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Snorri Kristjánsson – Swords of Good Men

03 Nov

Ich habe eine etwas schwierige Vorgeschichte mit Wikinger-Romanen. Als ich 2015 begann, mich in diesem Subgenre herumzutreiben, hoffte ich, endlich meine Tür zur historischen Fiktion zu finden. Leider waren diese Experimente nicht von Erfolg gekrönt. Deshalb beschloss ich, mich für einen letzten Versuch in die Hände eines echten Nordmannes zu begeben: Snorri Kristjánsson, ein in Island geborener Schriftsteller, der einige Jahre in Norwegen lebte, bevor er mit seiner Frau nach Schottland zog. Sein Debütroman „Swords of Good Men“ sollte es besiegeln – entweder, er würde mich für die Wikinger gewinnen oder verlieren.

Nach zwei Jahren auf Reisen mit seinem Cousin Geiri Alfgeirsson zieht es Ulfar Thormodsson zurück nach Schweden. Noch eine letzte Station müssen sie absolvieren, bevor sie heimkehren: die westnorwegische Hafenstadt Stenvik, deren Fürst Sigurd Aegisson dem norwegischen König Olav Tryggvason die Treue schwor. König Olav ist ein fanatischer Anhänger des Weißen Christengottes und entschlossen, sein Reich bis zum letzten Mann zu missionieren, notfalls mit dem Schwert. Seine Armee nähert sich Stenvik von Osten; er plant, den Hafen einzunehmen, um seinen Feldzug fortzuführen. Von ihrem Lehnsherrn haben die Männer und Frauen nichts zu befürchten – wohl aber von dem Bund legendärer Krieger, der schwor, die alten Götter und Gebräuche zu bewahren. Angeführt von einer mysteriösen Frau mit rätselhaften Kräften segeln sie mit über 60 Schiffen nach Stenvik, um die Stadt zu erobern und Olavs Armee aufzulauern. Plötzlich finden sich Ulfar, Geiri und ganz Stenvik in einer brutalen Belagerung wieder und müssen ausharren, bis König Olavs Truppen eintreffen. Doch Zwietracht und Verrat schwächen die Reihen der Verteidiger, bis nicht mehr eindeutig ist, ob der Feind vor den Mauern steht – oder dahinter.

Okay, das war’s. Ich werde zukünftig nicht mehr gezielt nach Wikinger-Literatur suchen. Wie kommt es, dass dieses grundsätzlich spannende Thema offenbar ausschließlich von Schriftsteller_innen behandelt wird, denen das Talent fehlt, um ihre Geschichten mitreißend, logisch und überzeugend zu erzählen? Gut, ich habe lediglich drei Wikinger-Romane gelesen und gebe zu, dass meine Stichprobe entsprechend klein ist, aber ich war von allen dreien enttäuscht, auch von „Swords of Good Men“. Das Buch hat durchaus Potential, das Snorri Kristjánsson jedoch nicht zur Entfaltung bringen konnte, was wirklich schade ist, weil er sich eine faszinierende Epoche aussuchte, in der die Königreiche des Nordens einen Wandel durchlebten. Der Auftakt der „Valhalla Saga“ spielt 996 nach Christus und fällt damit genau in die Zeit der Christianisierung Norwegens. Der religiöse Konflikt, der als Initiator der Geschichte fungiert, ist folglich plausibel, authentisch und zum Teil sogar historisch belegt, denn Olav Tryggvason war damals tatsächlich König von Norwegen, dessen christliche Missionierung als ausgesprochen grausam und unnachgiebig galt. Es ist vorstellbar, dass er auf Widerstand in der Bevölkerung stieß, obwohl ich keine Hinweise darauf finden konnte, dass es den Kriegerbund, den Snorri Kristjánsson beschreibt, jemals gab. Das Problem mit der Darstellung dieses Konflikts in „Swords of Good Men“ besteht für mich darin, dass dieser gar nicht stattfindet. Der Kriegerbund, der den alten Glauben verteidigt, greift das (scheinbar) fiktive Stenvik an, nicht Olavs Armee. Stenvik ist König Olav längst nicht treu ergeben, die Einwohner_innen verehren heimlich noch immer das Götterpantheon um Odin. Fürst Sigurd unterwarf sich Olav lediglich, um seine Stadt zu schützen. Das heißt, wir erleben in diesem Buch nicht den Zusammenprall zweier Glaubenssysteme, sondern eine Art Stellvertreterkrieg, der meiner Meinung nach unlogisch ist, weil die Eskalation hätte vermieden werden können. Der Kriegerbund wird von einer Frau namens Skuld angeführt, die über paranormale Fähigkeiten verfügt. Unter anderem kann sie Menschen magisch manipulieren. Warum ist es dann nötig, Stenvik gewaltsam zu erobern? Wieso stachelt sie die Stadt nicht gegen den Lehnsherrn auf, der sowieso unbeliebt ist? Für mich ergab die Handlung daher von Vorneherein keinen Sinn und Kristjánssons unstrukturierte, erratische Erzählweise verschloss mir darüber hinaus den Zugang. Die Lektüre stresste mich, weil die Geschichte unter viel zu vielen unmotivierten Perspektiv- und Ortswechseln leidet. Diese Sprunghaftigkeit hinderte mich daran, Bindungen zu den zahlreichen Figuren aufzubauen; alles ging so schnell und ist so oberflächlich gestaltet, dass ich sogar Schwierigkeiten hatte, sie auseinanderzuhalten. Ihre Schicksale berührten mich nicht, was dazu führte, dass mich auch die blutigen Schlachtszenen kalt ließen, denn ich kann nicht mit Figuren fühlen, die mir fremd sind. Ebenso unbeeindruckt war ich vom Ende des Trilogieauftakts, das mir nicht überzeugend erschien und meinen Entschluss festigte, die „Valhalla Saga“ abzubrechen.

Es besteht ein Unterschied zwischen einer temporeichen und einer unruhigen Geschichte. Leider scheint Snorri Kristjánsson dieser Unterschied nicht bewusst gewesen zu sein, als er „Swords of Good Men“ schrieb. Er glaubte offenbar, dass viele Wechsel im Setting und der Perspektive Voraussetzung für eine rasante Handlung sind. Sind sie nicht. Ich denke, hätte er sich auf wenige Perspektivcharaktere beschränkt, statt im Minutentakt ruckhaft von einer Figur zur nächsten zu springen, hätte ich die Mängel bezüglich der Logik verschmerzen können. Unlogisch, aber unterhaltsam kann ich aushalten – unlogisch und unzugänglich hingegen nicht.
Das Experiment „Wikinger-Romane“ ist gescheitert. Ich bedauere, dass es Snorri Kristjánsson nicht gelang, das Ruder herumzureißen und mich für dieses Subgenre zu gewinnen. Ich will nicht ausschließen, dass ich noch mal ein entsprechendes Buch lesen werde, aber meine zielgerichtete Recherche ist hiermit beendet.

 

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