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Leigh Bardugo – Siege and Storm

17 Nov

Leigh Bardugo ist die erste und einzige Autorin, die ich kenne, die offen zugibt, dass sie beinahe an ihrer Vorstellung der Schriftstellerei gescheitert wäre. Bevor sie über Nacht berühmt wurde, glaubte sie, nur Vollzeitschriftsteller_innen seien „richtige“ Schriftsteller_innen. Weil sie Rechnungen bezahlen musste und sich diesen Luxus nicht leisten konnte, fraßen sie ihre Selbstzweifel und -vorwürfe schier auf. Erst, als sie erkannte, dass sie auch neben ihrem damaligen Beruf als Maskenbildnerin schreiben konnte, fand sie eine gesunde Routine. Sie berichtet, dass sich die Selbstzweifel noch heute hin und wieder melden, sie aber Bestätigung aus dem überwältigenden Erfolg ihrer Romane schöpft. „Siege and Storm“ ist der zweite Band ihrer „Grisha Trilogy“, mit der sie die New York Times Bestsellerliste stürmte.

Nach den schrecklichen Ereignissen im Schatten-Spalt flohen Alina und Mal aus Ravka. Sie segelten über die Wahre See nach Novyi Zem, um im Westen ein neues Leben zu beginnen und zu vergessen, was sie hinter sich ließen. Doch der Dunkle überlebte – verändert, grausamer und ehrgeiziger denn je. Solange er Ravka mithilfe von Alinas Magie zu unterwerfen plant, kann sich ihr Traum einer friedlichen Zukunft niemals erfüllen. Aus der Ferne wird es Alina nicht gelingen, ihn aufzuhalten. Sie muss nach Ravka zurückkehren. Unerwartet bietet sich der berüchtigte Freibeuter Sturmhond als Verbündeter an und bringt Alina und Mal nach Hause. Sie finden Ravka tief gespalten vor. Will Alina ihr Land auf einen erneuten Angriff des Dunklen vorbereiten, muss sie sich auf ein riskantes Spiel um Macht und Einfluss einlassen, während ihr die Kontrolle ihrer verstärkten Kräfte zunehmend schwerer fällt. Gerade jetzt braucht sie Mals Unterstützung, aber er scheint ihr von Tag zu Tag mehr zu entgleiten. Wird sie sich zwischen ihrer Heimat und ihrer Liebe entscheiden müssen?

Ach, ich trauere immer noch der Alina hinterher, die sie am Anfang der „Grisha“-Trilogie auf den ersten Seiten von „Shadow and Bone“ war. Ich vermisse ihre Schlagfertigkeit und die Ecken und Kanten, mit denen ich sie kennenlernte. In „Siege and Storm“ gestattet ihr Leigh Bardugo, sich ihrer ursprünglichen Persönlichkeit wieder etwas anzunähern, aber ich fand dennoch, dass ihr Feuer auf kleiner Flamme brennt. Allerdings muss ich festhalten, dass die Handlung des zweiten Bandes auch nicht prädestiniert dafür ist, die alte Alina wachzukitzeln. Bardugo konfrontiert sie mit Hürden, mit denen sie aufgrund ihrer Jugend völlig überfordert ist. Die Situation in Ravka und der Hauptstadt Os Alta ist kompliziert und für einen Young Adult – Roman erstaunlich komplex. Alina muss zwischen zahlreichen Fraktionen navigieren und vermitteln, um ihre Heimat auf den nächsten Angriff des Dunklen vorzubereiten, der seine Ambitionen nach seinen knapp gescheiterten Putschversuch natürlich nicht aufgab und durch seinen Aufenthalt im Schatten-Spalt nun noch bedrohlicher ist. Meiner Meinung nach gelang es der Autorin, die Zerrissenheit des Landes überzeugend und nachvollziehbar abzubilden, doch für Alina ist „Siege and Storm“ daher eine Herausforderung, der sie kaum gewachsen ist. Sie lässt sich herumschubsen, unter Druck setzen und trifft Entscheidungen nicht aus eigenem Antrieb, sondern weil andere ihr vorbeten, was angeblich das Beste für Ravka ist. Sie hat weder einen Plan noch eine Vision, nicht für ihr Land und schon gar nicht für sich selbst und ihre Kräfte. Bardugo verlangt ihr sehr viel ab und lässt sie ihre Stärken lediglich im Mikrokosmos der Grisha ausspielen. Während sie sonst schwach, passiv und unsicher wirkt, leistet Alina im Rahmen der magischen Kaste, deren Führung sie bei ihrer Rückkehr nach Ravka übernimmt, wirklich gute Arbeit. Ihre positiven Eigenschaften – ihre Bescheidenheit, Demut und Bodenständigkeit – kommen ihr zugute, denn sie ist nie zu stolz, sich zu entschuldigen, um Hilfe zu bitten oder die Hand auszustrecken. Da sie erst spät zu den Grisha stieß und dort nicht nur erfreuliche Erfahrungen sammelte, hat sie ein intuitives Gespür dafür, wie der Kleine Palast entstaubt und erneuert werden muss. Sie bringt eine Menge frische Ideen ein, was mir sehr gut gefiel, obwohl ich mir gewünscht hätte, dass sie auch ihre eigenen Kräfte neu bewertet, statt immer dieselben Techniken einzusetzen. Ich denke jedoch, dass Bardugo Alina bewusst keinen Raum für sich selbst gab, weil sie betonen wollte, welche Prioritäten ihre Protagonistin setzt, was den Kern ihres Konflikts mit Mal ausmacht. Die zunehmende Distanz zwischen ihnen fand ich sehr typisch für die Jugendliteratur. Ihre Disharmonie zeigt deutlich, wie jung die beiden noch sind, denn den Wert lösungsorientierter Kommunikation in einer gesunden Beziehung lernt man erst mit der Zeit. Wären sie ein Herz und eine Seele, fehlte „Siege and Storm“ allerdings auch eine essenzielle Zutat des Genres: ohne Liebeskummer geht es eben nicht.

Ich glaube, dass „Siege and Storm“ Alinas Tiefpunkt inszenieren soll, aus dem sie sich im Finale „Ruin and Rising“ wie ein Phönix aus der Asche erhebt. Der zweite Band der „Grisha Trilogy“ überbrückt ihre Transformation von einer einfachen, unbedeutenden Kartografin zur Heldin. Deshalb fand ich viele Aspekte der Handlung vorhersehbar und war nicht immer glücklich mit der Rolle, in die Leigh Bardugo ihre Protagonistin hineinschiebt, weil ich fand, dass sie es ihr im Namen der Dramatik unnötig schwer macht. Von ihr zu erwarten, dass sie mit der Situation in Os Alta, die einem erwachsenen High Fantasy – Setting bezüglich der Komplexität in nichts nachsteht, allein zurechtkommt, war meiner Meinung nach zu viel verlangt und lässt Alina in keinem guten Licht erscheinen. Ich zweifle daran, dass sie mich als Ravkas Retterin überzeugen wird. Dennoch möchte ich natürlich wissen, wie die Trilogie ausgeht und werde „Ruin and Rising“ lesen. Vielleicht irre ich mich ja und Alina ist genau die strahlende Heldin, die ihre Heimat braucht.

 
Ein Kommentar

Verfasst von - 17. November 2020 in Fantasy, High Fantasy, Rezension, Young Adult

 

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Eine Antwort zu “Leigh Bardugo – Siege and Storm

  1. Horus

    17. November 2020 at 9:32 am

    Du hast mich überzeugt, es einmal mit einem Buch von Leigh Bardugo zu versuchen. Auf „Leighs“ als Autoren stehe ich sowieso.

    Gefällt 1 Person

     

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