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John Irving – Gottes Werk und Teufels Beitrag

„Gottes Werk und Teufels Beitrag“

Gottes Werk und Teufels Beitrag

Autor: John Irving

Originaltitel: “The Cider House Rules”

Format: Taschenbuch

Seitenzahl: 775 Seiten

Verlag: Diogenes

Sprache: Deutsch

ISBN: 3257218370

Genre: Historisch > Nordamerika & Klassiker > Amerikanisch & Realistische Fiktion

ausgelesen am: 08.06.2015

Bewertung:

Homer Wells ist anders als die anderen Kinder im Waisenhaus von St. Cloud’s, denn er möchte nicht fort. Er versuchte mehrfach, eine neue Familie und ein neues Zuhause zu finden – ohne Erfolg. So kommt es, dass der Leiter des Waisenhauses, Dr. Wilbur Larch, Homer erlaubt zu bleiben und ihn unter seine Fittiche nimmt. Dr. Larch lehrt Homer Gottes Werk und Teufels Beitrag: Entbindungen und Abtreibungen. Für viele Frauen ist St. Cloud’s der einzige Ort, an den sie gehen können, wenn sie ungewollt schwanger werden. Während Homer älter wird, beschleichen ihn jedoch Zweifel. Hat nicht auch ein Fötus eine Seele? Er weigert sich, selbst Abtreibungen vorzunehmen und hadert mit seinem scheinbar vorbestimmten Schicksal als Arzt, trotz seines unbestrittenen Talents. Als ein junges Paar St. Cloud’s besucht, ist Homers Chance auf eine andere Zukunft gekommen. Candy und Wally nehmen Homer mit sich auf die Apfelplantage Ocean View der Familie Worthington, wo er sich fortan als Hilfskraft verdingt. Hier, zwischen Äpfeln und verwirrenden Beziehungen, begreift Homer, dass das Leben sich nicht um Moralvorstellungen schert. Und dass er seiner Bestimmung nicht entkommen kann.

Das ist es also, das große Werk von John Irving. Ich denke, ich habe selten ein Buch gelesen, das „Gottes Werk und Teufels Beitrag“ an Detailreichtum übertrifft. Ich halte diese Eigenschaft des Romans sowohl für seine größte Stärke als auch für seine größte Schwäche zugleich. John Irving ist ein Schriftsteller, der jeder einzelnen Figur seiner Geschichte eine eigenständige, individuelle Biografie zugesteht und sich für jeden dieser Werdegänge brennend interessiert. Auf diese Weise entsteht ein dichtes Geflecht persönlicher Schicksale, die mal außergewöhnlich, mal durchschnittlich sind und faszinierend ineinander greifen und mit einander interagieren. Die Beziehungen seines Romans sind skurril und zum Teil wahrhaft ungesund, nichtsdestotrotz aber realistisch. Während des Lesens fiel es mir gar nicht so auf, doch jetzt im Nachhinein bin ich überzeugt, dass Kommunikation eines der Schlüsselthemen ist. All die Dinge, die nicht gesagt werden – aus Stolz, aus Angst, aus Rücksicht, aus der verdrehten Vorstellung heraus, dass es sich ethisch oder moralisch nicht schickt. Seine moralischen Vorstellungen und Ansprüche sind die größten Hindernisse, die Homer im Weg zu einem glücklichen Leben stehen. Dadurch zwingt er seine Gefühle in ein enges, straffes Korsett, das es ihm verbietet, mit der Frau zusammen zu sein, die er liebt und das ihn daran hindert, seine wahre Bestimmung zu akzeptieren: ein Leben als Arzt, der ungewollt schwangeren Frauen die Möglichkeit zur Entscheidung schenkt, obwohl es illegal ist. Irving outet sich in „Gottes Werk und Teufels Beitrag“ unmissverständlich als Befürworter von Abtreibungen und meines Erachtens nach argumentiert er durch die Figur des Dr. Larch lückenlos. Ungewollte Schwangerschaften führen zu ungewollten Kindern, die zu Waisenkindern werden. Manchmal ist eine Abtreibung die beste Option für alle Beteiligten. Nehmen wir als Beispiel Melony, die gemeinsam mit Homer in St. Cloud’s aufwächst, aber einen völlig anderen Weg einschlägt und mit ihrer harten, spröden Art einen scharfen Kontrast zu seinem sanften, nachdenklichen Wesen darstellt. Schon als Kind ist sie verbittert, permanent zornig und überzeugt, dass das Leben niemals etwas Gutes für sie bereithalten wird. Sie war niemals unschuldig, weil sie zu früh grausam enttäuscht wurde. Es mag zynisch klingen, doch hätte ihre Mutter eine Abtreibung in Betracht ziehen können; wäre Melony niemals geboren worden, hätte sie auch nie all den Hass, all den Schmerz und das Leid ertragen müssen. Melony ist von Beginn an eine Einzelgängerin, unfähig, anderen zu vertrauen und überwindet ihren Zorn ihr ganzes Leben lang nicht. Ich könnte stundenlang über sie schreiben, weil sie – wenn auch zutiefst unsympathisch – wahnsinnig kompliziert ist. Eine Analyse von Irvings Charakteren könnte wohl ein gesamtes Buch füllen – das ändert jedoch nichts daran, dass ich mit ihnen allen so meine Probleme hatte. Ich mochte niemanden so richtig, weil sie alle grenzwertige Entscheidungen treffen, doch ich denke, das spielt gar keine Rolle. Irving versucht nicht, den ersten Preis für Sympathie zu gewinnen, sondern zeichnet Figuren, die facettenreich und lebensnah sind. Natürlich hat mich das beeindruckt, allerdings erwähnte ich ja bereits, dass der Detailreichtum seines Schreibstils durchaus auch einen negativen Aspekt für mich hatte. Irving schwafelt. Er ergeht sich in Kleinigkeiten und kommt nicht zielgerichtet genug auf den Punkt. Ich halte ihn für einen tollen Schriftsteller, bin als Leserin jedoch eher ein gradliniger Typ. Ich hätte die unzähligen Schnörkel aus den Leben von Nebenfiguren nicht gebraucht, um mich für die Geschichte begeistern zu können. So erforderte es zu viel Geduld und Durchhaltevermögen, um mich uneingeschränkt darin wohl zu fühlen.

„Gottes Werk und Teufels Beitrag“ ist gleichermaßen Gesellschaftskritik wie Dokumentation des Lebens. Ich kann verstehen, warum John Irving von vielen LeserInnen leidenschaftlich verehrt wird, da er mutig und sensibel Tabuthemen anspricht, einen feinsinnigen, subtilen, oftmals tragikomischen Humor vermittelt und darüber hinaus meisterhaft facettenreiche Charaktere gestaltet. Trotz dessen bin ich mir noch nicht sicher, ob er tatsächlich der richtige Autor für mich ist. Ich werde wohl noch mindestens ein weiteres Buch von ihm lesen müssen, bevor ich das entscheiden kann.
Ich kann „Gottes Werk und Teufels Beitrag“ durchaus empfehlen, weil es wirklich brillant konstruiert ist und es zu den Werken gehört, die man einfach mal gelesen haben sollte. Ihr solltet jedoch darauf vorbereitet sein, dass John Irving äußerst detailverliebt schreibt und ihr weit mehr über seine Figuren erfahren werdet, als ihr vielleicht erwartet habt.

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Gemeinsam Lesen

Gemeinsam Lesen 2

Hallo ihr Lieben! 🙂

Jeden Dienstag lesen wir gemeinsam! Diese tolle Aktion wird abwechselnd von Weltenwanderer und Schlunzen-Bücher betreut, die Fragen dieser Woche findet ihr bei Weltenwanderer durch einen Klick aufs Bild!

1. Welches Buch liest du gerade und auf welcher Seite bist du?

Ich lese gerade „Gottes Werk und Teufels Beitrag“ von John Irving und befinde mich auf Seite 162 von 775.

Gottes Werk und Teufels Beitrag

 

„Homer ist anders als die anderen Kinder im St.-Cloud’s-Waisenhaus: Er will nicht weg. Nach vier gescheiterten Adoptionsversuchen erlaubt Dr. Larch ihm daher, zu bleiben – unter der Bedingung, daß er im Waisenhaus mit angeschlossener Entbindungs- und Abtreibungsstation bei „Gottes Werk“ – dem Entbinden – und bei „Teufels Beitrag“ – dem Abtreiben – assistiert. Doch das ist nur der Beginn von Homers Odyssee.“

2. Wie lautet der erste Satz auf deiner aktuellen Seite?

„Die Sommer-Camps und Hütten, die das Seeufer sprenkeln, werden auch an den Wochenenden der Jagdsaison im Herbst benützt.“

3. Was willst du unbedingt zu deinem aktuellen Buch loswerden? (Gedanken dazu, Gefühle, ein Zitat, was immer du willst!)

Angesichts der Seitenanzahl bin ich ja noch nicht besonders weit. Aber ich muss sagen, es liest sich weit flüssiger, als ich angenommen hatte. Das liegt wohl daran, dass Irving einen wirklich interessanten und feinsinnigen Humor sein Eigen nennt. Ohne diesen empfände ich das Buch vermutlich als ziemlich bedrückend, denn die Umstände für Frauen Ende des 19. Jahrhunderts waren wirklich grauenvoll. Natürlich habe ich schon von vorsintflutlichen Abtreibungsmethoden gelesen und weiß, dass wir uns heutzutage glücklich schätzen können, dass die Medizin schonendere Möglichkeiten gefunden hat. Doch es so deutlich vor Augen geführt zu bekommen, lässt mich heftig schlucken. Es gab Frauen, die Terpentin getrunken haben. Farbverdünner. Da schüttelt es mich. Und wisst ihr, was das Schlimmste daran ist? Selbst wenn ich mir vorstelle, dass die Frauen wussten, welche… sagen wir mal, Nebeneffekte diese Hausmethoden hatten, schätze ich, sie hätten es trotzdem getan, aus purer Verzweiflung. Ich war ziemlich erleichtert, als Homer wieder in den Mittelpunkt der Handlung rückte und ich eine Atempause vom Elend bekam.
Ansonsten kann ich noch nicht allzu viel zu dem Buch sagen, weil ich gerade erst in der Handlung ankomme. Homer ist jetzt ca. 16 und Dr. Larch hat ihm alles beigebracht, was er ihn lehren konnte. Beides – Gottes Werk UND Teufels Beitrag. Entbindungen und Abtreibungen. Dr. Larchs Einstellung dazu ist vorbildhaft und für die 30er, 40er Jahre erstaunlich tolerant. Er ist überzeugt, dass die Entscheidung, ein Kind zu bekommen oder es abzutreiben, die Entscheidung der Schwangeren ist. Allein schon dadurch verdient er sich meinen Respekt. Dass er entschieden hat, Homer keine Abtreibung allein durchführen zu lassen, weil er überzeugt ist, dass dieser eine Wahl haben muss, hebt ihn in für mich in unerwartete Höhen. Er möchte, dass Homer der Gesellschaft begegnet und mit unterschiedlichen Ansichten konfrontiert wird, bevor er ein Kind mit seinen eigenen Händen abtreibt. Versteht ihr, im Waisenhaus von St.Cloud’s, in diesem Mikrokosmos, gehören Abtreibungen für Homer zum Alltag dazu. Sie sind normal. Dr. Larch weiß ganz genau, dass das in der restlichen Gesellschaft nicht der Fall ist. Er gibt Homer die Chance, das zu erkennen und seine eigenen moralischen und ethischen Grundsätze zu entwickeln, ohne bereits Blut an den Händen zu haben. Ich bin gespannt, wie Homer darüber denken wird, wenn er soweit ist, Dr. Larchs und sein eigenes Tun zu reflektieren, weil ich sicher bin, dass die Antwort darauf seinen weiteren Weg entscheidend prägen wird. Ich hoffe, dass er unabhängig davon begreift, was Dr. Larch für ihn getan hat: er beschützt ihn vor sich selbst.

4. An welchem Ort befindest du dich in deinem aktuellen Buch? Würdest du gerne mal dorthin reisen und was würdest du dort unternehmen?

Ich befinde mich zur Zeit in St.Cloud’s, Maine. Direkt nach St.Cloud’s möchte ich eigentlich nicht, denn laut Irvings Beschreibungen ist das nicht gerade die schönste Gegend. Die Kleinstadt ist ziemlich heruntergekommen, nachdem das führende Gewerbe (Holzverarbeitung) eine Stadt weitergezogen ist. Trostlos, öde und permanent nebelverhangen. Eine Stadt, in die ein Waisenhaus eben passt, weil unerwünschte und verwaiste Kinder das einzige sind, das es im Überfluss gibt.

„Maine hatte viele Städte; es gab keine, die so reizlos war wie St.Cloud’s.“
(„Gottes Werk und Teufels Beitrag“, S. 160)

Nach Maine würde ich aber durchaus gerne einmal reisen, denn es ist Stephen King’s Bundesstaat. Viele der Städte, in denen seine Horror-Geschichten spielen, sind zwar fiktiv, aber ich würde einfach gern einmal erleben, wie die Umgebung aussieht, die ihn so sehr inspiriert. Allerdings stünde Maine nicht unbedingt weit oben auf meiner Prioritätenliste, sollte ich es mal in die USA schaffen. New York, New Orleans, Boston, Chicago, Seattle und San Francisco wären mir definitiv wichtiger. Und Lawrence, Kansas. 😉

Was lest ihr im Moment und wohin entführt euch eure Lektüre? Ist sie eine Reise wert?

Ich freue mich wie immer sehr auf eure Kommentare und Beiträge! Macht euch einen schönen Tag! 😀
Alles Liebe,
Elli

 
 

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