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Bryan Bliss – No Parking at the End Times

02 Feb

„No Parking at the End Times” ist der Debütroman des US-amerikanischen Autors Bryan Bliss. Die Idee dazu kam dem studierten Theologen, als ihn vermehrt Berichte erreichten, dass Familien all ihr Hab und Gut verkauften, um Harold Campings Vorhersage der Apokalypse zu unterstützen. Harold Camping war ein populärer Radio-Prediger in den USA, der 2005 das Ende der Welt anhand obskurer Bibel-Berechnungen für den 21. Mai 2011 vorhersagte. Später räumte er seinen offenkundigen Fehler ein und sah von weiteren Vorhersagen ab. Bryan Bliss schrieb „No Parking at the End Times“ jedoch nicht, um die verklärten Ansichten Campings zu kritisieren. Er schrieb es, weil ihn ein Gedanke nicht mehr losließ: Was geschieht mit Kids, deren Eltern an den Weltuntergang glauben?

Wie hat all das angefangen? Diese Frage stellt sich Abigail in letzter Zeit oft. Sie grübelt darüber, wenn sie morgens im kalten, vollgestopften Van ihrer Familie erwacht, sich in öffentlichen Waschräumen die Zähne putzt und im Austausch für eine warme Mahlzeit in Kirchen Geschirr spült. Wie lernte ihr Vater Bruder John kennen? Wann wurde der Glaube ihrer Eltern an seine Vorhersage der Apokalypse so stark, dass sie bereit waren, all ihren Besitz sowie ihr Haus zu verkaufen und mit Abigail und ihrem Zwillingsbruder Aaron quer durchs Land nach San Francisco zu fahren? Natürlich kam die Apokalypse nicht. Bruder John sprach nie darüber, was passieren würde, wenn nichts passierte. Er sprach auch nie davon, dass sie in ihrem Auto leben würden. Abigails Familie droht zu zerbrechen. Die Fehler ihrer Eltern wiegen schwer und Abigail und Aaron sind nicht sicher, ob sie ihnen vergeben können. Wird der Glaube an das Ende der Welt das Ende ihrer Familie sein?

Ich bin nicht religiös. Genauer, ich bin nicht christlich. Ich schätze, man kann mich als Atheistin bezeichnen: Ich glaube weder an einen Gott noch an mehrere Gottheiten, lehne die Möglichkeit der Existenz einer höheren Macht jedoch nicht grundsätzlich ab. Intellektuell begreife ich, warum Menschen glauben. Intellektuell verstehe ich sogar, wieso sich einige Gläubige einem Weltuntergangskult anschließen, wie Bryan Bliss es in „No Parking at the End Times“ beschreibt. Dennoch hinterließ das Buch bei mir ein Gefühl tiefer Irritation, denn emotional kann ich es eben nicht nachvollziehen. Mir fehlt buchstäblich die Fähigkeit, mich in ein Elternpaar hineinzuversetzen, das aus Verzweiflung beschließt, das Ende der Welt willkommen zu heißen und billigt, dass ihre Kinder laut ihrer Glaubenswelt keine Zukunft haben. Da hört es bei mir wirklich auf. Es machte mich wütend, dass Abigails und Aarons Eltern nicht für sie kämpfen und sie nicht beschützen. Ihre dysfunktionale Eltern-Kind-Beziehung, die Bliss eindringlich und realistisch durch die Augen seiner Ich-Erzählerin Abigail porträtiert, ist der Fokus von „No Parking at the End Times“. Abigail weiß auf einer fundamentalen Ebene ihres Ichs, dass ihre Eltern in ihren Rollen versagen und das Vertrauen ihrer Kinder missbrauchten, indem sie sich auf Bruder Johns Gemeinde einließen, der übrigens tatsächlich an seine Vorhersage glaubt. Sie ist erschüttert, nicht nur aufgrund des Verhaltens ihrer Eltern, sondern auch in ihrem eigenen Glauben. Leider ist ihre Gefühlswelt die einzige, in die Leser_innen einen Einblick erhalten. Ich hätte gern erfahren, was das Ausbleiben der Apokalypse mit allen Familienmitgliedern macht, was es im Einzelnen für sie bedeutet. Durch die Beschränkung auf Abigail fiel es mir schwer, ihre Dynamiken zu durchschauen. Besonders Abigails Verhältnis zu Aaron blieb mir ein Rätsel. Es schien, als nähme sie eine Nähe und Verbundenheit wahr, die er überhaupt nicht empfindet. Aus ihrer Glaubenskrise heraus und wohl auch, um ihm zu imponieren, beginnt sie, zu rebellieren und kommt mit Jugendlichen in Kontakt, die in San Francisco auf der Straße leben. Es gefiel mir, dass Bliss dieses schwierige Thema in „No Parking at the End Times“ integrierte, ich fand allerdings, dass er dabei zu oberflächlich vorging. Er deutet die schrecklichen Bedingungen, die Straßenkinder aushalten müssen, lediglich an und vermittelt nicht, wie gefährlich dieses Leben ist. Die Teenager wirken meiner Ansicht nach zu sehr wie fröhliche Ausreißer_innen, die ein großes Abenteuer bestreiten. Das widerspricht der Realität und nimmt dem Roman ein wenig seiner Glaubwürdigkeit, die unglücklicherweise ohnehin unter der Wendung leidet, die zum Ende von „No Parking at the End Times“ führt. Sie wirkte inszeniert und künstlich, eine Hauruck-Aktion, die einen schnellen, positiv gefärbten Schluss ermöglichte, der meiner Meinung nach nicht zur restlichen Handlung passt.

Ich denke, dass Bryan Bliss sich bei der Konzeption von „No Parking at the End Times“ mehr aufbürdete, als er bewältigen konnte. Die Ebene des Buches, die sich mit der gestörten Beziehung zwischen Abigail und Aaron auf der einen Seite und ihren Eltern auf der anderen Seite beschäftigt, gelang ihm hervorragend und ich fand die Ernsthaftigkeit, mit der er den irrationalen Glauben der Anhänger_innen von Bruder John behandelt, sehr beeindruckend. Gerade weil er einen kirchlichen Hintergrund hat, spricht es von Feingefühl, dass er sie nicht als blasphemische Spinner verunglimpft, sondern ihre Beweggründe wertungsfrei einbezieht. Dieses Feingefühl zeigt er leider nicht bei seiner Darstellung von Straßenkindern. Es war, als wäre ihm plötzlich klar geworden, wie komplex die Thematik ist und habe sich lieber darauf beschränkt, an der Oberfläche zu kratzen. Ähnlich empfand ich die optimistische Note am Ende von „No Parking at the End Times“. Da war seine Sehnsucht nach einer heilen Welt wohl zu groß. Trotzdem behalte ich „No Parking at the End Times“ in guter Erinnerung, denn die zugrundeliegende Frage, was ein Weltuntergangskult Kindern antut, beantwortet der Autor einwandfrei. Eltern haben die Verpflichtung, ihre Kinder zu schützen – auch vor ihren eigenen Fehlern.

 

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