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Mark Lawrence – The Wheel of Osheim

12 Okt

Mark Lawrence ist ein Autor, der sich aktiv in der Lesecommunity engagiert und den konstruktiven Austausch schätzt. Aber es gibt eine wiederkehrende Frage, die ihn aus der Fassung bringt: Warum er Fantasy statt Science-Fiction schreibt, obwohl er doch Wissenschaftler ist. Bereits 2012 veranlasste sie ihn, einen äußerst unterhaltsamen Blogpost zu verfassen, in dem er vermutet, dass diese Frage im Kern durch die Annahme motiviert ist, dass Fantasy (Magie) und Wissenschaft (Technologie) nicht kompatibel sind. Ähnlich wie Lawrence kann ich das nicht nachvollziehen. Meiner Ansicht nach schließt das eine das andere nicht aus. Wie dicht Magie und Technologie beieinander liegen können, ohne sich zu widersprechen, beweist „The Wheel of Osheim“, das Finale von Lawrences Trilogie „The Red Queen’s War“.

Sobald seine Füße den heißen Sand berühren, weiß Jalan Kendeth, dass Hel ihn am falschen Ort ausgespuckt hat. Typisch, dass er mitten in einer menschenleeren Wüste landet, wenn er ausnahmsweise etwas Bedeutendes zu sagen hat. In der Hölle erfuhr Jal, wie er die Pläne des Toten Königs vereiteln kann. Er muss so schnell wie möglich nach Vermillion zurückkehren, um seine Familie zu warnen und die Rote Königin, seine Großmutter, davon abzuhalten, in einen aussichtslosen Krieg zu ziehen. Jedes weitere Todesopfer schwächt den Schleier zwischen dem Reich der Lebenden und dem Reich der Verdammten. Das Rad von Osheim dreht sich stetig schneller und reißt immer tiefere Löcher in die Realität. Solange Snorri in Hel seiner Familie nachjagt, ist Jal der Einzige, der die drohende Katastrophe verhindern kann. Er hat zwar keine Ahnung, wie das passieren konnte, aber verflixt, es geht schließlich auch um seine hübsche Haut! Sich aus misslichen Lagen zu befreien, ist Jals Spezialität – kann er sein einzigartiges Talent nutzen, um die gesamte Menschheit zu retten?

Ein letztes Mal leiht Mark Lawrence Prinz Jalan Kendeth seine Stimme und konfrontiert ihn mit einem Abenteuer, das den liebeswürdigen Taugenichts vom Anfang der „The Red Queen’s War“-Trilogie endgültig in einen waschechten Helden verwandelt. „The Wheel of Osheim“ ist eine richtig schöne Überraschungskiste, die lauter aufregende, unerwartete Wendungen bereithält. Die Handlung schließt nicht direkt an „The Liar’s Key“ an, sondern beginnt, als Jalan aus der Hölle in die Welt der Lebenden zurückkehrt. Zuerst erfahren wir daher nicht, was in Hel vorgefallen ist und warum Jal allein – ohne Snorri – mitten in einer Wüste auftaucht. Seiner bewährten Strategie folgend klärt Mark Lawrence diese Fragen im weiteren Verlauf durch Rückblenden auf und lässt Jal seine Erinnerungen schildern. Der finale Band konzentriert sich demzufolge mehr als je zuvor auf den Prinzen und positioniert ihn im Scheinwerferlicht, wodurch seine Transformation in den Mittelpunkt der Erzählung rückt. Obwohl ich der Dynamik zwischen Jal und Snorri ein wenig hinterhertrauerte und die „Bromance“ vermisste, die „The Red Queen’s War“ bisher entscheidend prägte, halte ich diese Entscheidung für einen Segen. Die Trennung war notwendig, damit Jal die Chance erhalten konnte, die Kontrolle über die Ereignisse zurückzuerobern und sich zu emanzipieren. Bisher wurde sein Weg fast ausnahmslos von Snorris Wünschen, Bedürfnissen und Zielen bestimmt, die ihn oft unter Druck setzten. In „The Wheel of Osheim“ kann er endlich beweisen, dass er Snorri nicht braucht, um sich mutig und heldenhaft zu verhalten – und wie er es beweist! Wenn es darauf ankommt, erweist sich sein moralischer Kompass als intakt und erlaubt ihm, in einem Maße über sich hinauszuwachsen, das nicht mal ich ihm zugetraut hätte. Ich war so stolz auf ihn, ich wäre fast geplatzt. Aber auch Snorri brauchte die Distanz zu Jalan, um sich seinem Schicksal zu stellen. Ich bin sein größter Fan, doch Jal fordert permanent Aufmerksamkeit ein. An seiner Seite hätte Snorri niemals den notwendigen Fokus aufbringen können, um Frieden zu finden. Die Trennung der Protagonisten bereitet sie auf den abschließenden Showdown vor und macht diesen überhaupt erst möglich. Die letzten Kapitel von „The Wheel of Osheim“ werden diejenigen, die Magie und Technologie für inkompatibel halten, wahrscheinlich stark irritieren. Aus Jals Perspektive sind die beiden Aspekte nicht zu unterscheiden, was leider dazu führte, dass ich den Höhepunkt der Trilogie nicht zuverlässig visualisieren konnte. Jal beschreibt exakt, was er sieht, ohne es zu verstehen. Dadurch fehlte mir der Kontext, um das Geschehen einzuordnen. Interessanterweise wusste ich dennoch, wie er sich verhalten wird. Nach den vielen Überraschungen in „The Wheel of Osheim“ fand ich diese Berechenbarkeit schade, auch wenn ich Mark Lawrence dafür applaudiere, dass er ein so genaues Bild von Jals Charakter in meinem Kopf entstehen ließ, dass ich korrekt vorhersagen konnte, was er tun wird. Deshalb schrammte „The Wheel of Osheim“ am Ende knapp an einer Höchstwertung mit fünf Sternen vorbei.

Die Trilogie „The Red Queen’s War“ ist ein großer Spaß für Fantasy-Fans, die ungewöhnliche Held_innen mögen. Vom ersten Band an überzeugt der Protagonist Jalan Kendeth mit Witz, Charme und einer Ausstrahlung, die wirklich Abwechslung in das Genre bringt. Mark Lawrence porträtiert ihn als Persönlichkeit, die nicht als Held geboren wurde und daher über immenses Entwicklungspotenzial verfügt. Ständig provoziert er Jal, piekst und stupst ihn, bis er im Finale „The Wheel of Osheim“ jede Illusion bezüglich seiner selbst ablegen muss und sich endlich als der Mann entpuppt, der er schon immer sein konnte. Ich habe die Lektüre aller drei Bände sehr genossen – jede Kritik qualifiziert sich als Jammern auf hohem Niveau. Die fließenden Grenzen zwischen Magie und Technologie bereiteten mir keinerlei Probleme. Im Gegenteil, ich feiere Lawrence für sein innovatives Worldbuilding und kann es kaum erwarten, eine weitere Kostprobe in seiner nächsten Trilogie „Book of the Ancestor“ zu erhalten.

 
 

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