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[Robert E. Howard & Conan der Barbar] Kapitel 4 – Conan: Der texanische Barbar (Teil 3)

15 Okt

Hallo und herzlich Willkommen zu einem weiteren Tag in meinem Blogprojekt „Robert E. Howard & Conan der Barbar“. Heute schließen wir die theoretische Analyse der Conan-Geschichten ab. Gestern haben wir erfahren, dass Robert nach 12 Erzählungen eine Auszeit von Conan nahm und etwa sechs Monate später mit „The Devil in Iron“ wieder einstieg. Während dieses Abenteuer eher durchschnittlich ist, zeigte er mit der folgenden Geschichte „The People of the Black Circle“ abermals, dass er ein Meister der Action war…

Weird Tales Ausgabe vom September 1934, in der „The People of the Black Circle“ das Coverfeature war, illustriert von Margaret Brundage, als gemeinfrei gekennzeichnet, Details auf Wikimedia Commons

„The People of the Black Circle“ war die erste Conan-Novelle und bietet eine komplexe, intelligente Handlung voller Action, Schwertkämpfe und auf Hypnose basierender Magie. Ich erinnere mich an einige epische Szenen. Conan, der zu einer Besprechung durch ein hochgelegenes Fenster erscheint, wutschnaubend und eindrucksvoll. Verfolgungsjagden zu Pferd. Eine sensationelle Belagerungsschlacht vor einem Berg. Wilde, gefährliche Magie. Robert E. Howard konzipierte „The People of the Black Circle“ sehr anschaulich und greifbar; er zeigt seinen Leser_innen, was passiert, statt sie darüber in Dialogen aufzuklären, wie er es zuvor oft tat. Dieser Unterschied ist spürbar und gestaltet die Lektüre rasant und nervenaufreibend. Die wichtigste Figur neben Conan ist Prinzessin Yasmina, die Schwester des Königs von Vendhya, der von den Hexern des Schwarzen Zirkels tödlich verflucht wurde. Yasmina schwört Rache und plant, Conan als ihr Werkzeug einzusetzen. Sie bietet ihm an, seine inhaftierten Männer freizulassen, wenn er dafür den Schwarzen Zirkel unschädlich macht. Wie zu erwarten war, ist Conan von diesem Erpressungsversuch nicht begeistert und entführt Yasmina kurzentschlossen durch das oben erwähnte Fenster (noch so eine epische Szene), um ebenfalls über ein Druckmittel zu verfügen. Die Entführung läuft allerdings nicht ganz wie angenommen, denn Yasmina ist alles andere als eine furchtsame, devote Maid. Sie gibt Conan Kontra, zankt mit ihm und als sie sich letztendlich zusammenraufen, weil sich ihre Interessen dann doch überschneiden, findet er in ihr eine kluge, unabhängige, einfallsreiche Frau, die mit allen Wassern gewaschen ist.

Zum zweiten Mal nach Bêlit versuchte Robert, eine weibliche Figur zu integrieren, deren Persönlichkeit nicht dem typischen Fräulein in Nöten entspricht. Obwohl Yasmina diese Rolle rein strukturell durchaus erfüllt, ist sie kein Opfer, sondern nimmt aktiv Einfluss auf die Handlung. Auch verfällt sie Conan nicht blindlings, wie so viele ihrer Vorgängerinnen. Sie fühlen sich zueinander hingezogen, aber Yasmina behält ihren gesunden Menschenverstand und vergisst niemals ihre Verantwortung gegenüber ihrem Heimatland. Sie ist eine Weiterentwicklung von Bêlit und hätte für Conan eventuell eine wunderbare Partnerin sein können, stünden sie nicht auf gegensätzlichen politischen Seiten. Es ist möglich, dass die Begegnung mit Novalyne Price 1933 Robert zu Yasminas Entwurf inspirierte, ich halte das jedoch für eher unwahrscheinlich, weil Robert meiner Ansicht nach erst spät mit aller Konsequenz aufging, dass Novalyne eine Frau und somit mögliche Partnerin war. Mark Finn konstatiert, dass es ebenso möglich ist, dass er die Nase voll vom Figurentyp des Fräuleins in Nöten hatte, denn er mochte die melodramatischen Romanzen in Westernfilmen nie und beschwerte sich in seiner Korrespondenz offen über die Rolle weiblicher Figuren in Seabury Quinns „Jules de Grandin“ – Geschichten. Diese Erklärung erscheint mir plausibler, weil Novalyne Price erst im Herbst 1934 nach Cross Plains zog und es – soweit ich weiß – nach ihrem ersten Treffen bis dahin keinen Kontakt zwischen ihr und Robert gab. Man sollte Novalynes Einfluss nicht überschätzen; Robert hatte durchaus auch ein eigenes Interesse an starken weiblichen Charakteren.

Conans unbestreitbare und ernstzunehmende Popularität in Weird Tales beflügelte Robert und führte zu der Idee, ihn einem anderen Publikum vorzustellen. In den USA kannte man Conan, aber in Großbritannien vermutete Robert einen Markt, der ihm die Chance bot, den Cimmerier außerhalb der Pulps zu etablieren. Er beschloss, Conan dort anzubieten – nicht über das Medium der Kurzgeschichte, sondern als Buch, was ihm vom britischen Verleger Denis Archer vorgeschlagen wurde. Zwei Monate lang arbeitete er ununterbrochen an einem Manuskript, das ein Best-of von Conans Abenteuern darstellt und alles enthält, was ihn beliebt und berühmt macht: das Worldbuilding des hyborischen Zeitalters, seinen schlagkräftigen Antihelden, die Intrigen, Action und Magie und natürlich den Konflikt zwischen Zivilisation und Barbarei. Das Ergebnis taufte er „The Hour of the Dragon“ und schickte es im Mai 1934 an Archer. Leider stand Roberts Karriere als Romanautor nie unter einem guten Stern. Das Manuskript kam zurück. Der Verlag ging laut Wikipedia insolvent, bevor es veröffentlicht werden konnte. Roberts Enttäuschung muss enorm gewesen sein, doch als profitorientierter Schriftsteller, der es sich nicht leisten konnte, ergebnislos so viel Zeit verplempert zu haben, war es undenkbar für ihn, sich von diesem Fehlschlag entmutigen und „The Hour of the Dragon“ ungenutzt in einer Schublade verschwinden zu lassen. Er begnügte sich mit Plan B und verkaufte den Roman an Farnsworth Wright und Weird Tales, wo er zwischen Dezember 1935 und April 1936 als Fortsetzungsgeschichte erschien.

Weird Tales Ausgabe vom Dezember 1935, in der „The Hour of the Dragon“ das Coverfeature war, illustriert von Margaret Brundage, als gemeinfrei gekennzeichnet, Details auf Wikimedia Commons

Vor dem Hintergrund, dass Robert „The Hour of the Dragon” für einen neuen Markt schrieb, ist es naheliegend, dass die Geschichte inhaltlich wie der logische Abschluss von Conans Karriere wirkt und ihn in seiner Rolle als König von Aquilonia zeigt: König Conan verliert durch die Intrigen seines Feindes, des uralten wiedererweckten Magiers Xaltotun, seinen Thron und muss diesen mithilfe eines mystischen Juwels zurückerobern. Es ist eines der ganz wenigen Abenteuer in Roberts Kanon, die ein echtes Quest-Motiv involvieren; die Suche nach dem Juwel, das sogenannte „Herz von Ahriman“, begründet eine episodische Struktur, weil Conan von Ort zu Ort reist, um Vorräte zu erwerben, Hinweise zu sammeln und sich Unterstützung zu beschaffen. Gewisse Parallelen zur Artussage, die Howard-Experten wie Patrice Louinet und Steve Tompkins bemerkten, sind nicht von der Hand zu weisen. Immerhin war der Roman für das britische Publikum gedacht. Es liegt nahe, dass Robert sich grob an einer Mythologie orientierte, die diesen Leser_innen wohl bekannt war.

Wenngleich sich „The Hour of the Dragon” wie der Abschluss der Conan-Saga liest, Robert war noch nicht fertig mit seinem Barbaren. Er verschmerzte die Enttäuschung über seinen gescheiterten Roman und schrieb kurz darauf weiter für das US-amerikanische Pulp-Publikum. Ich freue mich besonders, euch die nächsten beiden Geschichten knapp vorstellen zu können, denn sie zählen zu meinen Favoriten.

Weird Tales Ausgabe vom Dezember 1934, in der „A Witch Shall Be Born“ das Coverfeature war, illustriert von Margaret Brundage, als gemeinfrei gekennzeichnet, Details auf Wikimedia Commons

„A Witch Shall Be Born“ gefiel mir sehr gut und ist vielleicht sogar meine liebste Conan-Erzählung überhaupt, weil sie meiner Ansicht nach in vielerlei Hinsicht ein früher Vertreter der modernen, düsteren Low Fantasy ist. Conan wird nach heutigen Maßstäben ohnehin meist zur Low Fantasy gezählt, aber in dieser Geschichte sehe ich darüber hinaus die ersten Merkmale des mittlerweile recht populären Subgenres Grimdark. Sie liefert uns die ikonische Kreuzigungsszene, die Jahrzehnte später sogar – etwas verfremdet – in den Film „Conan der Barbar“ aufgenommen wurde. Es ist jedoch nicht nur das Level von Gewalt und die brutale, kompromisslose Bildhaftigkeit dieser Geschichte, die sie für mich auszeichnen. Beim Lesen hatte ich erstmals das Gefühl, keine Vorstellung davon zu haben, wie sie enden könnte, weil die Handlung lange Zeit eine Aura von Ausweglosigkeit umgibt. Die meisten anderen Conan-Geschichten folgen Roberts bewährter Formel und stellen die Überlegenheit des Protagonisten niemals in Frage, wodurch sie bis zu einem gewissen Grad berechenbar werden. Hier hatte ich diesen Eindruck nicht, weshalb ich sie sensationell spannend fand. Das Ende ist dann für Roberts Verhältnisse auch tatsächlich ungewöhnlich und überraschend, weil Conan nicht nur sein Ziel erreicht und weiterzieht, sondern einen Sieg für das Gute erringt. Das ist erstaunlich selten der Fall.

Dass ausgerechnet „The Jewels of Gwahlur” ebenfalls zu meinen Lieblingen zählt, amüsiert mich, denn diese Geschichte zeigt Conan fast von einer entgegengesetzten Seite: als schurkischen Dieb, der wenig Gedanken an Kriegerehre oder ähnlich abstrakte Ideale verschwendet. Ursprünglich schrieb Robert sie unter dem Titel „The Servants of Bit-Yakin“, ersann dann den wesentlich interessanteren Titel „The Teeth of Gwahlur“ und musste sich am Ende Farnsworth Wrights Rotstift fügen, der sie als „The Jewels of Gwahlur” veröffentlichte. Darin ist Conan auf der Jagd nach eben jenen Juwelen von Gwahlur und ist sich nicht zu schade, zu lügen, zu bestechen und seine Diebes-Konkurrenz zu übervorteilen, um sie zu bekommen. Ich fühlte mich erfreulich an die „Indiana Jones“-Filme erinnert (außer an den vierten, dessen Existenz die gesamte Menschheit am besten einfach leugnet und vergisst) und hatte deshalb äußerst viel Spaß mit der Lektüre. Durch diese Geschichte begriff ich, wie wenig das popkulturelle Bild von Conan mit der literarischen Figur zu tun hat. Denn obwohl er sich egoistisch und schlitzohrig gibt, bleibt sein individueller Moralkodex intakt, der ihn die richtige Entscheidung treffen lässt, als es darauf ankommt. Er mag ungehobelt, grob und manchmal beinahe unerträglich pragmatisch wirken, unfreundlich und aggressiv sein, aber er ist clever und hat das Herz am rechten Fleck. Es ist schade, dass diese Tatsache heutzutage fast in Vergessenheit geriet und Conan viel zu oft als tumber Rowdy dargestellt wird, der kaum fähig ist, einen geraden Satz herauszubekommen.

17 Conan-Geschichten hatte Robert nun verfasst, darunter einen Roman und mindestens eine Novelle. Ist es verwunderlich, dass er begann, sich zu langweilen? So erfolgreich seine Formel, sein Rezept für Conan war, sehr abwechslungsreich war es nicht. Er hatte bisher keine großen Experimente riskiert und keine bedeutenden Veränderungen vorgenommen, maximal geringere Abweichungen gewagt und sich ansonsten an das bewährte Konzept gehalten. All das sollte sich mit seinem 18. Conan-Abenteuer auf einen Schlag wandeln. Es wurde Zeit für frischen Wind in der Reihe. Er nahm einen radikalen Schnitt vor und katapultierte Conan in eine Umgebung, die ihm sehr vertraut war: an den Frontier.

Möchte man „The Vale of Lost Women” als Roberts ersten Vorstoß lesen, die konfliktreiche Geschichte des Südwestens der USA im Kontext des hyborischen Zeitalters zu verarbeiten, muss man leider resümieren, dass ihm dieser nicht besonders gut gelang. Das grundlegende Problem dieser Erzählung besteht meines Erachtens nach darin, dass er das bestehende Worldbuilding umzudeuten und zu überschreiben versuchte. Das war weder nötig noch sinnvoll. Die vielschichtige Realität des hyborischen Zeitalters bot ihm ausreichend Spielraum, um die Themen, die er aus der texanischen Historie ableitete, fernab der bereits etablierten Grenzen und Kulturen zu untersuchen. Man kann über Robert vieles sagen, aber nicht, dass er nicht lernfähig war. Er nahm sich die Lektion, die ihn „The Vale of Lost Women“ lehrte, zu Herzen. Mit seinem nächsten Versuch wiederholte er die Fehler, die er zuvor begangen hatte, nicht.

Weird Tales Ausgabe vom Mai 1935, in der der erste Teil von „Beyond the Black River“ erschien. Der zweite Teil erschien in der Juni-Ausgabe. © Galactic Central

Für „Beyond the Black River“ konzipierte er ein Szenario, in dem das mächtige Aquilonia als Symbol der Zivilisation danach trachtet, das letzte bekannte Stück Wildnis zu kolonisieren. Dieses Gebiet namens Conajohara, auf dem das aquilonische Fort Tuscelan steht, befindet sich zwischen zwei Flüssen: Black River und Thunder River. Zu ihren Ungunsten ist es allerdings besiedelt. Das Land wird seit Generationen von den kriegerischen Pikten bevölkert, die von den Pionier_innen eindeutig als Wilde wahrgenommen werden und sich mit allen Mitteln gegen die aquilonische Besatzung wehren. Zum Zeitpunkt der Geschichte sieht es nicht gut für die Aquilonier_innen aus. Die Pikten stehen kurz vor einem letzten, fatalen Ausfall. Auftritt Conan. Der Cimmerier soll richten, was im Argen liegt, die Siedler_innen schützen und die Pikten zurückdrängen.

Bis heute ist „Beyond the Black River” sehr beliebt und zählt zu den bekannteren Conan-Erzählungen. Sie ist bildgewaltig und transportiert eine unausweichliche Atmosphäre der Aggressivität, was sie zu einem idealen Kandidaten für eine grafische Umsetzung macht. Wenn ihr neugierig seid, wie so eine Umsetzung nach modernen Maßstäben aussehen kann, empfehle ich euch herzlich den Beitrag meiner Blogger-Kollegin, Freundin und Schwester im Geiste Marina aka DarkFairy, die eine Rezension zum Graphic Novel „Jenseits des Schwarzen Flusses“ aus dem Splitter-Verlag geschrieben hat. HIER gelangt ihr zu ihrem Post. „Beyond the Black River“ ist jedoch nicht nur visuell ein Meisterstück, auch inhaltlich hat die Geschichte eine Menge zu bieten.

Es ist absolut offensichtlich, dass Robert mit „Beyond the Black River“ die blutige Vergangenheit seines Heimatstaates reflektierte. Wir können davon ausgehen, dass er sich konkreter historischer Ereignisse bediente, denn in einem Brief vom August 1931 an H.P. Lovecraft beschrieb er die erbitterten Kämpfe zwischen texanischen Soldaten und der indigenen Bevölkerung in einem Territorium, das von zwei Flüssen begrenzt wird, dem Brazos River und dem Trinity River. Ich habe mir die Lage der Flüsse auf der Karte angesehen und eine oberflächliche Recherche vorgenommen (das Thema ist zu komplex, um in diesem Rahmen mehr zu gestatten). Vermutlich bezog sich Robert in diesem Schreiben auf den sogenannten Red-River-Krieg, der, wie er gegenüber Lovecraft völlig korrekt angab, bis Mitte der 1870er Jahre tobte. Es ist keine Überraschung, dass der beinahe vollständige Genozid, der die wenigen Überlebenden der indigenen Völker der Comanchen, Kiowa, Kiowa-Apachen, Südlichen Cheyenne und Südlichen Arapaho in Reservate trieb, den Hobby-Historiker Robert E. Howard stark interessierte und er sich durch die grausamen Verbrechen der selbsternannten Zivilisation in seinen Ansichten bestätigt sah.

Folglich ist es ebenfalls keineswegs überraschend, dass „Beyond the Black River“ Sympathie und Empathie für die Pikten vermittelt. Die aquilonischen Siedler_innen werden unmissverständlich als Eindringlinge porträtiert, deren Ausbreitung im Land der Pikten nicht rechtens und zum Scheitern verurteilt ist. Sogar Conan, der als Söldner im Dienst des Gouverneurs von Conajohara steht und sonst zu klaren Feindbildern neigt, bezeichnet die Kolonisierung als unnötigen Wahnsinn und erklärt, dass der „idiotische“ aquilonische König die Realität des Frontiers nicht begreift. Zwischen den Zeilen impliziert er, dass die zivilisierte Gesellschaft weder die geografischen Gegebenheiten noch die Motivationen der sogenannten Barbaren jemals verstehen wird und somit auch keine Chance hat, auf Dauer im Grenzgebiet zu bestehen. Sein eigenes Engagement gibt ihm hierin natürlich Recht. Er, der Barbar, wird angeheuert, um die Interessen der Zivilisation gegen die Barbaren zu verteidigen. Die Überlegenheit der Barbarei gegenüber der Zivilisation ist dementsprechend ein permanenter, begleitender Unterton, der seinen Höhepunkt im allerletzten Satz der Geschichte erreicht, den ein Holzarbeiter, mit dem sich Conan unterhält, verbalisiert:

„Barbarism is the natural state of mankind […] Civilization is unnatural. It is a whim of circumstance. And barbarism must always ultimately triumph.”

(„Barbarei ist der natürliche Zustand der Menschheit. Zivilisation ist unnatürlich. Sie ist eine Laune der Umstände. Und Barbarei muss letztendlich immer triumphieren.“)

(Howard, Robert E.: The Conan Chronicles Volume 2: The Hour of the Dragon. London: Gollancz, 2001. Seite 190)

Dieser Satz ist eine komprimierte Zusammenfassung von Roberts gesamter Argumentation zum Konflikt zwischen Barbarei und Zivilisation. Er zeigt, warum er glaubte, dass jede Zivilisation zum Untergang verdammt ist – sogar das mächtige Aquilonia. Die Art und Weise, wie er in „Beyond the Black River“ auf die texanische Historie zurückgriff, um seine Weltanschauung zu illustrieren, lässt eindeutige Rückschlüsse darauf zu, wie er seine Heimat und deren Frontier-Vergangenheit beurteilte. Die Geschichte ist der Gipfel seiner Bemühungen, Texas in seiner fantastischen Literatur zu verarbeiten, das hyborische Zeitalter erinnert jedoch grundsätzlich in einigen Aspekten an den Südstaat. Geografie, Besiedlung, Flora und Fauna – überall schlich sich Texas in Roberts Beschreibungen. In seinen Charakterisierungen der Städte sind die Parallelen besonders sichtbar, denn diese qualifizieren sich entweder als gesetzlose Sündenpfuhle, die Boomtowns ähneln, oder als reiche, kosmopolitische Metropolen, die ein Abbild der texanischen Großstädte (zum Beispiel San Antonio) sind.

Conan-Illustration von Frank Frazetta. © The Barbarian Keep

Zieht man außerdem die Erklärung in Betracht, die Robert gegenüber Clark Ashton Smith zur Konstruktion seines Protagonisten Conan äußerte, muss auch dieser als Kind aus Texas bewertet werden. Robert schrieb Smith 1935, dass Conan eine Kombination der dominanten Eigenschaften verschiedener Männer war, die er kannte: Berufsboxer, Revolverhelden, Schmuggler, Ölfeldangestellte, Glücksspieler und ehrliche Arbeiter. Da Robert Texas nie verließ, waren all diese Männer höchstwahrscheinlich Texaner und Conan ist es demzufolge ebenfalls. Obwohl er seine Behauptung, der Barbar sei voll ausschattiert in seiner Fantasie aufgetaucht, die – wie wir mittlerweile wissen – geflunkert war, mit dieser Erläuterung begründete, ist sie in sich definitiv plausibel. Novalyne Price gegenüber bekannte er hingegen, dass er nicht wisse, woher Autor_innen (ihn selbst eingeschlossen) die Inspiration für ihre Figuren nähmen. Ihr riet er, die Kombinationserklärung prinzipiell immer heranzuziehen, wenn sie gefragt werde, wie sie ihre Figuren entwerfe, weil es eine zufriedenstellende Antwort sei, die verhindere, dass sich irgendjemand angegriffen fühlte, sollte die betreffende Figur ein Dummkopf sein. Wir wissen nicht, ob er in seiner Korrespondenz mit Clark Ashton Smith lediglich seinen eigenen Rat befolgte oder ob Conan tatsächlich ein Hybrid diverser reeller Persönlichkeiten in seinem Leben war. Nichtsdestotrotz weist der Cimmerier Charakterzüge auf, die Robert zweifellos mit der (männlichen) texanischen Bevölkerung assoziierte. Wer hätte gedacht, dass der berühmteste Barbar der Literatur- und Filmgeschichte im Herzen Texaner ist?

Leider waren die strukturellen Neuerungen in „Beyond the Black River“ nicht ausreichend, um Robert dauerhaft bei der Stange zu halten. Er schrieb nur noch drei Conan-Abenteuer, bevor er sich endgültig von ihm verabschiedete und andere Projekte priorisierte. Die erste war „The Black Stranger“, eine weitere Frontier-Geschichte im Grenzgebiet zum piktischen Territorium, die laut Steve Tompkins zur frühen US-amerikanischen Gothic-Literatur zählen sollte. Ich erinnere mich, dass ich während der Lektüre irritiert darüber war, wie wenig Conan darin im Fokus steht. Mark Finn kritisiert seine passive Rolle ebenfalls. Möglicherweise war diese Passivität, seine Beobachterposition, der Grund dafür, dass Robert „The Black Stranger“ zu Lebzeiten nicht veröffentlichen konnte. Nicht, dass er sich nicht bemüht hätte. Er zog wirklich alle Register. Nachdem Farnsworth Wright die Erzählung ablehnte, schrieb Robert sie um. Er änderte den Titel und ersetzte Conan mit dem irischen Piraten Black Vulmea, wodurch diese Version, die „Swords of the Red Brotherhood“ heißt, heute zu seiner historischen Fiktion gerechnet wird. Er bot sie anderen Pulp Magazinen an, doch auch diese lehnten die Geschichte ab. Sie verschwand in den endlosen Weiten seines unveröffentlichten Materials. Nach seinem Tod durchlief sie einen weiteren Umgestaltungsprozess durch Lyon Sprague de Camp, der sie erneut zu einer Conan-Geschichte umschrieb, die er „The Treasure of Tranicos“ nannte. Wohl gemerkt, er stellte nicht die Ursprungsform wieder her, sondern konzipierte seine eigene Variante, die statt Black Vulmea eben Conan enthielt. Dieser Fakt sei an dieser Stelle erst einmal unkommentiert dahingestellt; wir werden uns mit de Camp und seinem Umgang mit Roberts Geschichten noch ausführlich im Abschnitt zu seinem Vermächtnis beschäftigen.

Auf „The Black Stranger“  folgte „The Man Eaters of Zamboula”, die auch als „Shadows in Zamboula“ bekannt ist. Im Frühling 1935 schrieb Robert dann sein endgültig letztes Conan-Abenteuer „Red Nails“.
Motivisch schließt „Red Nails“ nahtlos an „Beyond the Black River“ an und stellt demzufolge auch Roberts abschließenden Kommentar zum Konflikt zwischen Zivilisation und Barbarei dar. War die These in „Beyond the Black River“ noch „Barbarei muss letztendlich immer triumphieren“, so lautet sie in „Red Nails“ „Zivilisation ist unnatürlich und verdorben“, eine Zusammenfassung, die ich mir von Mark Finn geborgt habe, weil ich sie treffend und pointiert finde. „Red Nails“ spielt in einem Dschungel, weit entfernt von jeglicher Zivilisation. In der eindrucksvoll beschriebenen Wildnis verbündet sich Conan mit der schönen, begehrenswerten Kämpferin Valeria gegen die Gefahren der örtlichen Flora und Fauna. Kurz darauf entdeckt das Duo die prächtige, verborgene Stadt Xuchotl, die bei getrennter Erkundung verlassen wirkt. Gänzlich unbewohnt ist sie jedoch nicht. Conan und Valeria erfahren, dass dort zwei verfeindete Fraktionen leben, die seit Generationen eine blutige Fehde austragen. Natürlich werden die beiden in den Kampf hineingezogen und müssen bald gegen Verrat, Intrigen und dunkle Magie (inklusive eines grausigen Opferrituals) bestehen.

Weird Tales Ausgabe vom Juli 1936, in der „Red Nails“ das Coverfeature war, illustriert von Margaret Brundage, als gemeinfrei gekennzeichnet, Details auf Wikimedia Commons

Die Situation in Xuchotl zeigt eine Stadt, die im Begriff ist, unterzugehen, weil ihre Bewohner_innen alles daransetzen, sich gegenseitig auszulöschen. Die Fehde, die ihren Anfang mit einer einzigen Frau nahm, ist ihr Lebensinhalt und überdauert nicht nur, weil die Feindschaft weitervererbt wird, sondern auch, weil böse Magie im Spiel ist. Bevor Robert „Red Nails“ schrieb, erklärte er Novalyne Price, dass moralische Verhaltensweisen nicht ausreichen, um die Gelüste einer sterbenden Zivilisation zu befriedigen. Diese Ansicht ist die Basis für diese letzte Conan-Geschichte, in der sich eine Zivilisation selbst zugrunde richtet, indem sie sich ihren unnatürlichen, unmoralischen Trieben hingibt. Xuchotl ist der eingekochte Sud aus Roberts negativen Überzeugungen. Die aztekisch anmutende Namensgebung in der Geschichte ist meiner Meinung nach ein weiterer Hinweis darauf, wie Robert seine fiktive Stadt inklusive deren Bevölkerung sah und welches Schicksal er ihnen zugedachte – schließlich ist die weit entwickelte Kultur der Azteken bekanntlich untergegangen. Laut Mark Finn ließ er sich für das Setting außerdem von den unterirdischen Felsformationen der Carlsbad-Höhlen in New Mexico inspirieren und verarbeitete inhaltlich seine Faszination mit dem Lincoln-County-Rinderkrieg (Ende der 1870er Jahre), in den unter anderem der legendäre Billy the Kid verwickelt war und der zwischen zwei verfeindeten Bündnissen von Geschäftsmännern mit Gewalt und der Hilfe von diversen Kriminellen ausgetragen wurde.

Ebenfalls interessant ist die Tatsache, dass Conan in „Red Nails“ endlich eine Partnerin gewinnt, die ihm überraschend ebenbürtig und definitiv gewachsen ist. Valeria entspricht meinem Empfinden nach zwar noch nicht ganz den heutigen Ansprüchen an eine wahrhaft emanzipierte und gleichgestellte weibliche Figur, für Roberts Epoche ist sie jedoch zweifellos recht unabhängig. Der Wehmutstropfen liegt für mich darin, dass es ihr nicht gelingt, sich selbst zu retten und sie auf Conan, den Mann an ihrer Seite, angewiesen ist, um einer gefährlichen Lage zu entkommen. Abgesehen davon ist sie eigensinnig, wehrhaft und selbstbewusst. In ihrem Fall ist durchaus anzunehmen, dass Novalyne Price Einfluss auf ihre Charakterisierung hatte. Sie ist eine weitere (und leider auch die letzte) Entwicklungsstufe der starken Frauen in Roberts Conan-Geschichten und daher direkt mit Bêlit und Yasmina verbunden. Es ist bedauerlich, dass wir nie erfahren werden, welche Beziehung sich zwischen Conan und Valeria hätte entfalten können. Vielleicht hätte er sein Herz doch noch einmal verschenkt.

Ich halte „Red Nails“ für einen würdigen Abschluss der Conan-Saga, der viele der Elemente enthält, die den Cimmerier weit über den Tod seines Schöpfers hinaus berühmt machten. Robert schickte sein Manuskript im Juli 1935 an Weird Tales. Vermutlich wusste er damals bereits, dass er die Zusammenarbeit mit dem Pulp Magazin einstellen, der Fantasy den Rücken kehren und sich lukrativeren Märkten zuwenden würde. Die Zahlungsträgheit von Weird Tales war für ihn angesichts der Summen, die Behandlung und Pflege seiner schwerkranken Mutter Hester verschlangen, einfach nicht mehr tragbar. Im Mai 1935 schrieb er einen verzweifelten Brief an Farnsworth Wright, in dem er ihn anflehte, die ausstehenden Zahlungen des Magazins zu begleichen. Zu diesem Zeitpunkt schuldete dieser ihm bereits $800 für veröffentlichte Geschichten. Ich habe ausgerechnet, wie viel das heute wäre: 15.341 Dollar und 73 Cent. Wir sprechen hier also keineswegs über einen banalen Betrag und Robert hatte jedes Recht, diesen einzufordern. Leider hielt Wright es offenbar nicht für nötig, auf die Sorgen und Nöte eines seiner besten Schriftsteller_innen zu reagieren. Eine Woche später hatte Robert immer noch keine Antwort erhalten und befragte seinen Agenten Otis Kline, ob er wüsste, was bei Weird Tales los war. Ich schätze, in dieser Situation fasste er den Entschluss, bei dem Magazin keine Geschichten mehr einzureichen, bis sie ihn bezahlt hatten.

Wäre Weird Tales Robert nur ein wenig entgegengekommen, hätte Wright ihm zum Beispiel kleine Schecks mit Teilzahlungen geschickt, hätte er vielleicht weitere Fantasy-Geschichten verfasst. Seine Entscheidung, andere Genres zu fokussieren, um mit Magazinen zusammenarbeiten zu können, die bei Annahme zahlten und somit ein regelmäßiges Einkommen zu generieren, war eine direkte Folge seiner belasteten Geschäftsbeziehung zu Weird Tales, das wissen wir dank seiner Korrespondenz mit H.P. Lovecraft. Mark Finn mutmaßt, dass er eventuell sogar weitere Conan-Abenteuer geschrieben hätte, wären die Schulden zumindest teilweise beglichen worden. Ich bezweifle das, denn es gab noch einen anderen Grund dafür, dass er mit Conan abschloss. Er war auserzählt. Robert hatte alles gesagt, was es seiner Meinung nach zu sagen gab. Ihm war es wichtig, Geld mit seiner Schriftstellerei zu verdienen, aber niemals streckte er eine Figur oder ein Konzept künstlich. Wenn er glaubte, dass er keine spannenden Geschichten mehr zu erzählen hatte, zog er weiter. Mit Conan war er nach „Red Nails“ fertig. Es gibt keine Hinweise darauf, dass er je vorhatte, zu ihm zurückzukehren. Ob er der Fantasy noch einmal einen Besuch abgestattet hätte, steht hingegen auf einem anderen Blatt. Ich kann es mir jedenfalls vorstellen. Letztendlich ist all das jedoch reine Spekulation, weil Robert sich kein Jahr, nachdem er seine letzte Conan-Geschichte an Weird Tales schickte, das Leben nahm.

Am Ende verkaufte Robert 17 Conan-Geschichten in knapp vier Jahren. Kein schlechter Schnitt, aber längst nicht der bombastische Erfolg, den er sich vorgestellt hatte. Insgesamt verfasste er über 20 Abenteuer um den Cimmerier, dazu sind Unmengen Fragmente, Ideen, Entwürfe, Outlines und das Gedicht „Cimmeria“ erhalten. Die exakte Anzahl der originalen Conan-Geschichten ist für mich nach meinen Recherchen ein kleines Rätsel, das ich bisher nicht lösen konnte. Egal, in welchen Quellen man nach dieser Information sucht, überall werden 21 Erzählungen angegeben. Mark Finn hingegen behauptet, es existieren 23 Kurzgeschichten, obwohl er in seinen Erläuterungen ebenfalls nur auf 21 eingeht. Ich weiß nicht, woher er die zwei zusätzlichen Geschichten nimmt. Es gibt nur zwei plausible Gründe für diese Abweichung: entweder, Finn rechnet das Gedicht „Cimmeria“ und das Essay „The Hyborian Age“ hinzu oder es handelt sich um einen kleinen, aber schwerwiegenden Tippfehler, der ihm während der Korrektur durchrutschte. Letzteres halte ich für nicht sehr wahrscheinlich, denn dies wäre ein grober Schnitzer, der nicht mit der Sorgfalt von „Blood & Thunder“ zusammenpasst. Ebenfalls möglich, jedoch schwer vorstellbar wäre, dass Finn als einziger Kenntnis von zwei weiteren Geschichten hat, diese allerdings nicht in seiner Howard-Biografie erwähnt. Diese Option erscheint mir am wenigsten plausibel, weil mir kein Grund einfallen will, warum er ihre Entdeckung sowohl gegenüber seinen Leser_innen als auch gegenüber seinen Kolleg_innen geheim halten sollte.

Die Unsicherheit bezüglich der genauen Anzahl der originalen Conan-Geschichten ist jedoch nur die Spitze des Eisbergs. Wirklich kompliziert wird es, will man auch all das Material einbeziehen, das nach Roberts Tod über Conan verfasst wurde. Über die Jahrzehnte entwickelte sich Conan zu einem Franchise. Eine Menge Autor_innen trugen zu seiner Saga bei. Das ist per se nicht negativ, doch im Laufe dieser Entwicklung wurde leider sehr viel Schindluder mit Roberts Vermächtnis getrieben. Langanhaltende Rangeleien um die Rechte an seinem Nachlass führten zu mehr als fragwürdigen Entscheidungen und blockierten zeitweise sogar die Veröffentlichung der Originalmanuskripte. Ein zentraler Akteur in diesem Drama war der bereits genannte L. Sprague de Camp, dessen besonderes Interesse an Conan äußerst merkwürdige Früchte trieb. Seine Bemühungen, Conan der Welt so zu präsentieren, wie er ihn wahrnahm, hatten maßgeblichen Einfluss auf die popkulturell verzerrte Figur, die er heute ist und unglücklicherweise auch darauf, wie man sich an Robert E. Howard erinnert.

Doch bevor wir uns diesem komplexen Thema widmen, möchte ich euch erst einmal meine Eindrücke von Conan in einer recht umfangreichen Rezension schildern. Schließlich begann dieses Projekt einst vor vielen Monaten mit meinem Entschluss, die Kurzgeschichten zu lesen und herauszufinden, wer dieser berühmte Barbar eigentlich ist und wieso er so viele Fantasy-Autor_innen inspirierte. Schaut morgen vorbei und ich erzähle euch, wie es denn nun war, das hyborische Zeitalter zu besuchen und Conan kennenzulernen!

Quellenverzeichnis (PDF)

Header-Bildquellen
Wild West – Landschaft: Seita/Shutterstock.com
Schwert im Felsen: KUCO/Shutterstock.com

 

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