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Laini Taylor – Muse of Nightmares

26 Jan

Die Dilogie „Strange the Dreamer“ von Laini Taylor war ursprünglich als Einzelband vorgesehen. Acht Monate, nachdem sie mit dem Schreiben begonnen hatte, konnte sie die kleine Stimme in ihrem Kopf, die ihr zuflüsterte, dass die Geschichte zu groß war und in einen 1.000-Seiten-Wälzer auszuarten drohte, jedoch nicht mehr ignorieren. Glücklicherweise waren sowohl ihre Agentin als auch ihr Verlag einverstanden, das Projekt zu splitten. Als Einzelband wäre es vielleicht unter dem Titel des zweiten Bandes „Muse of Nightmares“ erschienen – die Idee einer Muse der Albträume war vor über 20 Jahren nämlich der erste Lebensfunke dieser zauberhaften Geschichte.

Sarai erkannte vor langer Zeit, dass der prächtige Palast hoch über Weep, in dem sie mit ihren Geschwistern lebt, ein goldener Käfig ist. Ihr Gefängnis zu verlassen, schien unmöglich. Erst als ihr Lazlo Strange begegnete, schöpfte sie Hoffnung. In seinen Träumen verliebten sie sich und kosteten von der Freiheit, nach der sich Sarai so lange sehnte. Wenig später, im Chaos der furchtbaren Tragödie, die den Palast der Mesarthim und ganz Weep erschütterte, offenbarte sich Lazlo als der Lichtblick, an den sie und ihre Geschwister nicht mehr zu glauben wagten. Er könnte ihre Familie befreien. Nur Minya weigert sich, Weep den Rücken zu kehren. Zerfressen von Hass lechzt sie nach Rache und wird nicht ruhen, bis jeder Mann, jede Frau und jedes Kind der Stadt für das Unrecht bezahlt, das sie ihr und ihresgleichen antaten. Will Sarai die Fesseln der Vergangenheit ablegen, muss sie die Person, der sie ihr Leben verdankt, verraten. Sie muss Minya an den Ort locken, an dem sie eine Göttin ist: In das Reich der Träume. Doch Minyas Erinnerungen sind dunkel und schmerzhaft und nicht einmal die Muse der Albträume weiß, ob sie ertragen kann, was sie in ihrem Geist sehen wird …

Vor einigen Jahren habe ich die Theorie aufgestellt, dass jede wirklich gute High Fantasy – Geschichte über ein bestimmtes Alleinstellungsmerkmal verfügt, das sie von allen anderen Vertretern abhebt. Quasi dieses eine besondere Etwas, durch das sie einen Funken besser und einzigartiger ist als andere. Laini Taylor kann ebenfalls so ein Etwas vorweisen, weshalb es nicht überraschen sollte, dass „Muse of Nightmares“ von mir – wie schon „Strange the Dreamer“ – fünf Sterne erhält. Abgesehen von ihrem formvollendeten Schreibstil, der ihr unnachahmliches Talent, komplexe Wahrheiten in inspirierender Schlichtheit auszusprechen, wunderbar zur Geltung bringt, ist es das Zusammenspiel der Charaktere, das die beiden Bände der Dilogie meiner Ansicht nach auszeichnet. Taylor hat eine Art, Perspektiven und Dynamiken zu porträtieren, die entwaffnend wirkt. Perspektivwechsel nutzt sie nicht, um dieselbe Situation aus verschiedenen, strategisch platzierten Kamerawinkeln zu zeigen oder parallele Erlebenswelten abzubilden. Sie setzt sie ein, um die Verflechtung von Lebensgeschichten nachzuverfolgen. „Strange the Dreamer“ fokussiert Lazlo, „Muse of Nightmares“ konzentriert sich auf Sarai, aber Taylor vermittelt subtil, dass ihre Geschichten zahlreiche weitere Geschichten streifen. Einige stupsen sie lediglich an, an anderen stoßen sie sich konfrontativ, doch nie wirken sie isoliert oder signifikanter als andere. Wie die Fäden eines kunstvoll gewebten, farbenfrohes Stoffes existieren sie unabhängig in stetiger direkter oder indirekter Berührung. Diese Herangehensweise ist so wunderschön, dass es mir voller Ehrfurcht den Atem verschlägt. Wir sind nie allein, selbst, wenn es sich manchmal so anfühlen mag. Oft erkennen wir einfach nicht, wann unsere Geschichten die Geschichten von anderen beeinflussen. Durch diese Philosophie kommt „Muse of Nightmares“ ohne aktive Feindbilder aus, denn niemand ist in der eigenen Geschichte der Schurke oder die Schurkin. Nicht einmal Minya, die Lazlo und Sarai mit ihrer Weigerung, ihre Rachegelüste loszulassen, Steine in den Weg legt, verdient es, als „böse“ bezeichnet zu werden. Minya reagiert auf Konflikte auf die einzige Weise, die sie kennt, die ihr Sicherheit verspricht. Sie ist das Produkt emotionaler wie ideologischer Glaubenssätze, die sie aufgrund ihrer Erfahrungen herausbildete. Sie ist das personifizierte Trauma und ein Symbol dafür, wie schwer es ist, gerechtfertigten Hass zu überwinden. All ihre Handlungen wirken nachvollziehbar, sobald Taylor erläutert, wieso sie seit 15 Jahren nicht altert. Im zweiten Band der Dilogie offenbart die Autorin viele der Hintergründe und Ursachen der Situation in Weep und initiiert damit eine sich ständig verschiebende Rollenverteilung, die dank ihrer äußerst lebendigen, fließenden Charakterisierungen sogar Nebenfiguren zusätzliche Tiefe verleiht. In „Muse of Nightmares“ ist jede Figur wichtig, denn jede Figur hat eine Geschichte. Wie Lazlo am Ende des Buches so treffend bemerkt: In jedem und jeder von uns wohnt eine ganze Welt.

Ich liebe die Dilogie „Strange the Dreamer“ als Ganzes und ich liebe die Bände einzeln aus ganz unterschiedlichen Gründen. „Strange the Dreamer“ verehre ich für die fantasievolle Schönheit, die Laini Taylor auf jeder Seite heraufbeschwört. „Muse of Nightmares“ vergöttere ich hingegen für die hundert kleinen und großen Geschichten, die zusammen so authentisch und optimistisch die Essenz des Lebens reflektieren. Taylor erklärte einmal, dass die Stärke der Fantasy ihrer Meinung nach darin besteht, dass sie uns daran glauben lässt, dass Mut, Opferbereitschaft und Liebe jede noch so unbezwingbar wirkende Hürde meistern können. Für „Muse of Nightmares“ stimmt das unbestreitbar. Wenn Lazlo und Sarai alle Widerstände überwinden können, wenn sie es schaffen, sich allen Gefahren und Schwierigkeiten zu stellen, kann ich auch die Banalitäten meines Alltags bewältigen. „Strange the Dreamer“ ließ mich Hoffnung schöpfen. Deshalb war es eine unbezahlbare Leseerfahrung, die ich fest in meinem Herzen einschließe und niemals mehr hergebe.

 

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