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Sarah Pinborough – Mayhem

04 Nov

Jack the Ripper ist wohl der berühmteste Serienmörder aller Zeiten. Über 130 Jahre nach seinen Verbrechen ist die Faszination für ihn ungebrochen und überstrahlt die Tatsache, dass die fünf ihm zugeschriebenen Prostituierten-Morde in London-Whitechapel 1888 nicht die einzigen Taten waren, die die Stadt in Angst und Schrecken versetzten. Zwischen 1887 und 1889 spülte die Themse in verschiedenen Stadtteilen die zerstückelten Körperteile von vier Frauen an. Diese Fälle wurden als „Thames Torso Murders“ bekannt. Trotz Parallelen zu den Ripper-Morden war der Polizei aufgrund des abweichenden Modus Operandi klar, dass sie es wahrscheinlich mit einem zweiten, zeitgleich agierenden Mörder zu tun hatten. Zur Ermittlungseinheit gehörte in beiden Fallserien der Chirurg Dr. Thomas Bond, der als einer der ersten Profiler der Kriminalgeschichte gilt. Dennoch wurden die Themse-Torso-Morde nie aufgeklärt – der ideale Ausgangspunkt für Sarah Pinboroughs historischen Mystery-Krimi „Mayhem“.

1888 treibt ein Mörder sein Unwesen in London. Seine Opfer sind die Schwachen, die Verlorenen, diejenigen, die niemand vermisst. Man nennt ihn Jack the Ripper. Dr. Thomas Bond ist mit der grausigen Aufgabe betraut, die Leichen zu obduzieren. Was er auf seinem Untersuchungstisch sieht, raubt ihm den Schlaf und treibt ihn in die verrufenen Gefilde der Opiumhöhlen. Doch als in der Themse weitere Leichen gefunden werden, zerstückelt und verstümmelt, ergreift ihn ein Entsetzen, das nicht einmal der süße Qualm zu lindern vermag. Ein zweiter Mörder ist am Werk. Während die Polizei nach dem Ripper fahndet, versucht Dr. Bond, das Rätsel um die zweite Mordserie zu lösen. Seine Ermittlungen führen ihn zu einem Priester, der behauptet, der Täter sei kein Mensch, sondern eine uralte Kreatur des puren Bösen. Sagt er die Wahrheit? Jagt Dr. Bond keinen Mann – jagt er ein Monster?

Als ich „Mayhem“ von Sarah Pinborough kaufte und (deutlich) später aus dem Regal zog, reizte mich vor allem die Idee der Geschichte. Die Aussicht, dass sich die Autorin auf die „Thames Torso Murders“ konzentrierte, die neben den wesentlich berühmteren Ripper-Morden wie ein beinahe vergessenes Kapitel der Londoner Historie wirken, machte mich ganz kribbelig. Ich war äußerst neugierig, denn ich wusste zuvor nicht einmal, dass es 1888 eine parallele Mordserie in der englischen Hauptstadt gab. Ich war nur allzu bereit, mich zu gruseln und erschrecken zu lassen. Anfangs schien die Lektüre vielversprechend; ich suhlte mich in der greifbaren Atmosphäre von Hysterie und Angst, die Pinborough aufbaute. Meine Schwierigkeiten begonnen, als ich den Protagonisten Dr. Thomas Bond näher kennenlernte. Ich hoffe inständig, dass der reale Dr. Bond nicht ansatzweise so unsympathisch war wie sein literarisches Abbild. Ich fand ihn unerträglich. Pinborough schildert den Großteil von „Mayhem“ aus seiner Ich-Perspektive, weshalb ich live beobachten konnte, wie ich-zentriert und empathielos der Mann ist. In seinen Gedanken gibt es ausschließlich ein zentrales Wort: „Ich“. Er ist mit abscheulichen Morden an unschuldigen Frauen und später mit der Frage konfrontiert, ob London von einem übernatürlichen Monster heimgesucht wird, aber das beschäftigt ihn nur hinsichtlich seiner Schlaflosigkeit, seines Rufes und seines persönlichen Risikos. All diese Sorgen kann ich nachvollziehen – es brachte mich jedoch auf die Palme, dass sie das einzige sind, was ihm durch den Kopf geht und er sich von ihnen lähmen lässt. Er ist ein Egoist und ein Feigling, der gleichgültig ignoriert, dass sein Verhalten Menschenleben in Gefahr bringt. Nebenbei rutscht er immer tiefer in die Abwärtsspirale einer Suchterkrankung, was ich ebenfalls ziemlich abstoßend fand, weil sich darin seine grundlegende Charakterschwäche manifestiert. Nun muss ich einen Protagonisten allerdings nicht mögen, um von einer Geschichte angetan zu sein. Leider ging diese Rechnung bei „Mayhem“ nicht auf. Im Laufe der Handlung verengt sich der Fokus zunehmend auf Dr. Bond, bis Atmosphäre, Spannungsbogen und Kontextwissen völlig auf der Strecke bleiben. Das Buch ist in drei Teile gegliedert; bereits im zweiten erfuhr ich, wer oder was für die Morde verantwortlich ist. Dadurch war ich den Figuren weit voraus und wartete nur darauf, dass sie es auch schnallen, um herauszufinden, wie sie anschließend auf diese Erkenntnis reagieren. Diese Struktur hätte funktioniert, hätte ich mit ihnen gefühlt – habe ich aber nicht und selbst wenn ich die Barrieren zwischen uns hätte überwinden können, hätte mich der finale Showdown trotzdem enttäuscht. Diesen kann ich lediglich als Totalausfall bezeichnen, der maximal eine Übergangslösung anbietet, zu der sich unsere selbsternannten Helden dann auch noch beglückwünschen. So gern Sarah Pinborough mich vom Gegenteil überzeugen wollte, „Mayhem“ endet zutiefst unbefriedigend.

Ich glaubte ehrlich, dass ich „Mayhem“ von Sarah Pinborough mögen würde. Daher ist es umso frustrierender, dass mir kaum etwas an diesem Buch gefiel. Der Protagonist war mir in jeglicher Hinsicht unangenehm, die Handlungsstruktur führte zu einem abrupten Spannungsabfall und letztendlich fand ich selbst den übernatürlichen Dreh abgegriffen und schal, weil die Geschichte dadurch eindimensional wirkte. Die Motive eines Monsters, das als Ausgeburt des Bösen beschrieben wird, sind nicht subtil, sie müssen nicht erläutert oder analysiert werden. Ich kann Pinborough zugutehalten, dass sie einige wirklich unheimliche Szenen involvierte, doch der Horror dieser Momente hielt nicht lange vor, sodass mich die Jagd nach dem Mörder viel zu schnell wieder langweilte. Ich ahne, dass das missliche Ende von „Mayhem“ den Weg für die Fortsetzung „Murder“ ebnen soll, diese werde ich jedoch nicht lesen. Ich danke der Autorin dafür, dass sie mich auf die „Thames Torso Murders“ aufmerksam machte, das Schließen dieser Wissenslücke war aber auch schon alles, was „Mayhem“ bei mir erreichte.

 

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