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Schlagwort-Archive: England

Dan Vyleta – Smoke

Dan Vyleta ist ein Kind des Potts. Ja, ihr habt richtig gelesen! Sein Weg führte ihn zwar über England in die USA und bis nach Kanada, aber er wurde 1974 als Sohn tschechischer Einwanderer im Ruhrgebiet geboren. Ich frage mich, wie viel Pott noch in ihm steckt. Seinen aktuellen Roman „Smoke“ verfasste er jedenfalls nicht in Deutsch, sondern in Englisch. Unseren Markt erreichte das Buch durch die Random House Gruppe, die es mir als Rezensionsexemplar anbot. Ich nahm das Angebot an, da der Klappentext wirklich interessant klang. Meine Neugier war geweckt.

Thomas und Charlie sind privilegiert. Als Schüler eines elitären Internats werden sie auf ihr späteres Leben an der Spitze der Gesellschaft vorbereitet. Sie sind normale Jungen – doch ihre Gedanken sind unrein. Jeder weiß es, denn der Rauch zerrt all ihre Verfehlungen ans Tageslicht. Der Rauch brandmarkt die Menschen als Sünder, er dringt aus Poren und Körperöffnungen und hinterlässt schmierigen Ruß, der an der Haut klebt, Kleidung befleckt und Gebäude in einen schwarzen Schleier hüllt. Jede Lüge, jede Gehässigkeit, jede Missetat wird unweigerlich offengelegt. Der Rauch ist der sichtbare Graben zwischen Oberschicht und Pöbel. Niemals wäre es Thomas und Charlie eingefallen, seine Gesetze zu hinterfragen, bis ein verstörender Schulausflug nach London die Freunde ratlos zurücklässt. Wieso würde jemand den Ruß von Mördern sammeln? Wie ist es möglich, dass ein Mensch kein einziges Fädchen Rauch absondert? Aufgewühlt begeben sich Thomas und Charlie auf die Suche nach den Ursprüngen des Rauchs und stoßen auf eine Verschwörung nationalen Ausmaßes, die sie vor eine haarsträubende Entscheidung stellt: ist ihre Welt es wert, gerettet zu werden?

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Oscar Wilde – De Profundis: Epistola in Carcere et Vinculis

Dies ist keine gewöhnliche Rezension. Vielleicht ist euch bereits aufgefallen, dass ich dieses Mal auf eine Sternevergabe verzichtet habe. Ich habe diese Entscheidung getroffen, weil ich glaube, dass „Epistola in Carcere et Vinculis“ oder auch kurz „De Profundis“ von Oscar Wilde es nicht verdient, mit einer plumpen Sternenanzahl beurteilt zu werden. Bei dem Text handelt es sich um einen Brief von etwa 50.000 Worten, den Wilde während seiner Zeit im Zuchthaus von 1895 bis 1897 an seinen ehemaligen Liebhaber Lord Alfred Bruce Douglas schrieb. Wie anmaßend wäre es, ein Schriftstück bewerten zu wollen, in dem ein verzweifelter Mann sein Innerstes nach außen kehrte und niederschrieb, was ihn bewegte?

Daher habe ich beschlossen, von der gewohnten Struktur meiner Rezensionen Abstand zu nehmen und diesen berührenden Brief vollkommen eigenständig zu besprechen. Es ist kein Roman. Es ist keine Geschichte, obwohl der Text durchaus eine Geschichte erzählt. Ich kann meine üblichen Maßstäbe hier nicht anlegen. Stattdessen möchte ich euch zuerst die historischen Fakten darlegen, bevor ich erkläre, wie „De Profundis“ auf mich wirkte und welche Schlussfolgerungen ich daraus ziehe. Es ist das tragische Zeugnis eines gebrochenen Mannes, das ihr ohne Kontext nicht verstehen werdet. Ich war entsetzt, was aus dem ehemals erfolgreichen Autor Oscar Wilde geworden war.

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Verfasst von - April 19, 2017 in Englisch, Klassiker, Rezension

 

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Graeme Cameron – Normal

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Ich lese selten Kriminalthriller. Meine Beziehung zu diesem Subgenre ist schwierig, weshalb ich dieses Jahr auch erst zwei Romane dieser Kategorie von meinem SuB befreit habe. Die immer gleichen Grundstrukturen öden mich an. Der/Die Ermittler_in wird mit einem Fall konfrontiert, der eine Verbindung zu seiner/ihrer düsteren Vergangenheit aufweist. Er/Sie stellt sich den Dämonen, schnappt den Täter und rettet den Tag. Gähn. Ich kann es nicht mehr sehen. Deshalb bin ich permanent auf der Suche nach Thrillern, die anders sind. „Normal“ von Graeme Cameron versprach, genau die Art Thriller zu sein, denn der Protagonist ist niemand geringerer als der Killer selbst.

Sein Leben folgt einer komfortablen Routine. Er schläft. Er isst. Er kauft ein. Er jagt. Er spielt. Er mordet. Alles ganz normal. Er hat sich seinen Bedürfnissen entsprechend eingerichtet; besitzt einen versteckten schallisolierten Keller, in dem sich ein gut gesicherter Käfig befindet. Er verfeinerte Anonymität zu einer Kunstform. Niemand würde seine wahre Natur erkennen – bis es zu spät ist. Er ist der Wolf in unserer Mitte. Er ist zufrieden. Doch dann begegnet er über Miesmuscheln der Liebe seines Lebens. Ein Blick in ihre Augen und all die sorgfältig aufgebauten Strukturen seiner Existenz sind plötzlich unwichtig. Seine Triebe rücken in den Hintergrund. Ihretwegen möchte er sich ändern. Es gibt da nur ein Problem: der Käfig in seinem Keller ist zurzeit bewohnt…

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Verfasst von - November 11, 2016 in Krimi, Rezension, Thriller

 

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Charlie Fletcher – The Oversight

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Newsletter von Verlagen sind ein praktischer Service. Sie liefern mir Informationen zu Werbeaktionen, Sonderangeboten und Neuerscheinungen frei Haus. Besonders gern lese ich den Newsletter von Orbit, in dem ich fast immer neue Lektüre aus Fantasy und Science-Fiction für mich entdecke. So wurde ich auch auf Charlie Fletcher aufmerksam. Das Cover seines Fantasy-Romans „The Paradox“ weckte mein Interesse, also recherchierte ich das Buch und stellte fest, dass es sich dabei um den zweiten Band der „Oversight“-Trilogie handelt. Der gleichnamige Auftakt, „The Oversight“, klang ebenfalls vielversprechend und landete im Februar 2016 auf meiner Wunschliste. Dort blieb es nicht lange. Im Juni zog es bei mir ein; bereits Ende August befreite ich es von meinem SuB. Ihr seht, meine Neugier auf die Geschichte war wirklich gewaltig. 😉

Seit Jahrhunderten trennt die menschliche und die magische Welt ein schmaler Grat, ein fragiles Gleichgewicht, das strengen Regeln folgt. Es die Aufgabe der Oversight, diese Regeln durchzusetzen und Übertretungen zu bestrafen. Im Verborgenen agierend schützen sie die menschliche Welt, unerkannt und unbemerkt. Doch die Oversight ist nicht mehr das, was sie einst war. Ehemals zahlreich, sind heute nur noch eine Handvoll Mitglieder übrig. Als eines Tages ein schreiendes junges Mädchen in ihr Hauptquartier gebracht wird, glauben sie, dass ihre Gebete nach Verstärkung erhört wurden – nicht ahnend, dass das Mädchen eine Falle ist, dazu gedacht, die Oversight von innen heraus zu zerstören. Mächtige Feinde trachten danach, die Grenze zur Magie zum Einsturz zu bringen und schrecken nicht davor zurück, das Schicksal der gesamten Menschheit aufs Spiel zu setzen. Denn fällt die Oversight, fallen wir alle.

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13. 01. 2015 – Gemeinsam Lesen

Gemeinsam Lesen 2

Hallo ihr Lieben,
auf das heutige Gemeinsam Lesen habe ich mich gefreut, weil ich endlich über „Oliver Twist“ sprechen kann. Ich muss da wirklich ein paar Dinge loswerden. Ein paar Gedanken müssen unbedingt aufgeschrieben werden und das Chaos meines Kopfes verlassen, damit ich später die Rezension schreiben kann.
Gemeinsam Lesen wird abwechselnd von Weltenwanderer und Schlunzen-Bücher betreut; die heutigen Fragen findet ihr bei Weltenwanderer durch einen Klick aufs Bild. 🙂

1. Welches Buch liest du gerade und auf welcher Seite bist du?

Ich lese gerade „Oliver Twist“ von Charles Dickens und bin auf Seite 452.

2. Wie lautet der erste Satz auf deiner aktuellen Seite?

„Es war fast zwei Stunden vor Tagesanbruch; jene Zeit, die im Herbst mit Recht der Tod der Nacht genannt werden kann; wo die Straßen still und verlassen sind, wo selbst die Geräusche zu schlafen scheinen und Liederlichkeit und Ausschweifung nach Hause getaumelt sind, um zu träumen – es war um diese stille und schweigende Stunde, als Fagin wachend in seiner alten Höhle saß; sein Gesicht war so bleich und verzerrt, seine Augen waren so gerötet und blutunterlaufen, dass er weniger wie ein Mensch, sondern vielmehr wie ein schreckliches Gespenst aussah, noch feucht vom Grabe und von einem bösen Geist geplagt.“

3. Was willst du unbedingt zu deinem aktuellen Buch loswerden? (Gedanken dazu, Gefühle, ein Zitat, was immer du willst!)

Charles Dickens. Ich muss sagen, er schrieb völlig anders, als ich erwartet hatte. Weniger Philosoph, mehr Geschichtenerzähler. Ich habe gedacht, Dickens wäre einer dieser klassischen AutorInnen, die die großen Probleme des Lebens thematisieren; ich dachte, „Oliver Twist“ wäre so tiefgründig, dass ich mich wirklich anstrengen müsste, um es zu verstehen. Auf gewisse Weise ist es das natürlich schon und sehr gesellschaftskritisch, aber es liest sich im Großen und Ganzen ziemlich leicht und flüssig. Auf die Sprache war ich vorbereitet; ich wusste, ich habe es mit einem Roman aus dem 19. Jahrhundert zu tun, daher bereitet sie mir wenig Probleme. Außerdem war Dickens offenbar auch wesentlich lockerer, als ich erwartet hatte. Der Mann hatte sogar richtig Humor.
Trotzdem hoffe ich, dass ich mit dem Buch heute fertig werde. So positiv überrascht ich vom Schreibstil bin, die Geschichte… ist einfach nicht meins. Das liegt hauptsächlich an Oliver selbst. Er ist ein reizender Knabe, sensibel, liebenswürdig, still, demütig – aber auch unterwürfig und fad. Nennt mich Banausin, aber ich finde Oliver Twist fürchterlich langweilig. Ich habe gedacht, er hätte viel mehr Feuer. Ich habe Abenteuer erwartet. Ich dachte, Oliver wäre ein Gossenjunge, der unfreiwillig an eine Diebesbande gerät, sich in diesem Leben aber schnell wohlfühlt, bis er eines Tages feststellt, dass es nicht das ist, was er sich eigentlich wünscht. Eine Art Läuterungsgeschichte, in der man lernt, dass auch in einem kleinen Ganoven ein großes, gutes Herz stecken kann und er durchaus das Potential hat, zu einem wertvollen Gesellschaftsmitglied zu werden. Der echte Oliver hingegen… na ja, er ist ein kleiner Engel. Kein bisschen verwegen, ohne auch nur eine einzige negative Eigenschaft. Er ist jemand, der gern Blumen pflückt. *bedeutsame Pause*
Ich wollte Verfolgungsjagden in den Straßen Londons, Streiche, Verkleidungen, geklaute Äpfel – und am Ende die herzzerreißende Vereinigung mit Olivers (neuer) Familie. Letzteres kann natürlich noch kommen, aber so richtig rechne ich nicht mehr damit. Ja, es ist große Literatur, doch entspricht einfach nicht ganz meinen Erwartungen. Ich werde sehen, wie ich es letztendlich bewerte.

4. Wie wichtig ist euch das Cover? Beeinflusst es euch beim Kaufen oder ist es komplett egal? Wie gefällt euch das Cover eures aktuellen Buches? Sollte es zum Inhalt passen?

Tja, würden wir nicht alle gern sagen „Das Cover ist mir völlig egal“? Ich bin so ehrlich, zuzugeben, dass es mich durchaus beeinflusst, wenn auch nicht immer und nicht ausschließlich. Ein schönes Cover weckt meine Neugier immer. Ausschlaggebend für einen Kauf ist es allerdings nicht. Ein Cover kann noch so herrlich gestaltet sein, spricht mich der Klappentext nicht an, bleibt es im Laden. Ein hässliches Cover hält mich im Gegensatz nicht davon ab, ein Buch zu kaufen. Natürlich wünsche ich mir, schöne Ausgaben zu haben, aber das geht eben nicht immer. Ich versuche allerdings schon, Reihen in der gleichen Gestaltung zu halten. Das gelingt ebenfalls nicht immer. Besonders, weil ich zum Teil eine Reihe auf Deutsch beginne und dann auf Englisch weiterlese. Manchmal werden mir auch Steine in den Weg gelegt, etwa, weil ein Band vergriffen ist. Kurzum: Cover sind wichtig für mich. Aber nicht so wichtig wie der Inhalt. Im Idealfall spiegelt das Cover bzw. die gesamte Gestaltung den Inhalt wider.
Aktuell finde ich das Cover von „Oliver Twist“ durchaus passend, denn es ist schlicht, obwohl ich nicht ganz verstehe, warum ein kleiner Fischer abgebildet ist. Allerdings könnte die Farbe des Einbandes wirklich etwas hübscher sein. Es ist so ein merkwürdiges Grau mit einem Stich Oliv. Für die Farbe werde ich jedoch immer dann entschädigt, wenn ich eine der Illustrationen im Inneren betrachte. Die sind nämlich sehr schön. Es gefällt mir, dass sie von George Cruikshank stammen, der tatsächlich auch zu Dickens‘ Zeiten lebte (*1792 – †1878). Dadurch wirken sie authentisch, denn wer könnte eine Geschichte des 19. Jahrhunderts besser illustrieren als ein Zeitzeuge?

Was lest ihr gerade? Spielt die Covergestaltung für euch eine Rolle?

Alles Liebe,
Elli

 
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Verfasst von - Januar 13, 2015 in Neuigkeiten & schnelle Gedanken

 

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Livi Michael – Die flüsternde Straße

„Die flüsternde Straße“

die flüsternde straße

Autor: Livi Michael

Originaltitel: “The Whispering Road”

Format: Taschenbuch

Seitenzahl: 507 Seiten

Verlag: Carlsen

Sprache: Deutsch

ISBN: 3551356920

Genre: Historisch > England & Mystery

ausgelesen am: 28.12.2014

Bewertung:

Ich glaube, „Die flüsternde Straße“ von Livi Michael war bei einem Bücherpaket dabei, das ich irgendwann einmal ersteigert habe. Manchmal ist es ja so, dass man ein Buch unbedingt haben will, das es aber nur in Kombination mit einem anderen bei eBay gibt. Also arrangiert man sich mit dem zusätzlichen Buch. Große Hoffnungen setzte ich nicht in diesen Roman, aber eine Geschichte über Waisenkinder im England des 19. Jahrhunderts schien mir perfekt in den Dezember zu passen.

Das Armenhaus, in dem Joe und Annie einige Jahre aufwuchsen, war kein Paradies. Doch der Bauernhof, auf dem sie nun arbeiten müssen, ist die leibhaftige Hölle. Sie frieren, sie hungern, sie werden geschlagen. Eines Tages sind die Prügel so heftig, dass Joe beschließt, keinen Tag länger bleiben zu können. Tatsächlich gelingt es den Geschwistern, zu fliehen – hinein in eine Welt, in der es nur wenig Platz für zwei ausgehungerte, zerlumpte Waisenkinder gibt. Zusätzlich wird Annie Joe auf ihrer beschwerlichen Reise immer mehr zu Last, denn Annie ist ein Medium. Sie kann die Toten sehen und mit ihnen sprechen. Als die beiden auf eine Gruppe Schausteller treffen, lässt Joe seine kleine Schwester einfach dort, um sich selbst einer Kinderbande in den Straßen Manchesters anzuschließen. Zum ersten Mal in seinem Leben fühlt er sich frei. Doch schon bald muss Joe einsehen, dass diese Freiheit ganz und gar nicht seinen Erwartungen entspricht…

Im 19. Jahrhundert war England auf dem Höhepunkt der industriellen Revolution. Ich assoziiere damit eine besondere Atmosphäre, die Livi Michael mir in „Die flüsternde Straße“ jedoch nicht vollständig vermitteln konnte. Sie hat es versucht, das gestehe ich ihr zu, aber trotzdem war es beim Lesen stets so, als würde ich es sehen, nicht, als wäre ich dort. Statt in die Geschichte von Joe und Annie einzutauchen, war ich ein Zaungast, wodurch mich ihre Schicksale nur auf einer sehr abstrakten Ebene berührten. Ich konnte mich nicht richtig in sie einfühlen.
Ich schätze, das hatte auch damit zu tun, dass Livi Michael sehr viel Potential verschenkte, indem sie sich dafür entschied, aus Joes Ich-Perspektive zu schreiben. Ich finde das aus mehreren Gründen ungünstig. Joe ist vermutlich ca. 10, 12 Jahre alt. Ich halte Michael für nicht talentiert genug, um sich in einen Jungen dieses Alters während der Zeit der industriellen Revolution hineinzuversetzen. Dafür braucht es schon ein ausnehmend hohes Maß an Sensibilität. Außerdem schließt diese Perspektive Annie völlig aus, dabei ist sie als Medium eindeutig der Aufmacher des Buches. Ich bin sehr enttäuscht, dass die Autorin auf ihre speziellen Fähigkeiten so wenig einging. Als LeserIn sieht man Annie ausschließlich durch Joes Augen und als er sich von ihr trennt, verschwindet sie über 200 Seiten lang komplett aus der Geschichte. Ich verstehe diesen Handlungsaufbau nicht. Wieso inszenierte Michael die Trennung von Joe und Annie, wenn es wesentlich interessanter gewesen wäre, zu erleben, wie jemand so besonderes wie Annie sich in den Straßen Manchesters schlägt?
Ich hatte daher den Eindruck, dass Livi Michael während des Schreibens den Fokus ihrer Geschichte geändert hat. Anfangs sollte es vermutlich vordergründig um die Geschwister gehen, aber ich glaube, auf halber Strecke entschied sie sich um und konzentrierte sich dann auf die Lebensumstände der Armen in dieser Epoche. Natürlich ist dieses Thema interessant, doch der Roman wirkt auf diese Weise unruhig und unausgereift. Diese Empfindung wurde meiner Meinung nach noch verstärkt, weil es in „Die flüsternde Straße“ für meinen Geschmack zu viele Zufälle gibt. Ich musste mir die Frage stellen, ob Livi Michael die Handlungsabläufe möglicherweise nicht so konsequent durchdacht hat, wie es eigentlich nötig gewesen wäre.
Der Ich-Erzähler und Protagonist Joe war für mich ebenfalls problematisch. Er ist gewollt unsympathisch und ich begreife nicht ganz, warum. Sicher, er ist ein Produkt seiner Zeit und der Umstände, aber musste er denn wirklich dermaßen unausstehlich sein? Ein paar gute Eigenschaften hätten Wunder wirken und seine negativen Seiten relativieren können.
Abschließend muss ich leider auch ein paar Worte zur Form des Buches sagen. Ich weiß nicht, ob während der Übersetzung etwas schief gelaufen ist, oder ob bereits im Lektorat mächtig geschludert wurde – Fakt ist, dass die Geschichte zwischen den Zeitformen springt. Das geht nicht. Von einem Moment auf den anderen wechselt Livi Michael plötzlich von Präsens zur Vergangenheitsform und wieder zurück, ohne dass dieser Wechsel motiviert oder nachvollziehbar wäre. Das war nicht nur merkwürdig, sondern auch massiv irritierend. Ich verzeihe ja viel, aber das nicht. Sowas darf einfach nicht passieren.

„Die flüsternde Straße“ hätte ein wirklich gutes Buch sein können. War es aber nicht. Die historischen Hintergründe waren selbstverständlich spannend und die Geschichte las sich flüssig, doch trotzdem weist es zu viele Mängel auf, um mehr als zwei Sterne zu verdienen. Ein Teil von mir hat wohl gehofft, einen Roman in Dickens-Manier vorzufinden. Tja, da wurde ich definitiv enttäuscht. Lasst die Finger von „Die flüsternde Straße“. Wenn ihr ein Buch über Waisenkinder im England des 19. Jahrhunderts lesen möchtet, greift einfach gleich zu Charles Dickens.

 
 

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Rachel Joyce – The Love Song of Miss Queenie Hennessy

„The Love Song of Miss Queenie Hennessy“

The Love Song of Miss Queenie Hennessy

Autor: Rachel Joyce

Format: Taschenbuch

Seitenzahl: 368 Seiten

Verlag: Double Day (Random House)

Sprache: Englisch

ISBN: 0857522760

Genre: Realistische Fiktion

ausgelesen am: 07.11.2014

Bewertung:

„The Love Song of Miss Queenie Hennessy” wurde mir vom Verlag Random House via Blogg dein Buch bereitgestellt. Ich habe mich darauf beworben, weil ich es als guten Anlass ansah, mir endlich auch „The Unlikely Pilgrimage of Harold Fry“ zu besorgen, das schon länger auf meiner Wunschliste stand. Umso mehr habe ich mich gefreut, als mir mitgeteilt wurde, dass ich gewonnen hatte. Harolds Version dieser wundervollen Geschichte hat mich sehr begeistert und berührt; dementsprechend neugierig war ich darauf, nun Queenies Seite zu erfahren.

Als Queenie Hennessy erfährt, dass Harold Fry England zu Fuß durchquert, nur um ihr einen letzten Besuch abzustatten, stürzt sie in einen emotionalen Konflikt. 20 Jahre hat sie auf Harold gewartet, nachdem sie Hals über Kopf aus seinem Leben verschwunden ist. Ihr Herz sehnt sich nach der großen Liebe ihres Lebens, doch die Aussicht, Harold wieder zu sehen, macht ihr auch Angst. Sie hütet Geheimnisse, von denen er nichts weiß, angefangen mit ihren Gefühlen bis hin zu ihrer Beziehung zu Harolds verstorbenem Sohn David. Ermutigt und unterstützt von der Nonne Schwester Mary Inconnue beginnt sie, einen letzten Brief zu schreiben, indem sie all das offenbart, was ihr seit Jahren auf der Seele liegt. Ähnlich wie Harold begibt sie sich auf eine Reise durch Erinnerungen, die sie selbst kurz vor ihrem Tod noch einmal das Leben spüren lassen.

Rachel Joyce besteht darauf, dass „The Love Song of Miss Queenie Hennessy” keine Fortsetzung von „The Unlikely Pilgrimage of Harold Fry“ ist. Sie bezeichnet es als Gefährten – Buch. Ich kann mir keine bessere Beschreibung dafür vorstellen, denn es erweitert Harolds Version der Geschichte um eine zusätzliche, eigenständige Dimension, die jedoch die gleiche Botschaft trägt: es ist nie zu spät. Harolds und Queenies Leben sind miteinander verflochten, aber sie bleiben unabhängige Individuen. Ich glaube, das hat mich am meisten an „The Love Song of Miss Queenie Hennessy” begeistert – Joyce macht deutlich, dass beide vollwertige Charaktere mit vollständigen Biografien sind, die einander in nichts nachstehen. Dementsprechend muss man „The Unlikely Pilgrimage of Harold Fry“ nicht unbedingt gelesen haben, um Queenies Geschichte zu verstehen oder zu genießen. Ich empfehle es aber trotz dessen; nicht nur, weil diese beiden in meinen Augen einfach zusammen gehören, sondern auch, weil es das Bild von Harold komplettiert.
Besonders aufgewühlt hat mich Queenies Schilderung ihrer Beziehung zu Harolds Sohn David. In „The Unlikely Pilgrimage of Harold Fry“ blieb er für mich eine Art Phantom, dessen eigenes tragisches und kurzes Leben nur bruchstückhaft zur Sprache kam. Erst Queenie ist es, die David Form und Gestalt gibt. Immer wieder hat es mich aus der Fassung gebracht, wie schrecklich unglücklich der junge Mann war. Ich fühlte mich stellenweise ähnlich verzweifelt wie Queenie selbst, die ihm so gern helfen wollte, es aber nicht konnte. David hat Spuren in meinem Herz hinterlassen; es war großartig, ihn kennenzulernen.
Queenie hingegen ist eine einnehmende Persönlichkeit aus einer anderen Zeit. Shirley Whiteside vom Independent UK schreibt, dass sie alte Werte verkörpert wie Pflichtbewusstsein, Loyalität und das Zurückstecken der eigenen Gefühle für das große Ganze. Sie hat Recht. Die Art und Weise, der Charakter von Queenies Liebe zu Harold ist über die Maßen gütig, selbstlos und bedingungslos. Kennt ihr das „Hohelied der Liebe“ aus dem 13. Kapitel des ersten Korintherbriefs? Genau SO sind Queenies Gefühle für Harold. Ich glaube nicht, dass ich so lieben könnte wie sie; stets aus der Ferne, immer nur zu geben, ohne jemals zu nehmen oder zumindest zu fordern. Es hat mich zutiefst berührt, dass Queenie ihr Leben lang auf das verzichtete, das ihr Herz am meisten begehrte und trotzdem das Glück fand. In den kleinen Momenten war sie glücklich. Denn nicht immer kommt das Glück mit einem Feuerwerk; es schleicht sich an auf leisen Sohlen, bis man eines Tages aufwacht und feststellt, dass man sein Leben um nichts in der Welt eintauschen möchte. Meine Güte, schon beim Schreiben dieser Worte bin ich den Tränen erneut nahe.

Ich liebte „The Unlikely Pilgrimage of Harold Fry“. Aber „The Love Song of Miss Queenie Hennessy” ging mir noch stärker zu Herzen. Harold durch Queenies Augen zu sehen und zusätzlich die Geschichte der Frau zu erfahren, für die er Meile um Meile läuft, war herzergreifend, ohne dabei kitschig oder übertrieben zu wirken. Ich kann es wirklich von ganzem Herzen empfehlen. Rachel Joyce hat erneut ein ehrliches, wundervolles Buch über das Leben geschrieben, das den LeserInnen vor Augen führt, dass aller Schmerz und alles Leid doch nicht das Glück aufhalten kann, wenn wir es nur hereinlassen.

 
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Verfasst von - November 11, 2014 in Realistische Fiktion

 

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Rachel Joyce – The Unlikekly Pilgrimage of Harold Fry

„The Unlikely Pilgrimage of Harold Fry“

The Unlikely Pilgrimage of Harold Fry

Autor: Rachel Joyce

Format: Taschenbuch

Seitenzahl: 320 Seiten

Verlag: Random House

Sprache: Englisch

ISBN: 0553840835

Genre: Realistische Fiktion

ausgelesen am: 03.11.2014

Bewertung:

Wusstet ihr, dass „The Unlikely Pilgrimage of Harold Fry“ ursprünglich ein Radio Hörspiel war? Rachel Joyce hat es für BBC Radio 4 geschrieben, in Gedenken an ihren Vater, der an Krebs litt und leider nicht lange genug lebte, um es zu hören. Später dann schrieb sie es zu einem vollwertigen Roman um. Dafür bin ich ihr sehr dankbar, denn hätte sie das nicht getan, wäre ich wohl nie in den Genuss dieser wundervollen Geschichte gekommen.

Harold Fry ist seit sechs Monaten pensioniert, aber maßgeblich verändert hat sich sein Leben dadurch nicht. Jeder Tag gleicht dem anderen und meist ist er seiner Ehefrau Maureen im Weg. Doch eines Morgens reißt ihn das Eintreffen eines Briefes aus seinem Trott. Es ist eine Nachricht einer alten Freundin. 20 Jahre lang hat Harold Queenie Hennessy weder gesprochen noch gesehen. Nun liegt sie im Sterben. Wie soll er nur darauf antworten, nach allem, was Queenie für ihn getan hat und nach all den Jahren? Als er seine ersten Schritte in Richtung Briefkasten macht, um sein Antwortschreiben einzuwerfen, ist das der Beginn einer fantastischen Reise. Denn während Harold läuft, kommt ihm die Idee, dass er genau das für Queenie tun kann: laufen. Über 600 Meilen, von Kingsbridge im Süden Englands bis nach Berwick-upon-Tweed ganz im Norden, wo Queenie in einem Hospiz ihre letzten Tage verbringt. Harold ist fest überzeugt, solange er läuft, wird Queenie leben. Sie wird auf ihn warten. Erst während seiner Reise merkt Harold, dass diese ihm weit mehr abverlangt, als nur einen Fuß vor den anderen zu setzen: sie konfrontiert ihn mit Erinnerungen. Und nicht nur mit Erinnerungen an Queenie.

Fragte man mich, wovon „The Unlikely Pilgrimage of Harold Fry“ handelt, wüsste ich keine andere Antwort als „Vom Leben“. Verpasste Chancen, genutzte Gelegenheiten, enttäuschte Erwartungen, Liebe und Freundschaft, Schmerz, Verlust, Leidenschaft, Unausgesprochenes – um all das geht es in diesem Roman. Ich wage zu behaupten, dass sich einfach jeder in Harolds Geschichte wiederfinden kann, weil sie in ihrer Gewöhnlichkeit absolut außergewöhnlich ist. Es sind die kleinen Dinge, die ein Leben besonders machen; das Wesentliche liegt nicht an der Oberfläche, sondern steht zwischen den Zeilen. Rachel Joyce hat genau diese Eigenheit des Daseins mit erstaunlicher Klarheit herausgearbeitet und in den Mittelpunkt ihrer Erzählung gestellt. Ihre Art zu schreiben ist dabei unmissverständlich und direkt, sodass ich keine Probleme hatte, eine Verbindung zu Harold und auch seiner Frau Maureen aufzubauen, obwohl uns etwa 40 Lebensjahre trennen. Harolds Reise entfacht das Leben und die Liebe in ihnen beiden aufs Neue; Gefühle, die jahrzehntelang geschlafen haben, werden wiedererweckt. Während er läuft, verschwimmen für Harold die Grenzen von Realität und Erinnerung. Während er läuft, überwindet Maureen uralten Groll und Schmerz. Je mehr geografische Distanz zwischen ihnen liegt, desto näher kommen sie sich emotional. Joyce ließ mich hautnah an dieser Entwicklung teilhaben; es war so wunderschön, sie zu beobachten. So etwas warmherziges, sanftes, zärtliches und intimes habe ich schon lange nicht mehr gelesen. Es hat mir ein Lächeln ins Gesicht gezaubert, auf jeder einzelnen Seite. Ein bisschen erinnerte es mich an „Schiffbruch mit Tiger“. Vermutlich hätten Harold und Maureen es jedoch nie geschafft, die Gräben zwischen sich zu überwinden, wäre Queenie nicht gewesen. Queenie Hennessy hat schon einmal sehr viel für Harold getan und jetzt tut sie es erneut. Noch mit ihrem letzten Atemzug macht sie ihm ein unschätzbares Geschenk. Sie bringt die Liebe zwischen Harold und Maureen erneut zum Glühen und lässt sie verstehen, dass manche Momente des Lebens einfach zu groß und zu schmerzhaft sind, um sie allein zu verarbeiten. Ist das nicht schlicht bezaubernd?

Ich bin noch nicht 60, aber auch ich habe Teile meines Ichs in „The Unlikely Pilgrimage of Harold Fry“ entdeckt. Eine Botschaft nehme ich ganz sicher daraus mit und hoffe, ich habe sie nicht vergessen, wenn ich so alt bin wie Harold. Es ist niemals zu spät, um etwas zu tun, zu sagen oder zu verändern. Es ist oft nicht das Alter, das uns aufhält, es sind unsere negativen Erfahrungen. Niemals möchte ich den Mut verlieren, einfach zu springen und etwas Verrücktes zu tun, mein Leben noch einmal völlig umkrempeln, wenn es sein muss – ganz wie Harold.
Ich empfehle dieses Buch an LeserInnen, die in der Lage sind, das Besondere im Gewöhnlichen zu erkennen. In jedem Leben steckt ein wenig Magie. Manchmal muss man nur genauer hinsehen, um sie zu finden.

 
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Verfasst von - November 6, 2014 in Realistische Fiktion

 

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Kiran Nagarkar – Gottes Kleiner Krieger

„Gottes Kleiner Krieger“

Gottes kleiner Krieger

Originaltitel: “God’s Little Soldier”

Autor: Kiran Nagarkar

Format: Hardcover

Seitenzahl: 704 Seiten

Verlag: A1-Verlag

Sprache: Deutsch

ISBN:  3927743887

Genre: Realistische Fiktion & Religion & Philosophie

ausgelesen am: 28.06.2014

Bewertung:

Habt ihr euch schon einmal gefragt, wie ein Mensch zu einem religiösen Extremisten werden kann? Spätestens seit dem 11. September 2001 ist religiös motivierter Terrorismus und der radikale Glaubenskrieg tief und schmerzhaft im öffentlichen Bewusstsein verankert. Wir erleben die Konsequenzen tagtäglich: verschärfte Sicherheitskontrollen an Flughäfen, Überwachung und Kriege in weiten Teilen der Welt. Tatsächlich ist die Anzahl der Kriege auf der Welt aktuell so hoch wie schon seit 1945 nicht mehr. Al-Qaida, die radikal-islamische Hamas, Boko Haram. In regelmäßigen Abständen werden uns die Namen dieser Gruppierungen um die Ohren gehauen. Doch was für Menschen engagieren sich in solchen Netzwerken? Wie ticken sie? Und wie betätigen sich die scheinbar friedlichen Glaubenskämpfer, die eben nicht in den Nachrichten landen?

Kiran Nagarkars Roman „Gottes Kleiner Krieger“ beantwortet diese Fragen mit der Lebensgeschichte des Inders Zia Khan. Von Kindesbeinen an ist er überzeugt, der nächste Erlöser und Prophet des Islam zu sein. Als Sohn eines erfolgreichen Architekten wächst er behütet auf, steht jedoch in ständiger Konkurrenz zu seinem älteren Bruder Amanat. Als die Firma seines Vaters Konkurs anmelden muss und Zafar Khan die Lizenz entzogen wird, muss die Familie in ein ärmeres Viertel in Bombay umziehen. Dank einer besonderen mathematischen Begabung wird Zia allerdings auf ein englisches Internat geschickt. Dort beginnt die abenteuerliche Geschichte seines Lebens. Zia studiert in Cambridge Wirtschaftswissenschaften, jagt Salman Rushdie, wird in den Bergen Afghanistans zum Terroristen, lechzt nach Vergebung und schließt sich einem christlichen Trappistenorden an. Während all der Zeit hält er Kontakt zu seinem Bruder, doch auch dieser kann ihn nicht von seinen Kreuzzügen abbringen. Denn Zia ist überzeugt, Gottes kleiner Krieger zu sein.

Zia Khan ist das beste Negativbeispiel für einen religiös überzeugten Menschen, das man sich nur vorstellen kann. Schon als Kind ist er aggressiv und extrem; das Konzept des Fanatismus zieht sich durch sein gesamtes Leben. Kiran Nagarkars Roman hat mich schockiert und aufgewühlt, er gewährte mir einen tiefen Einblick in die Gedankenwelt eines überzeugten Gläubigen. Nagarkars Erzählstil steht dabei in krassem Gegensatz zu seinem Protagonisten: ruhig und ausgeglichen schildert er die heiß brennende Überzeugung, die Zia sein ganzes Leben begleitet.
Zia ist ein Einzelgänger, meist wird er respektiert und bewundert, aber nie wahrhaft geliebt, von seiner Familie einmal abgesehen. Alle Menschen, die versuchen, eine echte Bindung zu ihm aufzubauen, hält er auf Abstand; er bleibt innerlich stets für sich selbst und lässt niemanden rein. Im Nachhinein betrachtet überrascht es mich daher nicht, dass auch ich mich nie mit Zia identifizieren konnte. Er ist ein so sturer, verstockter, intoleranter und idealistischer Charakter, dass ich nie die Chance erhalten habe, mich ihm wahrhaft anzunähern. Umso wichtiger ist die Rolle, die Zias Bruder Amanat einnimmt: er erdet die Geschichte, setzt sie in ein realistisches Verhältnis. Amanat macht den LeserInnen erst deutlich, wie abstrakt und surreal Zias Ziele und Pläne sind. Während Zia immer etwas ober- oder außerhalb der Realität zu schweben scheint und seine Entscheidungen oft so weit hergeholt wirken, rackert sich Amanat sein Leben lang mühsam ab; ein Kampf gegen Windmühlen. All sein Tun ist trotz dessen dem Erschaffen gewidmet, wohingegen man Zia kurz als Zerstörer betiteln kann. Ich bin davon überzeugt, einige soziopathische Züge (dissoziale Persönlichkeitsstörung) an ihm entdeckt zu haben. Er ist von allumfassendem Egoismus geleitet, obwohl er beharrlich behauptet, seine Motivation läge darin, andere zu retten und zu bekehren. Das ist schlicht nicht wahr, Zia belügt sich selbst. Es geht ihm nie um das große Ganze, zeitlebens ist sein einziges Anliegen sein eigenes Seelenheil. Dabei schreckt er vor nichts zurück; er ist ein Terrorist, ein Mörder, ein Folterer, Extremist und Radikaler. Auch in diesem Punkt beeindruckte mich Kiran Nagarkar, denn er widerstand der Versuchung all diese Eigenschaften auszuschlachten. „Gottes Kleiner Krieger“ ist vieles, aber niemals voyeuristisch.

Dieser Roman vermittelte mir einen intensiven Eindruck einer Welt, die ich wohl nie völlig verstehen werde. Kiran Nagarkar hat mir viel über die Bedeutung des Glaubens für einige Menschen beigebracht und ganz nebenbei meine Kenntnisse in Weltgeschichte von unten aufgefrischt. In gewisser Weise war es für mich das Gegenbuch zu „Schiffbruch mit Tiger“ von Yann Martel.
Es ist schwer, für dieses Buch eine Empfehlung auszusprechen, da es thematisch äußerst speziell ist. In meinen Augen müssen interessierte LeserInnen den festen Vorsatz haben, sich auf Zias krasses Leben einzulassen und sich dabei nicht von seinem Fanatismus abschrecken zu lassen. Zia ist keine sympathische, austauschbare Figur, er ist ein höchst individueller, komplexer Charakter und seine Geschichte ist auf schockierende Weise außergewöhnlich. Überlegt euch gut, ob so ein Buch euren Geschmack trifft, bevor ihr zu „Gottes Kleiner Krieger“ greift.
Schließen möchte ich mit einem Zitat von Amanat, welches das Buch in meinen Augen punktgenau beschreibt:

„Auch Du bist […] Deiner Religion treu geblieben: der Religion des Extremismus.“
(„Gottes Kleiner Krieger“, S. 651)

 

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