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Archiv der Kategorie: Drama

Colleen Hoover – Weil ich Layken liebe

„Weil ich Layken liebe“

weil ich layken liebe

Reihe: Slammed #1

Autor: Colleen Hoover

Originaltitel: Slammed

Format: Taschenbuch

Seitenzahl: 352 Seiten

Verlag: dtv

Sprache: Deutsch

ISBN: 3423715626

Genre: Drama & Romantik & Realistische Fiktion > Young Adult

ausgelesen am: 16.02.2015

Bewertung:

„Weil ich Layken liebe“ von Colleen Hoover – eines dieser extrem gehypten Bücher, das mich wohl als eine der Letzten erreicht hat. Ich hatte eigentlich vor, das Buch auf Englisch zu kaufen; es stand eine Weile auf meiner Wunschliste. Doch dann fiel mir die deutsche Version bei einem Mängelexemplar-Ausverkauf in die Hände und da konnte ich einfach nicht widerstehen. Ich neige dazu, in solchen Fällen an das Schicksal zu glauben und bin überzeugt, es war richtig für mich, „Weil ich Layken liebe“ in Deutsch zu kaufen und zu lesen.

Durch den plötzlichen Tod ihres Vaters muss die 18-jährige Layken gemeinsam mit ihrer Mutter Julia und ihrem kleine Bruder Kel umziehen – vom heißen Texas ins kühle, verschneite Michigan. Layken ist traurig und fest überzeugt, dass sie Michigan hassen wird. Doch dann begegnet sie Will. Will ist all das, von dem Layken nicht wusste, dass sie es braucht. Nach dem alles verzehrenden Kummer der letzten Monate lehrt er sie, wieder zu lachen. Es ist die große Liebe auf den ersten Blick; eine Verbindung, so tief und intensiv, dass das Schicksal selbst seine Hand im Spiel haben muss. Aber das Schicksal ist nicht gütig und treibt bitterböse Scherze mit denen, die sich in Sicherheit wiegen. Drei Tage gönnt es Will und Layken, dann stellt es sich ihrer jungen Liebe hinterlistig mit aller Macht in den Weg und bringt eine Flut frischer Tränen und neuen Schmerzes mit sich…

„Weil ich Layken liebe“ ist traurig, schmerzvoll und einfach zum Heulen – aber es preist auch das Leben und die Liebe. Es ist die wundervolle, zauberhafte Geschichte einer Liebe, die nicht sein darf und doch viel zu mächtig ist, um sie zu ignorieren. Ich habe das Buch innerhalb von 24 Stunden verschlungen; das sagt wohl alles darüber aus, wie sehr mich Laykens und Wills zutiefst tragische Beziehung mitgerissen und auch mitgenommen hat. Ich konnte es einfach nicht mehr aus der Hand legen. Ich litt mit dem jungen Paar, war verzweifelt und konnte nicht aufhören, zu hoffen, dass sie doch noch ein Hintertürchen finden, das ihre Liebe möglich macht. „Weil ich Layken liebe“ verdient den Hype; Colleen Hoover hat eine großartige Geschichte erschaffen, die mein Herz und meine Seele berührt hat.
Wie oft habe ich mir gewünscht, ich könnte in das Buch hineinrutschen und Layken fest in den Arm nehmen. Sie leidet so herzzerreißend, muss so viele Rückschläge und Schmerzen einstecken. Ich fühlte auf jeder Seite mir ihr; gemeinsam haben wir gelacht und geweint. Ich konnte jede, wirklich jede ihrer Emotionen, Handlungen und Reaktionen nachvollziehen und verstehen, mich in sie hineinversetzen und hatte eine unglaublich starke, solide Verbindung mit ihr. Sie ist so echt, so lebendig und glaubwürdig, dass ich sie mir tatsächlich in meinem Leben als Freundin vorstellen kann. Ich liebe ihre nachdenkliche Seite; ihre Gedanken zu den Phasen der Trauer haben mich sehr beeindruckt. Auch konnte ich verstehen, dass sie sich in Will verliebt. Er ist einfach bezaubernd.
Wenn ich so darüber nachdenke, tauchen in dem Buch gar nicht viele Charaktere auf, doch die vorhandenen Figuren sind alle so liebevoll, tiefgreifend und überzeugend dargestellt, dass es für die Geschichte gar nicht mehr braucht. „Weil ich Layken liebe“ braucht kein hochkompliziertes Geflecht unzähliger Persönlichkeiten, es braucht nur eine Handvoll, die sich den Widrigkeiten des Lebens stellen. Laykens Mom Julia erinnerte mich beispielsweise an meine eigene Mutter. Ihre Stärke, ihr Mut, ihre aufopferungsvolle Liebe zu ihren Kindern. Das ist es, was das Buch besonders macht: man erkennt als LeserIn Aspekte des eigenen Lebens darin. Wir alle haben schon einmal einen Verlust erlebt, der uns das Herz aus der Brust riss. Wir alle kennen (hoffentlich) das Gefühl, bedingungslos geliebt zu werden. Wir alle wissen, wie es ist, wenn man sich nichts sehnlicher wünscht, als die eigenen Emotionen abschalten zu können. Das Leben ist, was passiert, während wir Pläne machen. Manches muss man nehmen, wie es kommt, denn man kann nicht alles organisieren. Darum ist es manchmal besser, die Vernunft zum Schweigen zu bringen und einfach zu handeln. Laykens Freundin Eddie hat das verstanden. Sie bewahrte sich trotz schlimmer Erfahrungen und einer schwierigen Kindheit ihre Lebensfreude und ihren Optimismus. Vielleicht müssen wir alle ab und zu ein bisschen mehr wie Eddie sein. Genießen, statt zu zerdenken.

Das Leben schert sich nicht um Balance oder Fairness und schlägt genau dann mitten ins Gesicht, wenn man nicht damit rechnet und erst recht nicht bereit dafür ist. „Weil ich Layken liebe“ erinnerte mich daran, dass die Welt noch so schwarz und hoffnungslos aussehen kann, es gibt immer einen Ausweg. Wir haben immer eine Wahl. Äußere Einflüsse, Zwänge und Verpflichtungen lassen uns das manchmal vergessen. Wir fallen, damit wir lernen, wieder aufstehen zu können.
Ich liebe dieses Buch und kann es kaum erwarten, die Fortsetzung „Weil ich Will liebe“ zu lesen. Ihr müsst Layken und Will kennenlernen. Ihre Liebesgeschichte ist traurig, dramatisch und zerbrechlich, doch sie ist auch so außergewöhnlich, dass es sich einfach lohnt, dafür zu kämpfen. Als ich das Buch ausgelesen hatte, habe meinem Lieblingsmenschen einen Kuss gegeben und ihm gesagt, dass ich ihn liebe. Denn Liebe ist das, was das Leben magisch macht.

 

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Charles Dickens – Oliver Twist

„Oliver Twist“

Oliver Twist

Autor: Charles Dickens

Format: Hardcover

Seitenzahl: 576 Seiten

Verlag: Gustav Kiepenheuer Verlag

Sprache: Deutsch

ISBN: 3423213418

Genre: Klassiker > Englisch & Drama

ausgelesen am: 14.01.2015

Bewertung:

„Oliver Twist“ ist Charles Dickens‘ zweiter Roman, der 1838 erstmalig als Gesamtausgabe erschien. Bereits von 1837 bis 1839 wurde das Werk als Fortsetzungsgeschichte in der Zeitschrift „Bentley’s Miscellany“ veröffentlicht, weil sich nur wenige LeserInnen dieser Zeit eine vollständige Romanausgabe leisten konnten. Trotz des Erfolgs des Buches musste Dickens für seine ungeschönte, realitätsnahe Darstellung der Lebensumstände der Armen und der Kriminalität in London sehr viel Kritik einstecken. So viel, dass er sich 1841 genötigt sah, anlässlich der dritten Auflage von „Oliver Twist“ ein Vorwort zu verfassen, indem er deutlich und unnachgiebig zu seinen Beschreibungen stand. Er schrieb, er habe kein Interesse daran, diejenigen zu unterhalten, die zu „feinfühlig“ seien, um die Hässlichkeit der Realität zu ertragen. Am Beispiel des kleinen Oliver habe er zeigen wollen, „wie das Prinzip des Guten alle widrigen Umstände überdauert und schließlich triumphiert“. Mit diesem Vorwort, das meiner Ausgabe von „Oliver Twist“ angehängt ist, stieg Dickens in meiner Achtung ins Unermessliche. Ich bin zutiefst beeindruckt davon, dass er sich dem gesellschaftlichen Druck nicht beugte und „Oliver Twist“ genauso ließ, wie es war, damit ich, über 170 Jahre später, einen detaillierten Eindruck von London während der Frühindustrialisierung erhalten konnte.

Im Armenhaus geboren, als Waise unter der strengen Knute der Gemeinde aufgewachsen, erfährt der kleine Oliver Twist früh, dass das Leben für die weniger Gesegneten viel Unrecht bereithält. Als er es nicht mehr aushält, läuft er davon – fort ins meilenweit entfernte London. In der großen Stadt wird Oliver mit Leid, Elend und Verderbtheit konfrontiert; er trifft auf das personifizierte Laster, dem die Worte Anstand und Rechtschaffenheit völlig fremd sind. Trotz dessen wünscht sich Oliver nichts sehnlicher, als dazuzugehören. Schon bald muss er allerdings einsehen, dass sich die Kriminalität stets selbst am nächsten ist und wenig Platz für die Hoffnungen und Träume eines kleinen Jungen bietet. Doch Oliver hat Glück im Unglück und erlebt Wohltätigkeit und Güte, als er es am wenigsten erwartet.

Niemals hätte ich den Wert dieses Romans erkannt, hätte ich nicht das Nachwort meiner Ausgabe von Rudolf Marx gelesen. Ich brauchte seine Ausführungen, um meine Aufmerksamkeit in die richtige Richtung zu lenken. Ich bin begeistert von Dickens‘ Humor, seiner Ironie und seinem Sarkasmus, doch während des Lesens war ich komplett von Olivers Figur eingenommen. Es beschäftigte mich ungemein, dass dieser kleine Junge so blass, passiv und leidenschaftslos ist. Oliver hat keinen Funken Feuer im Leib, er ist nicht durchtrieben, verwegen oder abenteuerlustig. Tatsächlich ist er wohl einer der langweiligsten Charaktere, die mir je begegnet sind; bar jeder Entwicklung bleibt er den ganzen Roman über ein tugendhafter kleiner Engel. Aus dieser Perspektive hätte ich das Wichtigste beinahe übersehen: Dickens‘ unglaublich mutige, tiefgreifende Gesellschaftskritik.
Zu Zeiten der Frühindustrialisierung entfaltete sich der Konflikt zwischen den untersten Gesellschaftsschichten und dem Gesetz mit voller Wucht; in „Oliver Twist“ beschreibt Charles Dickens beherzt diese Spannungen und deren Konsequenzen. Er portraitiert Elend und Armut zwingend und eindringlich, wendet die Augen nicht ab von Hässlichkeit und Verderbtheit und stach genau dort hinein, wo es den Mittelstand am meisten schmerzte. Man kann „Oliver Twist“ nicht lesen, ohne den geschichtlichen Kontext im Auge zu behalten, denn nur so wird deutlich, welche beabsichtigte Wirkung der Roman hatte. Dickens führte seinen LeserInnen unbarmherzig all das vor Augen, was sie im Alltag nicht sehen wollten: bittere Armut, Leid, Kriminalität, Prostitution, Gewalttätigkeit – aber auch den Anteil des Unterdrücker-Staates und der Mittelschicht an diesen Zuständen. Menschen wie seine Figur des Gemeindedieners Mr. Bumble, die kleingeistigen Vollstrecker grausamer, ungerechter Gesetze, waren es, die erheblich zur Not der Ärmsten der Armen beitrugen.
Trotz dessen konnte Dickens nicht aus seiner Haut. So detailliert und ehrlich seine Darstellung des Abschaums der Gesellschaft ist, so ungenau und verschleiernd ist hingegen sein Bild der Mittelklasse. Oliver trifft auf mehrere Vertreter dieser Schicht; sie sind durchweg mildtätige, herzensgute Wohltäter, über deren wahre Lebensumstände die LeserInnen nur sehr wenig erfahren. Das ist nicht realistisch, ebenso wenig wie die Tatsache, dass Oliver völlig unbeeindruckt ist von den Umständen, in denen er aufwächst. Er scheint immun gegen jegliche Art von Laster und Sünde zu sein, was für die höchst konstruierte Geschichte seines Lebens jedoch unumgänglich ist, denn andernfalls wäre es dem Autor nicht möglich gewesen, den Gegensatz zu den „Bösen“ so klar herauszuarbeiten. Diese kommen bei Dickens nicht gut weg; er bestraft sie für all ihre Verbrechen (wozu auch gehört, gegen Olivers Glück gearbeitet zu haben) unheimlich hart und brutal. Die einzige Ausnahme ist der Dieb Charley Bates, der letztendlich sein Leben umkrempelt und zu einem wertvollen Gesellschaftsmitglied wird. Ich fragte mich ernstlich, warum Dickens dieser einen Figur einen Ausweg und eine Zukunft gab und glaube, es ging ihm darum, zu zeigen, dass Läuterung durchaus im Bereich des Möglichen liegt. Vielleicht glaubte Dickens daran, dass selbst der schlechteste Mensch sich noch ändern kann. Ich finde es schade, dass er Charley davon kommen ließ, meine liebste Figur jedoch ebenso gnadenlos bestrafte wie alle anderen auch: Nancy. Nancy war für mich die Schlüsselfigur des Romans, mit der ich am meisten mitfühlen konnte. Sie vereint all das, was mir in Oliver fehlte, der zwar der Protagonist der Geschichte ist, aber keinesfalls ihr Held. Nancy ist meines Erachtens nach die Heldin des Romans. Eine junge, verzweifelte, eindeutig verdorbene Prostituierte berührte mein Herz. Wer hätte das gedacht?

„Oliver Twist“ entsprach absolut nicht meinen Erwartungen. Ich hatte mit weit mehr Abenteuer gerechnet und auch mit einer anderen Form von Humor. Die Figur des Oliver enttäuschte mich, doch glücklicherweise konnte Rudolf Marx mich im Nachwort auf das aufmerksam machen, was dieses Buch außergewöhnlich und beeindruckend macht.
Wenn ihr eines Tages auch einmal zu diesem Klassiker der Literatur greifen solltet, vergesst niemals, in welcher Zeit er entstanden ist. Akzeptiert, dass Oliver kein Held ist, sondern nur die Leinwand einer Geschichte, deren privates Schicksal bei weitem nicht so wichtig ist wie ihre gesellschaftlichen Implikationen. Charles Dickens war ein bewundernswerter, mutiger Autor, der es nicht nur verdient hat, in den Literatur-Bestenlisten der Welt aufzutauchen, sondern auch, gelesen zu werden.

 
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Verfasst von - Januar 22, 2015 in Drama, Englisch, Klassiker, Rezension

 

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Antonia Michaelis – Die Worte der Weißen Königin

„Die Worte der Weißen Königin“

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Autor: Antonia Michaelis

Format: Hardcover

Seitenzahl: 272 Seiten

Verlag: Oetinger

Sprache: Deutsch

ISBN: 3789142913

Genre: Drama

ausgelesen am: 20.07.2014

Bewertung:

Die Autorin Antonia Michaelis war mir bisher immer nur als Schriftstellerin von Kinderbüchern bekannt. Als ich „Die Worte der Weißen Königin“ aus dem Regal nahm und noch einmal den Klappentext las, hatte ich auch keinen Grund, etwas anderes anzunehmen. Schließlich ist ein 10 – jähriger Junge der Protagonist. Jetzt im Nachhinein muss ich eingestehen, dass ich mich geirrt habe. Überhaupt ist die Festlegung des Genres für dieses Buch wirklich schwierig, weil es in viele Sparten der Literatur ein bisschen passt, aber in keine vollständig. Es ist alles und nichts, so viel und doch so wenig.

Vor allem ist es aber die Geschichte von Lion. Lion heißt zwar wie ein Löwe, doch schon immer wollte er lieber ein Seeadler sein. Zu Hause, in einem Dorf an der Ostsee, beobachtet er sie, seit er sie das erste Mal gesehen hat. Lion ist glücklich – bis zu dem Tag, an dem sein Vater das erste Mal vom Schwarzen König gefangen genommen wird. Der Schwarze König trinkt. Und er schlägt zu. Oft. Als Lion es nicht mehr aushält, weil der Schwarze König immer häufiger auftaucht, läuft er davon. Er möchte im Wald mit den Seeadlern leben. Doch eine Erinnerung lässt ihm keine Ruhe: die Erinnerung an die Weiße Königin, die ihm das Geschenk der Worte machte. Er glaubt, dass er bei ihr ein neues zu Hause finden kann. So macht Lion sich auf den Weg, die Weiße Königin zu finden.

Oh mein Gott, dieses Buch hat mich so tief berührt, dass ich es kaum in Worte fassen kann. Was paradox ist, denn auf einer Ebene geht es in „Die Worte der Weißen Königin“ um die Macht der Worte und der Fantasie. Diese Geschichte, Lions Geschichte, ist die zauberhafte Erzählung eines zutiefst traumatisierten Jungen, der sich so allein, verlassen und machtlos fühlt, dass er sich Seeadlern anschließt. Bei ihnen, diesen wilden Tieren, findet er den Halt und die Geborgenheit, die er zu Hause von seinem Vater bzw. dem Schwarzen König nicht erfährt. Gleichzeitig entdeckt er, welche Magie in Geschichten steckt; wie sie ihn stärken und manchmal vor der Wut des Schwarzen Königs schützen. Das ist ein so wunderbarer Gedanke, dass etwas in mir ganz weich geworden ist beim Lesen. Es hat mir fast das Herz zerrissen, als ich mit Lion gemeinsam den ersten Angriff des Schwarzen Königs erleben musste. Ich habe wirklich mit den Tränen gekämpft, allein schon, weil Antonia Michaelis es so unnachahmlich versteht, sich in diesen kleinen Jungen hineinzuversetzen und seine Ich-Perspektive bis ins kleinste Detail auszuarbeiten. Natürlich kann Lion sich nicht vorstellen, dass sein Vater zu solcher Gewalt ihm gegenüber fähig ist. Natürlich musste er den Schwarzen König erfinden, um verstehen zu können. Für einen 10 – jährigen ist das sicher absolut logisch. Er brauchte einen Weg, um mit seiner Angst und seiner Wut fertig zu werden. Und Lion ist unfassbar wütend. Doch trotz seiner Wut entscheidet er sich letztendlich immer für die Liebe, für das Gute und Positive dieser Welt. Wie konnte ich Lion da nicht in mein Herz schließen?
Seine Reise auf dem Weg zu der Weißen Königin erinnerte mich ein bisschen an „Schiffbruch mit Tiger“. Zum einen ist sie seine Suche nach seinem Platz in der Welt; zum anderen ist sie so unglaublich, dass ich mich manchmal fragte, wie viel Realität ist und wie viel Lions Fantasie entspringt. Doch letztendlich ist es eben genau wie mit Pis Reise mit Richard Parker: es spielt überhaupt keine Rolle, ob die Geschichte nun stimmt oder nicht.
Vermutlich ist es wirklich möglich, dass ein Junge einfach in den Wald verschwindet und sich dort monatelang versteckt, wenn ihm das nötige Wissen vermittelt wurde. Diesen Gedanken fand ich sehr erschütternd; man sollte doch meinen, dass unsere überwachte Gesellschaft so etwas zu verhindern weiß. Andererseits möchte man auch annehmen, dass Gewalt und Misshandlungen Kindern gegenüber nicht möglich sind – trotzdem hören wir davon in regelmäßigen Abständen in den Nachrichten. Antonia Michaelis hat dieses sensibles Thema behutsam aufgegriffen und in eine unglaubliche, herzergreifende Geschichte verwandelt.
Und am Ende… hat Lion eben doch das Herz eines Löwen, obwohl er eher ein Seeadler ist.

„Die Worte der Weißen Königin“ ist ein äußerst bewegendes Buch, in dem Fantasie und Realität sehr eng miteinander verknüpft sind. Die Grenzen verwischen, daher möchte ich es nur an LeserInnen empfehlen, die es mit diesen Grenzen nicht so genau nehmen. Ich denke, wer knallhart an der Wirklichkeit festhält, wird mit diesem Buch keine Freude haben. Doch wer daran glauben kann, dass der Unterschied manchmal gar nicht so wichtig ist, kann guten Gewissens mit Lion und den Seeadlern auf die Reise gehen.

Nachwort:
Wenn jemand von euch das Buch bereits gelesen hat, bitte meldet euch bei mir. Es gibt da etwas, worüber ich gern sprechen würde, konnte es aber nicht in die Rezension integrieren, weil es eindeutig ein Spoiler gewesen wäre. 🙂

 
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Verfasst von - August 12, 2014 in Drama, Rezension

 

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Yann Martel – Schiffbruch mit Tiger

„Schiffbruch mit Tiger“

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Originaltitel: Life of Pi

Autor: Yann Martel

Format: Taschenbuch

Seitenzahl: 384

Verlag: Fischer

Sprache: Deutsch

ISBN: 3596156653

Genre: Drama & Philosophie

ausgelesen am: 05.05.2014

Bewertung:

„Schiffbruch mit Tiger“ ist sicher vielen meiner LeserInnen bekannt, zumindest als filmische Adaption „Life of Pi: Schiffbruch mit Tiger“ von 2012. Der Film wurde hoch gelobt und bekam eine Menge Auszeichnungen und Nominierungen; unter anderem erhielt er den Oscar für die beste Regie, die beste Kamera, die besten visuellen Effekte und die beste Filmmusik. Wenn ich mich recht erinnere, war es auch diese Oscar – Verleihung, bei der ich zum ersten Mal von diesem Film hörte, denn ich schaue mir den Event jedes Jahr an (alle haben eben so ihre Leichen im Keller). Damals war ich noch nicht völlig überzeugt von der Idee der Geschichte; ich konnte mir kaum vorstellen, dass es spannend oder interessant sein könnte, einem jungen Inder dabei zuzusehen, wie er schiffbrüchig auf offener See mit einem Tiger im Rettungsboot überlebt. Ich habe mich getäuscht. Nachdem ich den Film angeschaut habe, fand ich nicht einen einzigen Superlativ, der meine Begeisterung adäquat ausgedrückt hätte. Die Entscheidung, die Roman – Vorlage von Yann Martel lesen zu wollen, traf ich dementsprechend sehr schnell.

Die Handlung von „Schiffbruch mit Tiger“ ist leicht zusammengefasst, denn eigentlich ist schon der deutsche Titel extrem aussagekräftig: es ist die Geschichte des Inders Piscine „Pi“ Molitor Patel, der sich nach einem schweren Schiffsunglück in einem Rettungsboot wiederfindet. Allein. Mit dem Tiger Richard Parker. Es ist die Geschichte seiner unfassbaren, 227 Tage andauernden Reise; seines Überlebens mitten auf dem pazifischen Ozean; wie er der rauen See, dem launischen Wetter, Durst, Hunger, Kälte und einem ausgewachsenen bengalischen Tiger trotze, nur mit seinem Glauben und seinem Lebenswillen ausgestattet.

Ich befinde mich nach der Lektüre von „Schiffbruch mit Tiger“ in der gleichen Situation, in der ich mich auch nach dem Film befand: ich suche einen passenden Superlativ und finde einfach keinen, der wirklich angemessen wäre. Dieses Buch ist bezaubernd, es ist magisch, es ist das sanfte Schwappen der Wellen auf einem Ozean. Es ist hypnotisch, es ist Liebe. Liebe für schlicht und ergreifend alles: die Welt, das Leben, den Glauben, Gott, für jedes Lebewesen und jedes Wort. Manche LeserInnen mögen meine Vergleiche und Metaphern vielleicht kitschig finden, doch ich übertreibe nicht, wenn ich bekenne, dass ich keine andere Möglichkeit sehe, über diesen Roman zu schreiben. Franz Kafka sagte einmal „Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.“; „Schiffbruch mit Tiger“ hat diese Mission in mir voll erfüllt.
Yann Martel erzählt Pis Geschichte sensibel, atemberaubend, betörend und leidenschaftlich. Dabei liefert er den LeserInnen eine sehr intime Innenansicht seines Protagonisten, seiner Gedanken – und Gefühlswelt, die der Film aus offensichtlichen Gründen nicht bieten kann. Das ganze Buch über beherrschte mich das Gefühl, gemeinsam mit Pi in dieser kleinen Nussschale von einem Boot zu sitzen, seine Verzweiflung und auch seine Freude zu teilen. Der Autor erreichte diesen Effekt meines Erachtens nach vor allem durch seinen Schreibstil; es ist diese zauberhafte Mischung aus Ruhe, wunderschönen Bildern und Metaphern und grandiosem Witz, die mich nicht mehr losließ.
„Schiffbruch mit Tiger“ ist natürlich auch ein Buch, das intensiv zum Nachdenken anregt, weshalb ich es auch in die Kategorie „Philosophie“ einordne. Da Martel seinen LeserInnen zwei verschiedene Versionen von Pis Geschichte präsentiert, kann man für sich selbst entscheiden, welche Variante man glauben möchte. Es kommt nicht darauf an, welche Geschichte wahr ist; rein der Glaube ist bestimmend. Mich erinnerte diese Herangehensweise an das Erzählte stark an mein Lieblingszitat aus dem Film „Alice im Wunderland“ von 2010: „Manchmal denke ich bereits vor dem Frühstück an sechs unmögliche Dinge.“. Etwas, das uns unmöglich oder unglaublich erscheint, kann trotzdem wahr sein. Wir selbst bestimmen die Grenzen unseres Denkens und unserer Fantasie.

Bevor ich nun noch weiter ins Schwärmen gerate, möchte ich diese Rezension mit einer von Herzen kommenden Empfehlung abschließen. Ich würde gern schreiben, dass dieses Buch für jede/n etwas ist, doch das ist leider nicht korrekt. Ich vermute, dass sehr rationale LeserInnen mit „Schiffbruch mit Tiger“ nichts anfangen können, denn es erfordert ein gewisses Vertrauen in den Glauben und die Fantasie. Man muss sich vorstellen können, dass eine 227 Tage lange Reise mit einem Tiger in einem kleinen Rettungsboot möglich ist; nicht eine Sekunde darf man an Pis Geschichte zweifeln, um sie genießen zu können. Die Schönheit dieses Romans liegt nicht in seiner Logik oder Kohärenz, sie liegt darin, dass Pis Überleben ein Wunder ist. Und Wunder muss man nicht erklären oder analysieren.

 
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Verfasst von - Mai 11, 2014 in Drama, Philosophie, Rezension

 

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Jodi Picoult – Die Macht des Zweifels

„Die Macht des Zweifels“

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Originaltitel: Perfect Match

Autor: Jodi Picoult

Format: Taschenbuch

Seitenzahl: 432

Verlag: Piper

Sprache: Deutsch

ISBN: 3492263151

Genre: Drama & Realistische Fiktion > Soziales

ausgelesen am: 05.03.2014

Bewertung: 

Es gibt Autoren, von denen man als Leser bereits im Voraus weiß, was man erwarten kann. Das kann sowohl gut als auch schlecht sein. Die positiven Fälle enden bei mir schnell damit, dass ich mir Stück für Stück alle Werke des Autors oder der Autorin zulege. Jodi Picoult ist so ein Fall. Ich begann mit ihrem 2009 verfilmten Drama „Beim Leben meiner Schwester“, das sicher viele kennen. Von diesem Buch war ich so begeistert und berührt, dass ich mir drei weitere Romane aus ihrer Feder besorgte. Ich wurde von keinem der Bücher enttäuscht.

„Die Macht des Zweifels“ war nun vorerst der letzte noch ungelesene Jodi Picoult – Roman, der in meinem Regal zu finden ist. In diesem begleitet der Leser die erfolgreiche Staatsanwältin Nina Frost, die zwar ein stressiges, aber glückliches Leben mit ihrem Mann Caleb und ihrem 5 – jährigen Sohn Nathaniel führt. Doch eines Tages verliert Nathaniel von heute auf morgen die Fähigkeit zu sprechen. Nina und Caleb klappern mit ihrem Sohn verschiedene Ärzte ab, bis sich bei einer Psychologin herausstellt, dass das Undenkbare geschehen ist: Nathaniel wurde sexuell missbraucht. Nina ist außer sich; ist sie als Staatsanwältin doch auf die Verurteilung von Sexualstraftätern spezialisiert und weiß um die (Un-)Möglichkeiten des Rechtssystems. Zwischen der Suche nach dem Täter und dem Ringen mit einem unzulänglichen System steht Nina nun nicht mehr als Vertreterin des Staates, sondern als verzweifelte Mutter, die sich die Frage stellen muss, was sie bereit ist zu tun, um ihren kleinen Sohn zu schützen.

Jodi Picoult hat die unglaubliche Fähigkeit, den Leser bereits mit dem ersten Satz in ihre Geschichten hinein zu saugen und ihn/sie nicht mehr loszulassen, bis diese zu Ende erzählt ist. Die Handlung von „Die Macht des Zweifels“ ist von der ersten Sekunde an spannend und fesselnd, weil sie so realistisch ist. Außerdem schildert Picoult die Geschehnisse mit einer beeindruckenden Autorität, so dass ich nie auch nur auf die Idee kam, die Abläufe in Frage zu stellen. Dies wird dadurch unterstützt, dass sie kontroverse Themen generell nie eindimensional betrachtet, sondern sich immer bemüht, alle Seiten ausgewogen zu beleuchten. Sie zeigt die vielen Graustufen einer Welt, die wir allzu gern leichter Hand in schwarz und weiß einteilen möchten. In meinem Fall führte das während der Lektüre von „Die Macht des Zweifels“ dazu, dass ich mich oft selbst dabei erwischte, mich zu fragen, wie ich gehandelt hätte, wäre ich in die gleiche Situation geraten wie Nina. Ich betrachtete die Handlung des Buches nie distanziert; war nie nur Zaungast, sondern fühlte mich in die Ereignisse eingebunden und konnte Verständnis für die Positionen und Meinungen aller Charaktere entwickeln. Darüber hinaus gefiel es mir (wieder einmal) sehr gut, dass Picoult wahre Freude an Perspektivwechseln zu haben scheint, die nicht nur die Charaktere betreffen, sondern auch die Herangehensweise an eine Straftat wie den sexuellen Missbrauch Minderjähriger. Der Leser erfährt sowohl wie so ein Fall von der Polizei betrachtet wird – welche Vorschriften beispielsweise einzuhalten sind – als auch die Sichtweise des Justizsystems. Doch auch bezüglich der Figuren bietet die Autorin ein breites Spektrum an Identifikationsmöglichkeiten an. Alle Frontdarsteller bekommen durch einen auktorialen Erzähler einen gleich hohen Stellenwert eingeräumt. Die Ausnahme bildet Nina, da sie der einzige Charakter ist, dessen Erlebniswelt aus der Perspektive eines Ich-Erzählers geschildert wird. Die Bindung an sie ist daher am intensivsten; der Leser ist aufgefordert, sich in sie hinein zu versetzen. Das ist problemlos möglich und geschieht fast automatisch; hier zeigt sich meines Erachtens nach Jodi Picoults größte Stärke: sie erschafft sensibel und einfühlsam so tiefe und runde Charaktere, dass ich das Gefühl hatte, sie könnten jederzeit zwischen den Seiten hervor springen. Dementsprechend sind auch die dargestellten zwischenmenschlichen Beziehungen überaus real und lebendig. Die Bindung zwischen Nina und Nathaniel konnte sogar mir, die noch nicht einmal einen Kinderwunsch entwickelt hat, die Gefühle einer verzweifelten Löwin von Mutter nahe bringen. Selbst ich konnte Ninas Entscheidungen und Handlungen nachempfinden und habe mit ihr gefühlt und gelitten.

In meinen Augen liegen Leser mit einem Roman von Jodi Picoult niemals daneben, wenn sie sich sehr realistische, vielschichtige Handlungen und Charaktere wünschen, die zum Nachdenken anregen. In ihrem Schreibstil meine ich einige Parallelen zu Joyce Carol Oates erkannt zu haben; auch in ihren Werken findet sich eine erstaunliche psychologische Tiefe, wenn auch nicht die gleiche sprachliche Eleganz und Fantasie. Ich kann „Die Macht des Zweifels“ dementsprechend nur wärmstens empfehlen; persönlich habe ich bereits direkt nach der Lektüre den nächsten Roman aus Jodi Picoults Feder auf meine Wunschliste gesetzt.

 

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Joyce Carol Oates – Blonde

„Blonde“

Blonde

Autor: Joyce Carol Oates

Format: Taschenbuch

Seitenzahl: 738

Verlag: ECCO

Sprache: Englisch

ISBN: 0061774359

Genre: Realistische Fiktion & Biografie & Drama

ausgelesen am: 16.02.2014

Bewertung:

Bereits zu Beginn des Monats erklärte ich in Neuigkeiten & schnelle Gedanken, warum ich mir Joyce Carol Oates Roman „Blonde“ zulegte: die Faszination, die das Leben von Marilyn Monroe auf mich ausübte, gepaart mit meiner allumfassenden Bewunderung für Oates‘ beeindruckenden Schreibstil. Nun habe ich die Lektüre beendet und habe in dieser nur Bestätigung für meine Entscheidung gefunden. Dieses Buch ist eines der besten, die ich je gelesen habe. Meine emotionale Bindung an Handlung und Charaktere war so groß, dass es mir schwer fällt, überhaupt eine Rezension zu verfassen, die all die komplizierten psychologischen Prozesse während des Lesens angemessen beschreibt.

„Blonde“ von Joyce Carol Oates ist keine verlässliche Biografie, das stellt die Autorin bereits im Vorwort klar. Natürlich nutzte Oates harte Fakten aus dem Leben von Norma Jeane Baker als Gerüst, hauptsächlich ist „Blonde“ jedoch eine fiktive Interpretation der Geschehnisse. Der Leser begegnet Norma Jeane 1932, im Alter von 6 Jahren und begleitet sie 30 Jahre lang, bis zu ihrem tragischen Tod am 5. August 1962. 30 Jahre, die geprägt wurden von der immerwährenden Suche nach Liebe und Anerkennung; von Selbstzweifeln, Zurückweisung und Schmerz. Oates präsentiert in dem ihr ganz eigenen Stil des psychologischen Realismus das Mädchen hinter der Fassade der blonden Sexbombe Marilyn Monroe. Hierfür vereint sie ausgewogen zahllose Perspektivwechsel; primär agiert für den Leser ein auktorialer Erzähler, es kommen jedoch auch Zeitgenossen, Freunde und Liebschaften zu Wort. Nur in den seltensten Fällen übernimmt Norma Jeane selbst das Erzählen; ab und zu erfolgen kurze, äußerst persönliche Einwürfe ihrerseits, die eine sehr intime Situation vermitteln. So entsteht über den Großteil des Buches eine unfassbar starke Bindung an die Protagonistin, der Identifikationsgrad ist angesichts des Verlaufs ihres Lebens fast schon schmerzhaft hoch. Gegen Ende verliert sich diese enge Beziehung, was meines Erachtens nach von Oates durchaus beabsichtigt war. Je mehr Norma Jeanes Distanz zu sich selbst und zu ihrem Leben inklusive der Figur Marilyn Monroe wächst, desto mehr entfernt sie sich vom Leser und der Leser automatisch auch von ihr. Von einer nach Liebe suchenden Perfektionistin entwickelt sie sich zu einem verlorenen, anstrengenden Schatten ihres ursprünglichen Ichs, der beinahe paranoide Angst davor hat, ausgelacht und abgewiesen zu werden. Begünstigst wird diese Entwicklung sicherlich durch ihren extrem widersprüchlichen Charakter. Selten habe ich einen Protagonisten erlebt, der so innerlich zerrissen und unausgeglichen war. Es sticht hervor, dass ihre Verletzlichkeit dabei immer wieder im Fokus steht; eine Eigenschaft, die in der Regel von den Männern in Norma Jeanes Leben genannt wird. Hier zeigt sich, wie die junge Schauspielerin von der männerdominierten Welt Hollywoods gesehen wurde: als naives Fohlen, das entweder beschützt oder kinderleicht missbraucht und ausgenutzt werden konnte. Ich hatte den Eindruck, dass Norma Jeane mit dieser Sichtweise niemals zurechtkam; sie verstand nicht, wieso sie nie oder nur sehr selten für ihre Persönlichkeit und ihre Fähigkeiten geschätzt wurde. Ihre Gier nach Anerkennung hinderte sie allerdings daran, sich zu wehren. Demzufolge wurde sie von Männern erschaffen und verbraucht, die sie nie davon überzeugen konnte, dass sie weit mehr war als nur ein Sexobjekt oder eine Geldmaschine. Aus feministischer Sicht ist „Blonde“ daher die Geschichte einer Frau, die versuchte, sich in der Welt der Männer zu behaupten, aber nicht gegen die bestehenden Vorurteile ankam und deswegen unterging. Die stereotype Rolle der Marilyn Monroe wurde Norma Jeane aufgezwungen; ihr Leben lang verband sie mit dieser eine ausgeprägte Hass-Liebe. Sie hasste das Image der dummen aber kurvenreichen Blondine, die niemals ernst genommen wurde; doch sie liebte die Aufmerksamkeit, die Anerkennung und die Möglichkeiten, denn Marilyn bekam so gut wie immer das, worum sie bat. Leider war Norma Jeane nie in der Lage, das Potential dieser Rolle zu erkennen. In meinen Augen hätte Marilyn als ihr Panzer fungieren können, der ihr ein gewisses Maß an Privatsphäre sowie den Schutz ihrer Identität und ihrer wahren Persönlichkeit hätte bieten können.

Zusammenfassend kann ich von mir behaupten, dass sich mein Blick auf Marilyn Monroe durch das Buch grundlegend geändert hat. Vor allem habe ich begriffen, dass Marilyn Monroe eine Illusion war; eine Kunstfigur, die getrennt von der echten Norma Jeane Baker zu betrachten ist. Mir war bereits vor dem Lesen bewusst, dass Norma Jeanes Leben eine Tragödie war; ich war jedoch nicht darauf vorbereitet, dass mir Oates‘ biografische Interpretation so ans Herz gehen würde. Ihre Verwendung von wundervollen Metaphern und Gleichnissen verdeutlichte mir, was für eine getriebene, zutiefst traurige Frau die Ikone Monroe neben all ihrem Witz und Charme eigentlich war. Die Autorin geht so umfassend, tiefgründig und verständnisvoll auf die Psyche Norma Jeanes ein, dass es mir an einigen Stellen buchstäblich die Tränen in die Augen trieb. Ich wünschte, sie hätte gerettet werden können. Ich wünschte, sie hätte eines Tages den sicheren Hafen erreicht, den sie verdient hatte. Ich wünschte, ich hätte die Worte, um „Blonde“ so zu beschreiben, wie der Roman es eigentlich verdient.

Ich ziehe meinen Hut vor Joyce Carol Oates und Norma Jeane Baker. Lest dieses Buch, wenn ihr kein Herz aus Stein habt.

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Tennessee Williams – Endstation Sehnsucht

„Endstation Sehnsucht“

Originaltitel: A Streetcar Named Desire

Autor: Tennessee Williams

Ersterscheinung: 1947

Format: Taschenbuch

Seitenzahl: 150

Verlag: Fischer

Sprache: Deutsch

ISBN: 3596271207

Genre: Klassiker > Amerikanisch > Drama > Schauspiel

ausgelesen am: 22.12.2013

Bewertung:

Inhalt

„Endstation Sehnsucht“ erzählt die tragische Geschichte der ehemaligen Lehrerin Blanche DuBois, einer alternden Südstaaten-Schönheit, die durch das verschwenderische Leben ihrer Familie all ihren Besitz verliert, einschließlich der Plantage Belle Rêve. Mittellos und verzweifelt sucht sie Unterschlupf bei ihrer jüngeren Schwester Stella in New Orleans. Diese hat sich vor Jahren entschieden, das sinkende Schiff zu verlassen und ihr Glück in der Großstadt zu finden. Dort traf sie auf Stanley Kowalski, einen ehemaligen Soldaten des Zweiten Weltkriegs mit polnischer Herkunft, den sie heiratete.

Als Blanche bei ihrer Schwester eintrifft, ist sie entsetzt über die Umstände, in denen Stella lebt. Nichts deutet mehr auf ihre aristokratische Herkunft hin, Stella und Stanley hausen in einem ärmlichen Viertel in einer winzigen Wohnung mit gerade mal zwei Zimmern. Darüber hinaus kann sie sich nicht mit Stanley anfreunden, der ihrer Meinung nach primitiv und animalisch ist. Diese Abneigung beruht jedoch auf Gegenseitigkeit, Stan fühlt sich durch Blanches vornehmes, aber auch leicht gekünsteltes Verhalten permanent provoziert. Stella hingegen sitzt durch die Unstimmigkeiten zwischen ihrem Ehemann und ihrer Schwester zwischen den Stühlen. Sie versucht zu vermitteln, scheitert allerdings, da sie Stans aggressiver Art unterlegen ist und sich in einem Abhängigkeitsverhältnis zu ihm befindet, das durch Sexualität und Gewalt geprägt ist.

Stan ist überaus bemüht, den Eindringling in seinem Heim wieder loszuwerden. Er erkundigt sich über Blanches Leben in ihrer Heimatstadt und findet heraus, dass Blanche ein moralisch eher verwerfliches Leben führte: wechselnde Männerbekanntschaften, die am Ende in die sexuelle Beziehung zu einem ihrer (minderjährigen) Schüler gipfelten. Dieser Vorfall kostete sie ihre Anstellung als Lehrerin.

Blanche verfolgt in New Orleans vor allem das Ziel, sich selbst noch zu retten, indem sie einen Mann heiratet, der ihr Schutz und Sicherheit bieten kann. Sie bändelt mit Stans Freund Harold „Mitch“ Mitchell an, der zwar eigentlich weit unter ihren normalen Ansprüchen steht, für Blanche jedoch den letzten Ausweg aus ihrer Misere darstellt.

Die sich entwickelnde Beziehung zwischen Mitch und Blanche erfährt einen herben Rückschlag, als Stan die Informationen, die er über Blanches Vergangenheit gesammelt hat, an Mitch weitergibt. Mitch kann nicht verstehen, wieso Blanche ihn die ganze Zeit über immer auf Abstand hielt, während sie früher ein freizügiges Leben führte. Betrunken versucht er eines Abends, Blanche zu sexuellen Handlungen zu überreden; die Situation eskaliert und Blanche wirft ihn aus dem Haus.

Erneut emotional angeschlagen zieht sich Blanche in eine Fantasiewelt zurück, die auf brutale Weise erneut mit der harten Realität in Person von Stan konfrontiert wird. Allein mit ihm in der Wohnung vergewaltigt er die Schwester seiner Ehefrau, während Stella im Krankenhaus ist und das gemeinsame Baby zur Welt bringt.

Dieser Vorfall zerstört Blanche endgültig: da ihr niemand glaubt, nicht einmal Stella, wird sie in eine psychiatrische Anstalt eingewiesen.

Rezension

Das Stück „Endstation Sehnsucht“ spielt Ende der 1940er Jahre, es wurde 1947 uraufgeführt. Es thematisiert den Untergang der Südstaaten-Aristokratie und deren Ablösung durch das „neue“ Amerika, personifiziert durch die Figur des Stanley Kowalski.

Ich habe lange über das Stück nachgedacht und habe versucht, dessen Bedeutung für die amerikanische Gesellschaft und Geschichte zu erfassen.

Meiner Meinung nach hat Tennessee Williams den Zeitgeist brillant erfasst und eine wirklich beeindruckende Gesellschaftskritik geschrieben.

Man merkt von Beginn an, was für eine detaillierte und umfangreiche Vorstellung Williams von seinem Stück hatte, dies wird deutlich durch sehr exakte Bühnenanweisungen. Der Leser erhält bereits vor den Dialogen eine recht genaue Vorstellung von den Figuren und den Situationen, in denen sie sich befinden.

Die Figuren selbst sind nachvollziehbare Akteure, durch die beschriebenen Charakterzüge kann sich der Leser wunderbar erklären, wie es dazu kam, dass sie sich in den dargestellten Umständen befinden.

Die zwischenmenschlichen Beziehungen sind natürlich geprägt von Konflikten und Oppositionen. Blanche und Stanley verkörpern deutliche Gegensätze, während Stella und Mitch zwischen den beiden gefangen und hin und her gerissen sind.

Im Mittelpunkt steht hierbei eindeutig Blanche, das Stück wird durch das Mitleid, das man für sie empfindet, getragen. Dieses ist jedoch nicht uneingeschränkt, eine volle Identifikation wird durch ihre Affektiertheit und Irrationalität verhindert. Man erkennt, dass Blanche durchaus auch Fehler hat und zum Teil selbst zu ihrem Unglück beigetragen hat. Trotzdem sind die Angriffe von Seiten Stans so brutal, gemein und egoistisch, dass man als Leser kaum anders kann, als Bedauern für sie zu empfinden. Blanche ist eine zutiefst tragische Figur, dieser Eindruck wird noch verstärkt, weil sie nicht mal von ihrer eigenen Schwester Hilfe erwarten kann.

Stella selbst war in meinen Augen der schwächste Charakter, allerdings nicht im Sinne ihrer Konstruktion durch Williams. Sie ist als schwache Frau dargestellt, die sich nicht gegen ihren gewalttätigen Ehemann auflehnen kann. Sie ist in einer durchaus leidenschaftlichen Beziehung mit Stanley gefangen, die ihr nicht gut tut. Ich bin überzeugt, dass Stella dies auch erkannt hat, doch sie ist nicht in der Lage, Konsequenzen daraus zu ziehen. Ich würde sogar so weit gehen, zu resümieren, dass sie Stanley und seiner Aggressivität komplett verfallen ist. Sie belügt sich selbst hinsichtlich seiner Natur und ist deswegen auch nicht gewillt, Blanche bezüglich der Vergewaltigungsvorwürfe zu glauben. Ihr Schicksal als hörige und abhängige Ehefrau scheint durch die Geburt von Stans Kind besiegelt.

So gesehen sind Blanches und Stellas Schicksal nicht so verschieden, wie es an der Oberfläche erscheint. Blanche wurde durch die Ereignisse in ihrer Heimat und in New Orleans gebrochen und vollständig zerstört. Stella ist ebenfalls eine gebrochene Frau, allerdings ist dieser Umstand bei ihr weniger offensichtlich. Durch die Beziehung zu ihrem Ehemann ist sie gezwungen, die Realität zu verleugnen und die Bande zu ihrer Schwester, die einst vermutlich sehr eng waren, aufzulösen. Auf die Spitze getrieben wird dies natürlich durch Blanches Einlieferung in eine psychiatrische Anstalt; Williams deutet an, dass dieser Umstand auf Stellas Initiative zurückgeht. Dementsprechend kann man schlussfolgern, dass Blanches Einlieferung eine erzwungene symbolische Abkehr von einem wichtigen Teil von Stellas Persönlichkeit darstellt – ihrer Vergangenheit. Stellas Zukunft gehört nun völlig ihrem brutalen Ehemann Stan. Sie kann keinerlei Rettung mehr erwarten, da niemand mehr übrig ist, der die Fatalität dieser Beziehung erkennen könnte, denn all ihre Bekanntschaften und Freundinnen befinden sich in einer ähnlich prekären Lage, ohne es erfassen zu können.

So fügt sich Stella in ihr Schicksal und opfert ihre Schwester für eine zerstörerische Verbindung.

Stanley geht aus dem Stück als Sieger hervor: seine Dominanz wurde gefestigt, er konnte die Bedrohung seiner Lebensumstände erfolgreich beseitigen.

Die Tatsache, dass Blanche Stellas personifizierte Vergangenheit symbolisiert, erklärt den Umstand, dass Stan die Schwester seiner Frau so umfassend ablehnt. Blanche führt ihm vor Augen, wie unterschiedlich er und Stella eigentlich sind. Er erkennt, dass er im Grunde nicht gut genug für eine junge Frau mit aristokratischen Wurzeln ist; dass er ihr nichts bieten kann und fürchtet sich vor der Möglichkeit, dass auch Stella dies realisiert.

Zu Beginn des Stücks unterhalten sich Stella und Stan darüber, dass alles Geld, das Blanche mit dem Verkauf von Belle Rêve möglicherweise erwirtschaftet hat, automatisch auch ihm zusteht, da sie verheiratet sind. Im Nachhinein wirkte das auf mich, als wollte Stan durch diese Äußerung verdeutlichen, dass Stella keinerlei Chance hat, sich von ihm zu lösen. Dahinter scheint die Angst zu stehen, dass Stella mit genügend finanziellem Rückhalt ihre Sachen packen und ihn verlassen könnte. Obwohl sie auf mich nie den Eindruck machte, als spiele sie mit diesem Gedanken, unterdrückt Stan bereits präventiv jegliche mögliche Anwandlung in diese Richtung.

Unterdrückung ist darüber hinaus eines der Stichworte, die Stan am besten beschreiben. Er führt seine Beziehung und seinen Haushalt mit strenger Hand und stellt dadurch patriarchalische Zustände her. Weder erkennt er Stellas Selbstbestimmtheit an, noch erlaubt er ihr, sich zu entwickeln. Er hält sie klein, zwingt sie in ein Abhängigkeitsverhältnis und erstickt jegliche Emanzipation ihrerseits bereits im Keim. Dazu gehört zum Beispiel, dass sie ihn um Geld bitten muss, wenn sie etwas unternehmen möchte und kein eigenes besitzt und auch, dass er Rechnungen gern selbst bezahlt. Er lässt sie keinerlei Verantwortung übernehmen und hält sie aus den organisatorischen Prozessen des Lebens heraus. Die Motivation dahinter scheint zu sein, dass Stella auf diese Weise im Fall einer Trennung nicht allein überlebensfähig wäre, was sie daran hindert, diese überhaupt in Betracht zu ziehen.

Stanley ist der Gefängniswärter der Zelle, in die sich Stella selbst begeben hat. Er ist derjenige, der Stella daran hindert, sich aus ihrem selbstgewählten Schicksal zu befreien.

Zusammenfassend gefiel mir das Stück sehr gut. Es ist eine Tragödie menschlicher Charaktere, die durch unterschiedliche Ereignisse und Entscheidungen in verschiedene aussichtslose Lebensumstände getrieben wurden.

Es half mir, einen bestimmten Aspekt der amerikanischen Gesellschaft besser zu verstehen: den Unterschied zwischen Süd- und Nordstaaten und die daraus entstehenden Konflikte.

Für die damalige Zeit hat Tennessee Williams sowohl die Gesellschaft als Ganzes wie auch das Thema Sexualität und Gewalt innerhalb von Beziehungen mutig thematisiert und kritisiert.

Trotzdem kann ich für „Endstation Sehnsucht“ nur drei Sterne vergeben, weil mich als Deutsche die Relevanz des Stücks weniger berührt als vermutlich ein/e Amerikaner/in. Außerdem sind für das Verständnis dieses Schauspiels gewisse historische Vorkenntnisse erforderlich. Ein Leser, der von eben diesem Unterschied zwischen den nördlichen und den südlichen Staaten der USA noch nie gehört oder gelesen hat; der die geschichtlichen Ereignisse (Stichwort Bürgerkrieg) nicht kennt, kann vermutlich nicht nachvollziehen, warum es für Blanche so schwer ist, sich in ihre neue Umgebung zu integrieren und auch ihre Verzweiflung nicht verstehen.

Es ist kein Stück, das man außerhalb des Kontextes lesen kann.

Wer sich jedoch für amerikanische Geschichte interessiert und wie diese sich in der Kunst allgemein und der Literatur im Speziellen widerspiegelt, dem kann ich dieses Stück nur ans Herz legen. Wie bereits beschrieben, es ist eine brillante Gesellschaftskritik, die den Zeitgeist der späten 1940er Jahre hervorragend erfasst.

 

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