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[Robert E. Howard & Conan der Barbar] Kapitel 5 – Unreif, schlampig und ödipal: Der jahrzehntelange Kampf um Anerkennung für Robert E. Howard (Teil 1)

20 Okt

Wenn wir verstehen wollen, wie es passieren konnte, dass der literarische Conan eine popkulturelle Neuinterpretation erhielt, die dazu führte, dass die Figur heutzutage hauptsächlich mit Arnold Schwarzenegger assoziiert wird und nicht mit ihrem Schöpfer Robert E. Howard, müssen wir die Antwort im Umgang mit Roberts Vermächtnis nach seinem Tod suchen. Nachlassverwaltung und Rechteinhaberschaft gingen über Jahrzehnte durch viele Hände und nicht alle involvierten Parteien hatten tatsächlich die respektvolle Bewahrung von Roberts Andenken im Sinn. Es stellte sich heraus, dass sich speziell mit Conan eine Menge Geld verdienen ließ und einige nutzten seine Popularität aus, um die eigene Karriere voranzutreiben. Irgendwann überschatteten individuelle Deutungen und private, pseudofundierte Ansichten sowohl das Bild, das Robert von Conan gezeichnet hatte, als auch die Fakten, die über Robert als Person bekannt waren. Es dauerte lange, bis die vielen damals entstandenen Missverständnisse, Falschinformationen und Fehlinterpretationen soweit ausgeräumt und aufgearbeitet waren, dass eine vorurteilsfreie Auseinandersetzung mit Robert und seinem Werk möglich wurde.

Doch ich möchte nicht vorgreifen. Beginnen wir am Anfang. Denn all die Irrungen und Wirrungen bezüglich seines Vermächtnisses nahmen bereits wenige Tage nach Roberts Tod ihren Lauf, weil sein Vater einen seiner letzten Wünsche nicht achtete.

Grabstein der Familie Howard auf dem Greenleaf Friedhof in Brownwood, Lizenz: 0ccam, Robert E Howard family headstone, CC BY-SA 2.0

Robert E. Howard nahm sich am 11. Juni 1936 in seinem Auto mit einem Revolver das Leben. Nur einen Tag später starb auch seine Mutter Hester und verlor den jahrzehntelangen Kampf gegen ihre Tuberkuloseerkrankung. Mutter und Sohn wurden am 14. Juni 1936 gemeinsam auf dem Greenleaf Friedhof in Brownwood beerdigt. Alle organisatorischen Aufgaben fielen allein Roberts Vater Dr. Isaac Howard zu, der vom Tod seiner Familie selbstverständlich schwer mitgenommen, aber auch fest entschlossen war, das literarische Erbe seines Sohnes bestmöglich zu verwalten. Trotz seiner ursprünglichen Zweifel an Roberts Karrierewahl war er sehr stolz auf ihn, sobald sich der Erfolg einstellte. Nach Roberts Suizid widmete er sich mit aller Kraft der postmortalen Vertretung der Interessen seines Sohnes. Am 16. Juni beantragte er vor Gericht, sich als Roberts Nachlassverwalter einsetzen zu lassen. Er nahm Kontakt zu Roberts Agent Otis Adelbert Kline auf, um die Zusammenarbeit fortzuführen und mit dessen Hilfe die ausstehenden Zahlungen von Weird Tales einzutreiben, die nun natürlich ihm selbst zugutekommen würden.

Man könnte Isaac vorwerfen, dass es ihm ausschließlich ums Geld ging und er sich nur aus egoistischen Motiven bemühte, Kontrolle über Roberts Nachlass zu gewinnen. Ich glaube das allerdings nicht. Dr. Howard war Finanzielles zweifellos wichtig, doch ich denke nicht, dass es ihm in diesem Fall um das Geld an sich ging. Meiner Ansicht nach symbolisierte das Eintreiben der Schulden aus seiner Perspektive Gerechtigkeit, Anerkennung und Respekt für seinen Sohn. Das Geld stand Robert zu und da dessen eigene Unfähigkeit, Farnsworth Wright zur Zahlung zu bewegen, möglicherweise Einfluss auf seine Entscheidung hatte, sich umzubringen, wollte ihm Isaac wahrscheinlich diesen letzten Dienst erweisen. Robert war sein Sohn und er liebte ihn auf seine Weise. Ich glaube nicht, dass Isaac sich auf dem Rücken seines Erfolges bereichern wollte. Er wollte sein Andenken ehren und dazu gehörte eben auch, einzufordern, was Robert erwirtschaftet hatte. Wie auch immer man sein Verhalten einschätzt, Fakt ist, Isaacs Übernahme der Nachlassverwaltung trug erheblich dazu bei, dass Roberts Werke die Zeit überdauerten. Obwohl Robert diese Aufgabe nie für seinen Vater vorgesehen hatte.

Eigentlich hatte Robert jemand anderen als Nachlassverwalter im Sinn: seinen alten Freund Lyndsey Tyson. Beim Sortieren seiner Papiere entdeckte Hesters ehemalige Pflegerin Kate Merryman Roberts Testament, dass sie umgehend Isaac zeigte. Dort stand schwarz auf weiß, dass Robert wünschte, Tyson solle seine literarische Hinterlassenschaft organisieren. Wir können nur vermuten, was Isaac in dieser Sekunde durch den Kopf ging. Wir wissen hingegen, dass er beschloss, das Testament zu ignorieren und geheim zu halten. Er wies Merryman an, niemals ein Sterbenswörtchen über dessen Existenz zu verraten. Vor Gericht leugnete er, dass Robert ein Testament verfasst hatte. Erneut glaube ich, dass man Isaac nicht vorschnell verurteilen und böswillige oder eigennützige Absichten unterstellen sollte. Es war moralisch nicht richtig, dass er Roberts Willen nicht respektierte, das ist unbestritten. Dennoch bin ich mir sicher, dass er sich schlicht für am besten geeignet hielt, Roberts Vermächtnis zu verwalten. Aufgrund seiner Vorgeschichte als Glücksritter, der mit seiner Familie von Ort zu Ort zog und immer der neusten Investitionsmöglichkeit hinterherjagte, darf man schlussfolgern, dass er sich als gewieften Geschäftsmann betrachtete. Er glaubte vermutlich wirklich, dass niemand seinen Sohn besser vertreten konnte und war darüber hinaus ein altmodischer Mann, dem es wahrscheinlich völlig abwegig erschien, diese Aufgabe jemandem außerhalb der Familie zu übertragen.

Wie sich herausstellte, wollte Lyndsey Tyson von seiner Erbschaft ohnehin nichts wissen. Irgendwie kam das Geheimnis des Testaments ans Licht (wie, ist offenbar nicht überliefert) und ein Anwalt der Stadt informierte den scheinbar ahnungslosen jungen Mann. Dieser war vom Tod seines langjährigen Freundes erschüttert. Er behauptete, dass ihm Roberts Wunsch nicht bekannt sei und er mit dessen Geschäft nichts zu tun haben wolle. Ein Teil von mir hält das für eine glatte Lüge. Robert traf sehr detaillierte und gründliche Vorbereitungen für seinen Selbstmord. Mehrfach. Es erscheint mir nicht glaubhaft, dass er seinen Freund nicht darüber in Kenntnis gesetzt haben soll, dass er plante, ihn als Nachlassverwalter einzusetzen. Solche Überraschungen waren nicht Roberts Stil. Ich denke, dass Tyson sich in seiner Trauer mit dieser Verpflichtung überfordert fühlte und sie deshalb kategorisch ablehnte. Außerdem war Isaac ja sofort zur Stelle. Warum also sollte sich Tyson damit belasten?

Es betrübt mich, dass einer von Roberts ältesten Freunden nicht bereit war, dessen Erbe anzunehmen und auf diese Weise seinen letzten Wunsch zu ehren. Lyndsey Tyson hatte sicherlich seine Gründe für diese Entscheidung, aber angesichts dessen, was Roberts Werk in den kommenden Jahrzehnten angetan wurde, fällt es mir schwer, mich nicht zu fragen, ob all das hätte verhindert werden können, hätte Tyson damals auf seinen testamentarisch verbrieften Anspruch bestanden.

Robert wurde monatelang von Geschäftspartnern, Kolleg_innen und Fans gleichermaßen öffentlich betrauert. Das berühmteste Dokument aus dieser Zeit ist wahrscheinlich sein Nachruf aus der Feder von H.P. Lovecraft, der laut Mark Finn beweist, dass der Horrorautor trotz all ihrer Kabbeleien und den gutmütigen Provokationen in ihrer umfangreichen Korrespondenz begriffen hatte, wie sein Freund sich selbst sah und gesehen werden wollte. Währenddessen arbeiteten Isaac und Otis Kline fleißig daran, der Welt Roberts unveröffentlichtes Material vorzustellen. Sie hatten damit beachtlichen Erfolg. Kline gelang es sogar, Weird Tales endlich die Summe aus dem Kreuz zu leiern, die das Magazin Robert schuldig geblieben war. Erst gegen Ende 1937 ließen die Verkäufe nach. Die Pulps veröffentlichten weiterhin Werke, für die sie bereits die Urheberrechte besaßen, erwarben jedoch immer seltener neue Geschichten. Fight Stories, das es seit dem Frühling 1936 wieder gab (leider zu spät für Robert), publizierte alte Erzählungen um den boxenden Seemann Steve Costigan unter neuen Titeln und Pseudonym und Weird Tales brachte Roberts Geschichten und Gedichte sogar bis ins Spätjahr 1939.

E. Hoffmann Price im Juli 1980, Lizenz: Will Hart from Fullerton, U.S.A. – flickr.com/photos/cthulhuwho1cthulhuwho1.comyoutube.com/user/CthulhuWho1, E. Hoffmann Price – July 1980, CC BY 2.0

Da Robert erst 30 Jahre alt war, als er den Freitod wählte, vergisst man schnell, dass Isaac zu diesem Zeitpunkt bereits kein junger Mann mehr war. Er und Hester waren für die damaligen Verhältnisse spät Eltern geworden. Als Robert 1936 starb, war er 65 Jahre alt. In den folgenden Jahren ließ ihn seine Gesundheit langsam im Stich. Er war gezwungen, seine Praxis als Landarzt aufzugeben und zog 1942 nach Ranger, um dort in der Klinik seines Freundes Dr. Pere M. Kuykendall auszuhelfen. Er arbeitete weiter als Arzt, bis er fast blind war. Es ist anzunehmen, dass Isaac sehr einsam war. Beinahe direkt nach Roberts Tod nahm er eine Brieffreundschaft zu dessen Kollegen E. Hoffmann Price auf, den er bei dessen Besuch in Cross Plains kennengelernt hatte. Irgendwann lud er Price ein, gemeinsam mit seiner Ehefrau Wanda für ein Jahr zu ihm zu ziehen und schlug vor, dafür all ihre Ausgaben zu übernehmen. Price ignorierte dieses Angebot höflich und das Thema wurde fortan zwischen ihnen totgeschwiegen. Sie hielten ihre Korrespondenz bis zu Isaacs Tod 1944 aufrecht. Isaac hatte offenbar das Bedürfnis, über seinen Sohn zu sprechen und teilte mit Price Geschichten aus Roberts Jugend. Nicht wenige davon erinnerten an Tall Tales. Es ist schade, dass Price später viele der Informationen, die Isaac so bereitwillig preisgab, aus dem Kontext riss und fehlinterpretierte, was die Darstellung von Robert und Conan in der Öffentlichkeit entscheidend prägte.

Zu welch fehlgeleiteter Einschätzung von Robert E. Hoffmann Price gelangte, deutete sich erstmals 1946 an, als der Howard-Sammelband „Skull-Face and Others“ bei Arkham House unter dem Verleger August Derleth erschien. Die Anthologie enthielt neben Kommentaren von Derleth die erste von mehreren Erinnerungsschriften von Price. Darin zeigte sich Mark Finn zufolge, dass Price nie in Betracht zog, dass er die Familie Howard bei seinen zwei Besuchen in Cross Plains lediglich sehr oberflächlich und von ihrer besten Seite kennengelernt hatte. Robert kontrollierte exakt, was er seinen Kollegen sehen lassen wollte und das waren garantiert nicht die schwerwiegenden familiären Probleme, die ihr Zusammenleben belasteten und so bedeutenden Einfluss auf Roberts Schriftstellerei hatten. Price bedachte nicht, dass Robert wichtig war, was die Leute von ihm hielten und er in seinen Geschichten auf gewisse Weise ehrlicher und offener war als in Persona.

Hoffmann Price trug jedoch nicht als einziger dazu bei, die öffentliche Meinung von Robert in eine bestimmte Richtung zu lenken. „Skull-Face and Others“ erhielt überraschenderweise eine Rezension in der New York Times Book Review. Der Rezensent war Hoffmann Reynolds Hays, der sich später einen Namen als erster Übersetzer von Pablo Nerudas Lyrik machte. Sein Urteil war vernichtend. Obwohl er anerkannte, dass Robert zu den besseren Pulp-Autor_innen zählte, bescheinigte er ihm eine unreife und gestörte Psyche, was er hauptsächlich aus E. Hoffmann Prices Erinnerungen herauslas. Price und Hays legten zusammen den Grundstein für das künftige Gedenken an Robert, das vor absurden Fehleinschätzungen seiner Biografie, seines Charakters und seiner Schriftstellerei nur so strotzte.

„Skull-Face and Others“ war das letzte Projekt, bei dessen Realisierung Otis Adelbert Kline half. Er starb 1946, zwei Jahre nachdem Dr. Isaac Howard einem Herzanfall erlegen war. Damit waren innerhalb von 10 Jahren alle Personen, die mit der Verwaltung seines Vermächtnisses betraut waren und Robert persönlich kannten, verstorben. Bis zu Isaacs Tod war die Situation eindeutig: abgesehen von den Geschichten, die in den Pulp Magazinen veröffentlicht worden waren, besaß allein Roberts Vater die Rechte an seinem Material. Er war sein Nachlassverwalter, niemand stellte seine Rechteinhaberschaft in Frage. Otis Kline unterstützte ihn in seiner Funktion als Agent dabei, Roberts unveröffentlichte Werke auf dem Markt anzubieten. Die beiden Männer erfüllten ihre Verpflichtung vorbildlich. Leider hielt diese Klarheit nicht an. In den kommenden Jahren gestaltete sich die Frage der Urheberrechte und der postmortalen Repräsentation von Robert als Schriftsteller zunehmend chaotisch und unübersichtlich. Diese tragische Entwicklung nahm ihren Anfang mit Isaacs Testament, in dem er festlegte, dass er seinen Besitz seinem Freund und Kollegen Dr. Pere M. Kuykendall vererben wollte und mit der Übernahme von Klines Agentur durch seinen Partner Oscar J. Friend.

Als Isaac starb, war Roberts erhaltene Arbeit in drei verschiedene Stapel unterteilt. Der erste bestand aus all den veröffentlichten Geschichten, die in den Archiven der entsprechenden Pulp Magazine lagerten. Der zweite umfasste unveröffentlichtes Material, das sich im Besitz von Otis Kline befand, der es gewissenhaft zu verkaufen versuchte. Der dritte und letzte Stapel ging als „Trunk“ in die Historie ein. Dabei handelte es sich um einen gewaltigen Schrankkoffer, in dem Robert einfach alles aufbewahrt hatte, was unfertig war, sich nicht verkaufen ließ, er wieder verworfen oder nie für die Augen der Öffentlichkeit bestimmt hatte: Geschichten, Gedichte, Briefe, Fragmente, Notizen, Entwürfe, Ideen und vieles mehr. Zusammengefasst enthielt der „Trunk“ den gesamten Wust von Papieren, der sich im Leben eines produktiven Schriftstellers eben ansammelt. Wie gesagt gehörten die beiden Stapel mit unveröffentlichtem Material ausschließlich Isaac und gingen nach seinem Tod auf seinen Erben Pere M. Kuykendall über. Isaac hatte allerdings den Wunsch geäußert, den „Trunk“ E. Hoffmann Price zu vermachen, dem Kuykendall gewissenhaft nachkam. Außerdem ließ sich Kuykendall weiterhin von der Agentur von Otis Adelbert Kline vertreten, die ab 1946 von Oscar J. Friend geleitet wurde.

Oscar J. Friend (Jahr unbekannt), Lizenz: Friendhelper, Oscar J. Friend, CC BY-SA 4.0

Ich bin keine Expertin in Urheberrecht. Ich behaupte nicht, dass ich die damalige Rechtslage bezüglich Roberts Vermächtnis komplett durchschaut habe. Da es für die folgenden Ereignisse jedoch wichtig ist, möchte ich versuchen, sie zumindest im Rahmen meines Verständnisses so gut wie möglich laienhaft zu erläutern.
Wollte jemand Werke von Robert E. Howard veröffentlichen, zum Beispiel in einer Anthologie wie „Skull-Face and Others“, brauchte diese Person dafür die Erlaubnis von Oscar Friend als Agent des Nachlassverwalters P.M. Kuykendall. Sollte die Sammlung darüber hinaus Geschichten enthalten, die ursprünglich in den Pulp Magazinen erschienen waren, war eine Freigabe seitens der Pulps notwendig. Conan war ein Sonderfall, weil Farnsworth Wright bereits zu Roberts Lebzeiten acht der Conan-Geschichten freigegeben hatte, damit Robert sie auf dem europäischen Markt anbieten konnte (das Vorspiel zum Roman „The Hour of the Dragon“), was leider nie zu einer Veröffentlichung führte. Für diese Geschichten reichte eine Einigung mit Friend bzw. Kuykendall deshalb aus, ebenso wie hinsichtlich des Materials, das unveröffentlicht geblieben war. Kam ein Projekt zustande, erhielt Kuykendall Tantiemen für die Verwendung der Originaltexte. Interpretiere ich Mark Finns Ausführungen korrekt, wurde neben den längst freigegebenen Conan-Geschichten zu dieser Zeit kaum Material neuverlegt, das den Pulps gehörte. Es ist mir allerdings nicht möglich, den urheberrechtlichen Status jeder der vielen Geschichten in Roberts Kanon nachzuvollziehen, daher möchte ich betonen, dass alle Informationen in diesem Absatz mit Vorbehalt zu behandeln sind und lediglich meine Auslegung darstellen. Dennoch hoffe ich, dass sie euch helfen, die künftigen Entwicklungen besser zu verstehen.

1949 wurde Oscar Friend von Martin Greenberg angesprochen, der in seinem Verlag Gnome Press eine mehrbändige Hardcover-Sammlung von Roberts Geschichten herausbringen wollte. Conan war dafür aus mehreren Gründen eine naheliegende Wahl. Er war bei einem relativ breiten Publikum beliebt, die Urheberrechte von acht Geschichten waren bereits freigegeben und Robert hatte späteren Verleger_innen den Gefallen getan, noch zu Lebzeiten einen Conan-Roman zu verfassen, der veröffentlichungsfertig nur darauf wartete, den Buchmarkt zu erobern: „The Hour of the Dragon“. Dieser wurde dann auch tatsächlich der erste Band der Sammelausgaben von Gnome Press und erschien 1950 unter dem neuen Titel „Conan the Conqueror“. Der Verlag hatte mit der gebundenen Ausgabe hinreichenden Erfolg, um die Reihe fortzuführen. Etwa in diesem Zeitraum betrat Lyon Sprague de Camp das erste Mal die Bühne der howardschen Vermächtnisverwaltung. De Camp war selbst Schriftsteller; er war in dem Subgenre der Science-Fiction aktiv, das später als „Hard Science-Fiction“ bekannt wurde. Als solcher war er dem Realismus seiner futuristischen Szenarien verschrieben (Todesstrahlen waren out), doch seine Leidenschaft galt der Fantasy. Seinen eigenen Angaben nach begegnete er Conan schon, als dieser durch die Seiten von Weird Tales marschierte, war jedoch nicht von ihm überzeugt, weil ihm diverse historische Ungenauigkeiten, die er entdeckt haben wollte, nicht passten. Als „Conan the Conqueror“ erschien, gab er dem Cimmerier noch einmal eine Chance und rezensierte das Buch für die 1951er Ausgabe von Astounding Science Fiction. Er schrieb, dass Robert ein „beinahe sehr guter“ Autor war, der „gewisse limitierende Macken“ vielleicht überwunden hätte, hätte er sich nicht in jungen Jahren umgebracht. Er bezeichnete Roberts fiktives Worldbuilding als dessen größte Schwäche, weil es nachlässig zusammengewürfelt sei. Zwischen den Zeilen nannte er ihn also unreif und schlampig und kritisierte ihn indirekt für seine Entscheidung, sich das Leben zu nehmen.

L. Sprague de Camp (vermutlich 1940er Jahre) © Worlds Without End

Dennoch war de Camp von Conan offenbar beeindruckt genug, um über Umwege Kontakt zu Oscar J. Friend aufzunehmen. Es ist nicht klar, was er sich davon ursprünglich erhoffte, ob er zielgerichtet versuchte, in den Veröffentlichungsprozess der Gnome Press – Ausgaben involviert zu werden. Ebenso wenig ist bekannt, wieso Friend de Camps Unterstützung annahm, obwohl er mit dem Verkauf von Roberts unveröffentlichten Geschichten durchaus auch allein erfolgreich war. Der genaue Ablauf bleibt ein Rätsel. Fakt ist, Friend erlaubte de Camp, drei der Conan-Geschichten, die Robert nicht bei Weird Tales platzieren konnte, zu überarbeiten. Es handelte sich um „The Frost-Giant’s Daughter“ (bzw. „Gods of the North“), „The God in the Bowl“ und „The Black Stranger”. Alle drei wurden in ihren überarbeiteten Fassungen von 1952 bis 1953 in verschiedenen Magazinen publiziert. Bestätigt von diesem positiven Ergebnis wurde de Camp damit beauftragt, seine Arbeit auszuweiten und „neue“ Conan-Geschichten für Gnome Press zu produzieren. Von da an kannte de Camp quasi kein Halten mehr. Er nahm sich weitere unveröffentlichte Geschichten aus Roberts Nachlass vor und schrieb diese so um, dass sie Conan enthielten. Er bediente sich frei vor allem bei Roberts historischer Fiktion, verwandelte Figuren wie El Borak, Kirby O’Donnell und Black Vulmea in Conan und beendete sogar erhaltene Fragmente, darunter „The Snout in the Dark“, „The Hall of the Dead“ und „Wolves Beyond the Border“. Er drückte Roberts Werken seinen Stempel auf und präsentierte der Welt Conan, wie er ihn sah, nicht, wie Robert ihn konzipiert hatte.

Ich finde keine Worte, um auszudrücken, wie empört ich von diesem Umgang mit Roberts Vermächtnis bin. Man muss sich bewusst machen, was de Camp mit Einverständnis von Friend und der Familie Kuykendall da tat: er löste große Teile aus Roberts Nachlass heraus und pfuschte daran herum, um Geld zu verdienen. Ich lege meine Hand dafür ins Feuer, dass dieses Verhalten nicht in Roberts Sinne war. Hätte er einige seiner unveröffentlichten Geschichten in Conan-Geschichten umwandeln wollen, hätte er das getan – wir wissen schließlich, dass er diesbezüglich wenig Hemmungen hatte und nicht zu Sentimentalität neigte. Aus meiner Sicht hatte de Camp weder das Recht, Roberts Geschichten zu verändern, noch hatte Friend das Recht, diese Überarbeitungen zu gestatten. Natürlich argumentiere ich hier rein auf ethisch-moralischer Ebene, juristisch konnte Friend in Vertretung des Nachlassverwalters Dr. Kuykendall mit dem Material tun und lassen, was er wollte. Aber es will mir nicht in den Kopf, wie er dieses gewaltige Eingreifen gutheißen und legitimieren konnte. Wie konnte er zulassen, dass Roberts Andenken dermaßen verzerrt und überschrieben wurde? Ich begreife es nicht. Erschwerend kommt hinzu, dass de Camp augenscheinlich wenig Respekt für Roberts Arbeit empfand. Er besaß die Unverschämtheit, zu behaupten, dass Roberts Figuren im Grunde alle aus demselben Holz geschnitzt seien und seine Revisionen lediglich eine Frage von Namensänderungen und eine Anpassung der Umstände inklusive der Integration übernatürlicher Elemente waren. Wie man beispielsweise Conan und El Borak über einen Kamm scheren kann, erschließt sich mir nicht. Es ist ein Skandal, was Roberts Vermächtnis angetan wurde und ich bin sehr froh, dass die de Camp – Versionen seiner Werke heutzutage nicht mehr der Veröffentlichungsstandard sind.

Ich weiß nicht, wie es euch ergeht, aber mich regt die Materie fürchterlich auf. Deshalb tue ich mir selbst einen Gefallen und rufe an dieser Stelle eine Pause aus, damit ich mich wieder ein wenig beruhigen kann. Morgen geht es hier weiter – ich kann euch allerdings schon verraten, dass es nicht besser wird. Vielleicht besorge ich mir vorsorglich einen Eisbeutel, den ich mir während der folgenden Entwicklungen in den Nacken legen kann, um mein Temperament zu kühlen. Schaut wieder vorbei!

 

Quellenverzeichnis (PDF)

Header-Bildquellen
Wild West – Landschaft: Seita/Shutterstock.com
Schwert im Felsen: KUCO/Shutterstock.com

 

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