RSS

Montagsfrage: Was ist in der Literatur tabu?

27 Sep

Hallo ihr Lieben! 🙂

Deutschland hat gewählt. Wisst ihr, obwohl der Prozess des Wählens eigentlich ziemlich unspektakulär abläuft, empfinde ich immer noch Ehrfurcht, nachdem ich meine Kreuze gesetzt habe. Es bereitet mir einfach eine Gänsehaut, dass ich das Recht habe, zu wählen, während Millionen anderen Menschen (und besonders Frauen) auf der Welt dieses Recht nicht zugestanden wird. Deshalb kam die Briefwahl für mich auch dieses Jahr trotz Corona überhaupt nicht in Frage. Bin ich in Berlin am Wahlsonntag, ist der Gang ins Wahllokal der erste Tagesordnungspunkt. Das kann natürlich jede_r halten, wie er_sie will, aber um die Demokratie als das großartige System ehren zu können, das ist sie im Prinzip ist, brauche ich dieses Ritual. Ich finde das weder lästig noch unbequem, sondern freue mich regelrecht darauf. Ich übe mein Wahlrecht mit Überzeugung und Leidenschaft aus und das könnte ich nicht gebührend feiern, wenn ich still für mich allein zu Hause die Briefwahlunterlagen ausfüllen würde. Wie empfindet ihr das? Habt ihr – sofern ihr (bereits) wahlberechtigt seid – dieses Jahr die Briefwahl dem Gang ins Wahllokal vorgezogen? Und wenn ja, lag das an Corona oder findet ihr es einfach bequemer?

Über die Wahlergebnisse möchte ich mich heute nicht ausufernd äußern, darüber werden wir in der nächsten Zeit wohl noch mehr als genug hören und lesen. Nur so viel: Ich bin enttäuscht, dass das deutsche Volk die Gelegenheit zum Wandel nicht so offen willkommen heißt, wie ich es mir gewünscht hätte.

Die Montagsfrage von Antonia von Lauter&Leise fällt heute eigentlich krankheitsbedingt aus. Durch meine Sommerpause gibt es aber noch einige Fragen, die ich bisher nicht beantwortet habe. Davon habe ich mir eine herausgesucht:

Tabuthemen in der Literatur?

Antonia hat bei der Formulierung dieser Frage weise auf das Verb verzichtet und gibt uns so den größtmöglichen Spielraum, sie zu interpretieren. Gibt es literarische Tabuthemen? Sollte es literarische Tabuthemen geben? Muss es literarische Tabuthemen vielleicht sogar geben?

Im Prinzip glaube ich, es gibt kein Thema, über das nicht geschrieben werden darf. Egal wie unangenehm, egal wie grenzwertig, egal wie brutal, egal wie strafbar – jedes Thema ist eine Facette unserer Spezies und unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens. Es ist wichtig, dass wir die gesamte Bandbreite menschlicher Verhaltensweisen und Gefühle reflektieren, um uns selbst besser zu verstehen. Literatur kann dabei helfen. Aber.

Natürlich gibt es ein Aber und noch dazu ein fettes, das auch Antonia bereits ausgeführt hat: Es ist entscheidend, wie über diese Themen geschrieben wird. Niemand würde akzeptieren, dass ein_e Autor_in den Zweiten Weltkrieg glorifizierend beschreibt. Niemand würde ein Buch feiern, das für weibliche Beschneidung argumentiert. Niemand möchte ein Buch lesen, das Gewalt an Kindern verharmlost. Meiner Ansicht nach dürfen nicht Themen tabuisiert werden, sondern bestimmte Herangehensweisen an diese Themen.

Da es sich anbietet, möchte ich hier als Beispiel meine Meinung über Vergewaltigung als literarisches Thema ausführen. Vor Jahren habe ich einen Blogbeitrag des Autors Robert Jackson Bennet gelesen, in dem er darlegt, warum Vergewaltigungen in der Literatur äußerst problematisch sind. Er hat mir die Augen geöffnet. In vielen Geschichten, darunter „A Song of Ice and Fire“ von George R. R. Martin, werden Vergewaltigungsszenen eingesetzt, um entweder Aussagen über das Worldbuilding oder über den_die Täter_in zu treffen bzw. sie zu untermauern. Das ist falsch. Warum ist es falsch? Weil ein komplexes und sensibles Thema wie Vergewaltigung niemals dazu missbraucht werden sollte, den Leser_innen unter die Nase zu reiben, wie grauenhaft diese Welt oder diese Figur ist. Sich auf diese beiden Aspekte zu beschränken, klammert sowohl die gesellschaftlichen Strukturen aus, die eine Vergewaltigung überhaupt möglich machen, als auch die Erlebenswelt des_der Betroffenen. Plant der_die Schriftsteller_in nicht, diese Facetten zu beleuchten, verharmlost er_sie dieses Verbrechen.

Ohne eine differenzierte Auseinandersetzung mit diesem Thema ist die Involvierung einer Vergewaltigungsszene in den allermeisten Fällen komplett unnötig und trägt nur dazu bei, Vergewaltigungsmythen zu festigen. Leser_innen verstehen auch ohne die Beschreibung sexualisierter Gewalt, dass eine Welt gesetzlos ist. Sie können auch ohne eine solche Darstellung begreifen, was der_die Täter_in für eine Person ist. Es ist nicht richtig, einen so tiefgreifenden Übergriff, dem dermaßen komplizierte Dynamiken vorausgehen, beiläufig in die Handlung einfließen zu lassen, als wäre unter diesen Umständen einfach zu erwarten, dass sich Menschen (oder auch Nicht-Menschen) so verhalten. Dadurch wird, wie es Bennet sehr treffend formuliert, ein neuer Standard etabliert, der die sogenannte Rape Culture fördert, weil Leser_innen dazu gebracht werden, Vergewaltigung nicht als komplexe Eskalation zu begreifen, sondern als vorhersehbare Entwicklung, die genutzt werden kann, um einen Punkt, der bereits offensichtlich ist, erneut zu unterstreichen.

Das heißt nicht, dass niemand über Vergewaltigungen schreiben darf. Es heißt nur, wer sich entscheidet, eine Vergewaltigung als Teil der Handlung zu intergrieren, sollte mit extrem viel Fingerspitzengefühl vorgehen und sich darüber im Klaren sein, wie facettenreich dieses Thema ist. Es geht um Sensibilität – einerseits für gesellschaftliche Strukturen, andererseits für die Betroffenen. Die Herangehensweise ist entscheidend.

Wie steht ihr zu Tabuthemen in der Literatur?

Ich freue mich wie immer sehr auf eure Beiträge und Kommentare und wünsche euch allen einen optimistischen Start in die neue Woche!
Alles Liebe,
Elli ❤️

 
 

Schlagwörter: , , , , , , , , , , ,

9 Antworten zu “Montagsfrage: Was ist in der Literatur tabu?

  1. nomadenseele

    27. September 2021 at 8:57 am

    Meint jetzt jder diesen unlesbaren Gendermist mitmachen zu müssen? Und tschüss, ich lese dich nicht mehr.

    Gefällt mir

     
  2. Tala T.

    27. September 2021 at 10:14 am

    Hallo! Schön, dass du auch ohne Montagsfrage eine der Fragen aufgreifst. Hat mich richtig ins Nachdenken gebracht. Das gilt eigentlich auch für andere Dinge als Vergewaltigungen. Wie oft verwendet Literatur Stereotype, um eine Charaktereigenschaft noch zu unterstreichen? Dabei sollten wir uns bemühen, jede Art von Stereotypen immer wieder zu hinterfragen!
    LG, Tala

    Gefällt 2 Personen

     
    • wortmagieblog

      27. September 2021 at 7:15 pm

      Hey Tala,

      freut mich, dass ich einen Denkanstoß geben konnte. 🙂
      Selbstverständlich. Alle gesellschaftlichen Phänomene, denen strukturelle Ungleichgewichte zugrundeliegen, sollten niemals leichtfertig in eine Romanhandlung integriert werden. Bin da ganz deiner Meinung.

      Liebe Grüße,
      Elli

      Gefällt mir

       
  3. Fraggle

    27. September 2021 at 11:11 am

    Zunächst mal möchte ich deine beiden Eingangsabsätze gerne ausdrucken, zigtausendfach kopieren und dann bundesweit unter Wahlplakate kleben. Für gestern käme das tragischerweise zu spät.

    Was das danach Folgende angeht, so kann ich auch nur bestätigend nicken. Der Autor Vincent Kliesch bekommt von mir heue noch den Preis für die unnötigste und undifferenzierteste Einfügung einer Vergewaltigung in seinem Buch „Auris“. Zwar wird selbige erzählerisch gar nicht explizit dargestellt, sondern nur der Sachverhalt als solcher erwähnt, nur spielt sie eben inhaltlich danach auch keine Rolle mehr, weswegen niemandem etwas fehlen würde, wenn man darauf verzichtet hätte.

    Gefällt 1 Person

     
    • wortmagieblog

      27. September 2021 at 7:09 pm

      Huhu 🙂

      Ja, manchmal glaube ich auch, würden mehr Leute ihr Wahlrecht feiern, sähen Wahlbeteiligung und Ergebnisse anders aus.

      Ein hervorragendes Beispiel und eine Warnung, das Buch nie zu lesen, danke dafür!

      Gefällt 1 Person

       
  4. Aequitas et Veritas

    27. September 2021 at 6:56 pm

    Ich habe auch auf Briefwahl verzichtet und bin ins Wahlbüro gegangen. Das ist doch immer etwas Besonderes. Und für mich ein Muss. Ja, es gibt keine Partei, bei der ich mit allem glücklich bin, aber jeder bzw. jede von uns hat seine/ihre Herzensthemen …

    Gefällt 1 Person

     
    • wortmagieblog

      27. September 2021 at 7:17 pm

      Das ist wahr, letztendlich ist Demokratie eben systematische Kompromissfähigkeit.

      Gefällt mir

       
      • Aequitas et Veritas

        27. September 2021 at 7:45 pm

        Yupp, allerdings. Und ich bin auch froh, dass es bei uns mehrere unterschiedliche Parteien gibt. Wenn ich in die Vereinigten Staaten blicke, wo es im Grunde nur zwei relevante Parteien gibt … 🤔

        Gefällt 1 Person

         
      • wortmagieblog

        27. September 2021 at 7:46 pm

        Witzig, genau das Thema hatte ich heute schon mit meinem Chef und wir sind genau zum selben Schluss gekommen. 😉

        Gefällt mir

         

Kommentieren (Mit der Nutzung dieser Funktion erklärst du dich mit der Speicherung und Verarbeitung deiner angegebenen Daten durch diese Webseite bzw. WordPress und Gravatar einverstanden. Details hierzu sowie generell zur Verarbeitung deiner Daten und Widerrufsmöglichkeiten finden sich in der Datenschutzerklärung.)

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

 
%d Bloggern gefällt das: