RSS

Schlagwort-Archive: Dave Eggers

Jahresrückblick 2020: Ein Buchjahr zwischen Pandemie, radikalen Veränderungen und Wertschätzung

Hallo ihr Lieben! 🙂

Es ist ein weiteres Mal vollbracht, ein weiteres Mal habe ich das Kunststück bewerkstelligt: Mein Jahresrückblick 2020 ist innerhalb des ersten Monats des neuen Jahres online! Ich stelle fest, dass ich mittlerweile eine gewisse Routiniertheit entwickelt habe und mir die Zusammenstellung deutlich schneller und leichter gelingt. Obwohl ich für die Ausgabe 2020 ein paar Änderungen vorgenommen habe, weiß ich, worauf es ankommt und halte mich nicht mehr ewig an Kleinigkeiten auf. Dank dieser Vertrautheit mit dem Prozess können wir heute gemeinsam auf meine vergangenen 12 Monate literarisch zurückblicken – wie gewohnt umfangreich, detailliert und gespickt mit Zahlen.

Um mein Lesejahr 2020 angemessen zu resümieren, habe ich die zweigeteilte Struktur, die sich in den letzten Jahren bewährt hat, beibehalten. Der erste Part befasst sich mit den reinen Fakten meines Leseverhaltens. Alle Aspekte, die sich in Zahlen wiedergeben lassen, habe ich statistisch ausgewertet, in Diagramme verwandelt und daraus Infografiken erstellt. Dafür habe ich dieses Jahr zum ersten Mal wirklich mit Excel gearbeitet (statt mit handschriftlichen Notizen und einem Taschenrechner) und habe darüber hinaus nur sehr begrenzt auf Piktochart zurückgegriffen. Die Online-Software zur Kreation von Infografiken hat mir in den vergangenen Jahren gute Dienste geleistet, aber mittlerweile sind die grafischen Darstellungsoptionen für mich zu eingeschränkt. Stattdessen habe ich die meisten Grafiken frei Hand mithilfe eines Grafikprogramms und die Diagramme mithilfe von Word entworfen. Ich bin ziemlich stolz darauf, wie weit sich meine grafischen Fähigkeiten verbessert haben, sodass ich die hilfreiche Krücke, die Piktochart lange Zeit darstellte, nun nicht mehr brauche.

Dieses Jahr habe ich Infografiken zu acht verschiedenen Kategorien erstellt, nach denen ich mein Leseverhalten analysiert habe. Ich werde euch jede Folie einzeln präsentieren und anschließend eine Einordnung vornehmen, um herauszufinden, wie sich diese Zahlen in meine bisherige Lesekarriere einreihen. Ich werde kommentieren, interpretieren und bewerten, damit ihr genau versteht, was diese Statistiken für mich konkret bedeuten. Falls ihr Schwierigkeiten habt, die Schrift zu lesen, könnt ihr jede Folie anklicken, dann öffnet sie sich größer in einem neuen Tab. Wie bereits angedeutet, gibt es dieses Jahr jedoch ein paar Veränderungen, die die Kategorien betreffen und mir notwendig erschienen.

Ich habe auf die Auswertung meiner Rezensionsquote verzichtet, weil ich denke, dass dieser Prozentsatz 2020 nicht realistisch widerspiegelt. Ich weiß, dass ich vom vergangenen Jahr noch einen riesigen Stapel ausstehender Rezensionen abzuarbeiten habe, weil ich das Frühjahr fast ausschließlich mit meinem Blogprojekt „Robert E. Howard & Conan der Barbar“ verbrachte. In der Rezensionsquote wären diese Beiträge und die viele Arbeit, die ich dafür aufgewendet habe, nicht abgebildet, deshalb empfinde ich sie für 2020 als nicht aussagekräftig. Vielleicht wird es diese Auswertung für 2021 wieder geben, das weiß ich noch nicht, aber in diesem Jahr schenken wir uns diese Zahl, die ohnehin recht deprimierend ausfallen würde.

Die Kategorie „Sprachenverteilung“, die in der Vergangenheit analysierte, wie viele Bücher ich in englischer und deutscher Sprache gelesen habe, habe ich komplett gestrichen. Ich halte sie für überflüssig, da ich seit einigen Jahren grundsätzlich alle Bücher, die im Original in Englisch erscheinen, auch im Original lese. Es erscheint mir nicht mehr wichtig, wie hoch der Anteil englischer und deutscher Werke nun ist, denn das sagt nichts mehr über mich aus. Mein Englisch hat sich so weit entwickelt, dass ich nicht mehr darüber nachdenke, ob ich ein Buch lieber übersetzt in meiner Muttersprache lesen sollte. Ebenso habe ich die merkwürdige Annahme, es gäbe eine Konkurrenz zwischen deutschen und englischen Büchern, endlich vollständig abgelegt. Ich behandle sie gleichwertig und habe kein schlechtes Gewissen mehr, wenn ich häufiger zu englischen Büchern greife. Ich lebe vollkommene literarische Zweisprachigkeit und bin damit sehr zufrieden – es besteht kein Grund mehr, diese Harmonie zu untersuchen.

Außerdem habe ich wie angekündigt die Kategorie „Autor_innen“ neu aufgezogen. Bisher habe ich hierfür stets das Verhältnis von Autoren zu Autorinnen in meiner Lektüreauswahl analysiert, aber diese binäre Einteilung ist meiner Ansicht nach nicht mehr zeitgemäß. Erstens zeichnet sich bei mir seit Jahren der Trend ab, dass ich überwiegend zu Büchern greife, auf deren Covern ein männlicher Name prangt. Zweitens finde ich, dass die traditionelle Geschlechtereinteilung nach Männern und Frauen heutzutage gefährlich exkludierend ist. Das Risiko, jemanden zu verletzen, weil ich dieser Person beiläufig eine Binarität aufzwinge, der sie sich selbst vielleicht nicht zugehörig fühlt, ist mir einfach zu groß. Offenheit und Toleranz, immer und überall, im Großen wie im Kleinen.

Nach diesem Ausflug in das aufregende, exotische Land statistischer Zahlen gehen wir zum gemütlichen Teil über. Im zweiten Part des Jahresrückblicks lasse ich 2020 emotional an mir vorüberziehen und beantworte 30 Fragen, die Martina Bookaholics bis 2016 als Formular auf ihrem Blog anbot. Sie selbst verzichtet seit einigen Jahren auf diese kleine Tradition, aber da ich finde, dass die Fragen eine ideale Möglichkeit sind, mein Buchjahr unter emotionalen Aspekten zu resümieren, erhalte ich sie hier am Leben und werde mich ihnen auch für 2020 erneut stellen!

Seid ihr bereit, noch einmal in das seltsame Jahr 2020 abzutauchen? Dann macht es euch bequem, folgt mir in die gar nicht so lang zurückliegende Vergangenheit und lasst euch erzählen, wie 2020 für mich literarisch war!

👉 Weiterlesen

 
7 Kommentare

Verfasst von - 19. Januar 2021 in Neuigkeiten & schnelle Gedanken

 

Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Dave Eggers – The Circle

„The Circle“

The-Circle-Vintage-by-Dave-Eggers

Autor: Dave Eggers

Format: Taschenbuch

Seitenzahl: 512

Verlag: Vintage

Sprache: Englisch

ISBN: 0804172293

Genre: Thriller & Realistische Fiktion > Politik & Soziales

ausgelesen am: 23.06.2014

Bewertung:

Der Autor Dave Eggers wurde mir wenig subtil von meinem ehemaligen Dozenten in amerikanischer Literatur empfohlen. Ihr hättet dabei sein müssen, als er anfing, von „Zeitoun“ und „The Circle“ zu schwärmen. So ein Leuchten in den Augen sehe ich sonst nur bei einer Person: mir selbst. 😉 Durch den Kurs vertraue ich seinem Urteil vorbehaltslos und wer einen Blick auf meine Wunschliste wirft, wird feststellen, dass „Zeitoun“ noch immer vermerkt ist. Thematisch trifft „The Circle“ für mich voll ins Schwarze, daher war ich maßlos neugierig und habe es als erste Lektüre von Dave Eggers ausgewählt.

Für Mae Holland ist ein Traum wahr geworden: dank ihrer College – Freundin Annie hat sie einen Job in der mächtigsten und populärsten Firma der Welt ergattert. The Circle ist mehr als nur ein Internet – Unternehmen, mit seinen revolutionären Ideen und Entwicklungen betrifft es täglich Millionen Menschen weltweit. Mae geht in The Circle völlig auf und merkt nicht, dass sie sich auf einen gefährlichen Weg begibt. Ihr Leben auf dem Campus der Firma rückt immer mehr nicht nur in ihren Fokus, sondern auch in den der Öffentlichkeit. Selbst als sich ihre Freunde und ihre Familie von ihr distanzieren, bleibt Mae The Circle treu. Während ihr Arbeitgeber das öffentliche Leben entscheidend in eine neue, grenzwertige Richtung lenkt, kommt unvermeidlich der Tag, an dem sie Prioritäten setzen muss. Wird Mae weiterhin zu The Circle stehen oder entscheidet sie sich für ein Leben außerhalb der Firma?

Dieses Buch hat mich völlig verstört und verängstigt. Ich weiß, das sind starke Worte, doch es sind die einzigen, die meine Gefühle treffen. Ich bin sehr froh, dass die Firma The Circle (noch) nicht existiert, denn am Beispiel von Mae beschreibt Dave Eggers erschütternd und eingängig, wie die Zukunft aussehen kann, beobachten wir nicht sehr genau, wie sich die Einflussnahme bestimmter Firmen entwickelt.
Anfangs wirkt Mae wie das einfache, nette Mädel von nebenan; ein bisschen planlos, etwas schüchtern und bis ins Mark beeindruckt von The Circle. Doch während sich die Handlung immer weiter zuspitzt, werden die LeserInnen hautnah Zeuge einer intensiven Gehirnwäsche. Es beginnt so harmlos, die Firma erscheint wie der perfekte Arbeitsplatz. Stück für Stück schleichen sich Szenen ein, die mir einen kalten Schauer über den Rücken jagten: Mae muss sich vor ihren Personalchefs dafür rechtfertigen, dass sie intime Details über den Krankheitsverlauf ihres Vaters (er leidet an Multiple Sklerose) nicht veröffentlicht; ein Kollege ist zutiefst verletzt, weil sie auf seine – nicht berufliche – E-Mail nicht antwortet und beruft eine Beratung mit ihrem direkten Vorgesetzten ein. Mae eignet sich eine beängstigend verdrehte Logik an und findet Entschuldigungen für alle Handlungsweisen ihrer Firma. Gleichzeitig glaubt sie, zu einer perfekteren Version ihrer selbst zu werden, in meinen Augen ist jedoch das genaue Gegenteil der Fall, ihre schlimmsten Eigenschaften treten zu Tage. Sie verkauft ihre Seele; verlernt den Unterschied zwischen Richtig und Falsch, denn der Zweck heiligt für The Circle alle Mittel. Sie bemerkt nicht einmal die zunehmende Distanz ihrer Eltern und Freunde.
Eggers hat mit „The Circle“ ein Buch geschaffen, das den bitteren Geschmack einer beklemmend realistischen Vorgeschichte einer Dystopie hinterlässt. Ich bewundere seine intelligente Weitsicht, seinen Blick für die Implikationen ursprünglich gut gemeinter Ideen, Erfindungen und Entwicklungen. Dabei ist das gesamte Werk spannend und aufregend; ich würde es als anspruchsvollen Pageturner bezeichnen. Es ist ihm großartig gelungen, sich als männlicher Autor in seine weibliche Protagonistin hineinzuversetzen und sie lebendig wirken zu lassen. Darüber hinaus hat er einen Sinn für subtile, feinsinnige Metaphern und Gleichnisse, die so unaufdringlich daher kommen, dass ich mir diverse Szenen bewusst vergegenwärtigen musste, um sie zu erkennen. Ich glaube, „The Circle“ ist ein Buch, das man wieder und wieder lesen kann und dabei jedes Mal neue Ebenen entdeckt.

Ich nehme unglaublich viel aus „The Circle“ mit, vor allem die Überzeugung, dass wir genau überlegen sollten, in was für einer Welt wir leben möchten. Geheimnisse und die eigene Privatsphäre sind keine Verbrechen an der Allgemeinheit, sie sind unser gutes Recht; niemals dürfen wir uns einreden lassen, es sei anders.
Dave Eggers Thriller ist ein wichtiges, äußerst intelligentes Buch, von dem ich allerdings befürchte, dass es viel zu wenige Menschen lesen werden und gleichzeitig die Parallelen zur Realität erkennen. Es hat mich sehr aufgeregt und war der perfekte Einstieg, um den Autor kennenzulernen.
Ich empfehle es allen LeserInnen weiter, die unsere moderne Zeit kritisch reflektieren und sich über die Vor – und Nachteile des Internet/Computer – Zeitalters bewusst sind oder werden möchten. Seid nicht wie Mae; schluckt und entschuldigt nicht alles, was euch vorgesetzt wird.

 

Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , , ,

 
%d Bloggern gefällt das: