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Robert E. Howard – The Conan Chronicles

16 Okt

Heute werde ich berichten, wie die Conan-Geschichten von Robert E. Howard auf mich wirkten und wie sie mir gefielen. Diese Rezension unterscheidet sich von meinen üblichen Buchbesprechungen, weil ich beschlossen habe, theoretische Hintergründe komplett auszuklammern. Es ist einfach nicht nötig, auf diese Aspekte einzugehen, weil die Rezension im Rahmen meines umfangreichen Blogprojekts zu dem vermutlich berühmtesten Barbaren der Kulturgeschichte und dessen Schöpfer erscheint. Wer sie „in Echtzeit“ am Veröffentlichungstag liest, dürfte demzufolge bereits über ein recht detailliertes Bild dieses Themenkomplexes verfügen. Wer hingegen später darüber stolpert, sollte zumindest das Kapitel „Conan: Der texanische Barbar“ lesen, um eine kontextuelle Einordnung zu erhalten, denn diese werde ich heute nicht vornehmen. Heute werde ich mein Herz sprechen lassen und meinen Kopf ausschalten – oder es zumindest versuchen.

Bevor ich mein Herz befrage, was es von Conan hielt, möchte ich allerdings ein paar Sätze zu meinen Ausgaben verlieren, denn wie wir in den späteren Beiträgen des Blogprojekts lernen werden, ist es keineswegs unerheblich, welche Versionen der Geschichten man liest. Sorgt euch nicht, falls ihr mit diesen Informationen jetzt noch nicht allzu viel anfangen könnt; ich verspreche euch, spätestens nach dem Kapitel zu Roberts Vermächtnis, das nächste Woche online gehen wird, ergeben sie Sinn.
Derzeit besitze ich „The Conan Chronicles“ als Doppelausgabe des britischen Verlags Gollancz. Der erste Band „The Conan Chronicles“ erschien 2008 im Rahmen ihrer „Ultimate Fantasies“- Reihe, der zweite Band „The Hour of the Dragon“ 2001 im Rahmen ihrer „Fantasy Masterworks“-Reihe. Enthalten sind alle 21 Geschichten, fünf Fragmente, das Gedicht „Cimmeria“, die Essays „The Hyborian Age“ und „Notes on Various Peoples of the Hyborian Age“ sowie eine Karte des hyborischen Zeitalters. Anhand der Urheberrechtsverzeichnisse in beiden Bänden gehe ich davon aus, dass ich Roberts Originaltexte ohne Überarbeitungen und Ergänzungen von L. Sprague de Camp gelesen habe.

So, Theorie beiseite, Vorhang auf für Conan.

Das hyborische Zeitalter war vom Geräusch singender Schwerter untermalt. Es war eine Epoche der Gewalt und des Blutvergießens, der Kriege, Aufstände, wilder Magie und mythischer Kreaturen. Doch ein Mann fürchtete weder Mensch noch Bestie. Ein Mann, geboren auf den gnadenlosen Schlachtfeldern Cimmerias, dem ein außergewöhnliches Schicksal bestimmt war. Er war ein Barbar, groß und stark wie ein Löwe. Seine Feinde erzitterten vor dem Klang seiner Stimme und der Schärfe seiner Waffen. In seinen blauen Augen brannten Abenteuerlust, Ehrgeiz und Heldenmut. Er bereiste die ganze Welt, war ein Dieb, ein Soldat, ein Pirat, ein Söldner, ein König und beuge sein Knie vor niemandem. Noch heute erzählt man von seinen Taten. Noch heute erinnert man sich an seinen Namen, der erst zum Mythos und dann zur Legende wurde: Conan.

Es war amüsant, nach so langer Zeit meine Notizen zu meiner zweibändigen Sammlung aller originalen Conan-Geschichten zu konsultieren. Ihr müsst verstehen, dass ich den ersten Band „The Conan Chronicles“ vor beinahe zwei Jahren gelesen habe, den zweiten Band „The Hour of the Dragon“ vor etwa anderthalb Jahren. Oh ja, so lange geht das schon mit mir und Conan. Ich ahnte bereits nach der Lektüre des ersten Bandes und einer kurzen Recherche zum Autor, dass eine normale Rezension nicht ausreichen würde, um allen Aspekten des Fantasy-Klassikers gerecht zu werden. Dennoch verfasste ich meine Notizen wie sonst auch, weil ich damals noch nicht wusste, wie genau ich die Besprechung und alle zusätzlichen Informationen organisieren wollte. Das heißt, ich habe Conan bewertet lange bevor ich mir all das Hintergrundwissen aneignete, durch das wir uns nun gemeinsam in diesem Blogprojekt arbeiten. Rückblickend finde ich es sehr unterhaltsam, welche Richtung meine Gedanken einschlugen, was mir auffiel, was ich bemängelte und was ich mochte.

Für mich bedeutete es eine Umstellung, dass die gesamte originale Conan-Saga aus Kurzgeschichten besteht. Ich bin sonst Romane gewohnt und vor meiner Begegnung mit Conan und Robert E. Howard empfand ich für diese literarische Gattung eine tief verwurzelte Skepsis, die aus meiner Schulzeit stammte. Dort hatte ich die Überzeugung verinnerlicht, dass Kurzgeschichten prinzipiell handlungsarm sind und ihr Fokus auf bedeutungsschweren Monologen oder Dialogen liegt. Mir wurde beigebracht, dass sich diese Form der Literatur hauptsächlich dazu eignet, sie zu Tode zu analysieren und interpretieren. Kurzgeschichten zu meiner Unterhaltung zu lesen, wäre mir nie eingefallen, weil ich einfach nicht glaubte, dass sie unterhaltsam sein könnten, von spannend mal ganz zu schweigen. Wäre ich nicht fest entschlossen gewesen, herauszufinden, wieso Robert E. Howard von modernen Autor_innen so oft als Inspiration genannt wird, hätte mich die Tatsache, dass die Conan-Reihe eine Kurzgeschichtensammlung ist, sicher abgeschreckt. Mir wäre eine fundamentale Erkenntnis entgangen. Robert konnte mich umstimmen. Kurzgeschichten können sehr wohl unterhaltsam, spannend und handlungsreich sein. Schade, dass es meinen früheren Lehrer_innen nicht gelang, mir das zu vermitteln.

Obwohl ich mich anfangs an den Rhythmus der Erzählungen gewöhnen musste, weil die grundsätzlich geringere Seitenzahl (verglichen mit den Romanen, die ich normalerweise lese) andere Anforderungen an Handlung und Erzählstil impliziert, begriff ich schnell, dass der Unterhaltungswert und die Qualität einer Kurzgeschichte entscheidend davon abhängen, wie talentiert der Autor oder die Autorin ist und was er bzw. sie damit zu erreichen versucht. Robert wollte seine Leser_innen mitreißen, sie sollten seine Werke genießen und Spaß haben. Ein Bildungsanspruch lag ihm fern, weil er wusste, dass seine Zielgruppe daran eher bescheidenes Interesse hatte, wenn sie Pulp Magazine kaufte. Deshalb schrieb er aufregende Geschichten voller Action und Abenteuer, die er exakt so konzipierte, dass sie auf wenigen Seiten ihre Wirkung entfalten. Er hatte die Gabe, nicht viele Worte zu brauchen, um auszudrücken, was er sagen wollte und den Bildern seiner Fantasie effektvoll Leben einzuhauchen. Seine Botschaften und Motive transportierte er klar und eindeutig, sodass ich selbst ohne Vorwissen fähig war, sie intuitiv zu erkennen. Die Conan-Geschichten sind leserfreundlich und verständlich, wodurch sie auch heute, beinahe 90 Jahre nach ihrem Entstehen, noch immer problemlos lesbar und relevant sind. Als positives Exempel zeigte er mir, dass effiziente, pointierte Schriftstellerei eine hohe Kunst ist, die leider nur wenige wirklich beherrschen, weil sie außerordentliche Disziplin verlangt.

Unabhängig von der schriftstellerischen Finesse der Erzählungen muss ich allerdings berichten, dass sich für mich kein richtiger Lesefluss einstellen wollte. Ich denke, das lag daran, dass ich Schwierigkeiten hatte, die einzelnen Stationen in Conans Biografie als Gesamtbild zu begreifen und sie als singuläre Episoden wahrnahm. Es gelang mir nicht, die inhaltlichen Relationen zwischen den Geschichten zu durchschauen, wodurch ich mich zu sehr auf die strukturellen Ähnlichkeiten konzentrierte. Das durchschnittliche Conan-Abenteuer beginnt mit einer Nebenfigur in einer Notlage, die sich entweder bereits in der Gesellschaft des Cimmeriers befindet oder wenig später auf ihn trifft; Conan nimmt sich des Problems an, schlägt die Bösen zu Mus und rettet den Tag. Nicht alle Geschichten folgen diesem Verlauf, aber eben doch viele. Ich fand es ermüdend, dass Conan jedes Mal aufs Neue vorgestellt wird, wenngleich ich Verständnis dafür habe, dass Robert wahrscheinlich nicht voraussah, dass jemand die Abenteuer des Cimmeriers hintereinanderweg lesen könnte und er ihn für Quereinsteiger_innen deshalb in jeder Erzählung erneut etablierte. Es gefiel mir hingegen, dass er ihn meist durch die Augen der stets wechselnden Nebenfiguren beschrieb, weil ich auf diese Weise einen umfassenden Eindruck seiner Ausstrahlung und seiner Wirkung auf andere erhielt: wild, riesig, gefährlich und geschmeidig wie eine Großkatze.

Conan selbst verblüffte mich. Wisst ihr, ich hatte vorher bestenfalls ein sehr vages Bild des Barbaren. Meiner Erinnerung nach habe ich nie die Comics gelesen, nie die Cartoons geschaut, nie die Spiele gespielt und auch nie den Film „Conan der Barbar“ oder die Fortsetzung „Conan der Zerstörer“ mit Arnold Schwarzenegger gesehen. Ich kannte Conan ausschließlich als popkulturelles Phänomen, glaubte die Vorurteile, die über den Cimmerier existieren und setzte daraus meine Erwartungshaltung zusammen. Ich hielt ihn für die Verkörperung aller überholten Maskulinitätsklischees und rechnete damit, dass ich haufenweise unschöne oder pathetische Szenen und ausufernde Gewalt gegen Frauen aushalten müsste. Ich war auf das Allerschlimmste gefasst. Deshalb überraschte es mich, dass die meisten Geschichten und demzufolge auch Conan trotz einer gewissen Rückständigkeit deutlich zahmer sind, als ich befürchtet hatte. Natürlich sind sexistische, objektifizierende und rassistische Details nicht von der Hand zu weisen, doch mir war lange vor meinen Recherchen klar, dass ich nicht den Fehler machen durfte, den historischen Entstehungskontext zu ignorieren und die Geschichten nach heutigen Maßstäben zu bewerten. Im Vergleich zu der Literatur, die in den 1930er Jahren sonst sowohl in den Pulp Magazinen als auch auf dem regulären Buchmarkt kursierte (man denke nur an die „Dr. Fu Manchu“-Romane von Sax Rohmer), wirkt Conan nahezu aufgeklärt.

Zu meinem Erstaunen fand ich heraus, dass Conan kein monströser, hirnloser Koloss ist, der mordend, brandschatzend und vergewaltigend ohne Rücksicht auf Verluste durch das hyborische Zeitalter zieht. Er ist ein kluger, einfallsreicher und strategisch agierender Antiheld, dessen Benehmen sicher hin und wieder fragwürdig ist, weil er ausschließlich seinem persönlichen Moralkodex gehorcht, dessen Herz aber zweifellos am rechten Platz sitzt. Diese Ambivalenz war zu erwarten, ich rechnete hingegen nicht damit, dass Conan so intelligent sein würde. Im Nachhinein tut es mir leid, dass ich diesem Stereotyp erlag, aber ich glaubte wirklich, er wäre kaum schlauer als ein Stück Brot. Glücklicherweise belehrte mich gleich meine erste Begegnung mit ihm in „The Tower of the Elephant“ eines Besseren. Darin hält sich der junge Conan in der zamorischen Stadt der Diebe Arenjun auf. Er erfährt von einem kostbaren Juwel, das im Turm des bösen Zauberers Yara aufbewahrt wird und beschließt, das wertvolle Stück zu stehlen. Bereits die ersten Szenen überzeugten mich, dass Conan cleverer sein musste, als ich dachte, denn er befindet sich weit entfernt von seiner Heimat Cimmeria und ist dennoch fähig, sich in der zamorischen Sprache zu verständigen. Wer eine Fremdsprache erlernen kann, kann kein tumber Dummkopf sein. Die Lektüre seiner weiteren Abenteuer bestätigte diese Schlussfolgerung. Immer wieder bereist Conan neue Territorien der hyborischen Welt und wird mit neuen Kulturen und Sprachen konfrontiert. Stets gelingt es ihm, sich soweit anzupassen, dass er seine (manchmal recht impulsiven) Pläne verfolgen und sich mit der jeweiligen Bevölkerung austauschen kann. Oft nimmt er sogar eine Führungsposition ein, was bedeutet, dass er die lokalen Machtstrukturen durchschaut und sie zu seinem Vorteil nutzt. Dieses Verhalten setzt einen wachen, flexiblen Geist voraus und es freute mich, dass Conan demzufolge dem Klischee des minderbemittelten Barbaren widerspricht. Am Ende seiner Karriere, als König von Aquilonia, ist er nicht nur ein erfahrener Stratege, der Situationen sehr schnell erfasst, sondern auch ein wandelndes Sprachenwunder des kulturell vielfältigen hyborischen Zeitalters.

Das hyborische Zeitalter ist ein reizvolles Setting, ich kann jedoch nicht behaupten, dass ich Roberts Crashkurs in prä-hyborischer Historie, „The Hyborian Age“, genoss. Das Essay ist in meiner Gollancz-Ausgabe der erste Text und war dementsprechend mein allererster Kontakt mit dem texanischen Autor. Ich habe mich gequält. So ungern ich es zugebe, das Essay las sich für mich äußerst zäh. Ich verstand selbstverständlich, dass diese Abhandlung für Roberts Worldbuilding ungemein wichtig war (wie wichtig, werden wir in der Leseanleitung erörtern), doch ein Spaß war dieser Teil meiner Conan-Leseerfahrung nicht. Hauptsächlich nahm ich daraus mit, dass sich alle Völker irgendwann gegenseitig niedermetzelten. Nichtsdestotrotz war es interessant, seine Mythenbildung in Aktion zu erleben und ihn die Menschheitsgeschichte umschreiben zu sehen. Meiner Vorstellungskraft half es später tatsächlich, dass er die hyborischen Kulturen mit bekannten Völkern in Verbindung brachte, da mich äußerliche Merkmale und Bräuche bei der Zuordnung und Orientierung unterstützen. Die Lektüre von „The Hyborian Age“ ist außerdem nützlich, um die latent rassistischen Untertöne der Conan-Geschichten besser deuten zu können, weil das Essay veranschaulicht, dass Robert zwar diskriminierende Formulierungen verwendete, grundsätzlich aber kein Volk aufgrund von Hautfarbe oder anderen Eigenschaften vorzog. Alle siegten mal, alle verloren mal. Wie Sieger und Verlierer aussahen, spielte für ihn keine Rolle, ihm ging es nur darum, den zyklischen Verlauf der Historie und Barbarei als natürlichen Zustand der Menschheit abzubilden, die die Zivilisation stets übertrumpfen wird. Der einzige, der immer eine überlegene Position einnimmt, ist Conan – nicht, weil er weiß ist, sondern weil er ein Barbar und in jeglicher Hinsicht ein Ausnahmetalent ist.

Zieht man Conans prinzipielle Überlegenheit in Betracht, ergibt sich automatisch, dass er auch all seine weiblichen Begleiterinnen dominiert. So wenig mir das gefällt, es ist ein Fakt. Entscheidend ist hier allerdings, dass er sie dennoch sehr selten physisch unterwirft. Das hat er nicht nötig. Vielmehr akzeptieren die Frauen in Conans ereignisreichem Leben intuitiv das Machtgefälle zwischen ihnen, durch das sie von ihm abhängig sind. Sie teilen sich in zwei Kategorien: entweder qualifizieren sie sich als Fräulein in Nöten oder als kriegerische Amazonen. Die Fräulein in Nöten, die zu irrationalen Gefühlsausbrüchen neigen, behandelt Conan häufig offen herablassend; bei den Amazonen äußert sich das unausgeglichene Gleichgewicht zwischen ihnen hingegen subtiler. Egal, wie selbstständig und wehrhaft sie sind, Conan gibt den Ton an, trifft Entscheidungen allein und muss sie früher oder später retten. Roberts Darstellung dieser weiblichen Figuren ist daher im Vergleich zu den Fräulein in Nöten, die in der Pulp Literatur die Norm waren, zwar tendenziell fortschrittlich, doch von echter Emanzipation kann man nicht sprechen. Ich habe allerdings auch nicht erwartet, in Conan einen Feministen vorzufinden und war dementsprechend bereits dankbar, dass nicht alle weiblichen Charaktere in Roberts Geschichten hilflose, naive und furchtsame Sensibelchen sind. Darüber hinaus erleichterte es mich ausgesprochen, dass es in 21 Erzählungen und fünf Fragmenten keine einzige Vergewaltigungsszene gibt. Man kann sicher darüber diskutieren, ob Conan diese Grenze in „The Frost-Giant’s Daughter“ überschritten hätte, hätte Robert es ihm gestattet, aber soweit ließ der Autor es eben nicht kommen. Er hielt seinen Protagonisten auf, bevor er etwas Unverzeihliches tun konnte.

Conans Verhältnis zum weiblichen Geschlecht ist aus heutiger Sicht antiquiert und Roberts Beschreibungen sind zweifellos sexistisch, ich finde es jedoch wichtig, zu betonen, dass ich mich in meiner Weiblichkeit nie beleidigt fühlte und nicht den Eindruck hatte, dass der Schriftsteller misogyne Ansichten hegte. Er wiederholte lediglich die Rollenbilder der 1930er Jahre, die nun einmal sexistisch waren und schrieb Geschichten, die auf die Vorlieben seines Publikums ausgerichtet waren, das sich nicht nur aus Männern, sondern auch aus Frauen zusammensetzte. Seine sexistischen, objektifizierenden Darstellungen beschränkten sich deshalb nicht ausschließlich auf seine weiblichen Figuren. Allen Leser_innen, die sich daran stören, dass Conans Begleiterinnen häufig halb- oder sogar völlig nackt sind, rate ich, zu vergleichen, wie oft Conan selbst spärlich bekleidet ist. Objektifizierung ist niemals in Ordnung, doch in den Abenteuern des Cimmeriers ist sie immerhin kein Phänomen, unter dem ausnahmslos weibliche Charaktere leiden. Ebenso wenig sind es ausschließlich Frauen, die als nicht vertrauenswürdig porträtiert werden – tatsächlich bekommt es Conan überwiegend mit intriganten, hinterlistigen Männern zu tun. Meiner Meinung nach behandelte Robert all seine Figuren im Rahmen der Geschlechterrollen seiner Zeit gleich, wodurch ich mich weniger dagegen sperrte, diese veralteten Klischees hinzunehmen.

Dass Conan im doppelten Sinne aus einer anderen Zeit stammt, lässt sich nicht ignorieren und ist besonders offensichtlich, wenn man seine Gegner_innen beleuchtet. Während die Feindbilder der Reihe fast ausnahmslos skrupellose, gierige, grausame und verschlagene Menschen sind, die Roberts Ansichten zur Zivilisation symbolisieren und die man auch heute noch sehr oft in der Fantasy findet, empfand ich viele der Monster, gegen die Conan antritt, als altmodisch. Die Unterscheidung zwischen „Feindbild“ und „Monster“ ist meiner Meinung nach bedeutsam, weil den Kreaturen selten böswillige Absichten unterstellt werden, sondern sie schlicht ihren angeborenen Instinkten folgen und dementsprechend keine Verantwortung für ihr Handeln tragen. Sie sind nicht Conans Feinde, sie sind Tiere und Robert nutzte häufig tierische Attribute, um sie zu beschreiben. Die meisten sind affenähnliche oder schlangenhafte Bestien. Mir fiel auf, dass ihre Bedrohlichkeit, ihr Gruselfaktor, wenn man so will, hauptsächlich dadurch zustande kommt, dass Robert mit ungewöhnlichen oder missgestalteten Proportionen arbeitete, die manchmal an Mutationen grenzen. Ich muss zugeben, obwohl ich für Tierhorror sonst überhaupt nicht empfänglich bin, fand ich einige der Exemplare aus seiner Menagerie doch ganz schön unheimlich. Das hätte ich nicht gedacht, schließlich tauchen in der modernen Fantasy teilweise Kreaturen auf, die wesentlich origineller gestaltet sind und die lassen mich meistens kalt. Vermutlich sprach er da eine Urangst im Unterbewusstsein an, die in uns allen schlummert. Altmodisch muss eben nicht gleich harmlos bedeuten.

Conans Feinde sind immer Menschen, aber nicht alle sind normalsterblich. Die Saga begründete das Subgenre der Sword and Sorcery – Conan hat das Schwert, seine Gegenspieler_innen die Magie. Magie ist im hyborischen Zeitalter weithin bekannt und verbreitet, alltäglich schien sie mir jedoch nicht zu sein. Ich hatte das Gefühl, wenn man nicht gerade Conan heißt und beruflich Bösewichte verprügelt, muss man schon gewaltiges Pech haben, um mit Magie konfrontiert zu werden. Ja, Pech, denn offenbar wird sie vornehmlich zu finsteren Zwecken eingesetzt. Ich kann mich an keine einzige Begebenheit in 21 Geschichten erinnern, die eine positiv besetzte Anwendung darstellt. Dennoch wirkte sie auf mich nie grundsätzlich böse. Robert vermittelte mir immer, dass es die Anwender_innen sind, die den Charakter der Magie bestimmen. Bösartige Menschen praktizieren bösartige Magie, weil sie bösartige Ziele zu erreichen versuchen. Ein konsequentes System konnte ich dabei nicht erkennen; ich glaube nicht, dass Robert sich viele Gedanken darüber machte, wie Magie in seiner fiktiven Welt funktioniert, welchen Gesetzmäßigkeiten sie folgt und welche Voraussetzungen für ihren Einsatz erfüllt sein müssen. Es finden sich unter anderem Beispiele von ritualistischer Opfermagie, Beschwörungsmagie, Fluchmagie und Hypnosemagie. Für mich war es nicht problematisch, diese Vielfalt zu akzeptieren, weil die Szenen, in denen Magie zur Anwendung kommt, in sich plausibel wirkten, unabhängig davon, wie die Praktik selbst aussah. Ich muss allerdings erwähnen, dass Conan beinahe immun gegen magische Angriffe ist und sich deshalb kaum dafür interessiert, was seine Feinde so zusammen zaubern. Er hinterfragt die Magie nicht, weshalb es auch für mich leicht war, sie als gegeben hinzunehmen. Tatsächlich fand ich ihre Einbindung dadurch sehr natürlich, selbst ohne explizit formuliertes Magiesystem.

Insgesamt war ich positiv überrascht von Conan und seinen Abenteuern. Ich erwartete einen völlig überspannten, cholerischen, gewalttätigen, dummen Höhlenmenschen mit dem emotionalen Tiefgang einer Gurkenscheibe – bekommen habe ich einen erstaunlich lockeren, witzigen, klugen und vor allem fehlbaren Typen, mit dem ich ohne Schwierigkeiten auskommen konnte, sobald ich begriffen hatte, dass Robert ihn zwar wild, barbarisch und primitiv nennt, dahinter aber keine negative Konnotation steckt. Im Gegenteil, gerade weil er ein Barbar ist, ist er zu Taten fähig, die zivilisierte Männer nicht vollbringen können. Darin spiegelt sich natürlich Roberts Ablehnung des Konzepts der Zivilisation wider und manchmal wirkte Conans Weltauffassung daher befremdlich auf mich, doch das hinderte mich nicht daran, Sympathie für ihn aufzubauen. Ja, ich kann von mir behaupten, dass ich Conan mag und ich mochte viele der Geschichten, weil sie aufregend, rasant und direkt sind. Ihr Einfluss auf die moderne Fantasy ist deutlich spürbar; Roberts Erzähltechniken werden bis heute genutzt und meiner Meinung nach ebneten seine unverblümten, plastischen Gewaltdarstellungen vielen Fantasy-Epen sowie dem gesamten Subgenre Grimdark den Weg. Oder kann sich irgendjemand „A Song of Ice and Fire“ von George R.R. Martin ohne Mord und Totschlag vorstellen? Ich nicht.

Es beeindruckt mich zutiefst, wie mutig Robert war, als er die Conan-Geschichten schrieb. Nie zuvor hatte es eine Figur wie den Cimmerier gegeben, einen höchst bodenständigen Antihelden, der mit Schwert, Muskelkraft und Verstand gegen Monster und dunkle Magie antritt. Er versuchte etwas völlig Neues, ohne zu wissen, ob er damit Erfolg haben würde. Er war ein Revolutionär und ersann Erzählungen, die sich absolut nicht hinter aktuellen Werken verstecken müssen. Ohne ihn wäre die Fantasy heute nicht, was sie ist. Für das Genre war er mindestens ebenso wichtig wie J.R.R. Tolkien. Es ist nicht fair, dass die Conan-Geschichten heutzutage selten in einem Atemzug mit „Der Herr der Ringe“ genannt werden, wenn es um die Ursprünge der Fantasy geht. Meiner Meinung nach sollte Conan eine Pflichtlektüre für alle Genre-Fans sein. Will man verstehen, wie sich die Fantasy entwickelt, woher sie kommt und wohin sie geht, darf man nicht nur den Briten lesen. Man muss auch den Texaner lesen. Ich für meinen Teil hatte mit Conan weit mehr Spaß als mit Frodo (Ein Fass, das wir jetzt lieber nicht öffnen wollen – Team Sam!) und ich glaube, dass es vielen Leser_innen ähnlich ergehen könnte, weil Robert eben keine hochintellektuelle, anspruchsvolle Literatur verfasste. Er war kein Sprach- und Literaturwissenschaftler wie Tolkien, er war ein disziplinierter, ehrgeiziger Junge aus Texas, der sich voller Fernweh fremde Welten und nervenaufreibende Abenteuer erträumte. Damit möchte ich nicht sagen, dass ich Tolkien nicht dafür bewundere, was er mit „Der Herr der Ringe“ erreichte, aber ich denke, Conan ist publikumsfreundlicher. Er ist einfach cool.

Ich kann euch nur empfehlen, Conan eine Chance zu geben. Wahrscheinlich plagen euch dieselben Vorurteile, von denen ich vor der Lektüre der Geschichten ebenfalls überzeugt war. Glaubt ihnen nicht. Sie sind nicht wahr. Na ja, zumindest nicht alle. 😉 Conan ist so viel mehr als das, was die Popkultur und Arnold Schwarzenegger aus ihm gemacht haben. Er ist vielschichtig, seine hyborische Welt wirkt gleichermaßen angenehm vertraut wie kitzelnd exotisch und seine fantastischen Erlebnisse sind wahrhaft der Stoff, aus dem Legenden sind. Wir alle streben danach, Weltliteratur zu lesen – meiner Ansicht nach ist Conan Weltliteratur, weil er nicht nur über die Grenzen der USA hinaus weit verbreitet, sondern auch für die globale Bevölkerung bedeutsam ist. Ich wünschte, Robert hätte noch erleben können, wie seine Schöpfung diesen Status erreichte. Vielleicht hätte er dann endlich eingesehen, dass er nicht nur ein amateurhafter Hobby-Schreiberling war und seine Selbstzweifel überwunden.

Hätte Robert E. Howard länger gelebt und sich nicht im Alter von 30 Jahren erschossen, wäre Conan allerdings möglicherweise nie so populär geworden, wie er es heute ist, denn der Hype um seine Figur nahm erst etliche Jahre nach Roberts Tod richtig Fahrt auf. Dieser hing entscheidend damit zusammen, wie mit dem Vermächtnis des texanischen Schriftstellers umgegangen wurde. Die Verwaltung seines Nachlasses ging durch zahlreiche Hände. Es gab Phasen, in denen sein Andenken gebührend geehrt wurde, es gab aber auch Phasen, in denen alles mit Füßen getreten wurde, was er zu Lebzeiten erreicht hatte. Dieses Auf und Ab und das Ringen um die Kontrolle über sein Erbe trugen meiner Meinung nach entscheidend zu dem Mythos Conan bei. Deshalb werden wir nächste Woche untersuchen, welche verschlungenen, komplizierten Wege die Nachlassverwaltung nahm und warum es so lange dauerte, bis Roberts Geschichten als signifikante Literatur anerkannt wurden. Macht euch auf dramatische Ereignisse gefasst, die niemand, besonders nicht Robert selbst, vorhersehen konnte!

Quellenverzeichnis (PDF)

Header-Bildquellen
Wild West – Landschaft: Seita/Shutterstock.com
Schwert im Felsen: KUCO/Shutterstock.com

 

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2 Antworten zu “Robert E. Howard – The Conan Chronicles

  1. Horus

    17. Oktober 2020 at 7:38 am

    Es freut mich, dass unter all den Freunden des Fantasy-Genres endlich mal jemand meine Meinung teilt, wie wichtig REH als Einfluss und Initiator ist. Für mich hat sich Fantasy genau im Spannungsfeld zwischen Tolkien und REH entwickelt und dort befindet sie sich im Prinzip noch heute. Es kamen lediglich Einflüsse aus anderen Genres hinzu.

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