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Robert V. S. Redick – The Rats and the Ruling Sea

13 Apr

Angesichts dessen, dass Robert V. S. Redick der Autor des vierbändigen Seefahrtabenteuers „The Chathrand Voyage“ ist, könnte man vermuten, er sei in der Nähe des Meeres aufgewachsen. Tatsächlich wuchs er jedoch mitten Iowa auf, so weit entfernt vom Ozean wie nur möglich. Redick glaubt, seine Faszination mit der See ist genau darauf begründet: Durch die große Entfernung erhielt sie für ihn eine magische, mystische Ausstrahlung. Diese spezielle Beziehung ließ er offenbar in sein High Fantasy – Epos einfließen, das er im zweiten Band „The Rats and the Ruling Sea“ fortsetzt.

Ihr Hochzeitstag sollte für eine junge Frau der glücklichste ihres Lebens sein. Für Tasha Isiq ist dieser Tag ein Opfer. Ihre Ehe mit einem mzithrinischen Prinzen soll den lang erhofften Frieden zwischen ihrer Heimat Arqual und dem ehemals verfeindeten Mzithrin besiegeln. Leider ist die Hochzeit nicht mehr als eine Täuschung, ein perfides Manöver des arqualischen Königs, um den alten Gegner endgültig in die Knie zu zwingen. Als Tasha und ihre Verbündeten den kaltblütigen Plan des Königs an Bord der ehrwürdigen IMS Chathrand aufdeckten, waren sie entsetzt. Sie waren bereit, die Wahrheit zu offenbaren – jedoch nicht um jeden Preis. Tasha geriet in die Gewalt des finsteren Magiers Arunis, der droht, sie zu töten, sollten sie plaudern. Pazel, Neeps und Hercól befinden sich in einer aussichtslosen Lage. Reden sie, wird Arunis Tasha ermorden. Reden sie nicht, werden die Mzithrin Tasha hinrichten, sobald der Verrat des arqualischen Königs ans Licht kommt. Können sie die Hochzeit vereiteln, ohne Tashas Leben zu riskieren und die IMS Chathrand daran hindern, Kurs auf die unkartierten Gewässer der Ruling Sea zu nehmen und in einen Krieg zu segeln, der ganz Alifros erschüttern könnte?

Robert V. S. Redick schrieb 2013 in einem Blogbeitrag, dass großartige Geschichtenerzähler_innen Entdecker_innen sind, keine Architekt_innen. Diese Aussage lässt mich schmunzeln, denn in der Tetralogie „The Chathrand Voyage“ betätigt sich Redick äußerst erfolgreich als literarischer Architekt. Sein Worldbuilding von Alifros ist makellos. Ich erlebe selten High Fantasy – Welten, die so originell, kreativ, exotisch und bis ins letzte Detail durchdacht sind. Im zweiten Band „The Rats and the Ruling Sea“ nimmt Redick sowohl eine Erweiterung als auch eine Vertiefung des Settings vor. Beide Aspekte gelangen ihm eindrucksvoll, wodurch ich das Gefühl hatte, in intensiveren Kontakt mit der Welt zu treten. Besonders faszinierte mich das Phänomen der erweckten Tiere, das Redick durch die Ratte Felthrup intelligent und nachvollziehbar untersucht. Diese Idee ist wahnsinnig spannend, denn natürlich muss man sich die Frage stellen, was ein erwachtes Bewusstsein für ein Tier – wie zum Beispiel eine Ratte – impliziert. Die meisten Tiere, die dieses Schicksal ereilt, erleiden einen psychischen Zusammenbruch, was meiner Einschätzung nach vollkommen realistisch ist, weil ihr geistiger Horizont sie als Außenseiter_innen brandmarkt und brutal mit ihrer Lebenssituation kollidiert. Redick illustriert diese Diskrepanz sehr geschickt und deutet darüber hinaus an, dass das immer häufiger auftretende Erwachen ein Symptom des Wandels ist, der Alifros bevorsteht. Dieser Wandel ist in „The Rats and the Ruling Sea“ bereits eingeleitet und wirkte auf mich unaufhaltsam, unabhängig von den Bemühungen der Figuren. Zu viele Zahnräder wurden durch die Schachzüge verschiedener Interessengruppen in Gang gesetzt, um diese Entwicklung jetzt noch zu stoppen. Die Gestaltung ihrer Pläne zeichnet Redick ebenfalls als strategisch begabten Architekten aus. Die Intrigen, Verschwörungen und Manipulationen, die in den ersten beiden Bänden der Reihe offenbart und vorbereitet werden, sind brillant angelegt und zeugen von einem lückenlosen Verständnis der Bedingungen in Alifros. Doch leider konnten weder das Worldbuilding noch das souveräne Design dieser Handlungsbausteine die Lektüre für mich retten. Die Situation, die sich aus diesen Elementen ergibt, geriet einfach zu kompliziert. Es sind zu viele sich überlappende Interessen; ich habe in „The Rats and the Ruling Sea“ mindestens sechs Komplotte lokalisiert, die sich ergänzen, widersprechen, gegenseitig ausnutzen und insgesamt ein schwer durchschaubares Dickicht bilden, durch das Redick nicht mit der dafür notwendigen Autorität führt. Er bietet zu wenig Bezugspunkte und verschweigt zu viel zu lange, wodurch als schockierend gedachte Enthüllungen nicht mehr ihren vorgesehenen Effekt erzielen, weil ich den Weg dorthin nicht begleiten durfte. Deshalb empfand ich „The Rats and the Ruling Sea“ als zäh, schwerfällig und hatte Schwierigkeiten, allen Handlungsebenen die nötige Aufmerksamkeit und Bedeutung beizumessen. Das Lesen fühlte sich nicht wie ein Vergnügen, sondern wie Arbeit an.

Ich bedauere zutiefst, dass mich „The Rats and the Ruling Sea“ nicht abholen konnte. Bereits die Lektüre des ersten Bandes „The Red Wolf Conspiracy“ fesselte mich nicht; die Lektüre des zweiten Bandes entpuppte sich als unangenehm anstrengend. Darum werde ich die Reihe abbrechen: Sie ist den Aufwand nicht wert. Ich bin überzeugt, Robert V. S. Redick weiß genau, wohin er mit „The Chathrand Voyage“ möchte und ich habe nicht den Eindruck, dass er sich verzettelt. Das dichte Verschwörungsnetz, das er beschreibt, ist eine direkte Folge seines mustergültigen Worldbuildings. Unter den Voraussetzungen, die er für Alifros formulierte, mussten diese Intrigen zwangsläufig zustande kommen. Es wäre seine Aufgabe als Autor gewesen, mich sicher durch die Fallstricke seiner Geschichte zu leiten, statt jedes Geheimnis so lange vor mir zu verbergen, bis ich es nicht mehr würdigen konnte. Er ist nicht gut darin, mit den Elementen seiner Handlung konsequent und natürlich Spannung zu erzeugen. Vieles wirkt allzu inszeniert. Am Ende beweist sich Redick eben doch eher als Architekt denn als Entdecker.

 
6 Kommentare

Verfasst von - 13. April 2021 in Fantasy, High Fantasy, Rezension

 

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6 Antworten zu “Robert V. S. Redick – The Rats and the Ruling Sea

  1. Horus

    19. April 2021 at 6:05 pm

    Die Schwierigkeiten, die du bei Reddick beschreibst, sind genau die Fallstricke, die auf einen Pantser, also einen Nichtarchitekten lauern. Eine Geschichte kann zu sehr auswuchern und Aspekte können eine so große Eigendynamik entwickeln, dass der innere Rhythmus nicht mehr stimmt.

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    • wortmagieblog

      19. April 2021 at 6:13 pm

      Das glaube ich dir sofort, ich muss aber sagen, dass Redick auf mich nicht den Eindruck eines Pantsers macht. Vielleicht ist er eine bizarre Mischung aus beidem: Architekt für Worldbuilding und die zentralen Handlungselemente, Pantser für alles dazwischen.

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      • Horus

        19. April 2021 at 6:18 pm

        Ein Pantsitect! 😀

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      • wortmagieblog

        19. April 2021 at 6:20 pm

        Ein herrlicher Neologismus! 😀

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      • Horus

        19. April 2021 at 6:32 pm

        Aber das ist gar nicht so ungewöhnlich; so macht es eigentlich die Mehrheit der Autoren, die ich kenne. Der Schwerpunkt und wie tief das Planen geht variieren.

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      • wortmagieblog

        19. April 2021 at 6:46 pm

        Das stimmt, das ist auch das, was ich in den meisten Autor_innen-Interviews lese, aber in diesem Fall ist die Mischung irgendwie merkwürdig geraten. 😉

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