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Archiv der Kategorie: Nordamerika

William Ritter – Jackaby

Nach der anstrengenden Lektüre von „Nicht einmal das Schweigen gehört uns noch“ von Aslı Erdoğan hatte ich das dringende Bedürfnis nach einem leichten Buch. „Jackaby“, der Auftakt der gleichnamigen Reihe „Jackaby“, bot sich an, weil das Monatsmotto „Facebook“ lautete und wir demzufolge Bücher mit einem Gesicht auf dem Cover lesen sollten. Eine übernatürliche Detektivgeschichte klang genau richtig, besonders, da der Autor William Ritter ein Experte auf dem Gebiet der Folklore ist. Auf seiner Website findet sich sogar ein informatives Bestiarium, das regelmäßig erweitert wird. Ich freute mich auf die Lektüre und die Chance, ein wenig abzuschalten.

„Starren Sie nicht den Frosch an“ – diese letzte Zeile einer dubiosen Ausschreibung für eine Assistenzstelle in einer Detektei lässt Abigail Rook zwar durchaus stutzen, doch sie kann es sich nicht leisten, wählerisch zu sein. Schließlich fallen Anstellungen 1892 in New Fiddleham, New England, für junge, mittellose Frauen nicht vom Himmel. Ihr Vorstellungsgespräch verläuft allerdings völlig anders als erwartet. Nicht nur ist ihr neuer Arbeitgeber, ein gewisser R.F. Jackaby, ein skurriler Exzentriker, der ihr beiläufig erklärt, dass Aberglaube, Sagengestalten und Magie erschreckend real sind, er führt sie auch ohne Umschweife zu einem grausigen Tatort. Ein Mann wurde brutal ermordet und nahezu ausgeblutet. Während die Polizei einen menschlichen Mörder jagt, ist Jackaby überzeugt, dass es sich bei dem Täter um ein übernatürliches Wesen handeln muss. Abigail und Jackaby müssen das Rätsel schnell lösen, denn eines ist sicher: es wird nicht bei einem Opfer bleiben.

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Eric Scott Fischl – Dr. Potter’s Medicine Show

Wisst ihr, was eine Medicine Show ist? Im 19. Jahrhundert reisten selbsternannte Wunderheiler in Pferdewagen durch die USA und versuchten, selbstzusammengerührte Heilmittelchen an die Leute zu bringen. Meist waren diese Verkaufsveranstaltungen mit einem Unterhaltungsprogramm verbunden. Eine Mischung aus Zirkus, Kirmes und Kaffeefahrt. Da Herstellung und Vertrieb von Medikamenten noch keinen gesetzlichen Regelungen unterworfen waren (erst ab 1906), konnte sich jeder zum Quacksalber aufschwingen, der den Willen und die finanziellen Voraussetzungen besaß. Dementsprechend waren diese Mittel oft wirkungslos oder sogar schädlich – großzügig versetzt mit Alkohol, Opium oder Kokain. Eine Geschichte, die in diesem Umfeld spielt, erschien mir äußerst vielversprechend. Ich konnte nicht widerstehen, als ich „Dr. Potter’s Medicine Show“ von Eric Scott Fischl bei Netgalley entdeckte.

Hereinspaziert, hereinspaziert! Kommen Sie näher, kommen Sie näher! Überzeugen Sie sich selbst von der wundersamen Wirkung von Dr. Hedwiths Chock-a-saw Sagwa Tonikum! Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit, Rheuma – dieses großartige Elixier heilt jede geistige oder körperliche Krankheit!
Diese oder eine ähnliche Ansprache hält Dr. Alexander Potter in jeder neuen Stadt, die er mit seiner Medicine Show besucht, obwohl er weiß, dass das Tonikum im besten Fall lediglich abhängig macht. Im schlimmsten Fall… erweckt es die Menschen. Zu viele Jahre arbeitet der Sezessionskriegsveteran schon für Dr. Hedwith und seinen grausamen Handlanger Lyman Rhoades, trägt eine alte Schuld ab, die ihn auf ewig an den Doktor fesselt und in dessen alchemistische Experimente verstrickt. Zu lange schon wartet Alexander darauf, seine Freiheit zurückzugewinnen. Seine Chance kommt, in Person des verzweifelten Zahnarztes Josiah McDaniel, dem das Sagwa Tonikum alles nahm und der nun schwört, sich an Dr. Hedwith zu rächen. Gemeinsam stellen sie sich dem Kampf gegen einen Mann, der nichts zu verlieren hat – außer der Unsterblichkeit.

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Ellen Marie Wiseman – Die dunklen Mauern von Willard State

2016-04-03 - Wiseman Die dunklen Mauern von Willard State

„Die dunklen Mauern von Willard State“ von Ellen Marie Wiseman ist nur zum Teil fiktiv. Die psychiatrische Anstalt Willard State Asylum hat es tatsächlich gegeben. Als die Anstalt nach 126 Jahren des Betriebs 1995 geschlossen wurde, fanden Arbeiter auf dem Dachboden über 400 Koffer, die Patienten gehörten, die Willard nie mehr verließen. Seit 1999 arbeiteten Darby Penney, Peter Stastny und die Fotografin Lisa Rinzler unermüdlich, um die Biografien ihrer Besitzer_innen aufzudecken und ihnen ein Gesicht zu geben. Das Ergebnis ihrer Bemühungen sind die Ausstellung „Lost Cases, Recovered Lives: Suitcases from a State Hospital Attic“ und das Buch „The Lives They Left Behind: Suitcases from a State Hospital Attic“. Letzteres diente Ellen Marie Wiseman als Inspiration „Die dunklen Mauern von Willard State“ zu schreiben.

Izzy Stones Familie wurde in der verhängnisvollen Nacht zerstört, als ihre Mutter ihren Vater erschoss. Niemand weiß, was sie zu dieser grauenvollen Tat veranlasste. Allein, ohne verbleibende Angehörige, wurde Izzy jahrelang herumgereicht. Erst jetzt, mit 17, hat sie das Gefühl, Pflegeeltern zu haben, denen sie wichtig ist. Aus Dankbarkeit hilft sie den beiden bei ihrem neusten Projekt. Nach der Schließung des berüchtigten Willard State Asylum wurden auf dem Dachboden hunderte von Koffern gefunden, deren Inhalt Peg und Harry nun katalogisieren möchten. Unter den Besitztümern der Insassen entdeckt Izzy einen Stapel ungeöffneter Briefe und das Tagebuch einer Patientin namens Clara Cartwright. Izzy ist von Claras tragischem Schicksal fasziniert und setzt alles daran, ihre Geschichte zu rekonstruieren. Doch je tiefer sie in die Geheimnisse von Claras Leben vordringt, desto näher kommt sie auch den Antworten auf die Rätsel ihrer eigenen Vergangenheit…

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John Irving – Gottes Werk und Teufels Beitrag

„Gottes Werk und Teufels Beitrag“

Gottes Werk und Teufels Beitrag

Autor: John Irving

Originaltitel: “The Cider House Rules”

Format: Taschenbuch

Seitenzahl: 775 Seiten

Verlag: Diogenes

Sprache: Deutsch

ISBN: 3257218370

Genre: Historisch > Nordamerika & Klassiker > Amerikanisch & Realistische Fiktion

ausgelesen am: 08.06.2015

Bewertung:

Homer Wells ist anders als die anderen Kinder im Waisenhaus von St. Cloud’s, denn er möchte nicht fort. Er versuchte mehrfach, eine neue Familie und ein neues Zuhause zu finden – ohne Erfolg. So kommt es, dass der Leiter des Waisenhauses, Dr. Wilbur Larch, Homer erlaubt zu bleiben und ihn unter seine Fittiche nimmt. Dr. Larch lehrt Homer Gottes Werk und Teufels Beitrag: Entbindungen und Abtreibungen. Für viele Frauen ist St. Cloud’s der einzige Ort, an den sie gehen können, wenn sie ungewollt schwanger werden. Während Homer älter wird, beschleichen ihn jedoch Zweifel. Hat nicht auch ein Fötus eine Seele? Er weigert sich, selbst Abtreibungen vorzunehmen und hadert mit seinem scheinbar vorbestimmten Schicksal als Arzt, trotz seines unbestrittenen Talents. Als ein junges Paar St. Cloud’s besucht, ist Homers Chance auf eine andere Zukunft gekommen. Candy und Wally nehmen Homer mit sich auf die Apfelplantage Ocean View der Familie Worthington, wo er sich fortan als Hilfskraft verdingt. Hier, zwischen Äpfeln und verwirrenden Beziehungen, begreift Homer, dass das Leben sich nicht um Moralvorstellungen schert. Und dass er seiner Bestimmung nicht entkommen kann.

Das ist es also, das große Werk von John Irving. Ich denke, ich habe selten ein Buch gelesen, das „Gottes Werk und Teufels Beitrag“ an Detailreichtum übertrifft. Ich halte diese Eigenschaft des Romans sowohl für seine größte Stärke als auch für seine größte Schwäche zugleich. John Irving ist ein Schriftsteller, der jeder einzelnen Figur seiner Geschichte eine eigenständige, individuelle Biografie zugesteht und sich für jeden dieser Werdegänge brennend interessiert. Auf diese Weise entsteht ein dichtes Geflecht persönlicher Schicksale, die mal außergewöhnlich, mal durchschnittlich sind und faszinierend ineinander greifen und mit einander interagieren. Die Beziehungen seines Romans sind skurril und zum Teil wahrhaft ungesund, nichtsdestotrotz aber realistisch. Während des Lesens fiel es mir gar nicht so auf, doch jetzt im Nachhinein bin ich überzeugt, dass Kommunikation eines der Schlüsselthemen ist. All die Dinge, die nicht gesagt werden – aus Stolz, aus Angst, aus Rücksicht, aus der verdrehten Vorstellung heraus, dass es sich ethisch oder moralisch nicht schickt. Seine moralischen Vorstellungen und Ansprüche sind die größten Hindernisse, die Homer im Weg zu einem glücklichen Leben stehen. Dadurch zwingt er seine Gefühle in ein enges, straffes Korsett, das es ihm verbietet, mit der Frau zusammen zu sein, die er liebt und das ihn daran hindert, seine wahre Bestimmung zu akzeptieren: ein Leben als Arzt, der ungewollt schwangeren Frauen die Möglichkeit zur Entscheidung schenkt, obwohl es illegal ist. Irving outet sich in „Gottes Werk und Teufels Beitrag“ unmissverständlich als Befürworter von Abtreibungen und meines Erachtens nach argumentiert er durch die Figur des Dr. Larch lückenlos. Ungewollte Schwangerschaften führen zu ungewollten Kindern, die zu Waisenkindern werden. Manchmal ist eine Abtreibung die beste Option für alle Beteiligten. Nehmen wir als Beispiel Melony, die gemeinsam mit Homer in St. Cloud’s aufwächst, aber einen völlig anderen Weg einschlägt und mit ihrer harten, spröden Art einen scharfen Kontrast zu seinem sanften, nachdenklichen Wesen darstellt. Schon als Kind ist sie verbittert, permanent zornig und überzeugt, dass das Leben niemals etwas Gutes für sie bereithalten wird. Sie war niemals unschuldig, weil sie zu früh grausam enttäuscht wurde. Es mag zynisch klingen, doch hätte ihre Mutter eine Abtreibung in Betracht ziehen können; wäre Melony niemals geboren worden, hätte sie auch nie all den Hass, all den Schmerz und das Leid ertragen müssen. Melony ist von Beginn an eine Einzelgängerin, unfähig, anderen zu vertrauen und überwindet ihren Zorn ihr ganzes Leben lang nicht. Ich könnte stundenlang über sie schreiben, weil sie – wenn auch zutiefst unsympathisch – wahnsinnig kompliziert ist. Eine Analyse von Irvings Charakteren könnte wohl ein gesamtes Buch füllen – das ändert jedoch nichts daran, dass ich mit ihnen allen so meine Probleme hatte. Ich mochte niemanden so richtig, weil sie alle grenzwertige Entscheidungen treffen, doch ich denke, das spielt gar keine Rolle. Irving versucht nicht, den ersten Preis für Sympathie zu gewinnen, sondern zeichnet Figuren, die facettenreich und lebensnah sind. Natürlich hat mich das beeindruckt, allerdings erwähnte ich ja bereits, dass der Detailreichtum seines Schreibstils durchaus auch einen negativen Aspekt für mich hatte. Irving schwafelt. Er ergeht sich in Kleinigkeiten und kommt nicht zielgerichtet genug auf den Punkt. Ich halte ihn für einen tollen Schriftsteller, bin als Leserin jedoch eher ein gradliniger Typ. Ich hätte die unzähligen Schnörkel aus den Leben von Nebenfiguren nicht gebraucht, um mich für die Geschichte begeistern zu können. So erforderte es zu viel Geduld und Durchhaltevermögen, um mich uneingeschränkt darin wohl zu fühlen.

„Gottes Werk und Teufels Beitrag“ ist gleichermaßen Gesellschaftskritik wie Dokumentation des Lebens. Ich kann verstehen, warum John Irving von vielen LeserInnen leidenschaftlich verehrt wird, da er mutig und sensibel Tabuthemen anspricht, einen feinsinnigen, subtilen, oftmals tragikomischen Humor vermittelt und darüber hinaus meisterhaft facettenreiche Charaktere gestaltet. Trotz dessen bin ich mir noch nicht sicher, ob er tatsächlich der richtige Autor für mich ist. Ich werde wohl noch mindestens ein weiteres Buch von ihm lesen müssen, bevor ich das entscheiden kann.
Ich kann „Gottes Werk und Teufels Beitrag“ durchaus empfehlen, weil es wirklich brillant konstruiert ist und es zu den Werken gehört, die man einfach mal gelesen haben sollte. Ihr solltet jedoch darauf vorbereitet sein, dass John Irving äußerst detailverliebt schreibt und ihr weit mehr über seine Figuren erfahren werdet, als ihr vielleicht erwartet habt.

 

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Thomas Jeier – Das Lied der Cheyenne

„Das Lied der Cheyenne“

Das Lied der Cheyenne

Autor: Thomas Jeier

Format: Taschenbuch

Seitenzahl: 304 Seiten

Verlag: Heyne

Sprache: Deutsch

ISBN: 3453093089

Genre: Realistische Fiktion & Historisch > Nordamerika

ausgelesen am: 23.04.2014

Bewertung:

[Anmerkung: Ich habe versucht, mich in diesem Beitrag respektvoll und politisch korrekt auszudrücken. Ich lehne jegliche Form der Diskriminierung nachdrücklich ab und bin überzeugt, dass diese bereits in der Sprache beginnt. Sollten sich LeserInnen an meiner Diktion stören, sollte ich Redewendungen genutzt habe, die weniger respektvoll sind, als ich es beabsichtigt hatte, so bitte ich meine LeserInnen eindringlich, mich darauf hinzuweisen.]

„Das Lied der Cheyenne“ von Thomas Jeier wurde mir von meinem Schwager empfohlen und ausgeborgt. Anlässlich meines Interesses für Feminismus und Emanzipation habe ich mich mit ihm darüber unterhalten, wie die Rolle der Frau innerhalb der indigenen Völker Nordamerikas definiert und ausgeprägt war; glücklicherweise interessiert er sich seit vielen Jahren für deren Kultur und hat dementsprechend eine Menge Wissen und Literatur angehäuft. „Das Lied der Cheyenne“ sollte mir einen ersten groben Eindruck vermitteln, sowohl von Kultur, Bräuchen, Lebensweise und eben auch der Position der Frauen bei den Cheyenne.

Der Roman ist die Geschichte von Büffelfrau, die als Schamanin der Cheyenne geboren wird und deren magische Kräfte ihr Volk durch eine dunkle Zeit führen sollen. Als sie alt genug ist, geht sie bei Sieht-hinter-die-Berge in die Lehre, doch das ist Büffelfrau nicht genug: sie möchte eine unerschrockene Kriegerin und Jägerin sein. Tatsächlich gelingt es ihr, ihre Wünsche zu realisieren; sie erarbeitet sich einen Ruf als erfolgreiche Jägerin, Kriegerin und weise Frau. Als die heiligen Pfeile ihres Volkes von den Pawnee gestohlen werden, muss sie ihre Fähigkeiten unter Beweis stellen. Ganz allein reitet sie ins Feindesland, um ihr Volk vor dem Zorn der Geister zu bewahren und die Pfeile zurückzubringen. Ihre Träume weisen Büffelfrau den Weg, doch sie zeigen ihr auch verwirrende Bilder von einem weißen Mann mit blauen Augen…

Ich brauchte einige Zeit, um einen Einstieg in „Das Lied der Cheyenne“ zu finden, da Thomas Jeier einen für mich eher ungewohnten Schreibstil pflegt. Er schreibt unglaublich ruhig; bemühen sich andere AutorInnen um einen hohen Spannungsbogen und sich rasant entwickelnde Ereignisse, setzt Jeier auf eine ausgeglichene Schilderung des Lebens seiner Protagonistin. Damit harmonieren Erzählstil und Erzähltes sehr gut, der gesamte Roman strahlt Gefasstheit und Würde aus. Ich hatte nicht das Gefühl, dass Jeier nur bekannte Klischees reproduziert und ein Blick in das Nachwort bestätigte, dass er offenbar umfangreiche Recherchen durchführte, was eine respektvolle Darstellung ermöglichte. Büffelfrau ist eine fiktive Figur, beruht aber auf historischen Kriegerinnen der Cheyenne. Obwohl mir der Einstieg etwas schwer fiel, konnte ich im Laufe des Buches eine Verbindung zu Büffelfrau und ihrem Volk aufbauen. Ihr Schicksal begann mich zu fesseln; ich wollte wissen, wie die Geschichte ausgeht und wünschte der jungen Schamanin aus tiefstem Herzen ein Happy End. Am meisten imponierte mir das Gespür der Cheyenne für das Leben; ihre Fähigkeit, es in jeder Form zu schätzen, zu respektieren und zu genießen.
Wie bereits beschrieben, wollte ich mehr über die Rolle der Frau in der Kultur nordamerikanischer indigener Völker lernen und ich denke, ich war erfolgreich. „Das Lied der Cheyenne“ veranschaulicht, wie Frauen in die Gesellschaft der Cheyenne eingebunden waren, welchen sozialen Erwartungen sie ausgesetzt waren und inwieweit sie ihr Leben frei gestalten konnten. Offenbar gab es keine fest definierte Arbeitsaufteilung; es gab keine Aufgabe, die Frauen oder Männer nicht übernehmen durften, bestimmte Lebensweisen waren für das eine oder andere Geschlecht nur ungewöhnlich. Nach Jeiers Darstellung waren die Cheyenne in der Lage, jegliches Verhalten zu respektieren und tolerieren, solange es bestimmte Tabus nicht verletzte, was ihrer Ansicht nach die Geister hätte verärgern können (z.B. Jungfräulichkeit bis zur Ehe).
Selbstverständlich ist ein einzelner Roman nicht ausreichend, um einen verlässlichen Rückschluss auf das komplexe soziale Gefüge einer Gesellschaft wie die der Cheyenne zuzulassen; es wird weitere Literatur von Nöten sein, um das Bild, das in „Das Lied der Cheyenne“ beschrieben ist, zu bestätigen oder zu revidieren.

Thomas Jeiers Roman empfand ich insgesamt als guten Einstieg in die Kultur der indigenen Völker Nordamerikas, denn obwohl die Geschichte fiktiv ist, halte ich sie dennoch für realistisch. Es ist eine Geschichte, die in sich ruht und mir die Faszination für die beeindruckende Kultur und Lebensweise der Cheyenne verständlicher machte. Es ist kein Buch, das ich allen LeserInnen empfehlen würde, ein Grundinteresse an der Thematik muss vorhanden sein. Doch wer sich vom Volk der Cheyenne angezogen fühlt, wird in „Das Lied der Cheyenne“ eine eindrucksvolle Schilderung ihrer Lebensumstände vorfinden und darüber hinaus die Möglichkeit haben, in das Leben einer faszinierenden, mutigen jungen Frau einzutauchen.

 

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