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Ruth Emmie Lang – Beasts of Extraordinary Circumstance

06 Apr

Liest man häufig Interviews mit Autor_innen, stellt man fest, dass viele ähnliche Strategien nutzen, um Hürden in ihrem Schreibprozess zu überwinden. Die in Schottland geborene Schriftstellerin Ruth Emmie Lang berichtet hingegen von einer Technik, über die ich noch nie gestolpert bin. Hat sie Schwierigkeiten, die Stimme einer Figur zu finden, castet sie diese Figur in ihrer Fantasie. Sie stellt sich vor, welche Schauspieler_innen die Rolle übernehmen könnten und liest ihr Manuskript mit ihren Stimmen, visualisiert ihre Mimik und Gestik. Ihnen ein Gesicht zu geben, hilft ihr, ihren Charakteren Leben einzuhauchen. Je lebendiger diese mit Fortschreiten der Geschichte werden, desto seltener muss sie auf diese Krücke zurückgreifen. Dieses interessante Vorgehen unterstützte Lang dabei, ihren Debütroman „Beasts of Extraordinary Circumstance“ fertigzustellen, den ich als Rezensionsexemplar von Netgalley erhielt.

Als Weylyn und Mary einander das erste Mal begegneten, waren sie noch Kinder. Sie war das Mädchen, das ihm Kuchen brachte; er war der Junge, der im Wald unter Wölfen lebte. Gemeinsam erlebten sie ein Abenteuer, das in einer Tragödie endete. Mary wurde ihrem Vater zurückgebracht; Weylyn wurde den Behörden übergeben. Er traf viele Menschen, wurde Teil vieler Familien. Doch immer wieder ereigneten sich um ihn herum seltsame Naturphänomene, die nicht zu erklären waren. Tiere verhielten sich merkwürdig, Tornados und Flutwellen schienen seinem Willen zu gehorchen. So sehr er geliebt wurde, stets musste Weylyn weiterziehen und die Leben, die er berührte, hinter sich lassen. Erst, als er Mary wiedersieht, wünscht er sich, selbst berührt zu werden. Nur sind seine scheinbaren Kräfte unberechenbar und bisweilen gefährlich. Kann er riskieren, mit Mary zusammen zu sein – oder wird er ein einsamer Reisender bleiben?

„Beasts of Extraordinary Circumstance“ ist ein Buch, das sich kaum zusammenfassen lässt. Ich habe tagelang über der Inhaltsangabe für diese Rezension gebrütet und konnte dennoch keine Version entwerfen, die den Kern des Romans wirklich trifft. Warum habe ich mich so schwergetan?
Wenn wir Fiktion lesen, sind wir es gewohnt, zu kategorisieren, was das Zeug hält: Wir ordnen die Geschichte einem Genre zu, teilen die Figuren in Haupt- und Nebenrollen ein und vergeben Prioritäten für Erzählstränge. „Beasts of Extraordinary Circumstance“ weigert sich, sich diese Kategorisierungen gefallen zu lassen. Jeder meiner Versuche, bestimmte Aspekte dieses Buches mental in Schubladen zu sortieren, endete mit der Erkenntnis, dass mein Schubladensystem nur die halbe Wahrheit erfassen konnte. Irgendwann musste ich mich zwingen, loszulassen, weil meine Frustration darüber, dass ich nicht fähig war, eindeutige Aussagen treffen zu können, meine Leseerfahrung zu überschatten drohte. Das hat „Beasts of Extraordinary Circumstance“ nicht verdient, denn ich fand die Lektüre zauberhaft und dieser positive Eindruck hängt entscheidend damit zusammen, dass dieser Roman eben nicht in Schubladen passt. Offiziell schildert Ruth Emmie Lang die außergewöhnliche Biografie ihres Protagonisten Weylyn; dabei tritt Weylyn aber selten als Protagonist auf und was ihn außergewöhnlich macht, sind auch nicht seine rätselhaften Kräfte. Das Besondere an Weylyn ist der subtile, sanfte Einfluss, den er auf jedes Leben ausübt, das er betritt. Er geht nie, ohne etwas Bedeutsames zu hinterlassen und alle, die er trifft, erhalten durch seine Anwesenheit etwas, das sie sich sehnlich wünschten. Um diesen Effekt zu verdeutlichen, schildert die Autorin sein Schicksal indirekt durch die Augen derjenigen, die ihm begegnen. „Beasts of Extraordinary Circumstance“ ist eine episodische Abfolge wechselnder Ich-Erzählungen, in denen Weylyn stets eine wichtige, jedoch nie die Hauptrolle einnimmt. Diese Herangehensweise erlaubte es Ruth Emmie Lang, ihm eine beinahe magische Aura zu verleihen, als sei er nicht von dieser Welt, ein Phänomen wie ein Regenbogen. Trotzdem wirkt er nicht substanzlos, sondern fest in der Realität verankert, was meiner Meinung nach daran liegt, dass Weylyn selbst eine recht tragische Persönlichkeit ist. Obwohl er sehr bemüht ist, Gutes zu tun, ist ihm klar, dass seine spezielle Verbindung mit der Natur die Menschen in seinem Umfeld in Gefahr bringt. Darum traut er sich nicht, sich je völlig auf die Beziehungen, die er aufbaut, einzulassen und daraus resultiert leider auch meine Kritik an diesem sonst sehr stimmigen Roman. Nachdem Weylyn seine große Liebe Mary wiedertrifft, fällt er eine Entscheidung, die zu großen Lücken in seinem Lebenslauf führt. Ruth Emmie Lang übersprang mehrere Jahre, was mich enttäuschte, weil ich das Gefühl hatte, dass es sich dabei um eine Notlösung handelte, als hätte sie einfach nicht mehr genug Platz, um weitere Anekdoten zu involvieren. Hätte sie den letzten Abschnitt von „Beasts“ anders umgesetzt, hätte ich mit Freuden zusätzliche Sterne vergeben.

„Beasts of Extraordinary Circumstance“ ist ein Buch wie ein Sonnenuntergang am Ende des Sommers: Farbenprächtig und warm, gefasst und würdevoll, ein wenig magisch und getragen von einer leicht melancholischen Ausstrahlung, die mir sehr zu Herzen ging. Es ist definitiv einer der besseren Debütromane, in dem die Autorin Ruth Emmie Lang beweist, dass sie über das bemerkenswerte Talent verfügt, eine Geschichte auf genau die Weise zu erzählen, die notwendig ist, um ihre maximale Wirkung zu entfalten. An ihrem Gespür für Taktung muss sie hingegen noch arbeiten; ich habe aber kaum Zweifel daran, dass es ihr gelingen wird, dieses Fingerspitzengefühl zu entwickeln. Derzeit schreibt sie ihr zweites Buch „The Wilderwomen“, das hoffentlich dieselbe bezaubernde Ausstrahlung aufweisen wird wie „Beasts of Extraordinary Circumstance“ und wahrscheinlich irgendwann in meinem Regal landet. Uns steht eine lange, fruchtbare Lesebeziehung bevor.

Vielen Dank an Netgalley und den Verlag St. Martin’s Press für die Bereitstellung dieses Rezensionsexemplars im Austausch für eine ehrliche Rezension!

 

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