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Tad Williams – Der Drachenbeinthron

„Der Drachenbeinthron“

Drachenbeinthron

Originaltitel: “The Dragonbone Chair”

Reihe: Das Geheimnis der Großen Schwerter #1 / Memory, Sorrow and Thorn #1

Autor: Tad Williams

Format: Taschenbuch

Seitenzahl: 936 Seiten

Verlag: Fischer

Sprache: Deutsch

ISBN:  3596130735

Genre: Fantasy > High Fantasy

ausgelesen am: 18.06.2014

Bewertung:

Osten Ard trauert um seinen König. Johan Presbyter ist tot. Er gab dem Land Frieden und Wohlstand und befreite es von dem Feuerdrachen Shurakai. Nun folgt ihm sein Erstgeborener Elias auf den Thron. Den Drachenbeinthron, der im großen Saal des Hochhorstes steht.
Der Hochhorst ist gleichzeitig Geburtsort und Heimat von Simon. Als Aushilfs-Küchenjunge und passionierter Tagträumer interessiert er sich für politische Entwicklungen eher wenig. Doch als er eines Tages den Bruder des Königs, Prinz Josua Ohnehand, in einem der Verliese der Burg entdeckt, wird dem Waisenjungen plötzlich eine wichtige Rolle im Schicksal des Landes zuteil. Er verhilft dem Prinzen zur Flucht und muss ihm kurz darauf selbst folgen, gejagt von den Schergen des unberechenbaren Königs und seines unheimlichen Beraters Pryrates. Er entdeckt, dass in Osten Ard weit mehr vor sich geht als nur politische Ränkespiele, ein Streit zwischen Brüdern und ungewöhnliche Wetterphänomene: Elias ließ sich auf Pryrates Geheiß hin mit finsteren Mächten ein, die niemand zu kontrollieren vermag. Er schmiedete einen Pakt mit den Nornen und Ineluki Sturmkönig. Simon muss Josuas Festung Naglimund erreichen, um den Prinzen zu warnen. Als er nach einer langen, abenteuerlichen und gefährlichen Reise dort eintrifft, liegt das letzte Fünkchen Hoffnung gegen Elias und seine unnatürlichen Verbündeten in einer alten Prophezeiung. Kann Simon die Last der Verantwortung tragen, die auf seinen Schultern liegt und die drei Großen Schwerter Dorn, Leid und Minneyar aufspüren, während sich seine Heimat im Krieg befindet?

Tad Williams ist ein großartiger Autor mit einer bezaubernden, poetischen Schreibweise. Besonders seine Naturbeschreibungen haben es mir angetan; sie erinnerten mich an so manches Gedicht aus der Epoche des Sturm und Drang. Trotz dessen oder gerade deswegen brauchte ich eine Weile um einen Einstieg zu „Der Drachenbeinthron“ zu finden. Williams Stil ist anspruchsvoll, ich musste mich erst etwa 120 Seiten lang daran gewöhnen. Dann geschah es jedoch ganz plötzlich, von einem Moment auf den anderen war ich drin.
Die überaus dichte und komplexe Handlung enthält alles, was das Genre High Fantasy auszeichnet. Zu Beginn geht es recht gemächlich zu; die LeserInnen erhalten von Williams viel Zeit, um den Protagonisten Simon und sein Leben im Hochhorst kennenzulernen. Auch die Bedrohung, die von König Elias und seinem gruseligen Ratgeber Pryrates ausgeht, schleicht sich langsam ein. Als Schlüsselereignis fungiert Prinz Josuas Befreiung, ich empfand es als Explosion im Spannungsbogen. Simons darauffolgende Reise nach Naglimund hingegen erschien mir fast schon unerträglich lang und las sich für mich sehr zäh; sie ist der Grund, warum „Der Drachenbeinthron“ von mir nur drei Sterne erhält. Obwohl Simon unterwegs eine Menge passiert und er darüber hinaus auch neue Freunde findet, musste ich die Zähne zusammen beißen und mich durchkämpfen. Ich war erleichtert, als er endlich die Festung erreichte und wurde für mein Durchhaltevermögen belohnt, denn ab diesem Zeitpunkt spitzen sich Ereignisse dramatisch zu.
Mit Simon als Protagonist erlebte ich eine außergewöhnliche Ebene der Identifikation. Er ist kein ganz einfacher Charakter, befindet sich noch voll in seiner Entwicklung vom Jungen zum Mann. Daher neigen seine Reaktionen zu Extremen. Manchmal verhält er sich mutig und pflichtbewusst, in anderen Momenten ist er tollkühn und kindlich trotzig. Er muss erst noch lernen, dass die Zeit zum Tagträumen vorbei ist und in die Verantwortung, die er trägt, hinein wachsen. Ich empfand sowohl seine Entwicklung als auch ihn selbst als glaubhaft und überzeugend.

Insgesamt wird in „Der Drachenbeinthron“ deutlich, dass es sich um den ersten Band eines vierteiligen High Fantasy Epos handelt. Williams knüpft Stück für Stück Verbindungen, bereitet kommende Ereignisse vor, deutet vieles an und entfachte bei mir Appetit auf mehr. Ich gehe davon aus, dass es im nächsten Band „Der Abschiedsstein“ richtig zur Sache gehen wird und ich hoffe vor allem auf Schlachtszenen, auf die ich im ersten Band verzichten musste. Außerdem glaube ich, dass Simons Bestimmung offenbart wird, die garantiert sehr eng an das Schicksal Osten Ards gebunden ist. Ich platze fast vor Neugier auf seine weiteren Entwicklungsschritte.
„Der Drachenbeinthron“ ist eine Lektüre für LiebhaberInnen anspruchsvoller High Fantasy, die eine klassische Rollenverteilung à la „Der Herr der Ringe“ mögen, denn Gut und Böse sind gradlinig zugeschrieben. In Tad Williams herrliche Schreibweise lässt es sich wunderbar eintauchen und Osten Ard ist schlicht ein magischer Ort, an dem sich Fantasy – Begeisterte sehr wohl fühlen werden.

 
4 Kommentare

Verfasst von - 24. Juni 2014 in Fantasy, High Fantasy, Rezension

 

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12. 06. 2014 – Der Junge, mit dem ich mich schlafen legte

Gestern Abend kam mir ein Gedanke, als ich im Bett lag. Es war für meine Verhältnisse noch sehr früh, da ich sowohl gestern wie heute fleißig malocht habe. Ich war unglaublich müde. Doch dieser Gedanke, der beschäftigte mich, bis ich ins Traumland hinüber glitt und auch heute tauchte er wieder auf. Er galt weder meinem Partner, noch meinem Hund, noch dem nächsten Tag. Er galt Simon Mondkalb, dem Protagonisten aus „Der Drachenbeinthron“ von Tad Williams, welches ich aktuell lese.
Nun ist es für mich nicht ungewöhnlich, bei dem Einschlafen über Bücher nachzudenken. Tatsächlich mache ich das oft. Es hilft mir, Frieden und Ruhe zu finden. Doch normalerweise überdenke ich eine ganze Geschichte; ich schreibe mental bereits an der Rezension oder – da mir diese meist am schwersten fällt – speziell an der kurzen Inhaltsübersicht.
Die Fixierung auf Simon entstand, weil mir etwas wirklich Faszinierendes auffiel. Okay, vielleicht ist es nur für mich faszinierend und ihr kennt das bereits. Vielleicht bin ich ein Spätzünder. 😀 Jedenfalls hing es mit dem letzten Satz zusammen, den ich las, bevor ich ins Bett gewatschelt bin. Das war folgender:

Das Geheimnis der Großen Schwerter #1 - Der Drachenbeinthron - Tad Williams„Eine Legion von Grillen und anderen nächtlichen Sängern füllte die Hohlräume der Nacht, als Simon in einen Schlaf der Erschöpfung sank, und sein Herz schlug in ihrem langsamen Rhythmus mit.“
(Tad Williams, „Der Drachenbeinthron“, S.481)

Schön, nicht wahr?
Meine Gedanken führten mich dahin, wie passend es doch ist, dass Simon und ich uns gemeinsam zum Schlafen hingelegt haben. Ein hübscher Zufall. Da ich selbst hundemüde war, konnte ich genauestens nachempfinden, wie Simon sich fühlt. Umgekehrt glaubte ich, dass auch Simon für mich Verständnis gehabt hätte. Es entstand ein intimer Augenblick der Verbundenheit. Eine außergewöhnliche Ebene der Identifikation zwischen Protagonist und Leserin. Unsere Leben verliefen für einen winzigen Moment parallel. Möglicherweise mache ich aus einer Mücke einen Elefanten (zur Zeit scheinen mich Elefanten zu begleiten), doch ich habe seitdem das Gefühl, noch tiefer in das Buch eingetaucht zu sein.
Schon in den letzten Tagen hatte ich ähnliche Gedanken, als es so unerträglich heiß war. Simon erlebte nämlich ebenfalls eine Hitzewelle und ich las davon innerhalb dieser Zeitspanne. Schon da dachte ich „Ich weiß genau, wie du dich fühlst!“. Nicht sehr magisch, aber wir schwitzten quasi gemeinsam.

Mir ist sowas vorher noch nie passiert. Kleine Details, die sich in meinem Leben und dem Leben des Protagonisten oder der Protagonistin decken. Ich finde es besonders erstaunlich, weil „Der Drachenbeinthron“ ein Fantasy – Buch ist. Wie wahrscheinlich ist es schon, dass in meinem profanen kleinen Leben das Gleiche geschieht wie in einer fremden, magiegetränkten, fernen und vor allem fiktiven Welt?
Das begeistert mich. Bisher stimmte vermutlich einfach das Timing nie, aber es lässt meine abergläubische Ader erwachen und hinterlässt das Gefühl, es sei vorher bestimmt, dass ich dieses Buch genau jetzt lese, aller Rationalität zum Trotz. Als es hätte es irgendjemand (das Universum, das Schicksal, Gott, Karma, etc. pp.) so gewollt. Als sei es richtig.
Außerdem glaube ich, noch viel näher könnte ich mich Simon kaum fühlen. Er ist nun nicht mehr bloß „der Junge aus dem Buch“. Er ist der Junge, mit dem ich mich schlafen legte.

Es würde mich sehr interessieren, ob ihr schon mal so ein Erlebnis hattet. Habt ihr euch schon einmal so mit einer Figur verbunden gefühlt? Habt ihr schon einmal genau das Gleiche getan wie ein Charakter, zu genau der gleichen Zeit?

Ich freue mich wie immer sehr auf eure Antworten und Kommentare! 🙂

 
 

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