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Mark Lawrence – The Liar’s Key

08 Dez

Mark Lawrence plante nicht, Schriftsteller zu werden. Nach Abschlüssen in Physik und Mathematik war er über 25 Jahre Forschungswissenschaftler in Großbritannien und den USA. Seinen ersten Roman „Prince of Thorns“ schrieb er aus einer Laune heraus und war äußerst überrascht, als seine halbherzigen Anfragen bei Agenturen 2011 zu einem Buchvertrag führten. Dennoch behielt er seinen regulären Beruf, bis das Forschungszentrum, bei dem er angestellt war, 2015 geschlossen wurde. Da er sich seit ihrer Geburt parallel um seine behinderte Tochter kümmert, gestaltete sich die Jobsuche schwierig. Im April 2015 entschied er daher, sich künftig ganz der Schriftstellerei zu widmen. Zwei Monate später erschien „The Liar’s Key“, der zweite Band seiner „Red Queen’s War“-Trilogie und ist somit das erste Buch, das er als Vollzeitautor veröffentlichte.

Prinz Jalan Kendeth hat die Nase gestrichen voll vom hohen Norden. Sicher, verschanzt in einer gemütlichen Schenke mit weiblicher Gesellschaft und hochprozentigen Getränken kann man es einige Monate aushalten, aber irgendwann wird das Ganze doch etwas eintönig. Jalan sehnt sich nach der Wärme seiner Heimat und den Annehmlichkeiten, die ein Platz in der Thronfolge mit sich bringt. Leider heißt seine einzige Möglichkeit, nach Süden zu reisen, Snorri ver Snagason und der ist komplett verrückt geworden. Nachdem er erfuhr, dass seine Familie ermordet wurde, ist er besessen von dem Gedanken, sie aus der Hölle zurückzubringen. Mit Lokis Schlüssel könnte es ihm tatsächlich gelingen, die Tür zum Jenseits zu öffnen – falls er sie findet. Widerwillig schließt sich Jalan Snorris Suche an und schwört, sich bei der ersten Gelegenheit abzusetzen. Doch der Tote König plant noch immer, das Zersplitterte Reich mithilfe des Schlüssels zu unterwerfen und Jalan muss einsehen, dass ihm nichts anderes übrigbleibt, als Verantwortung zu übernehmen – vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben.

Anfangs war ich ein bisschen enttäuscht von „The Liar’s Key“. Der zweite Band von „The Red Queen’s War“ setzt zeitlich etwas nach den Ereignissen in „Prince of Fools“ ein und führt die Handlung auf ähnliche Art und Weise weiter: Jalan und Snorri reisen erneut durch das Zersplitterte Reich. Ihre Motivation hat sich ein Stück verschoben, denn Snorri will seine Familie nicht länger vor dem Tod bewahren, sondern ihre Seelen aus der Hölle retten; dafür muss er allerdings die Tür ins Totenreich finden und sie mithilfe von Lokis Schlüssel öffnen. Wir sehen andere Winkel des Settings und lernen neue Charaktere kennen, aber ihre Quest folgt denselben Rahmenbedingungen, die bereits den Trilogieauftakt auszeichneten. Obwohl Mark Lawrence diesen Abschnitt ihrer Reise gewohnt spannend gestaltete und Jalans nonchalante Ich-Perspektive wie gehabt den einen oder anderen Lacher initiiert, hatte ich das Gefühl, ein Déjà-vu zu durchleben. Ich fand die repetitive Herangehensweise lahm und sehnte mich nach frischen Impulsen, die das inhaltliche Muster des Roadtrips durchbrechen. Nun, auf Lawrence ist Verlass. Ich musste zwar bis zur Hälfte des Buches warten, doch letztendlich ließ er mich nicht hängen und schenkte mir die Abwechslung, die ich mir wünschte. Für mich nahm „The Liar’s Key“ in dem Moment Fahrt auf, in dem Jalan Snorri und ihre kleine Reisegruppe verlässt, um in seine Heimatstadt Vermillion zurückzukehren. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass sie sich wirklich trennen und war daher sehr neugierig, wie Jalan sich allein, ohne Snorris Einfluss und konfrontiert mit seinem früheren Leben schlägt. Seine Charakterentwicklung verläuft graduell in winzigen Schritten und er fällt weiterhin meist in alte Verhaltensmuster zurück, wodurch ich seine Heimkehr als interessanten Test empfand, der mir zeigte, inwieweit er sich denn nun tatsächlich verändert hat. Ich möchte nicht zu viel verraten, kann allerdings berichten, dass seine Erwartungen nicht erfüllt werden, was meiner Meinung nach hauptsächlich daran liegt, dass sich durch seine Reise, während der er einige Erkenntnisse über seine Familie und sich selbst gewann, sowohl sein Blickwinkel als auch seine Einstellung gewandelt haben. Er hält es nicht lange in Vermillion aus und begibt sich in das nahegelegene Umbertide, eine Stadt, in der das Finanzwesen regiert. Hier wurde „The Liar’s Key“ endlich richtig faszinierend und aufregend, weil Mark Lawrence sein Worldbuilding einerseits um ein äußerst realistisches Wirtschaftssystem erweitert und Jalan andererseits in eine Position manövriert, aus der er die Schwächen dieses Systems beinahe sofort durchschaut und herausfindet, wie er sie zu seinem Vorteil ausnutzen kann. Man kann Jalan vieles vorwerfen, aber nicht, dass er nicht clever wäre. Natürlich verliert Lawrence die Haupthandlungslinie darüber nicht aus den Augen und beendet „The Liar’s Key“ mit einem dramatischen Cliffhanger, der mich sehr in Versuchung führte, das Finale „The Wheel of Osheim“ direkt im Anschluss zu lesen.

„The Liar’s Key“ ist eine Geschichte von Übergängen, von Dynamik und Bewegung, Potential und Möglichkeiten. Im zweiten Band der „Red Queen’s War“-Trilogie hängt alles in der Schwebe, nichts ist festgelegt und Mark Lawrence überrascht nach einem etwas unoriginellen Wiedereinstieg mit Ideen und Wendungen, die mir nie in den Sinn gekommen wären. Ich bestaunte die intelligenten Details seines Worldbuildings und verfeinerte mein Bild seiner Figuren. Ab der zweiten Hälfte fühlte sich die Lektüre für mich an, als hielte ich meine Hand über die Klinke einer Tür, von der ich nicht weiß, wohin sie führt. Ich denke, diese Assoziation entspricht exakt der Absicht des Autors, denn Türen und Schlüssel sind in „The Liar’s Key“ wiederkehrende Motive, die eine starke Symbolkraft entfalten und die Handlung mit einer Atmosphäre der Ungewissheit aufladen, die mich hypnotisierte. Wenn Erlösung und Verdammung so dicht beieinander liegen wie in diesem Buch, ist eben wirklich alles möglich.

 
 

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