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Montagsfrage: Ausgefallener Schauplatz?

montagsfrage neu

Hallo ihr Lieben! 🙂

Hach, ich habe ein tolles, entspannendes Wochenende hinter mir. Endlich mal nirgendwohin, endlich mal frei. Ich habe auch wirklich nur das getan, worauf ich Lust hatte. Das war schön und ich habe es gebraucht. Jetzt kann ich wieder voller Elan in die neue Woche starten und wie ginge das besser als mit der Montagsfrage vom Buchfresserchen Svenja?

Erinnerst du dich an ein Buch mit ausgefallenem, realen Schauplatz?

Ja. Mir sind zwei sehr ungewöhnliche Orte eingefallen, an die man literarisch eher selten entführt wird.
In „Blood & Ice“ von Robert Masello ging es für mich an den Südpol. Die Antarktis ist ein wirklich ungastlicher Landstrich, aber sie ist auch unheimlich faszinierend. Die Geschichte des Romans fand ich persönlich gar nicht so spektakulär, aber die Landschaft und ihre Geheimnisse, sowie die Forschung, die dort betrieben wird… Extrem spannend.
Der zweite Ort war 1933 Schauplatz einer grausamen Tragödie: Nasino, eine Insel im sibirischen Fluss Ob. In diesem Jahr deportierte die sowjetische Regierung 6.100 Gefangene auf diese Insel. Sie wurden dort ohne Verpflegung, Unterbringung oder Werkzeuge ausgesetzt. Innerhalb von 13 Wochen reduzierte sich die Zahl der Gefangenen durch Hunger, Entbehrungen, Krankheiten und Fluchtversuche auf 2.200. Die Insel ging als „Kannibalen-Insel“ in die Geschichte ein.
Welches Buch spielt auf Nasino? „Zorn“ (Opcop #2) von Arne Dahl. Dahl verarbeitete dieses extrem dunkle Kapitel der sowjetischen Geschichte in seinem brillanten Polit-Thriller. Ich kann euch nicht erzählen, wie er das gemacht hat und inwiefern Nasino in seinem Buch eine Rolle spielt, weil ich nicht spoilern möchte, aber ich kann euch versichern, dass er meiner Meinung nach keine Grenzen überschritten hat. Man erlebt den Kannibalismus auf Nasino nicht hautnah. Wohl aber erfährt man die Verzweiflung und die unsagbare Angst, die die Gefangenen empfunden haben müssen. Ich finde es richtig und auch wichtig, dass Dahl die Ereignisse auf Nasino thematisiert, denn diese Grausamkeit darf nicht vergessen werden. Man übersieht so leicht, dass Hitler in dieser Zeit nicht der einzige grausame Diktator auf der Welt war.
Ich denke, Nasino wird lange Zeit der außergewöhnlichste literarische Schauplatz sein, den ich besuchen werde. Auch wenn es makaber klingt: die Kannibalen-Insel toppt man nicht so leicht.

An welchen ungewöhnlichen literarischen Schauplatz erinnert ihr euch?

Ich freue mich wie immer sehr auf eure Antworten und Kommentare und wünsche euch allen einen wundervollen Wochenstart! 🙂
Alles Liebe,
Elli

 
9 Kommentare

Verfasst von - 28. September 2015 in Neuigkeiten & schnelle Gedanken

 

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Gemeinsam Lesen

Gemeinsam Lesen 2

Hallo ihr Lieben! 🙂

Ha, endlich mal wieder ein Gemeinsam Lesen, zu dem ich mehr als nur Mutmaßungen abgeben kann, weil ich nicht gerade erst ein neues Buch begonnen habe! 😀 Also will ich auch gar nicht groß rumblubbern und komme direkt zur Sache. Gemeinsam Lesen wird abwechselnd von Weltenwanderer und Schlunzen-Bücher betreut; die Fragen dieser Woche findet ihr bei Schlunzen-Bücher durch einen Klick aufs Bild! 🙂

1. Welches Buch liest du gerade und auf welcher Seite bist du?

Ich lese gerade „Der Grendel, verbannt in alle Ewigkeit“ von Robin Li und befinde mich auf Seite 203 von 508.

Der Grendel

 

„Die mächtige Rasse der Junga fürchtet sich so sehr vor einer uralten Bedrohung namens »Der Grendel«, dass sie bereits seit 6000 Jahren versucht, alle Beweise ihrer Existenz zu tilgen. Noch gibt es einige Fragmente der Erinnerung aus jenen Zeiten, in denen das Monster sein Unwesen getrieben hat. Verstreut und verloren in den Untiefen der Galaxie. Doch genau hier verbirgt sich das Wissen, das benötigt wird, um die Gefahr zu bändigen, sollte der Grendel je wieder erwachen. Denn das Monster, der Albtraum der Götter, die Geißel der Galaxie – existiert noch immer…“

2. Wie lautet der erste Satz auf deiner aktuellen Seite?

„Neben sich hörte sie Geräusche, die auf hektische Wühlerei hindeuteten, und schließlich das schabende Geräusch, das man erwarten durfte, wenn klamme Finger mit einer Zunderbüchse hantierten.“

3. Was willst du unbedingt zu deinem aktuellen Buch loswerden? (Gedanken dazu, Gefühle, ein Zitat, was immer du willst!)

Ich habe dieses Buch in einer LovelyBooks-Leserunde gewonnen. Momentan zerbreche ich mir ein bisschen den Kopf darüber, ob ich es mit einem Autor oder einer Autorin zu habe. Das ist nämlich weder auf dem Avatar noch auf dem Profil richtig zu erkennen. Letztendlich spielt es natürlich nicht wirklich eine Rolle, aber interessant wäre es schon. Vielleicht bin ich auch nur blind. 😀
Ansonsten… na ja. Bisher bin ich nicht sonderlich begeistert, so schade das ist. Ich weiß, dass es ein ziemlich verrücktes und absurdes Buch sein soll, das Genregrenzen sprengt, doch eigentlich finde ich es bis jetzt nur verwirrend, kleinkariert und langatmig. Robin Li’s Schreibstil erscheint mir unnötig kompliziert und so gewollt witzig, dass ich nicht darüber lachen kann. Ich habe über 100 Seiten gebraucht, um ein erstes Verständnis für die Ereignisse zu entwickeln. Er/Sie wirft mir immer nur so klitzekleine Erklärungsbröckchen zu, sodass ich den Großteil der Zeit damit verbringe, mit Händen und Füßen darum zu kämpfen, zu begreifen, wie alles zusammenhängt. Das ist wirklich anstrengend. Jeden Satz muss ich als mögliches Puzzelstück ansehen, es drehen und wenden, mit all den anderen Stückchen abgleichen und sie zusammenpassen, notfalls mit Gewalt. Er/Sie hält unglaublich viel zurück und ich muss sagen, da ich das merke, wirkt es auf mich wie ein künstliches Aufrechterhalten des Spannungsbogens. Ich finde, als LeserIn sollte man das Konstrukt des Spannungsbogens nicht spüren. Auch mit den Charakteren kann ich nicht wirklich etwas anfangen, weil es SO VIELE sind. Dadurch bekam noch keine einzige Figur richtige Tiefe, denn wenn es interessant werden könnte, verlässt man die aktuelle Figur auch schon wieder. Ich kann ihre Äußerungen und Gedankengänge nicht immer nachvollziehen. Manche Sätze ergeben für mich im Kontext keinen Sinn, was wohl darauf schließen lässt, dass Robin Li und ich uns auf keiner klaren Verständigungsebene befinden. Ich denke, wir passen nicht so gut zusammen. Vielleicht wird es noch besser und die Geschichte packt mich noch, aber so richtig rechne ich nicht mehr damit.
Bei einer Leserunde ist es ja üblich, dass man auf LovelyBooks auch Kommentare hinterlässt und seine Eindrücke schildert. Ich weiß jetzt nicht, ob ich das wirklich tun soll. Reicht es nicht, wenn ich in der Rezension (höchstwahrscheinlich) Kritik üben werde? Muss ich da schon jetzt rumnörgeln? Das will doch niemand lesen, oder? Robin Li wirkte auf mich so nett und freundlich, ich will ihm/ihr eigentlich nicht unbedingt präsentieren, was ich an seinem/ihrem Buch nicht gut finde. Schon gar nicht, wenn alle anderen hellauf begeistert sind. Da würde ich mich wie eine Spielverderberin und Spaßbremse fühlen. Es kann ja niemand etwas dafür, dass sich mein Humor offenbar nicht mit Robin Li’s Humor deckt und wir keinen so guten Draht zueinander haben, aber es ist eben einfach blöd, wenn man erst ein Buch geschenkt bekommt und es dann nicht besonders mag. Ich fühle mich ein bisschen schuldig.
Andererseits wäre es vielleicht fairer, wenn ich Li schon darauf vorbereite, dass die Rezension nicht durchweg positiv ausfallen könnte. Ich schätze, er/sie veranstaltet diese Leserunde, um „Der Grendel, verbannt in alle Ewigkeit“ etwas bekannter werden zu lassen. Wir lesen es, empfehlen es weiter und setzen damit eine Kette in Gang. Wenn ich nun aber meinen Beitrag zu dieser Kette nicht leisten kann (und deswegen auch nicht werde, sollte es tatsächlich dabei bleiben), sollte ich Robin Li davon in Kenntnis setzen oder? Ach man. Schwierig.

4. Gibt es ein buchiges Event in diesem Jahr auf das ihr euch besonders freut, oder gab es mal was in der Vergangenheit, was euch so sehr begeistert hat, dass ihr es euch ganz bald mal wieder wünschen würdet?

Ja, tatsächlich gibt es das. Ich war bereits letztes Jahr am 10. Mai bei der Gedenkveranstaltung zur Bücherverbrennung auf dem Berliner Bebelplatz und da würde ich dieses Jahr gern wieder hin. Mal abgesehen vom Programm finde ich die Aktion „Ein Ort zum Lesen“ ganz wunderbar und vor allem wichtig. Lesen gegen das Vergessen. Wir dürfen nicht zulassen, dass jemals wieder Bücher verbrannt werden, nur, weil die Ideen, Ansichten und Meinungen der AutorInnen unbequem sind. Deswegen müssen wir uns erinnern, auch, wenn es weh tut. Und glaubt mir, es tut weh. Wer Bücher liebt, kann nicht auf dem Bebelplatz stehen und völlig unbeeindruckt sein. Die „Leere Bibliothek“, das Mahnmal von Micha Ullman, löst bei mir eine Gänsehaut aus und treibt mir die Tränen in die Augen, denn es ist in seiner Schlichtheit wahnsinnig aussagekräftig.
Bis jetzt konnte ich leider noch keine genaueren Informationen dazu ausfindig machen, aber es steht wohl bereits fest, dass Die Linke diese Gedenkveranstaltung auch dieses Jahr wieder ausrichtet. Natürlich werde ich auch dieses Jahr wieder einen Bericht für euch schreiben. Da es bis zum 10. Mai allerdings noch ein bisschen hin ist, findet ihr HIER meine Eindrücke des letzten Jahres, für diejenigen, die es interessiert. 🙂

Was lest ihr im Moment und auf welche Buch-Ereignisse freut ihr euch dieses Jahr?

Ich freue mich wie immer sehr auf eure Kommentare und wünsche euch einen wundertolligen Dienstag! 😀
Alles Liebe,
Elli

 
 

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10. 05. 2014 – Gegen das Vergessen

DSCF8924Das Thema meines heutigen Eintrags ist mehr als ernst und liegt mir so sehr am Herzen, dass es wohl ein längerer Text wird, den ich hier verfassen werde. Ich war heute, begleitet von meinem Partner und meiner Hündin, auf dem Bebelplatz (vormals Opernplatz) in meiner Heimatstadt Berlin. Dort fand eine Veranstaltung der Partei Die Linke statt, die jährlich am heutigen Datum begangen wird; gegen das Vergessen, für das Erinnern.

Am 10. Mai 1933, also heute vor genau 81 Jahren verbrannten Studenten der Berliner Humboldt – Universität im Zuge der nationalsozialistischen „Aktion wider den undeutschen Geist“ auf dem Bebelplatz/Opernplatz etwa 25.000 Bücher von insgesamt 94 jüdischen, pazifistischen und/oder links eingestellten Autoren.
Kennt ihr die Szene aus „Indiana Jones und der letzte Kreuzzug“, in der die deutsche Archäologin Dr. Elsa Schneider einer Bücherverbrennung in Berlin beiwohnt und ihr Tränen über die Wangen laufen, obwohl sie mit den Nazis zusammen arbeitet? Für diejenigen, denen die Szene nicht geläufig ist, ich habe sie für euch verlinkt. Der Youtube-Clip ist zwar auf Englisch, doch das spielt keine Rolle, mir geht es nur um die Emotion, die Dr. Schneider vermittelt: Szene aus „Indiana Jones und der letzte Kreuzzug“ (etwa ab Minute 01:00). Genau das, was Dr. Schneider in dem Film empfindet, fühle auch ich jedes Mal, wenn ich an dieses abscheuliche Verbrechen an der Literatur vor 81 Jahren denke.

DSCF8926Darum war es für mich selbstverständlich, dass ich an der heutigen Veranstaltung der Linken teilnehme. Sie trägt das Motto „Lesen gegen das Vergessen“ und beinhaltet Lesungen einiger öffentlicher Personen aus Texten, die entweder am gleichen Ort 1933 verbrannt wurden oder die aufgrund ihres Inhalts verbrannt worden wären. Eingerahmt wird diese Lesung von der Aktion „Ein Ort zum Lesen“; diese einfache, aber wunderschöne Kunstinstallation besteht aus 30 Stühlen (lt. Website der Aktion), die rund um eine Regalskulptur aufgestellt wurden. Sowohl auf den Stühlen als auch im Regal selbst wurden Werke platziert, die der „Liste der verbrannten Bücher“ entstammen. Dank der Zusammenarbeit mit dem Netzwerk „Bookcrossing“ sind all diese Bücher ausdrücklich zum Verschenken gedacht; ein Stück Geschichte, das mit nach Hause genommen werden kann.
Die Lesung selbst wurde von Gesine Lötzsch geleitet und musikalisch von der Big Soul DSCF8922Band der Gustav-Heinemann-Schule untermalt. Ich empfand das ganze Event als sehr schön und dem Gedenken der Bücherverbrennungen 1933 würdig.
Als wir ankamen, war es bereits ziemlich voll (für so eine Veranstaltung, wenn zeitgleich Hertha BSC zu Hause gegen Borussia Dortmund spielt) und wir waren auch ein wenig spät dran, um 15 Uhr sollte es losgehen. Daher hatten wir nicht mehr viel Zeit, um in den Büchern der Aktion „Ein Ort zum Lesen“ zu DSCF8923schmökern und auch unsere Hoffnungen auf einen Sitzplatz verflogen recht schnell. Uns blieb also nichts anderes übrig, als uns ein Plätzchen hinter den Bankreihen zu suchen und dort Aufstellung zu beziehen. Immerhin konnte ich so ein paar annehmbare Fotos für euch schießen. 🙂

Als erstes las die mittlerweile 103 – jährige (!) Autorin Elfriede Brüning. Leider habe ich gepennt, als angesagt wurde, was sie vorlesen wird und habe mir keine Notizen dazu gemacht, aber ich vermute ganz stark, dass es die Novelle „Der Frankfurter Buchbrand“ von Heinrich Eduard Jacob war, die 1933 in der Sammlung „Novellen deutscher Dichter der Gegenwart“ erschien. Jacob selbst nannte das Werk die „Goethe – Novelle“, da er darin schildert, wie der 14 – jährige Goethe eine Bücherverbrennung erlebt. Unglücklicherweise konnte ich im Netz keine Version dieser Novelle finden. Ich fand es schwer, Frau Brüning zu folgen, da ihre Stimme natürlich nicht mehr ganz so kräftig ist. Trotzdem hat mich das, was sie gelesen hat, berührt, daher ist es umso enttäuschender, dass die Novelle online nicht zu finden ist. Micha Ullman
Vor dem nächsten Beitrag holte Gesine Lötzsch den israelischen Künstler Micha Ullman auf die Bühne, der das Mahnmal zum Gedenken an die Bücherverbrennung geschaffen hat. Das Denkmal ist eine unterirdische, leere, mit einer Glasplatte bedeckte Bibliothek. Ullman sagte im Wortlaut, dass es gerade die Leere seiner Bibliothek sei, die für sich spräche und ich muss ihm da zustimmen. Von den Bronzeplatten, die den Besucher über das Mahnmal aufklären, habe ich Fotos machen können.
Als nächstes las die Sängerin Barbara ThalheimBarbara Thalheim über ihren Vater. Ich muss zugeben, dass das Zuhören für mich ein wenig befremdlich war. Ihr Vater war Kommunist und flüchtete 1933 vor dem NS-Regime erst nach Frankreich und später nach Algerien, wurde jedoch von der Gestapo festgenommen und im KZ Dachau interniert, welches er glücklicherweise überlebte. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, wie es sein mag, wenn die Vergangenheit des eigenen Vaters von Flucht, Gewalt und Angst geprägt war. Barbara Thalheim selbst sagte, dass sie mit ihrem Vater nie viel über die Umstände während der Nazizeit gesprochen hätte.
Während Barbara Thalheims Beitrag relativ lang war, glänzte der evangelische Theologe und ehemalige Rektor der Humboldt – Universität, Heinrich Fink, durch prägnante, eingängige Kürze. Er las aus seinem eigenen Werk „Wie die Humboldt – Universität gewendet wurde“ und erinnerte daran, dass das von Magnus Hirschfeld geleitete Heinrich FinkInstitut für Sexualwissenschaft am 06. Mai 1933 überfallen, die umfangreiche Bibliothek geplündert und zerstört, sowie der Bestand der Bibliothek später verbrannt wurde, das Institut jedoch bis heute nie wieder aufgebaut wurde.
Anschließend hieß es, Gojko Mitić würde nun lesen. Mitić, Mitić, Mitić… Den Namen kannte ich bereits. Doch woher? Ich fand es erst heraus, als ich zu Hause die verschiedenen LeserInnen recherchierte. Mitić wird auch der „Winnetou des Ostens“ genannt; er spielte in zahlreichen Gojko MiticDDR-Produktionen Vertreter der nordamerikanischen indigenen Bevölkerung. Heute las er Kurt Tucholskys „An das Publikum“ und Erich Kästners „Hymnus auf die Bankiers“. Bedenkt man, das beide Texte um 1930 herum erschienen sind, überraschen sie durch eine frappierende Aktualität. Ich kann nur empfehlen, sie beide zu lesen.
Die Schauspielerin und Sängerin Gina Pietsch wählte einen Text von Volker Braun; auch hier kann ich jetzt nicht mehr rekonstruieren, welchen sie vorlas. Das ist schade, weil mich Frau Pietsch Gina Pietsch 1durchaus beeindruckte, da sie ihren gesamten Beitrag auswendig rezitieren konnte, ohne ablesen zu müssen.
Als nächstes war ein Gruppe StudentInnen von der University of Michigan an der Reihe, die ein sehr kurzes Stück aufführten, von dem ich glaube, dass es um die Gefahren mangelnder Individualität ging. Ich kann es nicht mit Sicherheit sagen, da die StudentInnen zum Teil erst seit Januar diesen Jahres Deutsch lernen und dementsprechend nicht so gut zu verstehen waren. Im Anschluss rezitierte ihre Dozentin gemeinsam mit einem etwas fortgeschritteneren Studenten und einer Violinistin das „Kriegslied“ von Erich Mühsam, ein wunderschönes Gedicht über die Sinnlosigkeit und Gewalt eines Krieges. Ich kannte es schon, doch es hat mir auch heute wieder einen Schauer über den Rücken gejagt.
Ernst-Georg SchwillDie Bühne wurde dann erneut an einen Schauspieler übergeben, nämlich an Ernst-Georg Schwill, der sich ebenfalls für einen Text von Kurt Tucholsky entschieden hatte: „Der Mensch“. Diesen verfasste Tucholsky jedoch unter dem Pseudonym Kaspar Hauser. Diese Wahl gefiel mir sehr gut, denn es ist ein satirisch-ironische Betrachtung der Gattung Mensch, die Schwill letztendlich auch einige Lacher einbrachte.
Es folgte der Auftritt der Schauspielerin Nadja Engel, die aus Käthe Reichels Werk „Dämmerstunde. Erzähltes aus der Kindheit“ vorlas. Ihre Lesung gefiel mir am besten, denn in dem Ausschnitt geht es um Demokratie und die Parallelen zwischen Gegenwart und Vergangenheit; er regte mich zum Nachdenken an und ich werde wohl versuchen, das Buch zu erstehen.
Nach diesem für mich beeindruckenden Auftritt folgte ein meines Erachtens nach eher schwacher: die Schauspielerin und Regisseurin Ursula Karusseit las den Epilog aus Ernst Tollers „Das Schwalbenbuch“. Dieser ist ein nette kleine Anekdote, die thematisiert, dass auch die Nazis in ihrem Kontrollwahn keine allumfassende Macht erreichen konnten. Symbolisch steht hier eine Schwalbenfamilie für den Widerstand im Dritten Reich. Mich hat dieser Text nicht sonderlich berührt, vermutlich unter anderem, weil ich mit Vögeln nicht viel anfangen kann. Zusätzlich war mir die Symbolik ein bisschen zu offensichtlich.
Nun wurde das Publikum erneut mit Kurt Tucholsky beglückt: der Student Fabian Wolf präsentierte „Aussage eines Nationalsozialisten vor Gericht“. Ich möchte zu diesem Text nicht zu viel sagen, da er sehr kurz ist und herrlich für sich selbst spricht. Bitte lest ihn einfach. 🙂
Erneut kam im Folgenden eine Sängerin zu Wort, Johanna Arndt. Sie hatte sich für drei kurze Texte entschieden, den Anfang machte Masha Kalékos Gedicht „Emigranten-Monolog“, das die Vertreibung wertvoller deutscher LiteratInnen und PoetInnen thematisiert. Als zweiten Text hatte sie Erich Kästners Zeugnis der Bücherverbrennung in Berlin ausgewählt. Als Augenzeuge erlebte Kästner hautnah mit, wie seine Werke auf dem Scheiterhaufen landeten. Ich kann mir kaum vorstellen, wie es sich für den großartigen Autor anfühlte, sein Schaffen in Flammen aufgehen zu sehen. Zu guter Letzt trug Frau Arndt noch ein weiteres Gedicht vor, allerdings ist mir auch hier der Titel entfallen. Ich habe mir zwar eine einprägsame Zeile notiert, doch leider reichte diese nicht aus, um das Gedicht im Netz zu finden.
Eine Rezitation ohne Ablesen finde ich immer beeindruckend. Doch der Schauspieler Jens-Uwe Bogadtke Jens Uwe Bogadtkeüberzeugte mich auch durch seine volle, alles einnehmende Stimme und den lebhaften Stil seines Vortrags. Er hätte das Mikro nicht gebraucht. Er hat mich wirklich in die zwei Gedichte von Heinrich Heine, die er präsentierte („Die Wahlesel“ und „Die Wanderratten“), mitgenommen. Heine ist nicht immer leicht zu verstehen, doch Bogadtkes Intonation vereinfachte es, ihm zu folgen.
Der folgende Auftritt war vermutlich der emotionalste von allen. Beate Klarsfeld, Journalistin und sehr aktiv in der Aufklärung und Verfolgung von NS-Verbrechen, hatte sich Auszüge aus dem „Tagebuch der Denise Bardet“ herausgesucht und las diese vor. Denise Bardet war eines von 642 Opfern des Massakers von Oradour in Oradour-sur-Glane und obwohl sie bereits vor ihrem gewaltsamen und grausamen Tod Schwierigkeiten durch die deutsche Besatzung durchlebte, empfand sie keinerlei Hass auf die Deutschen. Auf die Nazis, ja, vielleicht. Aber sie war in der Lage, zwischen Deutschen und Nazis zu unterscheiden, eine zu dieser Zeit wirklich außergewöhnliche Fähigkeit. Frau Klarsfeld konnte man die unterdrückten Tränen in ihrer Stimme anhören. Das hat mich berührt. Ich möchte Denise Bardets Tagebuch in jedem Fall haben und selbst Bekanntschaft mit dieser freundlichen jungen Frau machen.
Gregor Gysi 1Zu guter Letzt trat nun noch der vermutlich bekannteste „Promi“ auf, Linksfraktionsvorsitzender Gregor Gysi. Er las aus dem „Heeresbericht“ von Edlef Köppen, der vor 81 an genau der gleichen Stelle verbrannt worden war. Dieser ist quasi ein pazifistisches Manifest, das der Autor schrieb, um seine Erlebnisse im Ersten Weltkrieg zu verarbeiten. Köppen betont die Sinnlosigkeit des Krieges; dass Krieg, egal ob gewonnen oder verloren, immer mit Blut, Gewalt und Tod einhergeht.
Ich empfand diesen Auszug als gelungenen Abschluss der Lesung.

Mein Beitrag ist nun wirklich sehr lang geworden; so lang, dass ich nicht viel Hoffnung habe, dass ihn überhaupt jemand zur Gänze liest. Doch es war mir ein intensives Anliegen, von meinen heutigen Erfahrungen ausführlich zu berichten; Autoren und Werke zu verlinken und sie euch somit näher zu bringen. Vielleicht konnte ich ein paar unter euch ja auch dazu bewegen, sich ebenfalls an Aktionen wie dieser zum Gedenken an die Bücherverbrennung 1933 zu beteiligen. Erinnern ist wichtig. Vergessen ist gefährlich. Und es geht so schnell. Ich finde, wir müssen lernen, einen Bezug zu den Verbrechen unserer Vergangenheit aufzubauen, um niemals wieder zuzulassen, dass solche Gräueltaten begangen werden können. Ich möchte mit einem Zitat von Peter Suhrkamp schließen, das er 1947 auf eben jenem Bebelplatz/Opernplatz formulierte:

„Die Flammen, die zuerst über den Bücherhaufen prasselten, verschlangen später im Feuersturm unsere Städte, menschliche Behausungen, die Menschen selbst. Nicht der Tag der Bücherverbrennung allein muß im Gedächtnis behalten werden, sondern diese Kette: von dem Lustfeuer an diesem Platz über die Synagogenbrände zu den Feuern vom Himmel auf die Städte.“

Book_Burning_by_MaruLovesStamps

++ACHTUNG: Dieser Beitrag wurde übertragen. Erstellungsdatum ist der 10.05.2014!++

 
 

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