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Archiv der Kategorie: Klassiker

Toni Morrison – Beloved

Interessiert man sich für weibliche, afroamerikanische Literatur, kommt man an Toni Morrison nicht vorbei. 1993 erhielt sie als erste schwarze Frau den Literaturnobelpreis. Bereits fünf Jahre zuvor wurde ihr Roman „Beloved“, in dem sie sich mit der Geschichte der Sklaverei in den USA auseinandersetzt, mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet. Das Buch basiert lose auf der Biografie von Margaret Garner, die 1856 ihre zweijährige Tochter tötete, um sie vor einem Leben in Sklaverei zu bewahren. Ich habe lange gebraucht, bis ich bereit für „Beloved“ war. Tatsächlich begann ich das Buch schon einmal, bemerkte aber, dass ich mit dem Schreibstil noch nicht zurechtkam und stellte es zurück ins Regal. Drei Jahre wartete es geduldig auf mich.

18 Jahre ist es her, dass Sethe eine Sklavin in Sweet Home war. Unaussprechliches wurde ihr angetan, bis sie, hochschwanger und allein, floh. Zu Fuß schlug sie sich nach Ohio durch, wo sie im Haus ihrer Schwiegermutter Baby Suggs unterkam. Heute ist die 124 ihr Heim, in dem sie mit ihrer Tochter Denver lebt. Freiheit ist jedoch mehr als ein physischer Zustand. Noch immer wird Sethe von ihren Erinnerungen heimgesucht. In ihrem Haus spukt der Geist ihres Babys, auf dessen Grabstein ein einziges Wort eingraviert ist: Beloved. Als ein Besucher aus ihrer Vergangenheit eines Tages auf der Schwelle der 124 auf Sethe wartet, scheint es, als erhielte sie erstmals eine Chance auf wahres Glück. Doch diese Hoffnung währt nur einige Herzschläge, denn kurz darauf tritt eine junge Frau in ihr Leben, die Sethes Glauben, ihre Mutterliebe und ihr Verständnis von Freiheit hart auf die Probe stellt. Sie sagt, sie heißt Beloved…

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Verfasst von - August 8, 2017 in Amerikanisch, Klassiker, Mystery, Rezension

 

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Oscar Wilde – De Profundis: Epistola in Carcere et Vinculis

Dies ist keine gewöhnliche Rezension. Vielleicht ist euch bereits aufgefallen, dass ich dieses Mal auf eine Sternevergabe verzichtet habe. Ich habe diese Entscheidung getroffen, weil ich glaube, dass „Epistola in Carcere et Vinculis“ oder auch kurz „De Profundis“ von Oscar Wilde es nicht verdient, mit einer plumpen Sternenanzahl beurteilt zu werden. Bei dem Text handelt es sich um einen Brief von etwa 50.000 Worten, den Wilde während seiner Zeit im Zuchthaus von 1895 bis 1897 an seinen ehemaligen Liebhaber Lord Alfred Bruce Douglas schrieb. Wie anmaßend wäre es, ein Schriftstück bewerten zu wollen, in dem ein verzweifelter Mann sein Innerstes nach außen kehrte und niederschrieb, was ihn bewegte?

Daher habe ich beschlossen, von der gewohnten Struktur meiner Rezensionen Abstand zu nehmen und diesen berührenden Brief vollkommen eigenständig zu besprechen. Es ist kein Roman. Es ist keine Geschichte, obwohl der Text durchaus eine Geschichte erzählt. Ich kann meine üblichen Maßstäbe hier nicht anlegen. Stattdessen möchte ich euch zuerst die historischen Fakten darlegen, bevor ich erkläre, wie „De Profundis“ auf mich wirkte und welche Schlussfolgerungen ich daraus ziehe. Es ist das tragische Zeugnis eines gebrochenen Mannes, das ihr ohne Kontext nicht verstehen werdet. Ich war entsetzt, was aus dem ehemals erfolgreichen Autor Oscar Wilde geworden war.

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Verfasst von - April 19, 2017 in Englisch, Klassiker, Rezension

 

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Harper Lee – To Kill a Mockingbird

2016-06-05 - Lee To Kill a Mockingbird

„To Kill a Mockingbird“ von Harper Lee ist vermutlich eines der Bücher, die am häufigsten in anderen Büchern erwähnt und zitiert werden. Besonders in der Young Adult – Literatur stolperte ich immer wieder über diesen Titel. Es kam, wie es kommen musste: ich wurde neugierig. Ich wusste, dass es sich dabei um einen modernen amerikanischen Klassiker handelt, der oft in Schulen besprochen wird. Ich wusste jedoch nicht, worum es darin überhaupt geht. Ich kaufte das Buch blind. Ich hatte keine Ahnung, was mich erwartete und das gefiel mir. Ich fand es spannend, mich kopfüber in einen Klassiker zu stürzen, ohne durch äußere Einflüsse vorbelastet zu sein. Ich wagte das Abenteuer und nahm einfach an, dass ein Buch, das 1961 den Pulitzer-Preis gewann und niemals aus dem Druck verschwand, nicht allzu enttäuschend sein konnte.

Fragte man Scout Finch heute, wie es dazu kam, dass sich ihr vier Jahre älterer Bruder Jem kurz vor seinem 13. Geburtstag den Arm brach, würde sie ohne zu zögern antworten, dass die Ewells dafür verantwortlich waren. Jem hingegen ist überzeugt, dass es viel eher begann. Es begann mit ihrem Freund Dill und der fixen Idee, ihren zurückgezogen lebenden Nachbarn Boo Radley aus seinem Haus zu locken. Es begann mit den Stunden bei der sterbenden Mrs. Dubose, den Schlägereien auf dem Schulhof und dem tollwütigen Hund. Es begann mit den an ihren Vater Atticus gerichteten Beleidigungen, weil er Tom Robinson vor Gericht vertrat. Es begann, als die Einwohner_innen der Südstaatenkleinstadt Maycomb die Unschuld der Geschwister auf dem Altar der Tradition opferten. Es begann harmlos – und doch zwangen die Ereignisse Scout und Jem, erwachsen zu werden. Manchmal treffen auch gute Menschen schlechte Entscheidungen.

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Verfasst von - Juli 5, 2016 in Amerikanisch, Klassiker, Rezension

 

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Richard Adams – Unten am Fluß: Watership Down

2015-11-12 - Adams Unten am Fluß

„Unten am Fluß: Watership Down“ von Richard Adams wurde 1972 veröffentlicht. Die Entstehung dieses internationalen Bestsellers geht auf eine Fahrt von London nach Stratford-upon-Avon (Shakespeares Geburtsort, mal so nebenbei) zurück, während derer Adams begann, seinen beiden 8- und 9-jährigen Töchtern eine Geschichte über Wildkaninchen zu erzählen, die fantastische Abenteuer bestanden. In den folgenden drei Wochen wurde die Geschichte immer länger, da Adams nun auch die Schulfahrten seiner Mädchen nutzte, um ihnen weitere Kapitel zu erzählen. Letztendlich überredeten ihn die beiden, aus seiner Geschichte ein Buch zu schreiben.
Ich persönlich bin mit der Geschichte in Form des Zeichentrickfilms von 1978 aufgewachsen, habe diesen aber nur ein einziges Mal gesehen, weil er mir als Kind fruchtbare Angst gemacht hat. Das Buch hat meine Mutter auf einem Flohmarkt erstanden; ich habe entschieden, es zu lesen, um meinen Eindruck aus Kindertagen möglicherweise zu korrigieren.

Wildkaninchen verlassen ihr Gehege nie. Es sei denn, ihnen bleibt keine andere Wahl. Als Hazel erfährt, dass sein Bruder Fiver fest überzeugt ist, dass ihrem Gehege in Sandleford ein schreckliches Schicksal bevorsteht, sucht er sofort das Oberkaninchen auf, um es davon zu überzeugen, wegzugehen. Dieses tut Fivers Befürchtungen als Unsinn ab, doch Hazel vertraut seinem Bruder. Noch in der gleichen Nacht schart er einige mutige Kaninchen um sich und kehrt Sandleford den Rücken. Gemeinsam wagen sie sich auf der Suche nach einer neuen Heimat in die Wildnis. So beginnt ihre Geschichte, in deren Verlauf sie lernen, dass das Leben auch für eine kleine Gruppe Kaninchen zahllose Abenteuer und Herausforderungen bereithält.

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Verfasst von - November 28, 2015 in Englisch, Kinderbuch, Klassiker, Rezension

 

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Ray Bradbury – Fahrenheit 451

2015-07-04 - Bradbury - Fahrenheit 451

„Fahrenheit 451“ von Ray Bradbury – zur Abwechslung mal eine Dystopie für Erwachsene. Das Buch entstand aus der Kurzgeschichte „The Fire Man“ und wurde 1953 das erste Mal veröffentlicht. Für mich stand schon seit vielen Jahren fest, dass ich das Buch irgendwann einmal lesen würde, weil meine Mutter es mir nachdrücklich ans Herz legte. Trotz dessen wollte ich es mir nicht von ihr borgen, da ich entschieden hatte, es mit der englischen Originalversion zu versuchen. Eines Tages entdeckte ich es dann in einer Buchhandlung; in einer süßen, winzig kleinen Ausgabe, kaum größer als meine Hand. Einem Klassiker, der sich so praktisch und bequem lesen lassen würde, konnte ich nicht widerstehen und nahm ihn mit nach Hause.

Nichts ist vergleichbar mit der alles verzehrenden, reinigenden Schönheit von Feuer. Es bewahrt die Gesellschaft vor der beängstigenden Macht der Bücher, denn es sind Feuerwehrmänner wie Guy Montag, die dafür sorgen, dass all die Werke, die die Menschen verwirren und überfordern könnten, im Feuer verbrennen. Montag liebt seinen Beruf; zu beobachten, wie Dinge vom Feuer gefressen, geschwärzt und verändert werden, bereitet ihm Freude. Nie schenkte er seiner zerstörerischen Arbeit mehr als einen kurzen Gedanken. Erst seine Nachbarin Clarisse öffnet seinen Geist und lässt ihn hinterfragen. Warum müssen Bücher brennen? Warum ist es für Menschen wichtiger, sich zu amüsieren, als Zeit zum Nachdenken zu haben? Als Clarisse plötzlich verschwindet, ist Montag mit seinen Zweifeln völlig allein. Mit seiner Frau Mildred kann er nicht sprechen, lebt sie doch nur für ihre Fernseh – „Familie“. Impulsiv beginnt er, Bücher vor dem Feuer zu retten und versteckt sie in seinem Haus. Doch sein Tun bleibt nicht unbemerkt und Montag muss fliehen – vor dem System, das er selbst jahrelang unterstützte.

„Fahrenheit 451“ wurde über die Jahre immer wieder analysiert und interpretiert. Meist mit dem Konsens, dass das Buch eine brillante, feinsinnige Kritik an staatlicher Zensur darstellt. Wie überrascht war ich, als ich erfuhr, dass Ray Bradbury nach eigener Aussage ein anderes Thema im Sinn hatte, als er das Buch schrieb. Tatsächlich wollte er mit „Fahrenheit 451“ auf die seiner Meinung nach drohenden Gefahren eines steigenden Fernsehkonsums und das daraus resultierende, sinkende Interesse an Literatur hinweisen. Ich muss zugeben, ich finde das fast ein bisschen schade und bin nicht sicher, ob ich dieses Missverständnis an seiner Stelle richtig gestellt hätte, denn meiner Meinung nach fiel es durchaus zu seinen Gunsten aus und ist darüber hinaus nicht völlig aus der Luft gegriffen. Man kann die Gesellschaft, die Bradbury beschreibt, definitiv als Ausdruck einer totalitären Politik interpretieren. Nichtsdestotrotz wollte er in Wahrheit eine Gesellschaft abbilden, die sich selbst zu dem machte, was sie ist. Das Volk wollte die Abschaffung von Büchern. Sie wollten sich ganz dem Fernsehen und anderen Vergnügungen hingeben, um sich vor selbstständigem Denken zu „schützen“. Die Menschen halten sich selbst und freiwillig dumm. Ich war schockiert von ihrer Ignoranz und Abgestumpftheit. Ich war buchstäblich sprachlos, wie gleichgültig sie die wichtigsten Themen des Lebens behandeln, gänzlich ohne jegliche emotionale Resonanz. Anfangs gehört auch Guy Montag zu ihnen, denn er ist so beschäftigt mit seinem Leben, dass er keine Zeit hat, es zu leben. Seine Nachbarin Clarisse zerrt etwas in ihm zum Vorschein, das schon jahrelang unbemerkt in den Tiefen seines Seins gärte: eine überwältigende Unzufriedenheit, die ich nur allzu gut verstehen konnte. Eine Welt ohne Bücher, könnt ihr euch das vorstellen? Wenn ich ehrlich bin, ich will es mir gar nicht vorstellen und es fiel mir während des Lesens schwer, diesen Gedanken zu akzeptieren. Das hatte allerdings nichts mit Ray Bradbury als Autor zu tun, sondern nur mit mir als Leserin. Bradbury schreibt sehr pointiert und zielgerichtet, in einem Stil, der je nach Situation zwischen kristallklar und blumig poetisch wechselt. Seine Worte trafen mich genau da, wo es mir am meisten wehtat: in meinem freiheitsliebenden Bücher-Herzen. Das war nicht leicht zu ertragen, aber das sollte es sicher auch nicht sein. Er bleibt sehr dicht an seinem Protagonisten Montag, was mich überraschte, da ich erwartet hatte, dass er seine Zukunftsvision in größeren Dimensionen inszenieren würde. Erstaunlicherweise stellte ich jedoch fest, dass Montags Geschichte so repräsentativ ist, dass sie eine umfangreichere Schilderung der gesellschaftlichen Umstände überflüssig macht. Vieles klingt nur an; so sucht man den Satz „Wir sind im Krieg“ beispielsweise vergebens, obwohl es den Tatsachen entspricht. Der Krieg wird lediglich am Rande thematisiert. Mir gefiel das sehr gut, weil es die Lebensrealität der Menschen widerspiegelt und es auf gewisse Weise biblisch ist. Etwas, das sie ignorieren, wird zu ihrem Verhängnis.

Mich hat „Fahrenheit 451“ sehr berührt und aufgewühlt, so sehr, dass ich gegen Ende sogar geweint habe, weil Ray Bradbury es trotz all der grauen Trostlosigkeit und schrillen Reizüberflutung seiner dystopischen Gesellschaft nicht versäumt, seinen LeserInnen einen Funken Hoffnung zu vermitteln. Es ist ein Buch, das mich zweifellos noch lange beschäftigen wird, da ich nicht umhin kam zu erkennen, dass wir von Bradburys bedrohlicher Vision heute nicht mehr allzu weit entfernt sind. Wir leben immer schneller, immer komprimierter, immer leerer und immer unpersönlicher. Wenn uns „Fahrenheit 451“ eins lehrt, dann ist es das: wir müssen selbst auf die Bremse treten und uns Räume für unsere Persönlichkeit, unsere Individualität schaffen. Niemand wird das für uns übernehmen; wir formen die Gesellschaft, in der wir leben möchten.
„Fahrenheit 451“ ist meiner Meinung nach wieder mal ein Buch, das jeder Mensch auf der Welt gelesen haben sollte, weil es uns vor uns selbst warnt und uns zwingt, zu reflektieren. Ich denke, Bücherwürmer wie mich trifft dieser Roman besonders hart, denn er bringt eine empfindliche Saite in uns zum Klingen. Brennende Bücher – welches Bild könnte schmerzhafter sein?

 

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John Irving – Gottes Werk und Teufels Beitrag

„Gottes Werk und Teufels Beitrag“

Gottes Werk und Teufels Beitrag

Autor: John Irving

Originaltitel: “The Cider House Rules”

Format: Taschenbuch

Seitenzahl: 775 Seiten

Verlag: Diogenes

Sprache: Deutsch

ISBN: 3257218370

Genre: Historisch > Nordamerika & Klassiker > Amerikanisch & Realistische Fiktion

ausgelesen am: 08.06.2015

Bewertung:

Homer Wells ist anders als die anderen Kinder im Waisenhaus von St. Cloud’s, denn er möchte nicht fort. Er versuchte mehrfach, eine neue Familie und ein neues Zuhause zu finden – ohne Erfolg. So kommt es, dass der Leiter des Waisenhauses, Dr. Wilbur Larch, Homer erlaubt zu bleiben und ihn unter seine Fittiche nimmt. Dr. Larch lehrt Homer Gottes Werk und Teufels Beitrag: Entbindungen und Abtreibungen. Für viele Frauen ist St. Cloud’s der einzige Ort, an den sie gehen können, wenn sie ungewollt schwanger werden. Während Homer älter wird, beschleichen ihn jedoch Zweifel. Hat nicht auch ein Fötus eine Seele? Er weigert sich, selbst Abtreibungen vorzunehmen und hadert mit seinem scheinbar vorbestimmten Schicksal als Arzt, trotz seines unbestrittenen Talents. Als ein junges Paar St. Cloud’s besucht, ist Homers Chance auf eine andere Zukunft gekommen. Candy und Wally nehmen Homer mit sich auf die Apfelplantage Ocean View der Familie Worthington, wo er sich fortan als Hilfskraft verdingt. Hier, zwischen Äpfeln und verwirrenden Beziehungen, begreift Homer, dass das Leben sich nicht um Moralvorstellungen schert. Und dass er seiner Bestimmung nicht entkommen kann.

Das ist es also, das große Werk von John Irving. Ich denke, ich habe selten ein Buch gelesen, das „Gottes Werk und Teufels Beitrag“ an Detailreichtum übertrifft. Ich halte diese Eigenschaft des Romans sowohl für seine größte Stärke als auch für seine größte Schwäche zugleich. John Irving ist ein Schriftsteller, der jeder einzelnen Figur seiner Geschichte eine eigenständige, individuelle Biografie zugesteht und sich für jeden dieser Werdegänge brennend interessiert. Auf diese Weise entsteht ein dichtes Geflecht persönlicher Schicksale, die mal außergewöhnlich, mal durchschnittlich sind und faszinierend ineinander greifen und mit einander interagieren. Die Beziehungen seines Romans sind skurril und zum Teil wahrhaft ungesund, nichtsdestotrotz aber realistisch. Während des Lesens fiel es mir gar nicht so auf, doch jetzt im Nachhinein bin ich überzeugt, dass Kommunikation eines der Schlüsselthemen ist. All die Dinge, die nicht gesagt werden – aus Stolz, aus Angst, aus Rücksicht, aus der verdrehten Vorstellung heraus, dass es sich ethisch oder moralisch nicht schickt. Seine moralischen Vorstellungen und Ansprüche sind die größten Hindernisse, die Homer im Weg zu einem glücklichen Leben stehen. Dadurch zwingt er seine Gefühle in ein enges, straffes Korsett, das es ihm verbietet, mit der Frau zusammen zu sein, die er liebt und das ihn daran hindert, seine wahre Bestimmung zu akzeptieren: ein Leben als Arzt, der ungewollt schwangeren Frauen die Möglichkeit zur Entscheidung schenkt, obwohl es illegal ist. Irving outet sich in „Gottes Werk und Teufels Beitrag“ unmissverständlich als Befürworter von Abtreibungen und meines Erachtens nach argumentiert er durch die Figur des Dr. Larch lückenlos. Ungewollte Schwangerschaften führen zu ungewollten Kindern, die zu Waisenkindern werden. Manchmal ist eine Abtreibung die beste Option für alle Beteiligten. Nehmen wir als Beispiel Melony, die gemeinsam mit Homer in St. Cloud’s aufwächst, aber einen völlig anderen Weg einschlägt und mit ihrer harten, spröden Art einen scharfen Kontrast zu seinem sanften, nachdenklichen Wesen darstellt. Schon als Kind ist sie verbittert, permanent zornig und überzeugt, dass das Leben niemals etwas Gutes für sie bereithalten wird. Sie war niemals unschuldig, weil sie zu früh grausam enttäuscht wurde. Es mag zynisch klingen, doch hätte ihre Mutter eine Abtreibung in Betracht ziehen können; wäre Melony niemals geboren worden, hätte sie auch nie all den Hass, all den Schmerz und das Leid ertragen müssen. Melony ist von Beginn an eine Einzelgängerin, unfähig, anderen zu vertrauen und überwindet ihren Zorn ihr ganzes Leben lang nicht. Ich könnte stundenlang über sie schreiben, weil sie – wenn auch zutiefst unsympathisch – wahnsinnig kompliziert ist. Eine Analyse von Irvings Charakteren könnte wohl ein gesamtes Buch füllen – das ändert jedoch nichts daran, dass ich mit ihnen allen so meine Probleme hatte. Ich mochte niemanden so richtig, weil sie alle grenzwertige Entscheidungen treffen, doch ich denke, das spielt gar keine Rolle. Irving versucht nicht, den ersten Preis für Sympathie zu gewinnen, sondern zeichnet Figuren, die facettenreich und lebensnah sind. Natürlich hat mich das beeindruckt, allerdings erwähnte ich ja bereits, dass der Detailreichtum seines Schreibstils durchaus auch einen negativen Aspekt für mich hatte. Irving schwafelt. Er ergeht sich in Kleinigkeiten und kommt nicht zielgerichtet genug auf den Punkt. Ich halte ihn für einen tollen Schriftsteller, bin als Leserin jedoch eher ein gradliniger Typ. Ich hätte die unzähligen Schnörkel aus den Leben von Nebenfiguren nicht gebraucht, um mich für die Geschichte begeistern zu können. So erforderte es zu viel Geduld und Durchhaltevermögen, um mich uneingeschränkt darin wohl zu fühlen.

„Gottes Werk und Teufels Beitrag“ ist gleichermaßen Gesellschaftskritik wie Dokumentation des Lebens. Ich kann verstehen, warum John Irving von vielen LeserInnen leidenschaftlich verehrt wird, da er mutig und sensibel Tabuthemen anspricht, einen feinsinnigen, subtilen, oftmals tragikomischen Humor vermittelt und darüber hinaus meisterhaft facettenreiche Charaktere gestaltet. Trotz dessen bin ich mir noch nicht sicher, ob er tatsächlich der richtige Autor für mich ist. Ich werde wohl noch mindestens ein weiteres Buch von ihm lesen müssen, bevor ich das entscheiden kann.
Ich kann „Gottes Werk und Teufels Beitrag“ durchaus empfehlen, weil es wirklich brillant konstruiert ist und es zu den Werken gehört, die man einfach mal gelesen haben sollte. Ihr solltet jedoch darauf vorbereitet sein, dass John Irving äußerst detailverliebt schreibt und ihr weit mehr über seine Figuren erfahren werdet, als ihr vielleicht erwartet habt.

 

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Charles Dickens – Oliver Twist

„Oliver Twist“

Oliver Twist

Autor: Charles Dickens

Format: Hardcover

Seitenzahl: 576 Seiten

Verlag: Gustav Kiepenheuer Verlag

Sprache: Deutsch

ISBN: 3423213418

Genre: Klassiker > Englisch & Drama

ausgelesen am: 14.01.2015

Bewertung:

„Oliver Twist“ ist Charles Dickens‘ zweiter Roman, der 1838 erstmalig als Gesamtausgabe erschien. Bereits von 1837 bis 1839 wurde das Werk als Fortsetzungsgeschichte in der Zeitschrift „Bentley’s Miscellany“ veröffentlicht, weil sich nur wenige LeserInnen dieser Zeit eine vollständige Romanausgabe leisten konnten. Trotz des Erfolgs des Buches musste Dickens für seine ungeschönte, realitätsnahe Darstellung der Lebensumstände der Armen und der Kriminalität in London sehr viel Kritik einstecken. So viel, dass er sich 1841 genötigt sah, anlässlich der dritten Auflage von „Oliver Twist“ ein Vorwort zu verfassen, indem er deutlich und unnachgiebig zu seinen Beschreibungen stand. Er schrieb, er habe kein Interesse daran, diejenigen zu unterhalten, die zu „feinfühlig“ seien, um die Hässlichkeit der Realität zu ertragen. Am Beispiel des kleinen Oliver habe er zeigen wollen, „wie das Prinzip des Guten alle widrigen Umstände überdauert und schließlich triumphiert“. Mit diesem Vorwort, das meiner Ausgabe von „Oliver Twist“ angehängt ist, stieg Dickens in meiner Achtung ins Unermessliche. Ich bin zutiefst beeindruckt davon, dass er sich dem gesellschaftlichen Druck nicht beugte und „Oliver Twist“ genauso ließ, wie es war, damit ich, über 170 Jahre später, einen detaillierten Eindruck von London während der Frühindustrialisierung erhalten konnte.

Im Armenhaus geboren, als Waise unter der strengen Knute der Gemeinde aufgewachsen, erfährt der kleine Oliver Twist früh, dass das Leben für die weniger Gesegneten viel Unrecht bereithält. Als er es nicht mehr aushält, läuft er davon – fort ins meilenweit entfernte London. In der großen Stadt wird Oliver mit Leid, Elend und Verderbtheit konfrontiert; er trifft auf das personifizierte Laster, dem die Worte Anstand und Rechtschaffenheit völlig fremd sind. Trotz dessen wünscht sich Oliver nichts sehnlicher, als dazuzugehören. Schon bald muss er allerdings einsehen, dass sich die Kriminalität stets selbst am nächsten ist und wenig Platz für die Hoffnungen und Träume eines kleinen Jungen bietet. Doch Oliver hat Glück im Unglück und erlebt Wohltätigkeit und Güte, als er es am wenigsten erwartet.

Niemals hätte ich den Wert dieses Romans erkannt, hätte ich nicht das Nachwort meiner Ausgabe von Rudolf Marx gelesen. Ich brauchte seine Ausführungen, um meine Aufmerksamkeit in die richtige Richtung zu lenken. Ich bin begeistert von Dickens‘ Humor, seiner Ironie und seinem Sarkasmus, doch während des Lesens war ich komplett von Olivers Figur eingenommen. Es beschäftigte mich ungemein, dass dieser kleine Junge so blass, passiv und leidenschaftslos ist. Oliver hat keinen Funken Feuer im Leib, er ist nicht durchtrieben, verwegen oder abenteuerlustig. Tatsächlich ist er wohl einer der langweiligsten Charaktere, die mir je begegnet sind; bar jeder Entwicklung bleibt er den ganzen Roman über ein tugendhafter kleiner Engel. Aus dieser Perspektive hätte ich das Wichtigste beinahe übersehen: Dickens‘ unglaublich mutige, tiefgreifende Gesellschaftskritik.
Zu Zeiten der Frühindustrialisierung entfaltete sich der Konflikt zwischen den untersten Gesellschaftsschichten und dem Gesetz mit voller Wucht; in „Oliver Twist“ beschreibt Charles Dickens beherzt diese Spannungen und deren Konsequenzen. Er portraitiert Elend und Armut zwingend und eindringlich, wendet die Augen nicht ab von Hässlichkeit und Verderbtheit und stach genau dort hinein, wo es den Mittelstand am meisten schmerzte. Man kann „Oliver Twist“ nicht lesen, ohne den geschichtlichen Kontext im Auge zu behalten, denn nur so wird deutlich, welche beabsichtigte Wirkung der Roman hatte. Dickens führte seinen LeserInnen unbarmherzig all das vor Augen, was sie im Alltag nicht sehen wollten: bittere Armut, Leid, Kriminalität, Prostitution, Gewalttätigkeit – aber auch den Anteil des Unterdrücker-Staates und der Mittelschicht an diesen Zuständen. Menschen wie seine Figur des Gemeindedieners Mr. Bumble, die kleingeistigen Vollstrecker grausamer, ungerechter Gesetze, waren es, die erheblich zur Not der Ärmsten der Armen beitrugen.
Trotz dessen konnte Dickens nicht aus seiner Haut. So detailliert und ehrlich seine Darstellung des Abschaums der Gesellschaft ist, so ungenau und verschleiernd ist hingegen sein Bild der Mittelklasse. Oliver trifft auf mehrere Vertreter dieser Schicht; sie sind durchweg mildtätige, herzensgute Wohltäter, über deren wahre Lebensumstände die LeserInnen nur sehr wenig erfahren. Das ist nicht realistisch, ebenso wenig wie die Tatsache, dass Oliver völlig unbeeindruckt ist von den Umständen, in denen er aufwächst. Er scheint immun gegen jegliche Art von Laster und Sünde zu sein, was für die höchst konstruierte Geschichte seines Lebens jedoch unumgänglich ist, denn andernfalls wäre es dem Autor nicht möglich gewesen, den Gegensatz zu den „Bösen“ so klar herauszuarbeiten. Diese kommen bei Dickens nicht gut weg; er bestraft sie für all ihre Verbrechen (wozu auch gehört, gegen Olivers Glück gearbeitet zu haben) unheimlich hart und brutal. Die einzige Ausnahme ist der Dieb Charley Bates, der letztendlich sein Leben umkrempelt und zu einem wertvollen Gesellschaftsmitglied wird. Ich fragte mich ernstlich, warum Dickens dieser einen Figur einen Ausweg und eine Zukunft gab und glaube, es ging ihm darum, zu zeigen, dass Läuterung durchaus im Bereich des Möglichen liegt. Vielleicht glaubte Dickens daran, dass selbst der schlechteste Mensch sich noch ändern kann. Ich finde es schade, dass er Charley davon kommen ließ, meine liebste Figur jedoch ebenso gnadenlos bestrafte wie alle anderen auch: Nancy. Nancy war für mich die Schlüsselfigur des Romans, mit der ich am meisten mitfühlen konnte. Sie vereint all das, was mir in Oliver fehlte, der zwar der Protagonist der Geschichte ist, aber keinesfalls ihr Held. Nancy ist meines Erachtens nach die Heldin des Romans. Eine junge, verzweifelte, eindeutig verdorbene Prostituierte berührte mein Herz. Wer hätte das gedacht?

„Oliver Twist“ entsprach absolut nicht meinen Erwartungen. Ich hatte mit weit mehr Abenteuer gerechnet und auch mit einer anderen Form von Humor. Die Figur des Oliver enttäuschte mich, doch glücklicherweise konnte Rudolf Marx mich im Nachwort auf das aufmerksam machen, was dieses Buch außergewöhnlich und beeindruckend macht.
Wenn ihr eines Tages auch einmal zu diesem Klassiker der Literatur greifen solltet, vergesst niemals, in welcher Zeit er entstanden ist. Akzeptiert, dass Oliver kein Held ist, sondern nur die Leinwand einer Geschichte, deren privates Schicksal bei weitem nicht so wichtig ist wie ihre gesellschaftlichen Implikationen. Charles Dickens war ein bewundernswerter, mutiger Autor, der es nicht nur verdient hat, in den Literatur-Bestenlisten der Welt aufzutauchen, sondern auch, gelesen zu werden.

 
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Verfasst von - Januar 22, 2015 in Drama, Englisch, Klassiker, Rezension

 

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Nathanael West – The Day of the Locust

„The Day of the Locust“

Autor: Nathanael West

Ersterscheinung: 1939

Format: Taschenbuch

Seitenzahl: 192

Verlag: Penguin Classics

Sprache: Englisch

ISBN: 0141023651

Genre: Klassiker > Amerikanisch

ausgelesen am: 14.01.2014

Bewertung:

“The Day of the Locust” von Nathanael West sollte ich im Rahmen eines Kurses lesen, der sich mit amerikanischer Literatur von 1900 bis 1945 beschäftigt. Unter anderen Umständen wäre ich vermutlich auf dieses Buch, das 1939 erstmals erschien, nie gestoßen, obwohl es beispielsweise auf amazon in einem Atemzug mit „Unter Null“ von Bret Easton Ellis genannt wird, eines meiner Lieblingsbücher.

Wests Werk wird zu den Hollywood-Romanen gezählt, da die gesamte Handlung in dieser Glitzer- und Glamourwelt spielt. Der Leser begleitet den Maler Tod Hackett, der in Amerikas Filmhauptstadt noch relativ neu ist und dort als Set Designer arbeitet. Er ist hoffnungslos dem Filmsternchen Faye Greener verfallen, um deren Aufmerksamkeit er permanent buhlt, obwohl er selbst erkennt, wie aussichtslos und selbstzerstörerisch seine Bemühungen sind. Hierbei steht er in Konkurrenz mit verschiedenen anderen Männern die seine Leidenschaft für Faye teilen, neigt die junge Möchtegern-Schauspielerin doch dazu, sich ausschließlich mit Menschen zu umgeben, die ihr Selbstwertgefühl steigern und sie bestätigen. Tod beginnt, sich immer weiter in der Welt Hollywoods zu verlieren, bis er schließlich ganz von ihr verschluckt wird, symbolisiert durch seine versehentliche Involvierung in Ausschreitungen anlässlich einer Filmpremiere.

„The Day oft the Locust“ gehört zu den Büchern, deren Symbolgehalt sich der Leser bewusst machen muss, um ihre Bedeutung zu verstehen. Während der Lektüre war mir das nicht klar, wodurch meine Bewertung weniger positiv ausfällt. Erst durch die Besprechung des Buches innerhalb meines Kurses eröffnete sich mir die Intension, die Nathanael West vermutlich verfolgte. Zwischen der Realität an der Oberfläche und der Realität unter der Oberfläche besteht eine sehr hohe Spannung, nichts ist das, was es auf den ersten Blick zu sein scheint. Im Mittelpunkt stehen die verschiedenen Charaktere, die Handlung ist nur sekundär von Belang. Auch spielt potentielle Sympathie für die Figuren kaum eine Rolle, da diese komplett überspitzt und grotesk dargestellt sind. Wests Absicht war nicht, dass der Leser seine Charaktere mag, sondern dass ihm bewusst wird, was sie symbolisieren. Das zentrale Thema des Buches ist die Entwertung von Persönlichkeit und Individualität, wie sie in Hollywood regelrecht erzwungen wird. Der Mensch wird auf seine vermarktbaren Eigenschaften reduziert, daher sind auch Wests Figuren degenerierte Individuen. Am deutlichsten ist dies am Beispiel des Homer Simpson zu sehen, der am Ende der Geschichte nicht einmal mehr in der Lage ist zu sprechen. Er hatte von Beginn an keine Eigenschaften oder Fähigkeiten, die für die Filmindustrie von Wert gewesen wären, folglich wurde er von ihr verschlungen, durchgekaut und das, was von ihm übrig blieb wieder ausgespuckt. Ein ähnliches Schicksal ereilt Tod, der jedoch im Gegensatz zu Homer für die Welt des Films brauchbar ist und den für ihn vorgesehenen Platz einnimmt, indem er die Distanz des Künstlers aufgibt und zu einem Teil von ihr wird. Eine nähere Betrachtung verlangt auch der Titel des Buches selbst. Übersetzt bedeutet er „Der Tag der Heuschrecke“ und man kommt dementsprechend nicht umhin, die biblische Assoziation zu bemerken. Heuschrecken sind in der Bibel eine allesverschlingende Plage; in Bezug auf den Roman legt das die Interpretation nahe, dass die Figuren nicht nur Opfer, sondern auch Täter sind. Hollywood ist nur das, wozu es durch Menschen wie Tod, Homer oder Faye gemacht wurde. Sie wurden verschlungen, um selbst zu verschlingen.

Die Bewertung von „The Day oft the Locust“ fiel mir schwer, da mir zwar (mittlerweile) einerseits sein symbolischer Wert bewusst ist, ich aber andererseits trotzdem nicht begeistert von dem Werk bin. Anders als „Unter Null“ bietet es dem Leser keinerlei moralisches Zentrum; es gibt keinen Clay, der deutlich macht, wie stumpf, flach und degeneriert Hollywoods Charaktere sind. Ich kann nicht behaupten, dass ich besonders viel aus dem Buch mitgenommen habe, obwohl die Thematik heute wohl aktueller ist denn je. Ich werde daher keine Empfehlung für „The Day oft the Locust“ aussprechen. Wer es lesen möchte, soll das tun, sich jedoch darüber im Klaren sein, dass die Dinge, die West nicht schildert, die nur zwischen den Zeilen stehen, den eigentlichen Wert des Romans darstellen.

 

 
Ein Kommentar

Verfasst von - Januar 22, 2014 in Amerikanisch, Klassiker, Rezension

 

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Tennessee Williams – Endstation Sehnsucht

„Endstation Sehnsucht“

Originaltitel: A Streetcar Named Desire

Autor: Tennessee Williams

Ersterscheinung: 1947

Format: Taschenbuch

Seitenzahl: 150

Verlag: Fischer

Sprache: Deutsch

ISBN: 3596271207

Genre: Klassiker > Amerikanisch > Drama > Schauspiel

ausgelesen am: 22.12.2013

Bewertung:

Inhalt

„Endstation Sehnsucht“ erzählt die tragische Geschichte der ehemaligen Lehrerin Blanche DuBois, einer alternden Südstaaten-Schönheit, die durch das verschwenderische Leben ihrer Familie all ihren Besitz verliert, einschließlich der Plantage Belle Rêve. Mittellos und verzweifelt sucht sie Unterschlupf bei ihrer jüngeren Schwester Stella in New Orleans. Diese hat sich vor Jahren entschieden, das sinkende Schiff zu verlassen und ihr Glück in der Großstadt zu finden. Dort traf sie auf Stanley Kowalski, einen ehemaligen Soldaten des Zweiten Weltkriegs mit polnischer Herkunft, den sie heiratete.

Als Blanche bei ihrer Schwester eintrifft, ist sie entsetzt über die Umstände, in denen Stella lebt. Nichts deutet mehr auf ihre aristokratische Herkunft hin, Stella und Stanley hausen in einem ärmlichen Viertel in einer winzigen Wohnung mit gerade mal zwei Zimmern. Darüber hinaus kann sie sich nicht mit Stanley anfreunden, der ihrer Meinung nach primitiv und animalisch ist. Diese Abneigung beruht jedoch auf Gegenseitigkeit, Stan fühlt sich durch Blanches vornehmes, aber auch leicht gekünsteltes Verhalten permanent provoziert. Stella hingegen sitzt durch die Unstimmigkeiten zwischen ihrem Ehemann und ihrer Schwester zwischen den Stühlen. Sie versucht zu vermitteln, scheitert allerdings, da sie Stans aggressiver Art unterlegen ist und sich in einem Abhängigkeitsverhältnis zu ihm befindet, das durch Sexualität und Gewalt geprägt ist.

Stan ist überaus bemüht, den Eindringling in seinem Heim wieder loszuwerden. Er erkundigt sich über Blanches Leben in ihrer Heimatstadt und findet heraus, dass Blanche ein moralisch eher verwerfliches Leben führte: wechselnde Männerbekanntschaften, die am Ende in die sexuelle Beziehung zu einem ihrer (minderjährigen) Schüler gipfelten. Dieser Vorfall kostete sie ihre Anstellung als Lehrerin.

Blanche verfolgt in New Orleans vor allem das Ziel, sich selbst noch zu retten, indem sie einen Mann heiratet, der ihr Schutz und Sicherheit bieten kann. Sie bändelt mit Stans Freund Harold „Mitch“ Mitchell an, der zwar eigentlich weit unter ihren normalen Ansprüchen steht, für Blanche jedoch den letzten Ausweg aus ihrer Misere darstellt.

Die sich entwickelnde Beziehung zwischen Mitch und Blanche erfährt einen herben Rückschlag, als Stan die Informationen, die er über Blanches Vergangenheit gesammelt hat, an Mitch weitergibt. Mitch kann nicht verstehen, wieso Blanche ihn die ganze Zeit über immer auf Abstand hielt, während sie früher ein freizügiges Leben führte. Betrunken versucht er eines Abends, Blanche zu sexuellen Handlungen zu überreden; die Situation eskaliert und Blanche wirft ihn aus dem Haus.

Erneut emotional angeschlagen zieht sich Blanche in eine Fantasiewelt zurück, die auf brutale Weise erneut mit der harten Realität in Person von Stan konfrontiert wird. Allein mit ihm in der Wohnung vergewaltigt er die Schwester seiner Ehefrau, während Stella im Krankenhaus ist und das gemeinsame Baby zur Welt bringt.

Dieser Vorfall zerstört Blanche endgültig: da ihr niemand glaubt, nicht einmal Stella, wird sie in eine psychiatrische Anstalt eingewiesen.

Rezension

Das Stück „Endstation Sehnsucht“ spielt Ende der 1940er Jahre, es wurde 1947 uraufgeführt. Es thematisiert den Untergang der Südstaaten-Aristokratie und deren Ablösung durch das „neue“ Amerika, personifiziert durch die Figur des Stanley Kowalski.

Ich habe lange über das Stück nachgedacht und habe versucht, dessen Bedeutung für die amerikanische Gesellschaft und Geschichte zu erfassen.

Meiner Meinung nach hat Tennessee Williams den Zeitgeist brillant erfasst und eine wirklich beeindruckende Gesellschaftskritik geschrieben.

Man merkt von Beginn an, was für eine detaillierte und umfangreiche Vorstellung Williams von seinem Stück hatte, dies wird deutlich durch sehr exakte Bühnenanweisungen. Der Leser erhält bereits vor den Dialogen eine recht genaue Vorstellung von den Figuren und den Situationen, in denen sie sich befinden.

Die Figuren selbst sind nachvollziehbare Akteure, durch die beschriebenen Charakterzüge kann sich der Leser wunderbar erklären, wie es dazu kam, dass sie sich in den dargestellten Umständen befinden.

Die zwischenmenschlichen Beziehungen sind natürlich geprägt von Konflikten und Oppositionen. Blanche und Stanley verkörpern deutliche Gegensätze, während Stella und Mitch zwischen den beiden gefangen und hin und her gerissen sind.

Im Mittelpunkt steht hierbei eindeutig Blanche, das Stück wird durch das Mitleid, das man für sie empfindet, getragen. Dieses ist jedoch nicht uneingeschränkt, eine volle Identifikation wird durch ihre Affektiertheit und Irrationalität verhindert. Man erkennt, dass Blanche durchaus auch Fehler hat und zum Teil selbst zu ihrem Unglück beigetragen hat. Trotzdem sind die Angriffe von Seiten Stans so brutal, gemein und egoistisch, dass man als Leser kaum anders kann, als Bedauern für sie zu empfinden. Blanche ist eine zutiefst tragische Figur, dieser Eindruck wird noch verstärkt, weil sie nicht mal von ihrer eigenen Schwester Hilfe erwarten kann.

Stella selbst war in meinen Augen der schwächste Charakter, allerdings nicht im Sinne ihrer Konstruktion durch Williams. Sie ist als schwache Frau dargestellt, die sich nicht gegen ihren gewalttätigen Ehemann auflehnen kann. Sie ist in einer durchaus leidenschaftlichen Beziehung mit Stanley gefangen, die ihr nicht gut tut. Ich bin überzeugt, dass Stella dies auch erkannt hat, doch sie ist nicht in der Lage, Konsequenzen daraus zu ziehen. Ich würde sogar so weit gehen, zu resümieren, dass sie Stanley und seiner Aggressivität komplett verfallen ist. Sie belügt sich selbst hinsichtlich seiner Natur und ist deswegen auch nicht gewillt, Blanche bezüglich der Vergewaltigungsvorwürfe zu glauben. Ihr Schicksal als hörige und abhängige Ehefrau scheint durch die Geburt von Stans Kind besiegelt.

So gesehen sind Blanches und Stellas Schicksal nicht so verschieden, wie es an der Oberfläche erscheint. Blanche wurde durch die Ereignisse in ihrer Heimat und in New Orleans gebrochen und vollständig zerstört. Stella ist ebenfalls eine gebrochene Frau, allerdings ist dieser Umstand bei ihr weniger offensichtlich. Durch die Beziehung zu ihrem Ehemann ist sie gezwungen, die Realität zu verleugnen und die Bande zu ihrer Schwester, die einst vermutlich sehr eng waren, aufzulösen. Auf die Spitze getrieben wird dies natürlich durch Blanches Einlieferung in eine psychiatrische Anstalt; Williams deutet an, dass dieser Umstand auf Stellas Initiative zurückgeht. Dementsprechend kann man schlussfolgern, dass Blanches Einlieferung eine erzwungene symbolische Abkehr von einem wichtigen Teil von Stellas Persönlichkeit darstellt – ihrer Vergangenheit. Stellas Zukunft gehört nun völlig ihrem brutalen Ehemann Stan. Sie kann keinerlei Rettung mehr erwarten, da niemand mehr übrig ist, der die Fatalität dieser Beziehung erkennen könnte, denn all ihre Bekanntschaften und Freundinnen befinden sich in einer ähnlich prekären Lage, ohne es erfassen zu können.

So fügt sich Stella in ihr Schicksal und opfert ihre Schwester für eine zerstörerische Verbindung.

Stanley geht aus dem Stück als Sieger hervor: seine Dominanz wurde gefestigt, er konnte die Bedrohung seiner Lebensumstände erfolgreich beseitigen.

Die Tatsache, dass Blanche Stellas personifizierte Vergangenheit symbolisiert, erklärt den Umstand, dass Stan die Schwester seiner Frau so umfassend ablehnt. Blanche führt ihm vor Augen, wie unterschiedlich er und Stella eigentlich sind. Er erkennt, dass er im Grunde nicht gut genug für eine junge Frau mit aristokratischen Wurzeln ist; dass er ihr nichts bieten kann und fürchtet sich vor der Möglichkeit, dass auch Stella dies realisiert.

Zu Beginn des Stücks unterhalten sich Stella und Stan darüber, dass alles Geld, das Blanche mit dem Verkauf von Belle Rêve möglicherweise erwirtschaftet hat, automatisch auch ihm zusteht, da sie verheiratet sind. Im Nachhinein wirkte das auf mich, als wollte Stan durch diese Äußerung verdeutlichen, dass Stella keinerlei Chance hat, sich von ihm zu lösen. Dahinter scheint die Angst zu stehen, dass Stella mit genügend finanziellem Rückhalt ihre Sachen packen und ihn verlassen könnte. Obwohl sie auf mich nie den Eindruck machte, als spiele sie mit diesem Gedanken, unterdrückt Stan bereits präventiv jegliche mögliche Anwandlung in diese Richtung.

Unterdrückung ist darüber hinaus eines der Stichworte, die Stan am besten beschreiben. Er führt seine Beziehung und seinen Haushalt mit strenger Hand und stellt dadurch patriarchalische Zustände her. Weder erkennt er Stellas Selbstbestimmtheit an, noch erlaubt er ihr, sich zu entwickeln. Er hält sie klein, zwingt sie in ein Abhängigkeitsverhältnis und erstickt jegliche Emanzipation ihrerseits bereits im Keim. Dazu gehört zum Beispiel, dass sie ihn um Geld bitten muss, wenn sie etwas unternehmen möchte und kein eigenes besitzt und auch, dass er Rechnungen gern selbst bezahlt. Er lässt sie keinerlei Verantwortung übernehmen und hält sie aus den organisatorischen Prozessen des Lebens heraus. Die Motivation dahinter scheint zu sein, dass Stella auf diese Weise im Fall einer Trennung nicht allein überlebensfähig wäre, was sie daran hindert, diese überhaupt in Betracht zu ziehen.

Stanley ist der Gefängniswärter der Zelle, in die sich Stella selbst begeben hat. Er ist derjenige, der Stella daran hindert, sich aus ihrem selbstgewählten Schicksal zu befreien.

Zusammenfassend gefiel mir das Stück sehr gut. Es ist eine Tragödie menschlicher Charaktere, die durch unterschiedliche Ereignisse und Entscheidungen in verschiedene aussichtslose Lebensumstände getrieben wurden.

Es half mir, einen bestimmten Aspekt der amerikanischen Gesellschaft besser zu verstehen: den Unterschied zwischen Süd- und Nordstaaten und die daraus entstehenden Konflikte.

Für die damalige Zeit hat Tennessee Williams sowohl die Gesellschaft als Ganzes wie auch das Thema Sexualität und Gewalt innerhalb von Beziehungen mutig thematisiert und kritisiert.

Trotzdem kann ich für „Endstation Sehnsucht“ nur drei Sterne vergeben, weil mich als Deutsche die Relevanz des Stücks weniger berührt als vermutlich ein/e Amerikaner/in. Außerdem sind für das Verständnis dieses Schauspiels gewisse historische Vorkenntnisse erforderlich. Ein Leser, der von eben diesem Unterschied zwischen den nördlichen und den südlichen Staaten der USA noch nie gehört oder gelesen hat; der die geschichtlichen Ereignisse (Stichwort Bürgerkrieg) nicht kennt, kann vermutlich nicht nachvollziehen, warum es für Blanche so schwer ist, sich in ihre neue Umgebung zu integrieren und auch ihre Verzweiflung nicht verstehen.

Es ist kein Stück, das man außerhalb des Kontextes lesen kann.

Wer sich jedoch für amerikanische Geschichte interessiert und wie diese sich in der Kunst allgemein und der Literatur im Speziellen widerspiegelt, dem kann ich dieses Stück nur ans Herz legen. Wie bereits beschrieben, es ist eine brillante Gesellschaftskritik, die den Zeitgeist der späten 1940er Jahre hervorragend erfasst.

 

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