy Thompson – Band „Blood Bound“ von Patricia Briggs findet sich beispielsweise folgendes Zitat:

„I thought I was immune to the stupid dominance/submission thing, immune to the Alpha’s power. I’d just had a very visceral lesson that I was not. I didn’t like it. Not at all. If Jesse hadn’t come in, I would have surrendered myself to Adam, like some heroine from a 1970s series romance, the kind my foster mother used to read all the time. Ick.“
(„Blood Bound“ 93, Deffenbacher 924)

Tempest RisingEine ähnliche Stelle gibt es in „Tempest Rising“ von Nicole Peeler, Band eins der Jane True – Serie, in der sich Jane über den Buchgeschmack ihrer Erzfeindin Linda auslässt:

„[Linda] liked a very particular kind of plot: the sort where the pirate kidnaps some virgin damsel, rapes her into loving him, and then dispatches lots of seamen while she polishes his cutlass. Or where the Highland clan leader kidnaps some virginal English Rose, rapes her into loving him, and then kills entire armies of Sassenachs while she stuffs his haggis […] I hated to get Freudian on Linda, but her reading patterns suggested some interesting insights into why she was such a complete bitch.“
(„Tempest Rising“ 12, Deffenbacher 925)

Was wir hier erleben, ist, dass den LeserInnen in diesem Jane-True- bzw. Mercy-Thompson-Roman eine klare Grenze zwischen der Urban Fantasy und den Vergewaltigungsromanzen der 70er und 80er Jahre vermittelt wird. Diese Differenzierung gibt LeserInnen ein gutes Gefühl, selbst wenn ihnen die Unterwerfungsdynamik im Sexualleben der Heldinnen gefällt. Selbstverständlich sind die Grenzen niemals so klar, einfach und sauber.

Vergewaltigungsmythen sind in der Urban Fantasy aufgrund der Idee möglich, dass Supras wie Vampire, Werwölfe, etc. eine vorbestimmte Lebensgefährtin haben, die sich gegen die Anziehungskraft des übernatürlichen Mannes nicht wehren kann. Im Gegensatz zu traditionellen Vergewaltigungsromanzen ist es dementsprechend nicht der Held, der verantwortlich ist, sondern das übernatürliche Element. Dabei ist es genau dieses Fehlen der Verantwortung des Helden (wenn er sich der Heldin sexuell aufzwingt aufgrund des Einflusses einer übernatürlichen Macht außerhalb seiner Kontrolle), das fundamentale Vergewaltigungsmythen verschleiert und verstärkt. Die Urban Fantasy bietet einen Rahmen für versteckte Vergewaltigungen, denn hier kann man sie leugnen. Der Held ist natülrich nicht selbst verantwortlich; er ist getrieben vom instinktiven Erkennen seiner vorbestimmten Verbindung mit der Heldin. Sogar Stephenie Meyer, Autorin der Twilight-Saga, ist nicht bereit, anzuerkennen, dass Bellas Entscheidungen durchaus von Edwards manipulativem Verhalten beeinflusst sein könnten:

„Twilight saga author Stephenie Meyer, responding to feminist concerns about the dangers of her heroine’s ‚choices‘ (such as Bella’s acceptance of Edward despite his stalking, kidnapping and manipulative control of her), asserts that »this is not even realistic fiction, it is a fantasy with vampires and werewolves, so no one could ever make her exact choices«; Meyer insists that »Bella is constrained by fantastic circumstances« – not Edward (Meyer).“
(Deffenbacher 925)

Na? Ergeht es euch wie mir, als ich das Paper zum ersten Mal las? Wollt ihr Kristina Deffenbacher nicht glauben?
Das ist überhaupt nicht schlimm. Ich war anfangs auch sehr skeptisch. Schauen wir uns doch mal eine Szene aus „A Hunger Like No Other“ (Immortals After Dark #2) von Kresley Cole an. Die Heldin dieses Romans ist Emmaline Troy, vorbestimmte Seelenverwandte des Helden und Werwolfs Lachlain MacRieve. Lachlain schreckt nicht einmal davor zurück, Emmaline zu jagen, nachdem er sie entdeckte:

„A vicious growl sounded. Her eyes widened, but she didn’t turn back, just sprinted across the field. She felt claws sink into her ankle a second before she was dragged to the muddy ground and thrown onto her back. A hand covered her mouth, though she’d been trained not to scream. »Never run from one such as me.« Her attacker didn’t sound human. »You will no‘ get away. And we like it.« […] »Don’t do this! Please…« When her last word ended with a whimper, he seemed to come out of a trance, his brows drawing together as his eyes met hers, but he didn’t release her hands. He flicked his claw down her blouse and sliced it and the flimsy bra beneath open, then slowly brushed the halves past her breasts. She struggled, but it was useless against his strength.“
(„A Hunger Like No Other“ 9-11, Deffenbacher 925-926)

Trotz ihres offensichtlichen Widerwillens und ihrer Angst kann Emma letztendlich selbstverständlich nicht widerstehen und A Hunger Like No Otherdas, obwohl Lachlain sie im weiteren Verlauf entführt, wiederholt bedroht und in jeder möglichen Form verletzt und vergewaltigt, von direkter Penetration einmal abgesehen. Auf der Website der Autorin (und auf Goodreads) wird diese Beziehung übrigens als langsame, sündhafte Verführung bezeichnet.
Viele LeserInnen dieses Romans scheinen sich trotz der gewalttätigen Elemente völlig auf das übernatürliche Band zwischen den beiden zu konzentrieren, was die Frage nach Emmalines Zustimmung offenbar überflüssig macht und Lachlain von seiner Verantwortung frei spricht. Das übernatürliche Element dient als Schutz vor dem Vorwurf der Vergewaltigung und gleichzeitig als Medium für die alten Geschichten, besonders für „Sie wollte es, egal, was sie sagt“ und „Er konnte einfach nicht anders“. Daraus folgt, dass in manchen modernen UF-Romanen das Paranormale die Vergewaltigung als Teil der männlichen Biologie des Helden bagatellisiert. Er wird von der „Natur“ seiner Spezies getrieben, die von ihm verlangt, seine instinktiv erkannte Seelenpartnerin sexuell für sich zu beanspruchen. Nach dieser Logik ist es das einzigartige, übernatürliche Band zwischen Held und Heldin, das dafür sorgt, dass es keine Vergewaltigung ist, selbst wenn sie sich anfangs wehrt oder sträubt. Es ist biologisch motivierter Sex, der von übernatürlicher Genetik bestimmt wird.
Auch begegnet uns in diesen Romanen erneut das Konzept des hypermaskulinen Helden, der (in diesen Fällen) von seinen raubtierhaften sexuellen Instinkten angetrieben wird.

Zusätzlich wird der Held oft als Beschützer oder „Versorger“ dargestellt, im Kontrast zur traditionellen Vorstellung des Vergewaltigers als Fremden, der in dunklen Straßen lauert. Das nächste Beispiel. an dem Deffenbacher diese Theorie illustriert, wird wohl vor allem denjenigen unter euch missfallen, die begeisterte Fans der Black Dagger Brotherhood – Reihe von J.R. Ward sind. Im ersten Band „Dark Lover“ befindet sich die Heldin Beth unwissend mitten in der Verwandlung zur Vampirin, wodurch sie unkontrollierbar erregt und sexuell empfänglich ist. Der hypermaskuline Held ist der Vampir Wrath (was auf Deutsch übrigens „Zorn“ bedeutet), der Beth beschützen soll. Er bricht in Beth‘ Haus ein und nutzt ihren Zustand wissentlich aus, bzw. die „rohe animalische Chemie“ zwischen ihnen, obwohl sie fürchterliche Angst vor ihm hat. Wrath ist aber natürlich kein Vergewaltiger, jedenfalls nicht nach Darstellung der Autorin, denn sie kontrastiert ihn mit zwei menschlichen „richtigen“ Vergewaltigern, die Beth kurz vor ihrem Aufeinandertreffen mit Wrath in einer dunklen Gasse abwehrt. Gegen Wrath wehrt sie sich nicht.
Sogar Edward Cullen brauchte diese Abgrenzung zu „wirklichen“ Vergewaltigern, denen Bella – wie könnte es anders sein – in einer dunklen Gasse begegnet, damit sein nächtliches Eindringen in Bellas Haus (um sie beim Schlafen zu beobachten – fand ich damals schon creepy) weniger bedrohlich und weniger wie Stalking wirkt.
Was moderne Helden der Urban Fantasy letztendlich am meisten von „echten“ Vergewaltigern unterscheidet, ist die rückwirkende Zustimmung der Heldin. Der Verlauf der Geschichte sorgt dafür, dass die Heldin die vorbestimmte Verbindung zu ihrem Helden erkennt und ihre Zustimmung dadurch im Nachhinein gibt. Das macht diese Zustimmung natürlich nicht echt (wenn man so will), es ist eher ein Eingeständnis, dass der Held schon vor ihr erkannte, was sie wirklich will und braucht. Diese Herangehensweise ist der Grund, warum Romane dieser Art das Thema der Vergewaltigung nie wirklich los werden und wiederbelebten Vergewaltigungsmythen einen Rahmen bieten.

Glücklicherweise gibt es allerdings auch andere Urban Fantasy – Romane, in denen eine Vergewaltigung nicht dazu dient, die Hypermaskulinität des Helden zu etablieren und die übernatürliche Verbindung zwischen Held und Heldin darzustellen. Stattdessen betonen diese Geschichten die Spannungen und die Themen von Macht, Stärke und Zustimmung in den romantischen Beziehungen der Heldinnen. Auf Bedrohung, Gewalt und Vergewaltigung reagieren Heldinnen wie Jane True oder Miranda Grey (Shadow World – Reihe von Dianne Sylvan) mit Queen of Shadowseiner Annäherung an ihre eigene Fähigkeit und/oder Bereitschaft zur Gewalt. Die Veränderung in diesen Heldinnen und in ihren Beziehungen bieten eine Sicht auf Gender Identität, die nicht von Vergewaltigung oder der Möglichkeit zur Vergewaltigung definiert ist. In der UF nutzen AutorInnen das Übernatürliche, um soziale Möglichkeiten abzubilden, die noch nicht ganz von dieser Welt sind.
Jane und Miranda sind anfangs nicht gerade Kriegerinnen; sie kennen ihre Stärke nicht und glauben nicht an ihren Wert. Sie wissen zwar von ihren „abnormalen“ Fähigkeiten, können diese aber weder verstehen noch kontrollieren sie sie – sie werden eher VON ihnen kontrolliert.
Janes Mutter war ein Selkie, deshalb hat auch Jane Wasserfähigkeiten. Miranda hingegen kann die Gefühle anderer wahrnehmen und sie mit ihrer Musik manipulieren. Beide Fähigkeiten sind traditionell mit Weiblichkeit assoziiert, sowohl die Affinität zu Wasser als auch die endlose Empathie ohne Selbstgefühl. Als sie der Gewalt einer Vergewaltigung ausgesetzt sind, entdecken beide Frauen das Ausmaß ihrer Fähigkeiten und lernen, sie als Waffe einzusetzen. Dabei ist ihre Transformation allerdings kein einmaliges Ereignis, sondern ein Prozess, im Gegensatz zu beispielsweise Rosalie aus der Twilight-Saga, die direkt nach einer Gruppenvergewaltigung von einem Vampir verwandelt wird, ihre Stärke erkennt und ihre Vergewaltiger dann spektakulär ermordet. Weder Jane noch Miranda werden von einem anderen in ihre neue Form gebracht; stattdessen begreifen sie ihr übernatürliches Potential, während sie sich selbst zu Kriegerinnen entwickeln.

Beide Heldinnen sind Hybride, nicht nur aufgrund ihres menschlichen und übernatürlichen Erbes, sondern auch aufgrund ihrer kulturell erworbenen femininen Identität einerseits und ihrer neu entdeckten Fähigkeit und Bereitschaft zur Gewalt andererseits. Die Unvereinbarkeit dieser beiden Hälften ihres Seins ist die wahre Herausforderung und zeigt, welche psychologische Arbeit sie bewältigen müssen, um diese Hälften in Einklang zu bringen. Das geht so weit, dass Jane True manchmal sogar von zwei verschiedenen Janes spricht (sie ist nicht die erste und einzige UF-Heldin, die das tut). Das Ausbalancieren ihrer beiden Seiten gelingt ihnen nur, weil sie ihre Fähigkeit und Bereitschaft zur Gewalt begrüßen und dafür Teile ihrer kulturell erworbenen Weiblichkeit aufgeben, ohne ihre Menschlichkeit einzubüßen. Sie müssen die Aspekte ihres Daseins ablegen, die darauf bestehen, dass sie nicht in der Lage sind zu kämpfen und sich Gewalt unterwerfen müssen: ihre Passivität und ihre Selbstzweifel. Dementsprechend ist der innere Konflikt der UF-Heldinnen auch nicht als Kampf zwischen Menschlichem und Paranormalem anzusehen, sondern als Kampf zwischen verinnerlichten Hemmungen und natürlichen, angeborenen Fähigkeiten.

Obwohl die inneren Schranken einer Urban Fantasy – Heldin mit kulturell erworbener Femininität assoziiert werden, ist das Freisetzen ihrer Macht und Stärke trotzdem kein Zeichen von Männlichkeit. Das heißt, die Heldin macht sich nicht Männlichkeit zu Nutze, sondern entwickelt eine ganz und gar weibliche Form von Gewalt und Rache. Deffenbacher zitiert an dieser Stelle Judith Halberstam, die überzeugt ist, dass diese Darstellung von Frauen, die Gewalt gegen Männer ausüben, nicht einfach eine männliche Strategie der Aggression nutzt; stattdessen transformiert die feminine Gewalt die symbolische Funktion des Femininen innerhalb der Popkultur und fordert gleichzeitig das vorherrschende Bestehen auf die Verbindung von Macht und Recht mit dem Maskulinen heraus.

Urban Fantasy – AutorInnen nutzen das Paranormale, um die Aspekte der Natur ihrer Heldinnen zu repräsentieren, die mit ihrer femininen Identität in der menschlichen Gesellschaft nicht kompatibel sind. Darüber hinaus erschaffen sie eine alternative Welt, in der diese Natur auch ausgelebt werden kann. Da die Welt dieser Erzählungen unserer Welt bis auf wenige, offensichtliche Punkte ähnelt, suggerieren die wiederkehrenden Geschichten von Kriegerinnen, die mit Vergewaltigung konfrontiert werden und sie überleben, eine Realität, in der starke Frauen Vergewaltigern mutig entgegen treten und sie erfolgreich bekämpfen, was gleichzeitig auch den Kampf und Sieg über die Vergewaltigungskultur (Rape Culture, s. Wikipedia-Artikel) selbst impliziert. Dass AutorInnen die UF nutzen, um diese Möglichkeit darzustellen, betont die Strukturen und Ansichten der modernen Gesellschaft, die ihre Realisierung verhindern.
Sogar Charlaine Harris‘ warmherzige, „kultivierte“ Protagonistin Sookie Stackhouse hat eine gewalttätige Seite, die sie akzeptieren muss, um sich selbst und andere zu schützen; die sie aber in der menschlichen Welt und Gesellschaft geheim halten und verstecken muss, weil sie dort keine Akzeptanz erwarten kann. Ähnlich ergeht es ihrer Kollegin Kennedy, die wegen Totschlags eines Mannes im Gefängnis saß und deswegen von den meisten Menschen gefürchtet und gemieden wird. Sookie hingegen freundet sich mit Kennedy mehr oder weniger problemlos an.

A secret RageIn einem anderen Roman aus Harris‘ Feder, „A Secret Rage“, nutzt sie das Übernatürliche, um die sehr realen Grenzen einer zur Gewalt fähigen weiblichen Identität auszuloten. Die Heldin Nickie Callahan und ihre Freundinnen Mimi und Barbara entscheiden sich zu kämpfen, als sie auf den Mann treffen, der Nickie vergewaltigt hat und nun auch Mimi und eine weitere Frau angreift. Tatsächlich hätten sie ihn wohl getötet, wäre Nickies Freund Cully nicht dazugekommen. Er überzeugt die Frauen, den Vergewaltiger gehen zu lassen. Sie nehmen ihm sein Auftauchen und seine Einmischung übel, ebenso wie seine Ablehnung ihrer Tat. Trotzdem äußern sie dieses Gefühl gegenüber den Männern in ihren Leben nicht, die ihrerseits vor allem von Nickie und ihrer weiblichen Gewalt abgestoßen und geschockt sind. Da sie den Vergewaltiger während des Kampfes biss, wird sie von ihnen als „Vampirin“ bezeichnet. Wir sehen, die übernatürlichen Figuren der Gewalt stehen für die Aspekte von Frauen, die die sonst unterstützenden Männer in ihren Leben nicht akzeptieren können. Wie oft haben wir schon gehört, dass eine Frau als „Furie“ bezeichnet wurde, weil sie wütend und gewalttätig reagierte?

„Mimi’s boyfriend will »certainly never see Mimi in the same light again« (195), and the novel closes with Cully unable »to live with seeing [Nickie’s] mouth all bloody« (196), unable to kiss her on the mouth (198).“
(Deffenbacher 933)

Am Ende von „A Secret Rage“ rückt die Unfähigkeit der realen Welt in den Vordergrund, mit einer weiblichen Identität umzugehen, die die Fähigkeit und Bereitschaft zur Gewalt einschließt und den Gender-Erwartungen heterosexueller Romantik widerspricht.
Obwohl auch UF-Heldinnen oft mit dem Konflikt zwischen ihrem Unwillen, sich dem Willen anderer (speziell Männer) zu unterwerfen und ihrer Lust an sexueller Unterwerfung kämpfen, widerstehen hybride Heldinnen letztendlich den Gender-Erwartungen, um ihre wahre Natur auszuleben. Oft finden sie sogar wahre Liebe in Männern, die ihre Stärke und Macht zu schätzen wissen. Diese Geschichten von starken Kriegerinnen und Männern, die ihre Stärke respektieren, helfen uns, uns eine Gesellschaft vorzustellen, die so noch nicht existiert. Eine Welt, in der Frauen ihre Stärken kennen, an ihren Wert glauben und keine oberflächlichen, Angst-getriebenen Annahmen über ihre Fähigkeiten und Sicherheit verinnerlichen.

Zusammengefasst bescheinigt Kristina Deffenbacher der Urban Fantasy also zwei sehr gegensätzliche Erzählstränge, die zum Teil sogar im gleichen Buch auftauchen:
Einerseits werden wohl bekannte Vergewaltigungsmythen wiederbelebt, basierend auf der Annahme, dass zwischen dem übernatürlichen Held und der Heldin eine vorbestimmte Seelenverwandtschaft besteht, die jegliches aggressives sexuelles Verhalten seinerseits ohne ihre Zustimmung entschuldigt und rechtfertigt.
Andererseits erwacht eine paranormale Heldin durch den Gewaltakt einer Vergewaltigung, die sie ihr Potential erkennen lässt. Auf diese Weise entwickelt sie sich zu einer hybriden Kriegerin, die aggressiv und gewalttätig weibliche Rache an ihren Vergewaltigern und der Vergewaltigungskultur selbst nehmen kann.

Puh. Einmal kurz durchatmen, was? Ich sagte ja, harter Tobak. So skeptisch und ungläubig ich bei der ersten Lektüre von Kristina Deffenbachers Paper war, bin ich mittlerweile doch der Meinung, dass sie Recht hat, obwohl ich kaum eines der Bücher, die sie erwähnt, gelesen habe. Es hat mich schockiert, wie oft Gewalt gegen Frauen in der Urban Fantasy thematisiert wird, auch in den Romanen, die ich bereits gelesen habe, ohne dass ich es bewusst bemerkt oder mir deren Bedeutung vor Augen geführt hätte. Da stellt man sich die Frage: Ist das wirklich nötig? Braucht die Urban Fantasy Gewalt gegen Frauen, um erfolgreich zu sein? Ich kann diese Frage leider nicht beantworten.
Aber ich kann euch zeigen, welche Szenen aus welchen Büchern mir zu diesem Thema eingefallen sind und welche Richtung meine eigenen Gedanken einschlugen.

Zuerst möchte ich über Merit sprechen, die Heldin der Chicagoland Vampires – Reihe von Chloe Neill. Die Serie beginnt im Grunde ansatzlos mit Merits Verwandlung in eine Vampirin. Sie wird angegriffen, als sie eines Nachts über den dunklen Campus ihrer Universität läuft (sie ist Doktorandin) und gegen ihren Willen gebissen. Sie wäre gestorben, wäre nicht Ethan Sullivan rechtzeitig erschienen und hätte sie zur Vampirin gemacht. Danach wird sie von ihm zur Hüterin des Hauses Cadogan ernannt und entwickelt sich in einem rasanten Tempo zur furchtlosen Kriegerin.
Erkennt ihr das Muster? Es läuft fast genauso ab, wie Deffenbacher es beschrieben hat. Der einzige Unterschied zu Jane True und Miranda Grey: Merit wird nicht vergewaltigt. Oder doch?5653-chicagoland-vampires-1-frisch-gebissen
Vielleicht habt ihr schon einmal von der Theorie gehört, dass der Biss eines Vampirs durchaus als sexuelle Handlung angesehen werden kann. Die Symbolik ist sogar recht offensichtlich: der meist männliche Vampir dringt in sein zumeist weibliches Opfer ein, um seine Bedürfnisse zu befriedigen. Oftmals geht damit konkrete Erotik einher; das Opfer empfindet ebenso Lust wie der Vampir, weil der Vampir mit seinen speziellen manipulativen Fähigkeiten dafür sorgen kann.
In der Chicagoland Vampires – Serie wird der Vampirbiss deutlich in einen sexuellen Kontext gesetzt, weil Merit und Ethan sich später als Liebespaar beim Sex gegenseitig beißen. Sie integrieren es in ihr Liebesspiel und erleben dabei eine sehr intime, besondere Nähe. Dementsprechend bin ich zu dem Schluss gekommen, dass der Angriff auf Merit am Anfang der Serie definitiv als Vergewaltigung bezeichnet werden kann. Ihr wird gegen ihren Willen und ohne ihre Zustimmung eine sexuelle Handlung aufgezwungen. Sie wird gewaltvoll genommen.
Tatsächlich glaube ich, dass Merit sogar zwei Vergewaltigungen erlebt: zuerst der Biss des Fremden, der ihr im Dunkeln auflauert und sie zum Sterben zurücklässt und danach die Verwandlung durch Ethan Sullivan, um ihr das Leben zu retten. Die (meiner Meinung nach) zweite Vergewaltigung ist subtiler, weniger deutlich, doch ich glaube in ihr genau das zu erkennen, was Deffenbacher meint, wenn sie von „versteckten“ Vergewaltigungen spricht. Ethan wirkt als Retter, als derjenige, der Merits Tod verhindert, besonders, weil er klar von dem ersten Angreifer abgehoben wird, der der traditionellen Vorstellung eines Vergewaltigers entspricht (ein Fremder, der im Dunkeln lauert). Nichtsdestotrotz verwandelt er sie ebenfalls gegen ihren Willen und ohne ihre Zustimmung. Merit wird nicht gefragt, ob sie es vorzöge, zu sterben, statt Vampirin zu werden. Im weiteren Verlauf des Buches prägt die Entscheidung, die Ethan für Merit getroffen hat, ihre gesamte weitere Beziehung, denn Merit ist anfangs fuchsteufelswild deswegen. Ich kann mich nicht erinnern, dass das Wort Vergewaltigung jemals gefallen wäre, doch ich bin sicher, dass Chloe Neill andere Ausdrücke fand, um ihren LeserInnen zu vermitteln, dass sich Merit vergewaltigt fühlte. Selbstverständlich akzeptiert Merit Ethan später als ihren Retter und äußert eine rückwirkende Zustimmung zu der Verwandlung/Vergewaltigung, denn sie findet in ihm die große Liebe ihres (nunmehr unsterblichen) Lebens. Ethan selbst wartet wohl schon seit Jahrhunderten auf eine Frau wie Merit. Ihre Beziehung scheint vorherbestimmt. Ich denke, es läuft auf genau das hinaus, was Kristina Deffenbacher als Wiederbelebung der Vergewaltigungsmythen ansieht.

Ich denke, der schwierigste Fall ist die Anita Blake – Reihe von Laurell K. Hamilton, mein All-Time-Favorite. Anita ist definitiv eine hybride Heldin, die, entgegen der Theorie von Kristina Deffenbacher, bereits erwacht war, bevor die LeserInnen sie kennenlernen. Natürlich entwickelt sie sich im Verlauf der Serie weiter und erlebt sehr viel Gewalt, aber sie war schon dazu fähig, sich äußerst aggressiv zu verhalten und konnte auch ihre Fähigkeiten als Nekromantin kontrollieren und verstehen, bevor die LeserInnen in ihre Geschichte einsteigen. Was Anita in Bezug auf Deffenbachers Ausführungen als einen sehr komplizierten und komplexen Charakter kennzeichnet, ist, dass sie beides ist: Vergewaltigungsopfer und Vergewaltigerin.
Auch ihr werden aggressive sexuelle Handlungen aufgezwungen. Beispielsweise trägt sie die Zeichen des Vampirs Jean-Claude nicht freiwillig, daran erinnere ich mich. Dummerweise ist die Reihe bereits jetzt so lang und die Lektüre für mich so lange her, dass ich kaum noch weiß, WAS genau in Anitas und Jean-Claudes Beziehung nun alles freiwillig war und was nicht. Das Problem ist hier auch, dass Jean-Claude ein außergewöhnlich manipulativer Charakter ist, der vor wenig zurückschreckt, um seine Ziele zu erreichen. Fakt ist, ich bin überzeugt, dass Anita schon sehr viel gegen ihren Willen angetan wurde. Sicher war nicht alles sexueller Natur, doch durch die insgesamt sehr erotische Entwicklung der Serie gehe ich davon aus, dass sich solche Situationen in den letzten Bänden gehäuft haben.
IAnita_Blake_Circus_of_the_Damned_-_The_Scoundrel_Vol_1_3_Textlessnteressanter ist in Anitas Fall sowieso, dass sie parallel auch als Vergewaltigerin agiert und hier ganz genau die gleichen Mechanismen greifen, die Deffenbacher anderen modernen UF-Romanen mit einem männlichen, übernatürlichen Helden bescheinigt. Ob sie die Männer kennt oder nicht, ob sie sie liebt (oder zumindest mag) oder nicht – Anita zwingt sich in den neueren Bänden gefühlt so ziemlich jedem männlichen übernatürlichen Wesen auf, das ihr begegnet. Die Männer werden nie gefragt, ob sie Sex mit ihr möchten. Sie nimmt sich einfach was sie braucht und will, notfalls mit Gewalt. Selbstverständlich ist auch Anita nicht selbst dafür verantwortlich; in ihrem sehr speziellen Fall ist es die Ardeur, der unstillbare Hunger nach Lust und Leidenschaft, die sie dazu treibt, sich so zu verhalten. Die Ardeur ist eine Macht, die sie von Jean-Claude durch die Zeichen bekam, weshalb Anita große Probleme hat, sie zu akzeptieren und sie dementsprechend auch (noch) überhaupt nicht kontrollieren kann. Sie ist zu einer Art Succubus mutiert. Ich erinnere mich überdeutlich an eine Szene, in der die Ardeur Anita unvorbereitet packt und sie den unterwürfigen Werleoparden Nathaniel in ihrem Büro überwältigt. Oder eine Szene, in der sie den Vampir Damian zurück in sein untotes Leben holt, indem sie mit ihm mitten auf dem Boden ihres Hauses vor den Augen aller Anwesenden schläft (wobei „mit ihm schlafen“ nicht der richtige Ausdruck ist für das, was Anita mit ihm anstellt). Damian ist bereits viel zu geschwächt, um seine Zustimmung zu geben.
Laurell K. Hamilton vermittelt ihren LeserInnen niemals, dass die Männer nicht mit Anita schlafen wollten, das sollte gesagt werden. Vielleicht kann man deswegen nicht tatsächlich über Vergewaltigungen seitens Anita sprechen, aber für mich ist das fast schon hinfällig, weil die permanente Begeisterung, die Anitas Sexualpartner zu empfinden scheinen, ebenfalls ein gefährliches Gender Klischee ist. Noch nie hat ein Mann zu ihr gesagt „Ich will nicht mit dir schlafen“ oder „Ich kenne dich gar nicht, deswegen will ich nicht mit dir in die Kiste“ oder „Du bist nicht mein Typ“. Hamilton stellt Männer stereotyp dar: sie können und wollen immer Sex haben, besonders mit Anita, die auf das männliche Geschlecht zwar unwiderstehlich wirkt, in ihrem Inneren aber eigentlich furchtbar konservativ ist.
Damit noch nicht genug, wird es auch sehr interessant, wenn wir uns Anitas Liebesbeziehungen widmen, speziell ihrer Beziehung mit dem Werwolf Richard. Laut Kristina Deffenbacher ist es für die hybride Heldin oft sehr schwer, einen Mann zu finden, der ihre Stärke akzeptiert und zu schätzen weiß. Nicht selten gipfelt das darin, dass sie sich einen übernatürlichen Partner aussucht. Richard ist zwar ein Werwolf, hält aber sehr stur an seiner Menschlichkeit fest, als Anita ihn kennenlernt. Ihre Beziehung geht einige Zeit gut, doch als es zu Rivalitäten in Richards Rudel kommt, drängt sie ihn, seine vorbestimmte Rolle als Alpha endlich anzuerkennen. Nach diversem Heck-Meck erklärt sich Richard notgedrungen dazu bereit. Als der Kampf mit dem aktuellen Alpha-Wolf unvermeidlich ist, erlebt Anita diesen sozusagen live und in Farbe mit, durch eine Verbindung, die Jean-Claude auslöste. Sie sieht, was Richard sieht, fühlt, was Richard fühlt. Der Kampf endet für Richard erfolgreich, allerdings gibt es da einen Brauch unter Werwölfen, der Anita im wahrsten Sinne des Wortes nicht schmeckt: der alte Alpha-Wolf wird vom Rudel gefressen. Sie erlebt auch dieses Ereignis mit und ist so angeekelt und abgestoßen, dass sie sofort in die Arme von Jean-Claude flüchtet. Die Beziehung zu Richard ist in diesem Moment mehr oder weniger beendet.
Später kommt die Möglichkeit einer zweiten Chance für Anita und Richard als Paar noch einmal auf den Tisch. Dieses Mal ist es jedoch nicht Anita, die diese Option ausschließt, sondern Richard. Er kommt nicht damit zurecht, dass Anita kalt und skrupellos töten kann. Versteht ihr, in Anitas und Richards Beziehung ging es von Anfang an um die Frage, wer von ihnen beiden das schrecklichere Monster ist.
Während ich hier sitze und meine Gedanken zu Anita Blake in Bezug auf die Gender-Frage niederschreibe, bekomme ich den Eindruck, dass diese Serie fast einen eigenen Artikel verdient. Anitas außergewöhnliche Rolle als Vergewaltigungsopfer und Vergewaltigerin könnte daran liegen, dass sie laut einem Paper von Sara Södergren keine wahre weibliche Heldin ist. Sie ist, um es grob auszudrücken, ein Held mit Brüsten, weil sie sich auf eine maskuline Helden-Reise begibt. Wir behandeln dieses Thema im nächsten Beitrag und vielleicht bekommt Anita tatsächlich noch einen eigenen Artikel, das überlege ich mir noch. 😉

Dieser Beitrag ist zwar bereits jetzt sehr lang, doch trotzdem möchte ich euch noch zwei Beispiele nennen, die mir durch den Kopf geistern und keine Ruhe lassen. Habt noch ein wenig Sitzfleisch, bald ist es geschafft. 😀

Die nächste Heldin, die mir einfiel, ist Jane Yellowrock aus der gleichnamigen Serie von Faith Hunter. Aus dieser Reihe habe ich bisher zwei Skinwalker - Fluch des BlutesBände gelesen, erinnere mich aber nur an den zweiten Teil, weil die Lektüre des ersten einfach zu lange her ist. Doch auch in „Fluch des Blutes“ (zur Rezension geht es HIER lang) gibt es eine Szene, die mir unnötig aggressiv und sexuell erscheint. In dieser sitzt Jane mit George Dumas, Diener des Vampirs Leo Pellissier, in einer Limousine auf dem Weg zu einer Vampirparty, um Nachforschungen zu Janes aktuellem Fall anzustellen. Natürlich ist Jane entsprechend heraus geputzt. George möchte Jane mit einem Taschentuch abreiben, auf dem Tropfen des Blutes seines Meisters sind, um sie mit dessen Duft zu markieren, was ihr in einem Haus voller Vampire ein Mindestmaß an Schutz böte. Jane lehnt ab, weil es suggerieren würde, dass sie Leos Geschöpf ist und ist darüber hinaus überzeugt, sich selbst ausreichend schützen zu können. George setzt sich darauf hin über ihren ausgesprochenen Willen hinweg, wirft sich auf sie und ringt sie nieder, um sie mit dem Taschentuch abreiben zu können. Daraus entwickelt sich eine entschieden erotische Szene, die von der Autorin wohl als Ausdruck der vorher bereits bestehenden sexuellen Spannung zwischen Jane und George gedacht ist. Was sie allerdings vergaß, ist, dass Jane sich selbst verboten hatte, mit George näher anzubändeln, eben weil er für Leo arbeitet. Hätte er ihr das Taschentuch nicht aufzwängen wollen, wäre es vermutlich niemals zu dieser Situation gekommen. Natürlich ist es maximal eine „Beinahe“-Vergewaltigung und vielleicht bin ich auch zu streng, aber die Situation ist nun mal eindeutig sexuell und wäre nicht passiert, hätte George Janes Wünsche und ihren Willen respektiert. Urteilt selbst.

Der letzte Fall ist sehr kompliziert; ich weiß bis jetzt immer noch nicht, wie ich ihn einordnen soll. Der Punkt, der eine Beurteilung so schwierig macht ist, dass der Protagonist ein Mann ist. Genauer gesagt: Atticus O’Sullivan im zweiten Band der Iron Druid Chronicles von Kevin Hearne, „Hexed“.Hexed
Atticus hat einen Fan in der göttlichen Welt. Die Morrigan steht so sehr auf ihn, dass sie ihn eines Tages zu Hause besucht und mit ihm ein Schäferstündchen verbringt. Sex ist für die Morrigan keine kuschelige, liebevolle Angelegenheit; eher ist es Krieg. Atticus weiß das und hat dementsprechend keine Lust darauf. Er beugt sich jedoch ihrem Willen, weil er auch weiß, dass eine Weigerung noch viel schlimmer wäre. Danach sieht er aus, als hätte er mit einem besonders aggressiven und schweren Waschbären gerungen. Blaue Flecken, blutige Striemen. Spaß war das nicht.
Eigentlich kann man Kristina Deffenbachers Theorie auf diese Szene nicht anwenden, weil wir es mit einem männlichen Protagonisten zu tun haben. Demzufolge sind die Gender Beziehungen im Buch sowieso völlig anders. Aber… es ist eine Vergewaltigung, oder nicht? Vergleichbar mit der Frau, die sich ihrem Mann notgedrungen hingibt, weil sie weiß, dass er sie sonst halb tot prügelt. Das Rechtssytem beginnt ja gerade erst zu begreifen, dass fehlende Gegenwehr nicht zwangsläufig bedeutet, dass es sich um einvernehmlichen Sex handelt. Atticus sagt deutlich, dass er sich nur darauf einlässt, weil die Konsequenzen noch schmerzhafter und möglicherweise tödlich wären.
Vielleicht könnt ihr mir ja helfen, diese Szene einzuordnen. Ich weiß wirklich nicht, was ich damit anfangen soll.

Ich bin Feministin und habe Spaß an Romanen wie der Anita Blake – Reihe, obwohl dort Gewalt gegen Frauen auf (für mich) erschreckende Weise genutzt wird. Ich glaube nicht, dass ich diese Bücher nicht lesen darf, weil sie meiner Vorstellung von ausgewogenen Gender Rollen widersprechen. Aber ich denke durchaus, dass es wichtig ist, dass ich nun weiß, was ich vor Augen habe, lasse ich mich auf so eine Geschichte ein. Für mich geht es beim Feminismus nicht darum, irgendjemanden daran zu hindern, einen Roman genau so zu schreiben, wie er oder sie ihn für richtig hält. Das ist auch nicht die Absicht dieses Artikels. Es geht mir darum, zu begreifen, welche Mechanismen in diesen Büchern zum Tragen kommen und inwieweit die Darstellung einer fiktiven Welt die Realität mit all ihren Verhältnissen, Erwartungen, Vorurteilen aber auch Möglichkeiten abbildet. Es ist stets das Vorrecht der Kunst, die Wirklichkeit zu portraitieren und ihr gegebenenfalls den Spiegel vorzuhalten.
Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich AutorInnen wie Stephenie Meyer, Laurell K. Hamilton oder Chloe Neill beim Schreiben dachten „Ich konstruiere diese Szene so und so, weil ich damit genau diese Gender Relation ausdrücken kann“. Doch gerade das macht es ja so interessant. Ich schätze, in den seltensten Fällen machen sich UF-AutorInnen darüber Gedanken, welche sexuelle und/oder romantische Gender Dynamik sie entwickeln. AutorInnen greifen auf das zurück, was sie kennen oder was sie sich wünschen. Wie sie selbst gern wären oder in welchem Licht sie Frauen und Männer sehen möchten. Ist es nicht spannend, dass sie in einer eindeutig fiktiven Welt sehr reale Umstände darstellen, obwohl sie das gar nicht müssten? Niemand verbietet ihnen, die Gender Rollen zum Beispiel einmal komplett umzudrehen, eine vollständig matriarchalische Gesellschaft zu konstruieren und Männer als verständnisvoll, liebevoll, unterstützend und vor allem nicht als aggressiv zu beschreiben. Wie wäre es zur Abwechslung mal mit einem Werwolf-Gen, das sich ausschließlich auf Frauen vererbt? Aber sie tun es nicht. Stattdessen vermitteln sie das, was ihnen selbst und ihren LeserInnen bekannt ist: eine Welt, in der Gewalt gegen Frauen zum Alltag dazu gehört. Das gibt mir doch arg zu denken, weil es eine bestimmte sozio-kulturelle Prägung impliziert, die zeigt, dass unsere Gesellschaft lange nicht so weit vorangekommen ist, wie ich es manchmal glauben möchte. Es ist nicht allein die Schuld der AutorInnen, dass sie Szenen schreiben, in denen Frauen brutal vergewaltigt, geschlagen und getötet werden. Es ist unser aller Schuld. Wir formen die Gesellschaft in der wir leben möchten. Es liegt in unser aller Hand, etwas zu verändern.

So. Wow. Geschafft. Ich bitte um Applaus. 😀 Nein, Spaß beiseite, jetzt seid ihr an der Reihe. Ich weiß, ich verlange viel von euch, wenn ich euch jetzt auch noch auffordere, euch zu dem Thema zu äußern. Aber mich haben Kristina Deffenbachers Ausführungen wirklich sehr aufgewühlt (daher der pathetische Abschluss) und ich wüsste einfach gern, ob ihr ähnlich empfindet.

Was haltet ihr von Kristina Deffenbachers Theorie?

Fallen euch Szenen aus der Urban Fantasy ein, die nach einem der Schemata ablaufen, die sie beschrieben hat? Seid ihr vielleicht der Meinung, das ist alles bloß großer Quatsch? Könntet ihr euch einen Urban Fantasy – Roman vorstellen, in dem gar keine Männer auftauchen?
Jeder Gedanke ist es Wert, dass ihr ihn hier niederschreibt. Es gibt wie immer keine richtigen oder falschen Antworten und Meinungen; Let’s talk about… ist ausdrücklich als Austausch gedacht. Ich freue mich sehr darauf und bin bereit, mich von euch inspirieren zu lassen. Erweitert meinen Horizont! 🙂

Auch das Paper von Kristina Deffenbacher kann ich euch als PDF anbieten, falls es jemand lesen möchte. Meldet euch bei mir, wenn Interesse besteht.
Im nächsten Artikel wird es um die Reise des Helden bzw. der Heldin gehen und um die Frage, ob wir es in der Urban Fantasy tatsächlich mit richtigen Heldinnen zu tun haben oder ob tough heroines wie Anita Blake, Rachel Morgan und Kitty Norville nicht doch eher Helden mit Brüsten sind. Und jetzt:

Let’s talk about… Vergewaltigungsmythen in der Urban Fantasy!

Alles Liebe,
Elli

Bildquellen:
1. „Tempest Rising“ von Nicole Peeler
2. „A Hunger Like No Other“ von Kresley Cole
3. „Queen of Shadows“ von Dianne Sylvan
4. „Frisch gebissen“ von Chloe Neill
5. Anita Blake
6.„Hexed“ von Kevin Hearne

 

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Let’s talk about… Gender in der Urban Fantasy: Mein perfekter untoter Freund

Hallo ihr Lieben! 🙂

Heute möchte ich mit euch eine neue Beitragsreihe unter dem Banner „Let’s talk about..“ beginnen, in der wir uns gemeinsam intensiv mit dem Thema Gender in der Urban Fantasy beschäftigen werden. Bereits vor Monaten habe ich begonnen, dazu zu recherchieren und musste dann schnell einsehen, dass das Thema viel zu umfangreich ist, um es in einem einzelnen Post zu besprechen. Also habe ich mir überlegt, dass wir uns am besten mit jedem Artikel, den ich zu dem Thema ausfindig machen konnte (und vielleicht noch machen werde), einzeln auseinandersetzen.
Heute beginnen wir sanft und relativ locker, indem wir der Frage nachgehen, was Vampire als Partner vor allem im Young Adult Bereich so begehrenswert macht. Was fasziniert uns an den Untoten und warum sind wir bereit, sie als Liebhaber junger Frauen im Teenageralter zu akzeptieren?
Dafür stelle ich euch ein Paper von Ananya Mukherjea von 2011 vor, das den Titel „My Vampire Boyfriend: Postfeminism, ‚Perfect‘ Masculinity, and the Comtemporary Appeal of Paranormal Romance“ trägt. Ich möchte diesen Artikel nicht bloß zusammenfassen, sondern werde auch ein paar eigene Gedanken einfließen lassen, bevor ich im Anschluss versuchen möchte, Mukherjeas Theorie auf die Young Adult Urban Fantasy Bücher zu übertragen, die ich bereits gelesen habe.
Seid ihr bereit für ein bisschen Wissenschaft? Dann los! 😀

Das zentrale Thema in Young Adult Urban Fantasy Romanen ist die Liebe zwischen einer jungen Mädchen-Frau (diese Bezeichnung wird nachher noch klarer) im Highschool-Alter und einem bluttrinkenden Jungen-Mann, der Schmerzen leidet bei dem Versuch, keine Menschen zu töten oder seine Liebste nicht in einen Vampir zu verwandeln. Meist wird die große Erste Liebe romantisiert und idealisiert dargestellt; die LeserInnen begeben sich in eine Welt des jugendlichen Überschwungs, jugendlicher Begeisterung und jugendlicher Attraktivität. Vermittelt wird die zugrundeliegende Idee, dass die Liebe zu einer besonders reinen, „guten“ jungen Frau auch einen im Wesentlichen extrem „bösen“ oder „schlechten“ Mann zu retten vermag. Um zu verstehen, was an diesen Beziehungen so anziehend ist, müssen wir uns zuerst einmal ansehen, wie die Persönlichkeiten, aus denen sich das literarische Paar zusammensetzt, charakterisiert sind.

Vampires-vampires-32618086-422-450Die herausragendste Eigenschaft von Vampiren wie Edward aus der Twilight-Reihe ist wohl ihre allumfassende Dualität. Man kann sie getrost als wandelnd Widersprüche bezeichnen, denn sie bündeln Qualitäten, die zum Teil sehr gegensätzlich sind. Sie sind jung und gleichzeitig alt, vereinen ein jugendliches Äußeres mit dem, was man wohl eine „alte Seele“ nennen kann: der Erfahrung und Weisheit des Alters. LeserInnen müssen beide Altersangaben anstandslos und vorbehaltlos akzeptieren können, denn andernfalls droht die beschriebene Beziehung, in die Perversion abzurutschen. Schließlich sprechen wir hier über Altersunterschiede von mehreren hundert Jahren.

Darüber hinaus ist das jugendliche Äußere des Untoten in der Regel außerordentlich attraktiv und begehrenswert. Nicht nur die Heldin der Geschichte sehnt sich nach dem Vampir, sondern auch ihre Freundinnen, die Mädchen an ihrer Schule und nicht selten bemerken es auch ältere (weibliche) Bezugspersonen. Er hingegen interessiert sich ausschließlich für die Heldin, obwohl er an jeder Hand 10 Frauen haben und ein eigenes Mode-Magazin verlegen könnte. Auf diese Weise wird die Heldin im Kopf der LeserInnen zu einer einzigartigen, prominenten und wichtigen Persönlichkeit, die einfach etwas Besonderes sein MUSS, weil er für sie schwärmt. Ihrer eigenen Ausstrahlung und Wirkung auf Männer ist sie sich (noch) nicht bewusst; sie vermittelt einen jungfräulichen, naiven und unschuldigen Eindruck.

Sein tatsächliches Alter lässt den Vampir wie einen dunklen Gentleman aus einer anderen Zeit erscheinen: reich und sozial dominant bietet er der in der Entwicklung begriffenen Heldin altmodische, aber stabile Gender Rollen und Erwartungen, die ihrer eigenen Situation oft krass entgegen gesetzt sind. Sie selbst weiß meist noch gar nicht, welche Rolle sie verkörpern möchte und was sie von sich selbst erwartet. In ihrer Beschreibung unterscheidet sie sich oft stark von ihren Altersgenossinnen. Sie ist weniger cool, weniger selbstbewusst, eher still und zurückhaltend, eben einfach „anders“ als die Anderen. Der daraus entstehenden Unsicherheit steht der Vampir gegenüber, der durch sein wahres Alter bereits gewissermaßen einen „abgeschlossenen“ Entwicklungsstand erreicht hat. So kann sich die Geschichte primär oder sogar vollständig auf ihre Entwicklung konzentrieren. Der Vampir befindet sich in einer Lage, in der er die Entwicklung und Selbstfindung seiner Heldin unterstützen kann, die mit den verwirrenden Möglichkeiten und Erwartungen der Welt kämpft, um ihre eigene Weiblichkeit zu definieren. Statt diesen Prozess zu unterdrücken oder sich davon bedroht zu fühlen, ist er in seiner Persönlichkeit so gefestigt, dass er sie darin bestärken und sogar beschützen kann, ohne ihre weitere Entwicklung ins Wanken zu bringen.

Als Old School Gentleman hat er das unbedingte Bedürfnis, seine Anbetete vor Gefahren jeglicher Art zu bewahren, sei es nun vor ihr selbst, äußeren Einflüssen oder vor ihm. Ihr Verlangen nach einem Gentleman wiederum ist exemplarisch für die schwierige Beziehung, die viele Frauen zu Weiblichkeit und zum Feminismus haben. Die Heldin verkörpert den Konflikt des Bedürfnisses, sich beschützt zu fühlen und ihre äußere Weiblichkeit anerkannt zu wissen mit dem Streben nach einem selbstbestimmten, aktiven Leben. Während viele menschliche Partner an diesen (scheinbaren) Gegensätzen scheitern würden, ist es ihr mit einem übernatürlichen Liebhaber möglich, beides zu bekommen. Sie Bella-Edward-kurz-vorm-kussmuss sich nicht entscheiden. Ihr Liebster personifiziert die maskulinen Ideale mehrerer Klassen und Epochen für mehrere Alters- und Bevölkerungsgruppen. Sie kann aus einer Vielzahl von Charaktereigenschaften und Fähigkeiten wählen, die ihrer Entwicklung entgegenkommen. Der Vampir ist wehrhaft und aggressiv, wenn es nötig ist (wenn auch eher widerwillig, er hat keine Neigung zur Gewalt, es sei denn, seine Partnerin ist in Gefahr oder wird bedroht); ist aber trotz dessen sensibel, einfühlsam, romantisch und aufopferungsvoll. Jede für die Heldin potentiell bedrohliche Eigenschaft wird dadurch neutralisiert, dass er in der Beziehung den erwachsenen Part übernimmt. Er ist derjenige, der auf verantwortungsbewusstem Verhalten und Zurückhaltung besteht. Man kann durchaus davon sprechen, dass er in vielen Situationen beides ist: Vaterfigur und Liebhaber. Die Heldin kann sich jeder Zeit darauf verlassen, dass er ihr mit Rat und Tat zur Seite steht. Sie kann auf seine Erfahrungen zurückgreifen und wenn es hart auf hart kommt, trifft er auch ungeliebte Entscheidungen zu ihrem Wohl. Niemals würde er die Situation sexuell ausnutzen, denn das Risiko, ihr damit zu schaden (ob nun physisch oder psychisch, weil sie noch nicht bereit für eine sexuelle Beziehung ist), ist viel zu hoch – dessen ist er sich nur allzu bewusst.

So wird schnell klar, was Vampire in der Rolle des Partners einer jungen, menschlichen Frau so bemerkenswert macht: sie sind alles auf einmal. Sie erfüllen jedes Bedürfnis und Verlangen ihrer Heldin, denn sie sind gleichzeitig sehr hart und sehr weich, faktisch fehlerlos. Obwohl auch menschliche Partner vampirische Züge aufweisen können, könnten sie niemals dieselbe Dualität verkörpern. Vampire in der Young Adult Urban Fantasy sind hypermaskulin, darin besteht ihr Reiz. In der Realität wäre uns diese Hypermaskulinität wohl definitiv zu viel, denn wer möchte schon einen Partner an seiner Seite wissen, der absolut perfekt ist, immer das Richtige sagt und tut? Doch in der YA UF funktioniert das Konzept, weil der Vampir auf diese Weise zu einer Figur wird, die viele verschiedene weibliche Wünsche und Sehnsüchte harmonisch in sich vereint. Er ist eine Projektion. Stephenie Meyer fasste Edwards Attraktivität für Bella sehr treffend zusammen: „We can’t all be slayers“.

Soweit die Theorie. Ganz offensichtlich funktioniert Mukherjeas Ansatz wunderbar mit der Liebesgeschichte zwischen Edward und Bella aus der Twilight-Serie. Doch ist er auch auf andere Romane übertragbar?
Ich bin mir sicher, dass das Fall ist, selbst mit Figuren, die komplexer sind als Bella und Edward. Obwohl ich feststellen musste, dass ich wenige Young Adult Romane gelesen habe, die Vampire behandeln (ja, wirklich, offenbar mag ich YA Dystopien lieber als YA UF), gibt es doch ein sehr aktuelles Beispiel, in denen ich ähnliche Tendenzen feststellen konnte, obwohl die ProtagonistInnen völlig anders sind als Bella und Edward: Gavriel und Tana in „The Coldest Girl in Coldtown“. Meiner Meinung nach sind Tana und Gavriel wesentlich facettenreicher als ihre KollegInnen des Genres, aber ihre Beziehung ist aus genau den gleichen Gründen knisternd und spannend. Es ist das Spiel mit dem Feuer und der Gefahr, ohne jemals wirklich in Gefahr zu sein. Ich kann hier leider nicht allzu sehr ins Detail gehen, ohne zu spoilern, doch Fakt ist, meiner Meinung nach sind sich Edward und Gavriel in ihrer grundlegenden Konstruktion gar nicht so unähnlich, wie es auf den ersten Blick scheinen mag. Die Details verschleiern ihre wesentlichen Gemeinsamkeiten. Man sieht den absolut durchgeknallten Gavriel und kann sich nicht vorstellen, dass er sich jemals genauso verhält wie der sanftmütige, poetische Edward. Aber ich bin überzeugt, dass es so ist. 😉

Was haltet ihr von Mukherjeas Theorie?

Stimmt ihr ihr zu, dass der Reiz des vampirischen Liebhabers in seiner Hypermaskulinität liegt? Weil er perfekt ist und der Heldin alles geben kann, was sie sich wünscht und herbei sehnt? Weil er sie unterstützt und ihre Entwicklung fördert, völlig uneigennützig?
Im abschließenden Teil des Papers vermerkt Mukherjea, dass die Beliebtheit des Genres daher rührt, dass die Liebesgeschichte eine Beziehung darstellt, in der eine junge Frau Sicherheit und Schutz erfährt, ohne auf weibliches Vergnügen oder das Ausleben ihrer Weiblichkeit verzichten zu müssen. Im Gegenteil: der Vampir ermöglicht ihr, ihre Möglichkeiten zu maximieren. Daraus schließt Mukherjea, dass diese Art von Beziehung etwas ist, was sich viele Frauen der Realität wünschen.
Ich für meinen Teil muss dem zustimmen. Rational weiß ich genau, dass ich mit einem Edward niemals glücklich werden könnte, doch emotional… na ja, ich habe damals gesagt „Edward ist einfach ein Kerl zum Heiraten“. Er ist eine hübsche kleine Illusion. Ging es euch genauso? Habt ihr ebenfalls für Edward geschwärmt, obwohl ihr rein intellektuell genau wusstet, dass er zu perfekt ist?

Lasst eure Gedanken einfach freien Lauf, wie immer gibt es keine richtigen oder falschen Antworten. Ich freue mich sehr auf unseren Austausch! 🙂
Alles Liebe,
Elli

P.S.: Läuft alles nach Plan, geht es übrigens nächste Woche bereits weiter, mit einem etwas heftigeren Thema: Vergewaltigungsmythen in der Urban Fantasy.

P.P.S.: Wenn ihr das Paper von Ananya Mukherjea lesen möchtet, sagt Bescheid! Ich verschicke es gern per E-Mail im PDF-Format!

(Bildquelle 1)
(Bildquelle 2)

 

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Jennifer Rardin – Ein Quantum Blut

„Ein Quantum Blut“

ein quantum blut

Reihe: Jaz Parks #3

Originaltitel: Biting the Bullet

Autor: Jennifer Rardin

Format: Taschenbuch

Seitenzahl: 413 Seiten

Verlag: Heyne

Sprache: Deutsch

ISBN: 345352585X

Genre: Fantasy > Urban Fantasy

ausgelesen am: 24.11.2014

Bewertung:

Habt ihr Jennifer Rardin schon mal gegoogelt? Ich habe es getan, um ein bisschen mehr über die Autorin der Jaz Parks – Romane herauszufinden. Dabei musste ich feststellen, dass Jennifer Rardin schon nicht mehr lebt. Ich finde das wirklich traurig, denn sie ist verfrüht und überraschend im Alter von 46 Jahren verstorben, im September 2010. Die Veröffentlichung der beiden letzten Bände ihrer Urban Fantasy – Reihe hat sie nicht mehr erlebt, konnte Jaz‘ Abenteuer allerdings noch abschließen. Mich freut das von Herzen, weil ich kaum etwas so tragisch finde wie eine/n AutorIn, der/die vor der Vollendung ihres oder seines Werkes stirbt. Obwohl ich von der Jaz Parks – Reihe nicht gerade begeistert bin, lässt es mich nicht kalt, dass ich Rardins Vermächtnis im Regal stehen habe.

„Ein Quantum Blut“ ist der dritte Band der Serie und konfrontiert Jaz und Vayl ein weiteres Mal mit einer Herausforderung. Ihr neuster Fall sieht vor, dass sie einen mächtigen Zauberer und Nekromanten eliminieren, der weltweit Terroranschläge durchgeführt hat und ein Verbündeter des Raptors Edward Samos ist. Dafür müssen sie in den Iran reisen und sich mit einem Spezialkommando zusammentun. Schnell zeigt sich, dass der Auftrag die eine oder andere Überraschung bereithält, denn das Spezialkommando wird von niemand anderem als Jaz‘ Zwillingsbruder David geleitet. Dieser ist zutiefst besorgt, weil sein Team von einem Maulwurf infiltriert wurde.
Währenddessen kann sich Vayl kaum auf den Fall konzentrieren, hat ihm doch eine iranische Seherin versprochen, ihn mit seinen Söhnen zusammenzubringen. Jaz‘ ist mehr oder weniger auf sich selbst gestellt und entdeckt dabei nicht nur neue Fähigkeiten an sich selbst, sondern auch neue Feinde und dass der Auftrag nicht so einfach gestrickt ist, wie sie glaubte…

Und wieder war es viel zu viel. Wie schön wäre es gewesen, wenn Jennifer Rardin nicht schon wieder neue Gegner eingeführt hätte, zusätzlich zu den bereits bekannten. Es muss bereits eine Warteschlange für diejenigen geben, die Jaz schaden wollen. Sie kämpft in „Ein Quantum Blut“ nicht nur gegen den Zauberer/Nekromanten, sondern auch gegen Zombies, Dämonen, Schröpfer und die Mahghul, eine Rasse, die sich von schlechten Gefühlen ernährt. Noch im letzten Band war der Endgegner ein mächtiger Schröpfer, jetzt sind diese Fieslinge nicht mehr wirklich bedrohlich und eher lächerlich dargestellt. Ich verstehe das nicht.
Doch nicht nur bezüglich der Gegner übertrieb Rardin meiner Empfindung nach maßlos, auch Jaz‘ Figur mutiert immer mehr zur unglaubwürdigen Superheldin. Was sie mittlerweile alles kann, ist erstaunlich. Damit meine ich nicht mal ihre physischen Fähigkeiten wie den Schwertkampf, sondern all den übernatürlichen Kram. Sie kann Supras spüren, sie beherrscht die Astralprojektion, sie besucht die Hölle und kämpft in einer Zwischenebene gegen einen gefährlichen Dämon. Sie bräuchte nur noch ein Cape und eine nette Erkennungsmelodie.
Zusätzlich ist mir da etwas aufgefallen, das sich auf meinem Interesse an Genderstudies gründet. Jaz ist der einzige weibliche Charakter, der als Retterin auftreten darf. In „Man lebt nur ewig“ war das noch nicht so offensichtlich, aber in „Ein Quantum Blut“ wird systematisch jede andere weibliche Figur ausgeschaltet, die ihre Rolle gefährden könnte. Cassandras Fähigkeiten haben so etwas wie einen Kurzschluss. Die Sanitäterin aus Davids Team kommt nicht mit Vayl zurecht und wird deswegen gleich auf den ersten 100 Seiten heim geschickt. Grace, eine Soldatin, ist von Beginn an so unsympathisch beschrieben, dass es keine Möglichkeit gibt, sie zu mögen. Später wird sie oft komplett außen vor gelassen und schießt sich dann auch noch selbst ins Aus, weil sie Befehle missachtet. Aus der Gender-Perspektive ist das interessant, weil es ein Phänomen ist, das auch in Horrorfilmen sehr oft auftritt. Dort ist es das sogenannte „final girl“, das den Tag rettet. Ich werde auf jeden Fall in diese Richtung recherchieren und versuchen, herauszufinden, ob es Artikel gibt, die eine mögliche Existenz des „final girl“ auch in Urban Fantasy – Romanen belegen oder untersuchen.
Da wir schon beim Thema Rolle der Frau in „Ein Quantum Blut“ sind, möchte ich unbedingt erwähnen, dass ich mit Jennifer Rardins Darstellung vom Iran nicht zufrieden bin. Verschleierte Frauen, öffentliche Hinrichtungen, eine aus westlicher Sicht komplett rückständige Gesellschaft. Ich bezweifle, dass Rardin vor Ort war; schreibt man über ein Land, das man noch nie besucht hat, sollte man sehr vorsichtig sein, nicht nur ethnische Klischees zu reproduzieren. Auf mich wirkte ihr Bild sehr voreingenommen, ich glaube nicht, dass es der Lebensrealität im Iran gerecht wird.

Ich bin fertig mit der Jaz Parks – Reihe. Ich werde nicht mehr weiterlesen, weil ich mir einfach nicht vorstellen kann, dass es noch besser wird. Meine Sympathie für die Charaktere reicht nicht aus, um über all die Mängel hinweg zu sehen.

 
2 Kommentare

Verfasst von - 5. Dezember 2014 in Fantasy, Rezension, Urban Fantasy

 

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Natasha Walter – Living Dolls

„Living Dolls: Warum junge Frauen heute lieber schön als schlau sein wollen“

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Originaltitel: Living Dolls: The Return of Sexism

Autor: Natasha Walter

Format: Taschenbuch

Seitenzahl: 336

Verlag: Fischer

Sprache: Deutsch

ISBN: 3596189969

Genre: Non-Fiction > Feminismus & Gender

ausgelesen am: 01.04.2014

Bewertung:

Ich interessiere mich nun schon seit längerer Zeit für Feminismus, Sexismus, Gender Studies und alles, was mit der Gleichstellung der Geschlechter im weitesten Sinne zu tun hat. Und ja, ich würde mich durchaus als Feministin bezeichnen, denn beginnt Feminismus nicht genau dann, wenn man erkennt, dass ein Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern besteht und sich nicht damit abfinden möchte? Trotzdem stehe ich noch ganz am Anfang, ich lerne erst noch verschiedene feministische Ansätze kennen, die meiner eigenen Meinung mal mehr, mal weniger entsprechen.
„Living Dolls“ ist mein erstes eindeutig feministisches Buch, bisher habe ich mich eher auf Artikel und/oder Blog-Einträge verlassen; am Ende dieses Beitrags findet ihr ein paar Links zu Websites und Blogs, die ich euch sehr empfehlen kann, wenn ich ihr euch ebenso wie ich für dieses Thema interessiert. Ich bin mir nicht mehr sicher, wie ich über Natasha Walters Analyse des aktuellen wiederkehrenden Sexismus unserer Gesellschaft gestolpert bin, aber ich weiß noch ganz genau, dass der deutsche Titel (obwohl er eher unglücklich gewählt ist, vergleicht man ihn mit dem Originaltitel) eine Fragestellung ansprach, die mir schon lange Kopfzerbrechen bereitete. Um es mit den Worten der Sängerin P!NK zu sagen: „What happened to the dreams of a girl president?“ (Zitiert aus: P!NK, “Stupid Girls“).

Die Journalistin Natasha Walter hat viel Zeit und Recherche aufgewendet, um diese Frage zu beantworten. Ihrer Ansicht nach ist die Problematik darin begründet, dass die feministische Revolution feststeckt, denn nach den Erfolgen der ersten und zweiten feministischen Welle, die für eine höhere Emanzipation der Frauen sorgten, wurde dieses Konzept von unserer Gesellschaft (vor allem von der Wirtschaft, Stichwort Werbebranche) in eine beängstigend sexualisierende Richtung gedrängt. Somit wird jungen Frauen heute vermittelt, mit der Zurschaustellung ihres Körpers könnten sie sehr schnell sehr erfolgreich werden; die Degradierung vom Subjekt zum Objekt sei ein sicheres Erfolgsrezept. Gerechtfertigt wird dies regelmäßig mit der Entscheidungsfreiheit: Frauen würden dies ja freiwillig tun, niemand würde sie zwingen. Natasha Walter zeigt jedoch auf, dass diese Entscheidungsfreiheit oft eine Illusion ist. Wie frei kann eine Frau noch entscheiden, sich auf ihre Körperlichkeit reduzieren zu lassen, wenn sie kaum andere Chancen für sich sieht, einen bestimmten Status zu erreichen? Dementsprechend ist unsere ihres Erachtens nach hypersexualisierte Kultur lange nicht so gleichberechtigt, wie wir es uns gern einreden und einreden lassen, denn die „umfassende Sexualisierung von Frauen in der Öffentlichkeit [behindert] ihre Emanzipation.“[1] Begünstigt wird dieses Ungleichgewicht durch den wiedererstarkenden biologischen Determinismus, der davon ausgeht, dass es eben einfach biologische Unterschiede zwischen Mann und Frau gibt, gegen die unsereins nicht ankommt. Walter argumentiert gegen eine rein biologische Analyse der Geschlechter und kritisiert, dass Studien, die diese Motivation auszeichnet, oft soziale, kulturelle Faktoren nicht beachten. Darüber hinaus betont sie, dass die Forschungsergebnisse aus den verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen weit weniger eindeutig sind, als es uns vor allem die Medien gern weismachen möchten.

„Living Dolls“ hat mir ausnehmend gut gefallen. Besonders beeindruckt war ich davon, dass Natasha Walter ihre Kritik niemals an die Personen richtet, die in unserer ungleichen Gesellschaft leben (müssen), sondern immer an das System, das dahinter steckt. Sie verurteilt keine einzige Frau, die sich für Geld auszieht; sie verurteilt keine einzige Mutter, die sich entschieden hat, daheim für die Kinder zu sorgen; doch sie verurteilt das System, das Frauen in die eine oder andere Rolle drängt. Sie ruft ihre LeserInnen auf, kritischer mit den Lebensumständen von Frauen umzugehen, über den eigenen Tellerrand hinauszublicken und zu erkennen, dass das Weibliche noch immer in einen Käfig aus Stereotypen gesteckt wird und dies darüber hinaus auch auf Männer zutrifft. Sie verlangt nach einer Gesellschaft, in der wir wahrhaft frei entscheiden können, wie wir unser Leben gestalten möchten, unabhängig vom Geschlecht. Natasha Walter gehört nicht zu den Feministinnen, die prinzipiell alles Männliche verdammen; müsste ich ihre Position mit zwei Worten beschreiben, würde ich sie als solidarisch – humanistisch bezeichnen. Sie sucht die Fehler unserer Gesellschaft nicht in einem bestimmten Teil selbiger, sondern in ihr als Ganzes, mit all den komplexen Prozessen, die sie ausmacht.

„Living Dolls“ passt ausnehmend gut zu der Mission, die ich mir selbst auch auf die Fahnen geschrieben habe: Sensibilisierung für (Alltags–) Sexismus. Auf der Rückseite meiner Ausgabe steht folgender Kommentar aus Psychologie heute: „Ein kluges und wichtiges Buch.“
Ich kann dieses Urteil voll und ganz und ohne zu zögern unterschreiben. Ich möchte „Living Dolls“ allen meinen LeserInnen empfehlen, denn es betrifft uns alle. Wir alle sollten reflektierter darüber nachdenken, wie wir uns im Alltag verhalten und wie wir durch die Öffentlichkeit manipuliert werden, überholte Stereotype immer und immer wieder zu reproduzieren. Persönlich hat mir „Living Dolls“ die Argumente geliefert, die ich meinem eigenen Empfinden nach so dringend brauchte, um biologisch – deterministischen Ansichten entgegen zu treten. Ich möchte interessierten LeserInnen unbedingt dazu raten, auch die Anmerkungen und Quellen des Buches gewissenhaft durchzuarbeiten, da hier einige faszinierende Studien und Artikel verzeichnet sind, die noch tiefer in die Materie eintauchen.


[1] Natasha Walter: Living Dolls – Warum junge Frauen heute lieber schön als schlau sein wollen. Frankfurt am Main (Fischer) 2012, S. 261


Links zur Thematik:

Mädchenmannschaft

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Die Featurette

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