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[Robert E. Howard & Conan der Barbar] Kapitel 5 – Unreif, schlampig und ödipal: Der jahrzehntelange Kampf um Anerkennung für Robert E. Howard (Teil 3)

22 Okt

Hallo und herzlich Willkommen zu einem weiteren Tag in meinem Blogprojekt „Robert E. Howard & Conan der Barbar“. Heute widmen wir uns dem letzten Abschnitt des Kapitels zu Roberts Vermächtnis und werden erfahren, wie der texanische Autor nach Jahrzehnten der Missverständnisse und Fehlinformationen endlich den Respekt erhielt, den er verdient. Es war ein harter Kampf, dem L. Sprague de Camp und die Etablierung des Conan-Franchise im Weg standen…

Mitte der 1970er Jahre verfügte L. Sprague de Camp über die vollständige, alleinige Kontrolle über Conan. Trotz eines Streits mit Glenn Lord über nicht gezahlte Tantiemen an Alla Ray Kuykendall und Alla Ray Morris hielt sich dieser an ihre Vereinbarung und die damit beschlossene Arbeitsteilung. Wer plante, Conan-Material zu veröffentlichen, das sich nicht in der Public Domain befand, kam nicht an L. Sprague de Camp vorbei und dieser dachte nicht einmal im Traum daran, den Forderungen nach Roberts originalen Erzählungen nachzugeben. Er begriff sich selbst als die maßgebende Instanz in Sachen Conan, was er 1977 anhand zwei Ereignissen sehr deutlich machte. In diesem Jahr handelte der Fantasy-Autor und Conan-Purist Karl Edward Wagner einen Deal mit Glenn Lord aus, um die Conan-Geschichten, die in Weird Tales erschienen und nicht mehr urheberrechtlich geschützt waren, im Verlag Berkeley Books zu veröffentlichen. Die Bücher wurden um Essays ergänzt, die klar Partei für Robert bezogen und erklärten, dass seine Werke keiner Überarbeitung bedurften. Leider musste dieses Projekt unvollständig bleiben, denn L. Sprague de Camp weigerte sich, seine Zustimmung zur Veröffentlichung der originalen Geschichten zu geben, die seinem Urheberrecht unterlagen.

Im Januar 1977 wurde außerdem Conan Properties, Inc. gegründet. Diese Firma, die ab sofort offiziell alle Anfragen zu Conan verhandelte, war das Ergebnis einer Auseinandersetzung zwischen L. Sprague de Camp und Glenn Lord, die darauf zurückzuführen war, dass de Camp sich übergangen fühlte. Mitte der 70er Jahre kamen die Filmproduzenten Edward Pressmann und Edward Summer auf Lord zu, weil sie die Filmrechte an Conan erwerben wollten. Lord begann, Gespräche mit ihnen im Namen von Alla Ray Kuykendall und Alla Ray Morris zu führen und hätte diese vermutlich auch zu einem Abschluss gebracht, hätte de Camp nicht Wind davon bekommen und verlangt, dass Pressmann und Summer nicht mit Lord, sondern mit ihm reden müssten. Pressmann war genervt und wollte mit dem Konflikt der Männer nichts zu tun haben. Er bestand darauf, dass sie sich einigten, damit er fortan nur noch mit einer Person sprechen müsste. Die Gründung von Conan Properties, Inc. (CPI) war ein praktikabler Kompromiss, denn Lord und de Camp saßen beide im Vorstand. Nur wäre dieser Schritt gar nicht nötig gewesen, hätte sich de Camp nicht benachteiligt gefühlt. Über CPI kam der Verkauf der Filmrechte zustande; bis der Film fertiggestellt war, vergingen jedoch noch einige Jahre.

Filmplakat von „Conan the Barbarian“ von 1982. © IMDb

„Conan der Barbar“ feierte erst 1982 Premiere. Regie führte John Milius, das Drehbuch schrieb Oliver Stone. Bei Wikipedia findet man den Hinweis, dass der Film „nach Motiven von Robert E. Howard“ entstand, was bereits Rückschlüsse darauf zulässt, wie viel der Streifen mit Roberts originalen Geschichten gemeinsam hat: nicht viel. Er enthält einige Wiedererkennungsmerkmale und die besagten Motive, die an die Conan-Geschichten erinnern, lässt sich aber nicht als tatsächliche Verfilmung bezeichnen. Inhaltlich stellt er eine komplett neue Handlung vor, die besonders Conans Herkunft viel expliziter beschreibt, als Robert es je tat. Sein Gegner, der Schlangenkultführer Thulsa Doom, ist niemand, gegen den der literarische Conan jemals kämpfte – das konnte er auch nicht, denn diese Figur trieb ihr Unwesen nicht im hyborischen Zeitalter, sondern in der antiken Welt von König Kull. Regisseur und Drehbuchautor erlaubten sich demzufolge gewaltige Freiheiten. Mark Finn urteilt, dass der Film gerade ausreicht, um dem Publikum eine Vorstellung davon zu vermitteln, wer und was Conan ist, von einer akkuraten Darstellung kann jedoch keine Rede sein. Nichtsdestotrotz war „Conan der Barbar“ ein Kassenschlager, gilt als erfolgreichster Sword and Sorcery – Film aller Zeiten und machte Arnold Schwarzenegger in seiner Hauptrolle als Conan weltberühmt, wodurch er noch immer untrennbar mit dem popkulturellen Bild des muskelbepackten, schweigsamen, schwertschwingenden Barbaren im Lendenschurz verbunden ist. Schwarzenegger nahm diese Assoziation eifrig an und identifiziert sich bis heute mit Conan. Während seiner Amtszeit als Gouverneur von Kalifornien hing sein Schwert aus dem Film für alle gut sichtbar an der Wand hinter seinem Schreibtisch.
Zwei Jahre später wurde versucht, an den Erfolg von „Conan der Barbar“ mit der Fortsetzung „Conan der Zerstörer“ anzuknüpfen. Vielleicht lag es am neuen Regisseur Richard Fleischer, vielleicht am Drehbuchautor Stanley Mann – der Plan ging jedenfalls nicht auf. Die Fortsetzung spielte nur einen Bruchteil dessen ein, was der erste Teil erwirtschaftet hatte. Nach diesem Fehlschlag verschwand Conan fast 30 Jahre lang von der Kinoleinwand und eroberte sie erst im neuen Jahrtausend (2011) zurück.

Trotz der widrigen Umstände, unter denen Conan Properties, Inc. gegründet wurde, entwickelte sich die Firma zu einem profitablen Unternehmen, über das nun alle Conan-Deals abgewickelt wurden. Dazu zählte ein Vertrag mit dem Verlag Ace, der die Conan-Taschenbuchreihe von Lancer weiterführte, nachdem dieser Verlag Insolvenz anmelden musste. Wie gehabt waren L. Sprague de Camp und Lin Carter stark in die inhaltliche Gestaltung der Reihe involviert. Gut die Hälfte des Materials stammte von ihnen. Ab 1978 erweiterte Ace die Reihe um vier zusätzliche Bände, von denen zwei von Andrew J. Offutt geschrieben wurden, die anderen beiden waren erneut „Kollaborationen“ zwischen Robert E. Howard und L. Sprague de Camp. Parallel dazu erschienen von 1978 bis 1982 sieben Conan-Bücher beim Verlag Bantam, die von de Camp, Carter, Björn Nyberg, Andrew J. Offutt, Karl Edward Wagner und Poul Anderson verfasst wurden. Soweit ich es verstanden habe, legten Ace und Bantam damit den Grundstein für die Etablierung des Conan-Franchise, durch das CPI Verlagen erlaubte, Schriftsteller_innen für neue Conan-Abenteuer zu engagieren. Mark Finn schreibt, dass die Ausweitung dieses Konzepts ab 1982 mit Autor_innen wie Robert Jordan ebenfalls Ace zuzuschreiben ist, laut Wikipedia ist das allerdings nicht korrekt. Den entsprechenden Artikeln zufolge erschienen diese Conan-Geschichten nicht bei Ace, sondern bei Tor, die offenbar einen ähnlichen Vertrag mit CPI abschlossen. Für uns ist es letztendlich aber eher sekundär von Belang, welche neuen Geschichten von welchem Verlag veröffentlicht wurden; entscheidend ist, dass CPI Conan als Franchise aufstellte, wodurch der Barbar zu einer Ressource wurde, die Autor_innen nutzen konnten, um ihre eigenen Geschichten zu verfassen. Diese Bücher fluteten den Markt in den 1980er und 1990er Jahren, während Roberts originale Erzählungen längst vergriffen und aus den Regalen der Buchhandlungen so gut wie verschwunden waren.

L. Sprague de Camp (Jahr unbekannt) © Harry Turtledove Wiki

L. Sprague de Camp hatte bei all diesen Deals seine Finger im Spiel. Er bewahrte sich ein Vetorecht, durch das er Einspruch gegen jegliches Material einlegen konnte, das seiner Meinung nach nicht in die Saga passte. Er inszenierte sich demzufolge als Kontrollinstanz und wachte mit Argusaugen darüber, dass Conan der Welt weiterhin so präsentiert wurde, wie er wollte, nicht, wie Robert ihn konzipiert hatte. Als Vorstandsmitglied von CPI blockierte er alle Versuche, Roberts originale Geschichten ohne seine Änderungen und Ergänzungen zu veröffentlichen. Es fällt schwer, für dieses Verhalten eine andere Motivation als den schnöden Mammon zu finden. Wie Mark Finn erläutert, hätten alle bei CPI von Neuauflagen von Roberts Material profitiert, der Großteil der Tantiemen wäre allerdings Alla Ray Kuykendall und Alla Ray Morris zugutegekommen. Wurden hingegen de Camps Versionen veröffentlicht, floss der Löwenanteil der Tantiemen in seine Taschen, weil er deren Urheberrechte besaß. Ich habe mir den Kopf zerbrochen, um eine Erklärung zu entwickeln, die ihn besser dastehen lässt, doch mir fielen ausschließlich Theorien ein, die ebenso wenig schmeichelhaft sind. Es ist offensichtlich, dass er an Conan glaubte, aber selbst wenn wir annehmen, dass er lediglich daran interessiert war, das Maximum aus der Figur herauszuholen, spricht es von maßloser Arroganz und Respektlosigkeit, dass er einerseits unterstellte, dass Conan so, wie Robert ihn geschrieben hatte, nicht gut genug war und andererseits überzeugt war, dass er der einzige war, der verstand, welchen subjektiven Qualitätsstandards der Cimmerier zu entsprechen hatte. Des Weiteren lassen sich seine öffentlichen Schmähungen von Roberts Privatleben und seiner psychischen Verfassung kaum wegargumentieren. Er zog über den Texaner her, obwohl er ihm Conan verdankte. Wieso hätte er das tun sollen, wenn es ihm nicht ums Geld ging? Was wollte er beweisen? Da ich keine Antworten auf diese Fragen finde, muss ich Mark Finn zustimmen, dass es äußerst wahrscheinlich ist, dass de Camp einfach so viel Zaster wie möglich aus Robert und Conan herausquetschen wollte. Sollte das stimmen, war „Dark Valley Destiny“ der Höhepunkt dieser Bemühungen.

„Dark Valley Destiny“ war die erste vollständige Biografie von Robert E. Howard. De Camp veröffentlichte sie 1983. Ich habe sie selbst nicht gelesen und habe es auch nicht vor, daher muss ich mich auf Mark Finns Einschätzung verlassen. Er bezeichnet das Buch als Erweiterung von „The Miscast Barbarian“, die unglücklicherweise sehr unter de Camps Voreingenommenheit gegenüber Robert litt. Das ist vor allem deshalb ein Jammer, weil de Camp gemeinsam mit seiner Frau Catherine sehr viel Zeit und Aufwand in die Recherchen investierte. Sie reisten nach Cross Plains, sammelten Eindrücke und sprachen mit den Einwohner_innen über Robert, führten aber auch Telefoninterviews mit Menschen, die Teil seines Lebens waren, zum Beispiel mit Novalyne Price Ellis (sie hatte mittlerweile geheiratet) und E. Hoffmann Price. Sie trugen Unmengen Material zusammen, das heute in der Universität von Texas in Austin archiviert ist. Es ist anzunehmen, dass Mark Finn es dort einsah, sonst wäre er wohl nicht zu seinem speziellen Urteil über „Dark Valley Destiny“ gelangt. Er kritisiert, dass die umfangreichen Nachforschungen des Ehepaars lediglich dazu dienten, L. Sprague de Camps These zu bestätigen, Robert müsse verrückt gewesen sein, weil er sich umbrachte. Alle Informationen, die dieser Annahme widersprachen, verfolgte er nicht weiter und nutzte sie nicht für die Biografie. Er wollte ihn in einem bestimmten Licht erscheinen lassen und ignorierte jegliche Hinweise, die das Gegenteil andeuteten. De Camp stellte die falschen Fragen und überging die Einflüsse, die seine Familiensituation und seine texanische Heimat auf Robert hatten, komplett. Stattdessen verließ er sich auf Aussagen, die seine Ansichten bestätigten, unabhängig davon, von wem sie stammten.

Mark Finn bemerkt ein wenig zynisch, dass E. Hoffmann Price eigentlich als Co-Autor auf dem Cover hätte stehen müssen. Dessen telefonische und schriftliche Beteiligung nimmt in der Biografie wohl überproportional viel Raum ein. Bedenkt man de Camps Strategie, ist das kein Wunder, denn in den Jahrzehnten seit Roberts Tod drehte sich Prices Meinung seines verstorbenen Kollegen um 180 Grad. Ich finde das schwer nachvollziehbar und begreife nicht, was in Price vorging, dass er Robert, den er einst so schätzte, dass er bis nach Texas reiste, um ihn zu besuchen, nun abfällig als wenig mehr als ein begabtes Kind bezeichnete. Vielleicht neidete er ihm Conans postmortalen Erfolg? Ich weiß es nicht. De Camp war selbstverständlich entzückt, dass er jemanden gefunden hatte, der seine These untermauerte und übernahm viele von Prices Kommentaren, ohne sie zu hinterfragen oder in Betracht zu ziehen, dass Price Robert nur zweimal persönlich getroffen hatte. Novalynes Beiträge riss er hingegen aus dem Kontext, sodass sie seine Argumentationskette befürworteten, wohl wissend, dass sie, die im Gegensatz zu Price wirklich eng mit Robert befreundet war, de Camps Theorie des verrückten Selbstmörders niemals zugestimmt hätte. Aufgrund der extremen Befangenheit seiner Methodik zeichnet „Dark Valley Destiny“ ein Zerrbild von Robert, das mit der Realität wenig zu tun hatte. Mark Finn gibt offen zu, dass er „Blood & Thunder“ unter anderem mit der Intention schrieb, all die Fehler, die de Camp beging, nicht zu wiederholen.

Angesichts der Reaktionen auf „The Miscast Barbarian“ muss L. Sprague de Camp klar gewesen sein, dass er sich mit „Dark Valley Destiny“ unter eingefleischten Howard-Fans keine Freunde machen würde. Tatsächlich stellte die Biografie den endgültigen Bruch zwischen de Camp und den Fans dar, die von szeneprominenten Stimmen wie Glenn Lord und Fritz Leiber unterstützt wurden. Natürlich konnten sie de Camps Behauptungen und Anschuldigungen nicht einfach stehen lassen. Nach dem Erscheinen von „Dark Valley Destiny“ wurden die ersten Bücher veröffentlicht, die sich kritisch und objektiv mit Roberts Arbeit auseinandersetzten und ihm endlich den Respekt zollten, den er verdiente. Eines davon war die Essay-Sammlung „The Dark Barbarian“, 1984 erstmals herausgegeben von Don Herron, die in den vergangenen Jahren fortgeführt und stetig erweitert wurde. Die aktuelle Auflage heißt „The Dark Barbarian That Towers Over All“ und ist für relativ kleines Geld als E-Book zu bekommen. Ratet mal, wer eine Ausgabe besitzt. 😉

Novalyne Price Ellis (Jahr unbekannt), als gemeinfrei gekennzeichnet, Details auf Wikimedia Commons

Doch nicht nur die Literaturkritik sah sich genötigt, ein neues Licht auf Robert E. Howard zu werfen und L. Sprague de Camp zu widersprechen. 1986 veröffentlichte Novalyne Price Ellis „One Who Walked Alone“, ein biografisches Buch, das auf ihren Tagebucheinträgen aus ihrer Zeit mit Robert basiert. Soweit ich weiß, war es seit Jahrzehnten das erste Dokument einer Zeitzeugin, die Robert wirklich intim und nicht nur als Kollegen, Geschäftspartner oder Brieffreund kannte. Als ihre Erinnerungsschrift erschien, war Novalyne fast 80 Jahre alt – wahrscheinlich war sie eine der letzten aus Roberts engerem Kreis, die überhaupt noch am Leben waren. Umso wichtiger finde ich es, dass sie ihre einzigartigen Eindrücke von Robert festhielt und für kommende Generationen aufbereitete. „One Who Walked Alone“ hatte sicher immensen Einfluss darauf, dass das öffentliche Andenken an Robert korrigiert wurde, wir ihn heute als brillanten Schriftsteller ehren und uns an ihn nicht als begabtes Kind, verrückten Selbstmörder oder „beinahe sehr guten“ Autor erinnern. Ich schätze das Buch als äußerst wertvoll ein und hoffe sehr, dass ich eines Tages eine der vergriffenen Ausgaben ergattern kann.

L. Sprague de Camp kümmerte all das nicht. Ihn ließen die Versuche, Roberts Image aufzupolieren und seine Behauptungen zu widerlegen, völlig kalt. „Dark Valley Destiny“ war sein letzter Beitrag zur Debatte über Roberts Leben und Persönlichkeit und er hatte nicht vor, seine Meinung zu überdenken. Vielmehr scheint er die Biografie als Mittel genutzt zu haben, seinen Kritiker_innen eins auszuwischen, denn in den folgenden Jahren besuchte er zahlreiche Conventions und Podiumsdiskussionen, auf denen er seine Ansichten aus dem Buch wieder und wieder wiederholte. Auf diese Weise gestaltete er das öffentliche Bild von Robert weiterhin mit, so sehr sich Fans auch bemühten, den texanischen Autor zu verteidigen. In seiner Funktion als Aufsichtsratsmitglied von Conan Properties, Inc. half er, viele Projekte – Cartoons, Computerspiele, Serien und ähnliches – zu realisieren, die zwar entfernt mit dem literarischen Conan verwandt und profitabel waren, aber er blockierte nach wie vor jedes Ansinnen, Roberts ursprünglichen Cimmerier zu vermarkten. Popkulturelle Interpretationen verdrängten das Original. In der 1990er Jahren waren die Regale der Buchhandlungen voller Franchise-Adaptionen von Autor_innen wie Robert Jordan, Roberts Geschichten waren hingegen beinahe vollständig verschwunden. Wir verdanken es ausschließlich kleinen Verlagen wie Necronomicon Press und Cryptic Press, dass Roberts Conan in dieser Zeit nicht ganz in Vergessenheit geriet.

Mitte der 90er Jahre erhielt Roberts Nachlass abermals eine neue Verwalterin. Alla Ray Kuykendall war bereits 1988 verstorben, ihre Tochter Alla Ray Morris folgte ihr 1995. Morris vermachte die Rechte an Roberts Werk der Frau ihres ebenfalls verstorbenen Cousins, Zora Mae Bryant. Deute ich die Angaben bei Wikipedia korrekt, hatte Bryant allerdings nie Interesse an ihrem Erbe und übertrug die Kontrolle über Roberts Vermächtnis mehr oder weniger sofort an ihre Kinder, an ihren Sohn Jack Baum und dessen Ehefrau Barbara sowie ihre Tochter Terry Baum Rogers. Gemeinsam gründeten die drei das Unternehmen Robert E. Howard Properties, LCC, um zentral das Material aus Roberts Kanon verwalten zu können, das nicht bereits von CPI kontrolliert wurde. Ihre Anteile an CPI verkauften sie hingegen. Wahrscheinlich sollten beide Schritte dazu dienen, das Vermächtnis von Robert E. Howard besser und rechtlich einwandfrei vertreten zu können, denn sie waren ermutigt worden, die Nachlassverwaltung neu aufzuziehen und verlässliche Ausgaben von Roberts Werken veröffentlichen zu lassen. Sie kamen dieser Aufgabe nach und gaben damit den Anstoß für eine Revision der Auseinandersetzung mit Roberts Geschichten. Ihretwegen erhielten nun auch andere seiner Figuren, nicht nur Conan, die gebotene Aufmerksamkeit. 1998 erschien bei dem britischen Verlag Wandering Star die reich illustrierte Sammlung „The Savage Tales of Solomon Kane“. Dieses Buch war, wie Mark Finn schreibt, ein Lichtblick für alle Fans und ein Meilenstein auf dem Weg zu einem respektvollen Andenken an Robert E. Howard, das nicht von L. Sprague de Camps Vorwürfen, er sei ein unreifer, nachlässiger Schriftsteller gewesen, überschattet wurde.

L. Sprague de Camp mit seiner Ehefrau Catherine Crook de Camp 1988, als gemeinfrei gekennzeichnet, Details auf Wikimedia Commons

Während Roberts anderen Werken Ende der 90er zu neuer Respektabilität verholfen wurde, änderte sich die Situation rund um Conan erst grundlegend, als L. Sprague de Camp und seine Frau Catherine im Jahr 2000 starben. Es tut mir unheimlich leid, dass ich zu diesem Urteil gelange, weil niemand den Tod zweier Menschen positiv bewerten sollte, wenn sie nicht gerade schlimme Verbrechen begingen, doch für Conan und Roberts Erbe war das Ende der Ära de Camp das Beste, was passieren konnte. Nach L. Sprague de Camps Tod im November 2000 wurde Conan Properties, Inc. an Stan Lee Media verkauft (Ja, die Firma gehörte Marvels Comic-Genie Stan Lee), doch dieses Unternehmen war kurz darauf gezwungen, Insolvenz anzumelden und CPI wurde 2002 von Paradox Entertainment, Inc. erworben. Paradox Entertainment, Inc. gehörte dem Schweden Fredrik Malmberg, ein großer Fan von Robert E. Howard und bekennender Conan-Purist. Seine Firma war auf die Repräsentation von geistigem Eigentum, Merchandising und Massenmedienfiguren spezialisiert und damit genau die richtige Adresse für die Vermarktung von Conan. Die Baums stimmten dem offenbar zu, denn 2006 verkauften sie ihre Rechte und Robert E. Howard Properties, LCC an Paradox, wodurch Malmberg die Kontrolle über rund 85 Prozent von Roberts Nachlass erhielt.

Am 22. Januar 2006 wäre Robert E. Howard 100 Jahre alt geworden. Anlässlich dieses bedeutenden Meilensteins und mit der Unterstützung von Paradox Entertainment, Inc. erlebte sein Vermächtnis einen neuen Hype. Der Comicverlag Dark Horse hatte die Rechte an Conan bereits 2003 erworben und produzierte in verschiedenen Reihen bis 2018 (2018 gingen die Rechte zurück an Marvel Comics) regelmäßig Ausgaben mit Abenteuern rund um den berühmten Barbaren, die sowohl aus Adaptionen von Roberts Geschichten als auch aus neuen Erzählungen bestanden. Sie veröffentlichten außerdem Neuauflagen aller Conan-Comics, die bei Marvel erschienen waren, inklusive „The Savage Sword of Conan“. Gerüchte um einen neuen Conan-Film versetzten das Internet in Aufruhr, literaturwissenschaftliche Analysen von Roberts Werken erschienen, die Aktivität der Fankultur in den Fanzines nahm erneut zu. Am wichtigsten war jedoch, dass Roberts Fiktion endlich wieder in den Regalen der Buchhandlungen zu finden war und Conan nach all den Jahren, in denen die Überarbeitungen und Ergänzungen von L. Sprague de Camp, Lin Carter und zum Teil auch Björn Nyberg das Maß aller Dinge waren, von diesen Einflüssen befreit und in seiner ursprünglichen Form veröffentlicht wurde, so, wie Robert ihn geschrieben hatte. Seine Originaltexte eroberten den Buchmarkt. Conan war wieder Conan.

Es dauerte etwa 70 Jahre, bis Robert E. Howards Vermächtnis den Respekt erhielt, den es verdient. Es dauerte etwa 50 Jahre, ein halbes Jahrhundert, bis Roberts berühmteste Schöpfung, Conan der Barbar, in seiner Ursprungsform wieder anerkannt wurde. Heute besitzt Cabinet Entertainment, Nachfolger von Paradox Entertainment, Inc. und meines Wissens nach noch immer geleitet von Fredrik Malmberg, eigenen Angaben zufolge alle Rechte am howardschen Nachlass (abgesehen von den Werken, die mittlerweile Teil der Public Domain sind). Die Aufgabe, Roberts Andenken zu ehren, übernimmt seit 2007 die Robert E. Howard Foundation, die mithilfe von Paradox gegründet wurde. Die Stiftung gibt auf ihrer Website an, sie fühle sich dafür verantwortlich, Roberts Arbeit in Archiven zu organisieren und zu bewahren sowie sie über verschiedene Medien zu vertreiben; seine erhaltenen Besitztümer aufzutreiben, zu erwerben und zu konservieren; die Forschung von Howard-Expert_innen zu fördern; junge Autor_innen, die in denselben Genres schreiben wie Robert, mit Preisen und Stipendien auszuzeichnen und die Stadt Cross Plains in Texas bei der Betreibung des Museums im Haus der Familie Howard sowie der Veranstaltung der jährlichen Robert E. Howard – Tage zu unterstützen. Ja, ihr lest richtig, das Haus, in dem Robert mit seinem Vater Isaac und seiner Mutter Hester in Cross Plains lebte, ist heute ein Museum, das man jedes Jahr am Wochenende vor oder nach Roberts Todestag am 11. Juni (je nachdem, auf welchen Wochentag dieser fällt) besuchen kann. Es ist mein größter Wunsch, die Robert E. Howard – Tage in Cross Plains irgendwann einmal mitzuerleben.

Robert E. Howard und Conan der Barbar mussten geduldig einen langen Weg zurücklegen, bis ihnen als Schöpfer und Schöpfung gestattet wurde, ihren Platz in der Literaturgeschichte einzunehmen. Der Kampf um die Rechte an Roberts Nachlass und der Aufbau eines Franchise rund um Conan bewirkten, dass es normalen Leser_innen jahrzehntelang unmöglich war, Roberts Originaltexte zu lesen. Wir müssen allen Personen, die sich dafür einsetzten, dass das Vermächtnis des texanischen Autors mit der gebührenden Ehrfurcht behandelt wird und die vielen Falschinformationen und Missinterpretationen seiner Biografie korrigiert werden, dankbar sein, denn ohne sie stünde uns wahrscheinlich bis heute lediglich die popkulturelle Verzerrung zur Verfügung. Trotz all ihrer Bemühungen ist es jedoch noch immer schwierig, all das Material, das zu Conan veröffentlicht wurde, zu sortieren und in eine logische Lesereihenfolge zu bringen, wenn man sich nicht ähnlich intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt hat wie ich. Deshalb werden wir ab nächster Woche im Schlusskapitel dieser Beitragsreihe über verschiedene vorgeschlagene Chronologien für Conan sprechen und sie der Reihenfolge, in der Robert die Geschichten laut Mark Finn geschrieben hat, gegenüberstellen. Mithilfe dieser Informationen solltet ihr in der Lage sein, euch eine Chronologie bzw. Reihenfolge auszusuchen, an der ihr euch orientieren möchtet, falls ihr Conan lesen wollt. Danach entlasse ich euch vollgestopft mit Wissen in die Welt und hoffe, dass Arnold Schwarzenegger nicht länger euer Bild des berühmten Barbaren bestimmt.

Quellenverzeichnis (PDF)

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Wild West – Landschaft: Seita/Shutterstock.com
Schwert im Felsen: KUCO/Shutterstock.com

 

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