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Kat Zhang – What’s Left Of Me

05 Nov

Die texanische Autorin Kat Zhang war gerade mal 19 Jahre alt, als sie ihren Debütroman „What’s Left Of Me“ an HarperCollins verkaufte. Mit dem Schreiben des Trilogieauftakts der „Hybrid Chronicles“ begann sie im Winter ihres Abschlussjahrs an der High-School, stellte ihren ersten Entwurf im Frühling als Studienanfängerin fertig und überarbeitete das Manuskript bis in den Sommer hinein. Kurz darauf fand sie eine Agentin und nur etwa einen Monat später unterschrieb sie ihren Vertrag. Es geschieht selten, dass einer jungen Schriftstellerin so unkompliziert Zutritt zum Buchmarkt gewährt wird. Offenbar waren alle Beteiligten von ihrer Idee einer Welt, in der alle Menschen mit zwei Seelen geboren werden, überzeugt.

Drei Jahre ist es her, dass Eva zuletzt ihren Namen hörte. Immerzu ist es Addies Name, mit dem sie angesprochen werden, denn niemand ahnt, dass Eva noch existiert. Alle glauben, dass sie verschwand, als Addie die Kontrolle über ihren Körper übernahm. Die dominante Seele setzt sich durch, die rezessive Seele verblasst, das ist der Lauf der Natur. Aber Eva konnte nicht loslassen. Sie wollte leben. Heute ist sie eine Gefangene in ihrem Körper, unfähig, zu sprechen oder zu handeln. Addie und Eva wissen, dass niemals herauskommen darf, dass sie sich weiterhin einen Körper teilen. Hybride wie sie werden von der Regierung erbarmungslos gejagt. Deshalb sind sie zutiefst verängstigt, als ihre Freundin Hally/Lissa und ihr älterer Bruder Ryan/Devon ihr Geheimnis entdecken. Doch statt sie zu verraten, bieten die hybriden Geschwister Eva an, ihr wieder beizubringen, ihren Körper zu steuern. Die Verlockung ist unwiderstehlich. Evas Traum von Freiheit platzt, als sie auffliegen und in eine Regierungseinrichtung gebracht werden. Dort erfahren sie, was wirklich mit Hybriden geschieht. Können sie fliehen, bevor sie dasselbe Schicksal ereilt?

Jugendromane lieben die Ich-Perspektive. Ich glaube, das liegt daran, dass es direkt und unkompliziert Nähe erzeugt, wird eine Geschichte durch die Augen der Hauptfigur erzählt. Ich halte diese Erzählweise nicht immer für die beste Wahl, aber „What’s Left Of Me“ von Kat Zhang konnte nur durch die Ich-Perspektive funktionieren. Schreibt man eine Geschichte, in der es darum geht, dass die Seelen zweier junger Frauen denselben Körper bewohnen, von der eine keine Möglichkeit hat, sich sichtbar auszudrücken, ist die Ich-Perspektive ein Muss. Es ist beeindruckend, dass es Zhang gelang, Evas Persönlichkeit überzeugend zu etablieren, ohne auf nonverbale Hinweise wie Mimik und Gestik zurückzugreifen. Eva kann nicht mit den Schultern zucken, sie kann ihre Stirn nicht runzeln, sie kann weder schreien noch flüstern. Sie ist ein Geist in ihrem eigenen Körper – ich finde es bemerkenswert, dass sie dennoch sehr deutlich von Addie zu unterscheiden ist und ich eine einfühlsame Vorstellung ihrer besonderen Beziehung erhielt. Nein, ihre Ich-Perspektive ist nicht das Problem, das das Potential von „What’s Left Of Me“ ausbremst. Das Problem ist, dass Zhang sich ausschließlich auf Evas Ich-Perspektive konzentrierte, während ihre Geschichte in Wahrheit eine zweite Protagonistin hat: Addie. Sie degradiert Addie zur Nebenfigur, obwohl sie ebenso von den Ereignissen betroffen ist wie Eva. Sie untersucht das Konzept der Hybride ausdrücklich aus Evas kleiner, äußerst subjektiver Blase heraus und geht auf die weitreichenderen Implikationen ihrer grundlegenden Idee kaum oder gar nicht ein. Dadurch bleiben viele spannende Facetten unerforscht, zum Beispiel hinsichtlich der Auswirkungen, die die permanente Zweisamkeit auf die Persönlichkeitsentwicklung der Hybride hat oder wie sich das gesellschaftliche Verhältnis zwischen Hybriden und Nicht-Hybriden historisch herausbildete und in der Gegenwart darstellt. Eva interessiert sich nicht dafür, warum die Regierung Hybride jagt; es spielt für sie keine Rolle, woher die Theorie, dass Hybride emotional und mental instabil sind, stammt oder ob diese überhaupt gültig ist. Sie denkt nicht darüber nach, inwiefern ihre stetige Nähe zu Addie sie beide zu bewussteren, selbstreflektierteren Personen heranwachsen ließ oder wie das Zusammenspiel zwischen hybrider Natur und psychischen Störungen aussehen könnte. Aus Evas Blickwinkel sind all diese Punkte unwichtig – doch mich beschäftigten sie während der Lektüre von „What’s Left Of Me“. Ich hatte das Gefühl, dass ich viel intensiver über die Rahmenbedingungen der Geschichte grübelte als die Autorin. Daher empfand ich Zhangs Worldbuilding als unbefriedigend vage, was wirklich schade ist, weil ich ihre Vision interessanter fand als die Handlung an sich, die den üblichen, bekannten Strukturen der Jugendliteratur folgt. Wer recht häufig in diesem Genre liest, wird mit diesem Buch keine Überraschungen erleben.

„What’s Left Of Me“ ist kein schlechtes Buch. Ich fühlte mich von der Geschichte durchaus unterhalten, kann jedoch nicht ignorieren, dass Kat Zhang meiner Ansicht nach eine Menge Potential verschenkte, weil sie ihre Idee der Hybride nicht weit genug verfolgte. Ich denke, hätte sie Addie gleichberechtigt behandelt, hätte ich ein völlig anderes, weniger einseitiges Buch in den Händen gehalten. Sie hätte die Beziehung zwischen den beiden Seelen als Ausgangspunkt nutzen können, um die größeren Implikationen des Konzepts zu untersuchen, statt sich auf Eva und ihre spezielle Situation zu beschränken. Mir ist klar, dass gewisse Aspekte des Worldbuildings wahrscheinlich in den zwei Folgebänden der „Hybrid Chronicles“ näher beleuchtet werden, aber ich kann ja nur den Ist-Zustand im Trilogieauftakt bewerten. Dieser überzeugte mich nicht ausreichend, um daran zu glauben, dass Zhang von den ausgetretenen Bahnen der Young Adult – Literatur abweichen und all die Details, die mich brennend interessieren, später noch ansprechen wird. Ich kann mir nicht vorstellen, die Trilogie weiterzuverfolgen – meine Hoffnungen sind zu gering.

 

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