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Anne McCaffrey – Dragonflight

22 Dez

Anne McCaffrey war eine Vorreiterin weiblicher Fantasy und Science-Fiction. Als erste Frau überhaupt gewann sie 1968 den prestigeträchtigen Hugo Award für ihre Kurzgeschichte „Weyr Search“. Nur ein Jahr später konnte sie den ebenso populären Nebula Award für die Kurzgeschichte „Dragonrider“ daneben stellen. Die beiden Geschichten, die jeweils auf dem fernen Planeten Pern spielen, begründeten jedoch nicht nur ihr Ansehen innerhalb ihres Berufsstandes, sie waren auch der Ausgangspunkt ihres weltweiten Erfolgs. 1968 kombinierte McCaffrey „Weyr Search“, „Dragonrider“ und eine weitere Geschichte namens „Crack Dust, Black Dust“ zu dem Roman „Dragonflight“, dem ersten Band der Reihe „The Dragonriders of Pern“, die heute 25 vollwertige Romane und zwei Kurzgeschichtensammlungen umfasst (Stand: 2018). Sie war eine Pionierin des Genres – „Dragonflight“ in meine Bibliothek aufzunehmen, war für mich daher völlig selbstverständlich.

Einst waren die Drachenreiter_innen auf dem menschlich kolonisierten Planeten Pern hoch angesehen. Sie wurden verehrt und respektiert, denn sie sind die einzigen, die die Fäden abwehren können – tödliche, verheerende Sporen, die etwa alle 200 Jahre vom Nachbarplaneten auf Pern niedergehen. Doch der letzte Fadenfall liegt lange zurück und die Menschen vergaßen, dass sie den Schutz der Drachenreiter_innen brauchen. Jetzt sind die meisten Weyr-Festungen verlassen. Der nächste Fall naht und sie sind zu wenige, um ganz Pern zu verteidigen. All ihre Hoffnungen ruhen auf einer jungen Frau. Als der Drachenreiter F’lar das gewaltige Potential entdeckt, das in Lessa schlummert, begreift er, dass sie das Schicksal ihrer Heimat entscheiden könnte. Er überzeugt sie, am Ritual der Prägung teilzunehmen, in dem Drachen ihre Gefährt_innen auswählen. Sobald Lessa in die Facettenaugen der frisch geschlüpften goldenen Drachenkönigin Ramoth blickt, ist es um sie geschehen. Niemand wird sie jemals trennen können. Gemeinsam werden sie die Fesseln von Zeit und Raum hinter sich lassen und das Unmögliche versuchen: die Rettung Perns.

„Dragonflight“ ist ein markantes Beispiel dafür, dass die Grenzen zwischen Fantasy und Science-Fiction fließend sein können und die Unterscheidung eigentlich gar nicht wichtig ist. Ich ordne „Dragonflight“ intuitiv der High Fantasy zu, obwohl der erste Band der „Dragonriders of Pern“ ebenso Merkmale der Science-Fiction enthält und sich Anne McCaffrey Zeit ihres Lebens als Science-Fiction-Autorin sah. Als sie sich Pern vor mittlerweile über 50 Jahren ausdachte, schwebte ihr eine Welt vor, die magisch erscheint, weil die Technologie, die ihre Realität prägt, weit über dem Verständnishorizont der Figuren liegt. Zum Zeitpunkt der Handlung in „Dragonflight“ ist die Besiedlung des Planeten sehr, sehr lange her. Alles Wissen, das die frühen Kolonisten von der Erde mitbrachten, geriet über die Jahrhunderte in Vergessenheit, wodurch Pern in ein annähernd mittelalterliches Gesellschaftssystem zurückfiel. Lessa und ihre Zeitgenoss_innen begreifen kaum noch, dass die Drachen von ihren Vorfahr_innen als gezielte genetische Mutationen geschaffen wurden, über welche Fähigkeiten sie verfügen oder dass die Fadenfälle bestimmten Gesetzmäßigkeiten folgen. Diese Informationen müssen sie sich mühsam erneut aneignen. Ich fand es sehr erfreulich, wie aktiv die Rolle ist, die Lessa dabei einnimmt. Sie war mir nicht immer sympathisch, aber ich schätze sie als selbstbestimmte sowie selbstbewusste Protagonistin, die angesichts des Entstehungszeitpunkts von „Dragonflight“ bemerkenswert emanzipiert ist. Dennoch ist ihr männlicher Gegenpart F’lar ihr subtil überlegen; es sind vor allem seine Entscheidungen, Pläne und Visionen, die den Verlauf der Handlung lenken, während Lessa eher als durchsetzungsstarke, ausführende Hand agiert. Es erstaunte mich, dass sich dieser latente Sexismus nicht auch auf ihre Drachen erstreckt. Lessas Gefährtin Ramoth ist in jeder Hinsicht Herrscherin über ihre Spezies und den Weyr. McCaffreys Darstellung der Drachen entspricht ziemlich genau meiner Idealvorstellung dieser Fabelwesen. Abgesehen von den Facettenaugen, mit denen ich mich nicht anfreunden konnte, sagten sie mir als intelligente, bewusste Lebensform, die zu tiefen emotionalen Bindungen fähig ist, sehr zu. Es gefiel mir, wie gewissenhaft die Autorin ihre Persönlichkeiten ausschattierte und wie deutlich sie sie von ihren menschlichen Figuren abgrenzte, indem sie ihnen spezifische Bedürfnisse und Prioritäten zuschrieb. Leider konnte ich nicht herausfinden, ob McCaffrey die Erste war, die Drachen nicht als Monster oder Bösewichte inszenierte. Falls ja, ist „Dragonflight“ revolutionär und es lässt sich kaum abschätzen, wie einflussreich dieses Buch für Fantasy und Science-Fiction war.

„Dragonflight“ ist ein altes Buch, egal, welchem Genre man es nun zuordnet. Habt ihr Interesse daran, es zu lesen, solltet ihr das unbedingt im Hinterkopf behalten und eure Erwartungen entsprechend anpassen. Ich fand Anne McCaffreys Erzählstil nicht sehr anschaulich und recht dialoglastig, wodurch ich hin und wieder Visualisierungsschwierigkeiten hatte und mir der erste Band der „Dragonriders of Pern“ nicht so spannend erschien, wie er hätte sein können. Wäre das Buch 40 Jahre später geschrieben worden, wäre das wahrscheinlich kein Problem gewesen, da Fantasy und Science-Fiction heute tendenziell actionzentrierter ausfallen. McCaffreys Effizienz bewundere ich dennoch, denn es gelang ihr, trotz der recht komplizierten Vorgeschichte Perns auf nicht einmal 300 Seiten ein klar erkennbares Regelwerk für ihr gesamtes Worldbuilding aufzustellen, das leicht nachzuvollziehen ist und auf mich vollkommen logisch wirkte. Sie war unbestreitbar eine talentierte, kreative und technisch versierte Schriftstellerin. Mich überzeugte „Dragonflight“ davon, „The Dragonriders of Pern“ weiterzuverfolgen.

 

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