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[Robert E. Howard & Conan der Barbar] Kapitel 4 – Conan: Der texanische Barbar (Teil 2)

14 Okt

Hallo und herzlich Willkommen zu einem weiteren Tag in meinem Blogprojekt „Robert E. Howard & Conan der Barbar“. Gestern wurden wir Zeug_innen von Conans Geburt und haben erfahren, dass Roberts Behauptung, der Barbar hätte seine Fantasie voll ausschattiert betreten, definitiv geflunkert war. Heute finden wir heraus, wie Conan Weird Tales eroberte, obwohl Farnsworth Wright zuerst nicht allzu begeistert von ihm war…

Antwortschreiben von Farnsworth Wright mit der Ablehnung von „The Frost-Giant’s Daughter“ und den Änderungswünschen an „The Phoenix on the Sword“, als gemeinfrei gekennzeichnet, Details auf Wikimedia Commons

Als Robert E. Howard im Sommer 1932 seine ersten drei Conan-Geschichten an Weird Tales schickte, lehnte Herausgeber Farnsworth Wright „The Frost-Giant’s Daughter“ und „The God in the Bowl“ rundheraus ab. An „The Phoenix on the Sword“ verlangte er Änderungen, war aber grundsätzlich bereit, sie zu veröffentlichen. Nun, die Kundschaft ist König, also kam Robert Wrights Wünschen nach, statt auf seiner originalen Version zu bestehen. Das Positive an dieser Überarbeitung war, dass er nun bereits „The Hyborian Age“ konsultieren und einen Teil des darin enthaltenen Hintergrundwissens in „The Phoenix on the Sword“ aufnehmen konnte. Soweit ich es verstanden habe, integrierte er während dieser Überarbeitung auch den mittlerweile als ikonisch betrachteten Auszug aus den fiktiven „Nemedian Chronicles“ als Vorwort, in dem er seinen Leser_innen einen ersten Ausblick darauf gewährte, welchen epischen Helden sie kennenlernen würden:

„Hither came Conan, the Cimmerian, black-haired, sullen-eyed, sword in hand, a thief, a reaver, a slayer, with gigantic melancholies and gigantic mirth, to tread the jeweled thrones of the Earth under his sandaled feet.“

(„Hierher kam Conan, der Cimmerier, schwarzhaarig, mit mürrischen Augen, Schwert in der Hand, ein Dieb, ein Plünderer, ein Mörder, mit gigantischer Melancholie und gigantischer Fröhlichkeit, um die juwelenbesetzten Throne der Erde mit seinen in Sandalen gehüllte Füßen zu betreten.“)

(Howard, Robert E.: The Conan Chronicles Volume 2: The Hour of the Dragon. London: Gollancz, 2001. Seite 295)

Die Änderungen zahlten sich aus, Wright akzeptierte und veröffentlichte „The Phoenix on the Sword“ im Dezember 1932.

Glücklicherweise war Robert von seinem neugeschaffenen hyborischen Zeitalter und seinem Helden Conan ausreichend fasziniert, um trotz dieses Zweidrittel-Fehlschlags weitere Geschichten zu verfassen. Das war nicht selbstverständlich, er hatte Projekte und Ideen in der Vergangenheit häufig kurzentschlossen verworfen, wenn sie sich nicht verkaufen ließen. Doch dieses Mal glaubte er offenbar an sein Konzept und war überzeugt, dass er Conan Farnsworth Wright und den Leser_innen von Weird Tales schon noch schmackhaft machen würde. Schließlich waren Charakter und Setting nun an Ort und Stelle, er wusste, woher Conan kam und wohin er gehen würde. Es wurde Zeit, seine Biografie aufzufüllen, neue Abenteuer hinzuzufügen und die Legende entstehen zu lassen.

Es wäre Wahnsinn, hier jede der folgenden rund 20 Conan-Geschichten im Detail analysieren zu wollen. Dieses Vorhaben würde jeglichen Rahmen sprengen. Daher habe ich lediglich die Kurzgeschichten rausgesucht, die meiner Ansicht nach die wichtigsten Stationen für die Entwicklung der Reihe, des Helden Conan und von Robert E. Howard als Schriftsteller darstellen. Wir wollen uns einen Überblick darüber verschaffen, wer Conan ist und welche Themen Robert durch ihn verarbeitete, keine Dissertation anfertigen. Außerdem möchte ich vermeiden, mehr zu spoilern als unbedingt notwendig, denn ihr sollt ja einen Anreiz haben, die Geschichten selbst zu lesen. Da ich jedoch aus eigener Erfahrung weiß, dass es für die Lektüre hilfreich ist, alle Conan-Erzählungen gesammelt vor Augen zu haben, verspreche ich euch, in der Leseanleitung, die diese Beitragsreihe abschließt, eine vollständige Liste zur Verfügung zu stellen, an der ihr euch bei Bedarf orientieren könnt. Tatsächlich werden wir uns verschiedene vorgeschlagene Chronologien ansehen – ihr könnt dann selbst entscheiden, welcher ihr folgen möchtet. Dies soll aber jetzt nur ein Ausblick sein, erst einmal werden wir uns an die Reihenfolge halten, in der Robert die Geschichten laut Mark Finn verfasste.

Weird Tales Ausgabe vom März 1933, in der „The Tower of the Elephant“ erschien. © Galactic Central

Das erste „richtige“ Conan-Abenteuer, dessen Fokus nicht mehr auf der grundlegenden Etablierung des Settings und des Hauptcharakters lag, war die vierte Geschichte „The Tower of the Elephant“. Übrigens war diese meine persönliche erste Begegnung mit dem literarischen Conan. Sie profitiert von der Vorarbeit der vorangegangenen Erzählungen und enthält alles, was Roberts Schriftstellerei als denkwürdig kennzeichnete, damals wie heute. Wir treffen Conan ein weiteres Mal in seiner Rolle als junger Dieb, der seine ersten Schritte in den großen Städten der Zivilisation unternimmt. Demzufolge beginnt „The Tower of the Elephant“ als simples Raub-Abenteuer, verwandelt sich jedoch bald in eine überraschende, aufregende Erzählung von Vergeltung und Gnade, voller Action, übernatürlichen Elementen, dem Zusammenprall von Kulturen und einer subtilen Kontemplation von menschlicher Gier und Grausamkeit. Meiner Ansicht nach ist die Geschichte ein Ausrufezeichen, durch das Robert sehr deutlich illustrierte, was er mit seinem Barbaren vorhatte.

Wie bereits erwähnt, plante Robert von Anfang an ein rasantes, bewegtes Leben für Conan. Er sollte die Erfahrungen, die ihn auf seine Position als König von Aquilonia vorbereiteten, in vielen verschiedenen Professionen sammeln. Deshalb konnte Robert es sich nicht leisten (und hatte sicherlich auch kein Interesse daran), zu lange in einer Phase seiner Biografie zu verweilen. Schon die sechste Geschichte „Queen of the Black Coast“, die er im August 1932 schrieb, kann als transformatives Abenteuer gelesen werden, an dessen Ende Conan ein anderer ist als zu Beginn. Bis dahin war sie die längste und komplexeste Geschichte, die Robert für seinen Helden konzipiert hatte.
Sie handelt von Conans Begegnung mit der wunderschönen, leidenschaftlichen und selbstbewussten Piratin Bêlit, die ihr Schiff The Tigress mit eiserner Faust führt. Conan, vormals eine Landratte, schließt sich ihrer Crew an. Wenig später ist er nicht nur Offizier auf der Tigress, sondern auch Bêlits Gefährte. Gemeinsam segeln sie die Schwarze Küste entlang, verbreiten Angst und Schrecken und erreichen Legendenstatus. Conan erhält den Namen „Amra“, was „Löwe“ bedeutet und zu seinem Piraten-Alias wird (Fun-Fact am Rande: als König von Aquilonia ziert ein goldener Löwe Conans Standarte). Das Unheil nimmt seinen Lauf, als die Tigress eines Tages auf uralte, von Monstern bevölkerte Ruinen stößt. Der Großteil der Crew wird grausam abgeschlachtet. Bêlit verfällt dem Wahnsinn und wird kurz darauf ebenfalls ermordet. Conan rächt sich selbstverständlich fürchterlich, doch der Schaden ist angerichtet: ihm wurde seine (vermutlich) erste Liebe genommen.

„Queen of the Black Coast“ stellt Conans Weiterentwicklung als Charakter in den Vordergrund. Mark Finn bezeichnet sie sogar als Coming of Age – Geschichte und ich stimme ihm darin durchaus zu. An Bord der Tigress lernt Conan, dass sein wahres Talent nicht in simplen, wenn auch spektakulären Raubzügen liegt. Er steigt von einer Landratte zum berüchtigten Piraten auf und macht sich zum ersten Mal buchstäblich einen Namen. Unter Bêlits Einfluss wird außerdem klar, dass Conan das Zeug zum Anführer hat, dass er dazu geboren wurde, Männer (Frauen spielen in der Realität des hyborischen Zeitalters leider eine zu geringe Rolle, um sie in diese Hypothese einzuschließen) zu führen – eine Eigenschaft, die ihm Robert ganz bewusst verlieh und die auch seine früheren Figuren aufweisen. Auf den ersten Blick scheint es, als befördere Bêlit Conan aus purer Gefälligkeit zum Offizier, als erhielte er eine Sonderrolle auf ihrem Schiff, weil er das Bett mit ihr teilt. Diese Annahme unterschätzt beide Figuren sträflich. Bêlit erweckt leicht den Eindruck einer sexhungrigen Nymphomanin, der außer ihrem persönlichen Vergnügen nichts wichtig ist. Eine genauere Betrachtung zeigt, dass das nicht wahr sein kann, denn schon bevor Conan die Tigress betritt, ist Bêlit in einer stark männerdominierten Welt eine erfolgreiche Kapitänin, deren Ruf ihr vorauseilt. Ich denke, sie weiß genau, was sie tut, als sie Conan befördert. Sie sieht das Potential in ihm, bevor es ihm selbst bewusst ist. Ich erkenne in Bêlit seine Lehrmeisterin, die ihm anhand ihres Beispiels beibringt, wie er sein Führungspotential effektiv nutzen kann. Meiner Meinung nach ist sein späterer Führungsstil Bêlits Vorbild daher sehr ähnlich.

Weird Tales Ausgabe vom Mai 1934, in der „Queen of the Black Coast“ das Coverfeature war, gezeichnet von Margaret Brundage, als gemeinfrei gekennzeichnet, Details auf Wikimedia Commons

Das wichtigste singuläre Ereignis in „Queen of the Black Coast“ ist natürlich Bêlits Tod. Da wir lediglich mit den Informationen arbeiten können, die Robert uns über Conan mitteilte, müssen wir davon ausgehen, dass es sich dabei um den ersten bedeutenden Verlust in seinem Leben handelt. Obwohl ihre Beziehung sicher nicht den damals üblichen Konventionen für romantische Literatur entspricht, besteht kein Zweifel daran, dass sie tiefe Gefühle für einander hegen, die über die körperliche Ebene hinausgehen. Je länger ich über Bêlit und Conan als Liebespaar nachdenke, desto interessanter und progressiver erscheint mir ihre Dynamik. Es sagt viel über Conan aus, dass er sich eine Partnerin aussucht, die ihm als Persönlichkeit mindestens ebenbürtig und offiziell sogar seine Vorgesetzte ist, während er der Parade schwacher Fräulein in Nöten, die er in seinen späteren Abenteuern retten wird, recht gleichgültig gegenübersteht. Ein Kuss hier, eine angedeutete heiße Nacht dort, aber eine ernsthafte Beziehung geht er mit keiner dieser Frauen ein. Ich glaube, sein Herz verschenkt Conan nach Bêlits Tod nie wieder. Demzufolge wirkt sich ihr Verlust gravierend auf die Entwicklung seines Charakters aus. Die Konfrontation mit Trauer lässt ihn reifen; aus dem unabhängigen Jungspund Conan, der nichts zu verlieren hat, wird ein ernsterer, erwachsener Mann, dem Schmerz nicht fremd ist und der weiß, dass das Leben manchmal furchtbare Opfer fordert. Es mutet beinahe paradox an, dass Robert, der selbst nie lernte, gesund mit Trauer und Verlust umzugehen, diese Erfahrung für seinen Cimmerier so eindrucksvoll beschrieb. „Queen of the Black Coast“ markiert dementsprechend auch für den Autor eine Weiterentwicklung, die er zwar nicht auf sein Privatleben übertragen konnte, durch die er seiner Literatur qualitativ allerdings eine neue Relevanz verlieh.

Nach dieser bedeutungsschweren, charakterzentrierten Geschichte wandte Robert seine Aufmerksamkeit der Darstellung des hyborischen Zeitalters zu. In den folgenden Abenteuern erkundet Conan als Pirat, Soldat, Söldner oder Rebell (übrigens meist in der Position des Anführers, Bêlit sei Dank) verschiedene Manifestationen seiner Epoche; Leser_innen lernen den großen, zusammenhängenden Kontinent kennen und erfahren, wie alt diese Welt ist, denn immer wieder tauchen mehr oder weniger zerstörte Ruinen und verlassene, vergessene Städte auf. Ebenso begann Robert, die vielen Kulturen des hyborischen Zeitalters ausführlicher zu beleuchten. Dabei fallen diverse Beschreibungen ins Auge, die heutzutage zu Recht als rassistisch eingestuft werden. Die Hautfarbe der Bewohner_innen der Stadt Xuthal aus der Geschichte „Xuthal of the Dusk“ (alternativ: „The Slithering Shadow“) wird beispielsweise als „yellow/gelb“ bezeichnet, Menschen aus Kush sind prinzipiell „black/schwarz“. Ich möchte hier noch einmal an den historischen Kontext erinnern, in dem Roberts Erzählungen entstanden. Er behandelte die Hautfarbe seiner Figuren als äußerliches Attribut, das seinen Leser_innen Rückschluss über die Andersartigkeit ihrer kulturellen Herkunft, ihrer Bräuche und Verhaltensweisen geben und sie von Conan als Cimmerier abgrenzen sollte. Zu seiner Zeit wurde die fehlgeleitete Annahme, dass die Menschheit in biologische „Rassen“ unterteilt ist, als Fakt betrachtet und jemanden mit sichtbaren asiatischen Wurzeln „gelb“ zu nennen, wurde gesellschaftlich nicht missbilligt. Diskriminierungsfreie Sprache hatte sich einfach noch nicht durchgesetzt. Für Robert symbolisierten solche Beschreibungen daher keine Wertung. Eine Wertung erhielten sie erst, wenn er sie mit Substantiven kombinierte. Eine Formulierung, die Conan mit Vorliebe nutzt, um Ablehnung, Antipathie und Feindseligkeit auszudrücken, ist das gute alte „dog“ (Hund). Erst durch dieses Wort wurden Adjektive wie „yellow/gelb“ oder „black/schwarz“ zu Beleidigungen. Wie ich schon erläuterte, Robert war kein Rassist, er reproduzierte lediglich die rassistischen Ansichten seiner Zeit.

Darüber hinaus näherte er sich der Entschlüsselung der Formel für die erfolgsversprechende Conan-Geschichte. Wie schon beim Seemann Steve Costigan definierte er Stück für Stück die entscheidenden Bausteine und wie er sie kombinieren musste, um Wright vom Kauf seiner Werke für Weird Tales zu überzeugen. Dazu zählten Action, Magie und übernatürliche Bedrohungen, eine große Portion Verwegenheit und selbstverständlich die eine oder andere leicht bekleidete Prinzessin. Das hieß allerdings nicht, dass Robert seine Experimentierfreudigkeit aufgab und nur noch nach Schema F schrieb. Er versuchte sich immer wieder auch an anderen Handlungsstrukturen, wie es seine elfte Conan-Geschichte „Rogues in the House“ beweist.

Weird Tales Ausgabe vom Januar 1934, in der „Rogues in the House“ erschien. © Galactic Central

„Rogues in the House“ spielt in einem unbetitelten Stadtstaat, der offiziell von dem jungen Aristokraten Murilo regiert wird, inoffiziell liegt die wahre Macht jedoch bei dem skrupellosen Roten Priester Nabonidus. Es ist implizit, dass die beiden Männer auf eine längere Vorgeschichte politischer Konkurrenz zurückblicken, die nun eskaliert. Nabonidus bedroht Murilo, der wiederum entscheidet, den Priester endgültig loszuwerden. Murilo hofft, im Gefängnis eine verzweifelte Seele zu finden, die er für seine Zwecke einspannen kann und findet… Conan. Wen sonst. Im Austausch für seine Freiheit beauftragt er Conan, Nabonidus zu töten. Unser liebster Cimmerier akzeptiert, ohne groß darüber nachzudenken. Bevor er sich auf den Weg zum Heim des Priesters macht, spürt er aber seine ehemalige Flamme auf, die ihn verriet und dafür verantwortlich war, dass er festgenommen und beinahe hingerichtet wurde. Ein solches Verbrechen kann Conan natürlich nicht ungestraft lassen. Um ihren neuen Liebhaber kümmert er sich unzeremoniell mit dem Schwert. Er erklärt dem armen Tropf nicht einmal, wieso er sterben muss. Für die betrügerische Dame hat er hingegen eine andere Behandlung im Sinn: er wirft sie kurzerhand in eine Jauchegrube und erfreut sich an ihren Verwünschungen. In Nabonidus‘ Anwesen treffen dann alle drei Hauptakteure aufeinander: Conan, Murilo und Nabonidus selbst. Das Haus ist in hellem Aufruhr, weil Nabonidus‘ Lakai, der Affenmensch Thak, ausgebrochen ist und jetzt mordend durch die Räume zieht. Man einigt sich auf einen Waffenstillstand und beschließt, Thak mit vereinten Kräften unschädlich zu machen. Letztendlich ist Conan derjenige, der Thak tötet. Kaum ist die Gefahr gebannt, wendet sich Nabonidus gegen Conan und Murilo. Conan tötet auch ihn, verabschiedet sich von Murilo und kann der Stadt gar nicht schnell genug den Rücken kehren.

Diese Geschichte bietet viele interessante Aspekte und eine Menge Interpretationsspielraum, mich fasziniert aber vor allem, dass Conan darin durch seine miese Gesellschaft erstaunlich gut wegkommt, obwohl er sich objektiv betrachtet nicht von seiner besten Seite zeigt. Conan ist kein netter Mensch. Falls daran je Zweifel bestanden, räumt „Rogues in the House“ diese aus. Er willigt ein, einen völlig Fremden zu exekutieren, um seine eigene Haut zu retten, ohne die politischen Konsequenzen zu kennen. Er ermordet beiläufig einen Unbeteiligten, ohne ein Wort mit ihm gesprochen zu haben, weil er sich an einer Frau rächen will, die ihn verriet. Robert deutet zwar an, dass dieser ein Dieb ist, aber das ist Conan auch. Wie man es dreht und wendet, er hat keinen plausiblen Grund für diesen Mord. Anschließend lässt er seine Ex in eine Jauchegrube fallen und weidet sich an ihren Flüchen.

Conans Verhalten ihr gegenüber wird häufig als frauenfeindlich scharf kritisiert, wahrscheinlich, weil er sich entscheidet, sie zu demütigen, statt sie ebenfalls umzubringen. Persönlich habe ich das beim Lesen der Szene nicht so empfunden. Ich hatte nicht den Eindruck, dass Conan sich explizit frauenfeindlich benimmt, denn verwundeter Stolz ist immer noch besser als der Tod. Es entspricht Conans Charakter, Vergeltung für ein Unrecht zu fordern. Sein moralischer Kodex verlangt eine Reaktion auf ihren Verrat, der ihn immerhin beinahe das Leben gekostet hätte. Dennoch bleibt die Frage, warum er ihren Galan tötet, sie jedoch nicht, natürlich bestehen. Mark Finn vermutet, dass die Antwort in Roberts Herkunft zu suchen ist. Ihm zufolge war Gewalt gegen Frauen selbst in Ölboomtowns verpönt, es war hingegen völlig normal und akzeptabel, eine Betrügerin (beispielsweise beim Kartenspiel) unsanft auf die Straße zu setzen. Wenn sich auf dieser Straße zufällig eine Pfütze befand, umso besser, ausgleichende Gerechtigkeit. Es waren andere Zeiten mit anderen Regeln. Ich finde darüber hinaus, dass man trotz der zugegebenen Fragwürdigkeit der Szene nicht außer Acht lassen darf, dass Robert sehr begrenzte Erfahrungen mit Frauen hatte. Er konnte nur dem Beispiel folgen, dass er in seiner Heimat beobachtete, weil er doch gar nicht wusste, wie er mit einer Frau umgehen sollte. Vor diesem Hintergrund erscheint es mir sogar positiv, dass er eine Möglichkeit fand, Conan reagieren zu lassen, ohne die Dame zu verletzen.

Paradoxerweise legt die Geschichte trotz Conans zweifelhaftem Verhalten nahe, dass er im Recht und „der Gute“ ist. Dieser Eindruck wird bei dem Zusammentreffen von Conan, Murilo und Nabonidus in Nabonidus‘ Haus zusätzlich verstärkt, denn Murilo äußert, dass Conan der ehrlichste der drei Männer ist, weil er zumindest offen stiehlt und mordet, statt sich hinter Lügen und Intrigen zu verstecken. Diese Feststellung trägt maßgeblich zur Wahrnehmungsverzerrung in „Rogues in the House“ bei. Fragte man Conans Opfer, würden diese vermutlich keinen Unterschied zu Protokoll geben – tot ist tot, bestohlen ist bestohlen, ob nun durch Intrigen oder direktes Handeln. Nein, in Wahrheit ist Conan Murilo und Nabonidus keineswegs überlegen, wir empfinden nur, dass ihn seine Gradlinigkeit besser dastehen lässt, weil wir darauf geprägt sind, Ehrlichkeit unabhängig der Umstände anzuerkennen. Am Ergebnis ändert sie jedoch gar nichts.

Illustration von Frank Frazetta von „Rogues in the House“. © The Barbarian Keep

Die Integration des Affenmenschen Thak erweitert die Geschichte, die bis dahin recht politisch angehaucht war, um eine handfeste, aber auch um eine philosophische Ebene. Nabonidus erklärt, dass Thak zu einem Volk gehört, dessen Evolution eine Stufe zwischen Affe und Mensch einnimmt. Äußerlich erinnert er zweifellos stark an einen Gorilla, doch seine Intelligenz ist deutlich weiterentwickelt. Nabonidus nahm ihn als „Junges“ bei sich auf und trainierte ihn wie ein Tier, wobei er feststellte, dass Thak wesentlich schneller und gründlicher lernte, als sein Äußeres vermuten ließ. Er behielt ihn als Bodyguard und Diener, bis Thak plötzlich ohne Vorwarnung überschnappte und zu morden begann. Ungeachtet dieser Morde, die selbstverständlich zu verurteilen sind, erfüllt Thak meiner Meinung nach die Opferrolle der Geschichte, eine Empfindung, die Robert wahrscheinlich beabsichtigte. Nabonidus‘ gesamte Erzählung zur Vorgeschichte von Thak zeugt von Respektlosigkeit und Überheblichkeit in einem Ausmaß, das sicher nicht nur mir alle Haare zu Berge stehen lässt. Was heißt überhaupt, er nahm ihn zu sich? Für mich klingt es, als entführte er ihn und trennte ihn von seiner Familie und seinem Volk, einfach aus Neugier, als Experiment. Anschließend behandelte er ihn erst wie ein Tier, dann wie einen Sklaven. Der Unterschied ist nicht besonders groß. Ich denke, Robert unterstützte auf diese Weise seine Theorie zur Zivilisation als Brutstätte von Grausamkeit, Korruption und Verderbtheit. Was Nabonidus Thak antat, war falsch, herzlos und abscheulich. Es fällt mir schwer, es Thak vorzuwerfen, dass er nach Jahren dieser Behandlung in einen tödlichen Rausch verfiel. Ohne Nabonidus‘ giftigen Einfluss wäre er vermutlich nicht so weit getrieben worden. Es spricht Bände, dass sich Thak die rote Kutte seines Meisters aneignet und die vom Priester installierten Vorrichtungen im Haus nutzt, um sich Conan, Murilo und Nabonidus zu entledigen. Er ahmt Nabonidus nach. Die Frage, die man sich demzufolge stellen muss, lautet: inwieweit ist Thak eigentlich für seine Taten verantwortlich?

Obwohl Conan Thak letztendlich tötet, erweist er ihm einen postmortalen Dienst, zu dem allein er und meines Erachtens nur deshalb fähig ist, weil er mit dem animalischen Affenmenschen mehr gemeinsam hat als mit den beiden Vertretern der sogenannten Zivilisation. Er gibt ihm seine Menschlichkeit zurück. Nabonidus wusste, dass Thak den Menschen ähnlicher ist, als er zugeben wollte. Als Conan über Thaks Leiche steht, erklärt er „I’ve slain a man tonight, not a beast.“ (auf Deutsch: „Ich habe heute Nacht einen Mann getötet, keine Bestie.“) und erkennt somit an, was Nabonidus Thak jahrelang verwehrte. Diesen Gedanken unterstreicht auch Conans Beobachtung, dass Nabonidus‘ Blut entgegen der Gerüchte, es sei schwarz, in Wahrheit rot ist. Wenn beide, Meister und Sklave, rot bluten, wie groß kann der Unterschied zwischen ihnen dann noch sein?

Es lohnt sich immens, über „Rogues in the House“ intensiver nachzudenken, denn mit dieser Geschichte offenbarte Robert nicht nur Themen, die ihn beschäftigten, sondern ließ sich auch überraschend bereitwillig in die Karten seiner Schriftstellerei schauen. Ich finde es spannend, wie deutlich zu erkennen ist, welche Strategien er anwandte, um seinem Antihelden Conan, der sich oft problematisch und grenzwertig verhält, die Sympathie seines Publikums zu sichern. Seine Bemühungen zahlten sich aus. Er hatte den letzten Baustein seiner Conan-Formel entdeckt: Conans Weltsicht ist reizvoller als die Welt selbst. Die Untersuchung seiner Gedanken und Gefühle fungiert als Bindemittel, durch das Robert indirekt seine teils radikalen Ansichten sowie den Konflikt zwischen Zivilisation und Barbarei darlegen, ohne die Handlung zu bremsen das Worldbuilding vorantreiben und die publikumswirksamen Elemente integrieren konnte, die die Chancen für einen Verkauf an Wright und Weird Tales erhöhten und sich selbst dennoch treu bleiben. Möglicherweise schrieb sich „Rogues in the House“ aufgrund dieser Erkenntnis beinahe von selbst, wie Robert seinem Freund und Kollegen Clark Ashton Smith berichtete.

Nichtsdestotrotz gelang es ihm nicht immer, seine Formel ähnlich fruchtbar umzusetzen wie mit „Rogues in the House“. Zieht man die Fakten seines Arbeitsprozesses in Betracht, ist es nicht verwunderlich, dass nicht alle Geschichten qualitativ gleichwertig sein konnten. Robert produzierte Fiktion wie am Fließband. Wir haben schon einmal festgestellt, dass ihm sein Fokus auf die Wirtschaftlichkeit seiner Schriftstellerei nicht negativ ausgelegt werden sollte, aber die hohe Frequenz, mit der er Geschichten fertigstellte, hatte natürlich hin und wieder Auswirkungen auf deren Qualität. Er nahm sich nicht immer die Zeit, ein bestimmtes Konzept bis ins Detail zu durchdenken und sich zu fragen, ob es funktionierte. Ein Beweis dafür, dass seine Ideen für Conan manchmal auch komplett nach hinten losgingen, ist die zwölfte Geschichte „The Vale of Lost Women“, die zu seinen Lebzeiten unveröffentlicht blieb.

Cynthia Ann Parker mit ihrer Tochter Topsannah 1861, als gemeinfrei gekennzeichnet, Details auf Wikimedia Commons

Zwischen den Howard-Experten Mark Finn und Patrice Louinet herrscht ein wenig Uneinigkeit darüber, ob Robert „The Vale of Lost Women“ je zum Verkauf anbot oder nicht. Louinet nimmt an, dass er sie verschickte, sie jedoch abgelehnt wurde; Mark Finn hingegen berichtet, dass es weder in Roberts noch in den Unterlagen von Weird Tales Beweise für diese Annahme gibt. Zusätzlich vermittelt Finn auch Skepsis an Louinets Theorie, dass diese Erzählung Roberts erster Versuch war, die regionale Historie des Südwestens der USA in den Kontext der Conan-Saga einzuarbeiten. Laut Louinet kann „The Vale of Lost Women“ als recht freie Interpretation des realen Schicksals von Cynthia Ann Parker gelesen werden. Parker wurde 1836 als junges, etwa 11-jähriges Mädchen von den Comanchen entführt und wuchs als eine der ihren auf, bis sie 1860 von Texas-Rangern entgegen ihrer Wünsche zu ihrer leiblichen Familie zurückgebracht wurde. Jeder ihrer Versuche, zu den Comanchen zurückzukehren, schlug fehl. Sie starb 1870, nachdem sie in einen Hungerstreik getreten war. Ich teile Mark Finns indirekt geäußerte Zweifel an Louinets Vorschlag. Die Protagonistin in „The Vale of Lost Women“, eine junge, zivilisierte Frau namens Livia, wird zwar vom Stamm der Bakalah in Kush entführt, aber darüber hinaus weist die Geschichte wenig Parallelen zu Cynthia Ann Parker auf. Kush war bis dahin immer Roberts Version eines afrikanischen Landes. Der Wechsel der Referenz zur indigenen Bevölkerung der USA wirkt nicht überzeugend und bezüglich des Worldbuildings inkonsequent und unmotiviert. Das gesamte Abenteuer hinkt und lässt – wie Mark Finn so passend resümiert – niemanden gut aussehen, nicht einmal Livia oder Conan. Das einzig Positive ist meiner Ansicht nach Conans Entscheidung, sich nicht von Livia mit sexuellen Gefälligkeiten für ihre Rettung von den Bakalah bezahlen zu lassen, weil das für ihn dasselbe wäre, als würde er sie zum Sex zwingen. Hier finden wir den Gegenentwurf zur potenziellen Vergewaltigungsszene in „The Frost-Giant’s Daughter“ und einen Beleg für Conans Weiterentwicklung. Selbst dieser ist nicht gut gelungen, aber zumindest befreit Robert Conan von der latenten Vermutung, dass er sexualisierte Gewalt einsetzen würde.

„The Vale of Lost Women” ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass Robert eine Pause von Conan brauchte. Er hatte 12 Geschichten innerhalb von 13 Monaten geschrieben. Neun davon konnte er Wright verkaufen; erst drei waren veröffentlicht worden, was auch bedeutete, dass er nur für diese drei bezahlt worden war. Er war kreativ ausgelaugt und musste seine finanzielle Situation im Blick behalten. Unterstützt von seinem Agenten Otis Kline konzentrierte er sich daher etwa ab März 1933 auf andere Märkte und favorisierte Magazine, die bei Annahme zahlten. Wie wir wissen, entstand in dieser Phase unter anderem Breckinridge Elkins. Er gönnte sich eine ca. sechsmonatige Auszeit von Conan, nach der er sich etwa ab September 1933 wieder um seinen Barbaren kümmerte. Mittlerweile wusste er, dass er auf der richtigen Fährte war, denn während dieser Auszeit erschienen weitere Conan-Geschichten in Weird Tales und die Leserbriefe, die normalerweise mit drei Monaten Verzögerung abgedruckt wurden, zeigten ihm, dass der Cimmerier sehr gut bei den Leser_innen ankam. Er kehrte mit „The Devil in Iron“ in das hyborische Zeitalter zurück, eine durchschnittliche Geschichte, die den Vorgängern strukturell und thematisch sehr ähnlich ist und wenig Experimente wagt – ein Zeichen, dass sich Robert erst wieder eingrooven musste. Doch schon die nächste Geschichte „The People of the Black Circle“ beweist, dass er seinen Biss und seine Inspiration für die Reihe keineswegs verloren hatte.

An dieser Stelle gönnen wir uns erneut eine Pause. Morgen widmen wir uns Roberts zweiter Conan-Phase, die noch einmal etwa anderthalb Jahre anhielt, bevor er sich endgültig von seinem Barbaren verabschiedete. Schaut wieder vorbei und lasst uns gemeinsam seine weiteren Abenteuer untersuchen!

 

Quellenverzeichnis (PDF)

Header-Bildquellen
Wild West – Landschaft: Seita/Shutterstock.com
Schwert im Felsen: KUCO/Shutterstock.com

 

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