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[Robert E. Howard & Conan der Barbar] Kapitel 4 – Conan: Der texanische Barbar (Teil 1)

13 Okt

Der große Tag ist gekommen. Wir haben uns endlich zum Herz dieser Beitragsreihe vorgearbeitet. Ab heute beschäftigen wir uns mit Conan, Robert E. Howards berühmtester Schöpfung. Seinetwegen lernte ich Robert E. Howard kennen. Die Kurzgeschichten um den wehrhaften, legendären Cimmerier werden heute von so vielen Autor_innen als Inspiration und Einfluss angegeben, dass ich einfach wissen wollte, wie das bitte mit meinem damaligen Bild von Arnold Schwarzenegger im Lendenschurz zusammenpasste. Ich habe gelernt, dass es überhaupt nicht zusammenpasst. Diese Erkenntnis ist der Grund, warum es diese äußerst umfangreiche Beitragsreihe gibt.

Conan der Cimmerier – oder Conan der Barbar, ein Titel, den er Weird Tales – Herausgeber Farnsworth Wright verdankt – ist eine literarische Figur, die in den beinahe 90 Jahren seit ihrer Entstehung in einem Ausmaß das Opfer popkultureller Verklärung wurde, das kaum vorstellbar und vergleichbar ist. Fragt man heute jemanden nach Conan, erinnert sich diese Person höchstwahrscheinlich an den jungen, aufstrebenden Schauspieler und Bodybuilder aus Österreich, dessen damals stark akzentuiertes Englisch dank der wenigen Dialoge im Film „Conan der Barbar“ von 1982 kein Hindernis war. Alternativ erinnert sie sich vielleicht an Comics, Cartoons und Spiele (Brettspiele, Rollenspiele, Computerspiele) oder an die Neuverfilmung von 2011 mit Jason Momoa in der berühmten Hauptrolle. Kaum jemand weiß, dass Conan ein Star der Pulp – Literatur der 1930er Jahre war und der kreative Texaner, der gerade einmal 30 Jahre alt wurde, ist als sein Schöpfer beinahe ganz in Vergessenheit geraten. Ich betrachte es als meine Aufgabe, dieser ungerechten Entwicklung entgegenzuwirken. Gerade weil Conan immensen Einfluss auf das popkulturelle Bild des Barbaren und auf zahlreiche Autor_innen hat, verdient Robert E. Howard die Anerkennung, die sich daraus ergibt. Darum habe ich dieses Projekt auf die Beine gestellt. Ehre, wem Ehre gebührt.

In diesem Kapitel zu Conan werden wir uns mit mehreren Unterpunkten auseinandersetzen. Wir werden uns einen Überblick über seine Entstehung und Veröffentlichungsgeschichte verschaffen und einige Kurzgeschichten auseinandernehmen, um zu erörtern, wie Robert E. Howard die Themen, die ihn stets beschäftigten, im Kontext dieser Fantasy-Reihe verarbeitete. Danach werde ich von meinen persönlichen Erfahrungen mit Conan im Rahmen einer Rezension zu den beiden Sammelbänden, die ich gelesen habe, berichten. Im nächsten Kapitel werden wir uns Robert E. Howards Vermächtnis ansehen, in dem Conan eine Sonderrolle einnimmt. Abschließend werde ich euch mit einer Conan-Leseanleitung hoffentlich klüger in die Welt entlassen. So sieht der weitere Fahrplan dieser langen Reise aus; ich hoffe, ihr habt Lust und seid gewappnet, tief in die Dimension des berühmtesten Barbaren der Literaturgeschichte einzutauchen.

Wie ich bereits erklärt habe, war Conan nicht Robert E. Howards zentrales Werk. Müsste ich einen seiner vielen Charaktere als Kern seines Schaffens definieren, würde ich mich für Breckinridge Elkins entscheiden, nicht für Conan, der lediglich eine Station seiner kurzen, intensiven Karriere war und den Höhepunkt der Marktorientierung seiner Schriftstellerei darstellte. Conan war von Anfang an auf die Vorlieben von Roberts Kundschaft und Publikum ausgerichtet – Herausgeber und Leserschaft von Weird Tales. Deshalb ist er meiner Ansicht nach in Roberts Kanon die Figur, die ihm selbst am wenigsten ähnelt (was nicht heißen soll, dass es überhaupt keine Parallelen gäbe oder Conan keine Projektion wäre). Unglücklicherweise hatte er mit seiner Strategie für den Cimmerier nur begrenzt Erfolg, was maßgeblich an der exzentrischen, unberechenbaren Veröffentlichungspolitik von Farnsworth Wright lag. Andere seiner Serienfiguren waren finanziell einträglicher, weil er für diese einerseits bei Annahme seiner Geschichten bezahlt wurde (Weird Tales zahlte erst bei Veröffentlichung) und sie andererseits regelmäßiger erschienen. Zu dem Goldesel, den Robert sich vorgestellt hatte, wurde Conan erst nach dem Tod des Autors durch den Aufbau eines Franchise, das uns die oben erwähnten Comics, Cartoons, Filme und Spiele bescherte. Nichtsdestotrotz war der wilde Barbar bei den Leser_innen des Magazins durchaus populär. Er polarisierte: entweder, man hasste oder liebte ihn, dazwischen gab es wenig Raum für andere Meinungen, was wohl bis heute anhält. Er wurde gleichermaßen verehrt und verflucht, aber vor allem wurde er von allen, die Weird Tales kauften, gelesen. An Aufmerksamkeit mangelte es Conan nie, doch zu einer Legende wuchs er heran, lange nachdem Robert gestorben war. Das hätte den Texaner sicher gefreut, denn seine Conan-Geschichten waren, wie viele andere seiner Kurzgeschichten ebenfalls, eine Übung in Mythenbildung.

Postkarte von San Antonio von 1936, als gemeinfrei gekennzeichnet, Details auf Wikimedia Commons

Der Mythos Conan nahm seinen Anfang mit einer schriftstellerischen Auszeit. Im Februar 1932 brauchte Robert E. Howard nach zwei Jahren des ununterbrochenen Schreibens (vor allem historische Fiktion und Horror) dringend eine Pause. Also gönnte er sich einen Urlaub, der ihn allerdings nicht an exotische Orte führte, sondern mit dem Bus nach San Antonio, von wo aus er die weitere texanische Umgebung erkundete, vor allem Starr County. Die Idee für die Conan-Reihe überfiel ihn eigenen Angaben zufolge während eines Aufenthalts in der Kleinstadt Mission. Später, in einem Brief an seinen Kollegen Clark Ashton Smith aus dem Jahre 1935, behauptete Robert, dass sich Conan ihm voll ausschattiert vorstellte und von ihm verlangte, seine Abenteuer zu dokumentieren. Wir wissen heute, dass das nicht den Tatsachen entsprechen kann. Die Zeitachse legt einen anderen Ablauf nahe. Robert brauchte Monate, um den Cimmerier in Form zu schreiben und es gibt Andeutungen, dass Conan ihn nicht aus heiterem Himmel heimsuchte.

Strange Tales Ausgabe vom Juni 1932, in der „People of the Dark“ erschien. © Galactic Central

1931 schrieb Robert eine Geschichte im Genre der historischen Fiktion, die „People of the Dark“ heißt und wieder einmal die Reinkarnationstheorie vergangener Leben thematisiert. Der anonyme Protagonist und Ich-Erzähler besucht seine frühen Manifestationen in der Historie. Eine seiner Reinkarnationen ist ein großer Gäle mit schwarzer Haarmähne und mächtigen Muskeln, in Lendenschurz und Sandalen, bewaffnet mit einem furchteinflößenden Schwert, der gegen die Briten kämpfte. Sein Name lautet Conan, der Plünderer. Wikipedia zufolge glauben einige Howard-Experten, dass es sich hierbei um den Vorgänger des späteren Cimmeriers handelt. Auch ich halte die Parallelen für unbestreitbar auffallend, Mark Finn hingegen scheint kein Anhänger dieser These zu sein, denn er erwähnt sie in seiner Howard-Biografie „Blood & Thunder: The Life and Art of Robert E. Howard“ nicht.

Ob Conan nun aus dem schwarzhaarigen gälischen Krieger hervorging oder nicht, es scheint gesichert, dass Robert die ersten Züge seines Konzepts für dessen Figur in Mission entwickelte. Dort schrieb er das Gedicht „Cimmeria“, welches das Heimatland des Barbaren lyrisch beschreibt und von Roberts Erinnerungen an die Hügellandschaft rund um das texanische Fredericksburg im winterlichen Regen inspiriert war. Der französische Howard-Experte Patrice Louinet erkennt in dem Gedicht viele Reminiszenzen an Plutarchs „Lebensbeschreibungen“, das sich durchaus in der howardschen Heimbibliothek befunden haben könnte.
Als Robert aus seinem Urlaub nach Cross Plains zurückkehrte, hatte er bereits eine recht genaue Vorstellung seines neuen Charakters und dessen Welt, die möglicherweise durch Thomas Bulfinchs Werk „The Outline of Mythology“ von 1913 stimuliert war. Ein König sollte Conan sein, mit einer bewegten Vergangenheit, der aus bürgerlichem Hause stammte und den Thron aus eigener Kraft eroberte. Er sollte weitgereist sein und als Dieb, Söldner, Soldat und Pirat viele Abenteuer erlebt haben, bevor er die Königswürde erring. Stattfinden sollte seine Biografie nicht in einem tatsächlich realistischen Umfeld, sondern in einer fiktiven historischen Epoche der Mythen und Legenden, die von Geschichtswissenschaftler_innen längst vergessen wurde. Er wollte herausfinden, wie Conan zu dem König wurde, der er am Ende seines Lebens ist.

Das Problem daran, dass Robert Conans Werdegang von hinten aufzurollen gedachte und dessen Lebensabend für ihn folglich deutlich weniger interessant war als alles, was davor geschah, bestand darin, dass er Schwierigkeiten hatte, einen Ausgangspunkt zu finden. Er musste über einen König schreiben, der ihm eigentlich gar nicht so wichtig war. Deshalb entschied er sich, altes Material zu recyclen, das er nicht hatte verkaufen können: die Kull-Geschichte „By This Axe I Rule!“. Er passte Charakternamen an, entfernte die Romanze aus der Handlungslinie und integrierte ein übernatürliches Element, das er eng mit Conans Schicksal verknüpfte. Das Ergebnis „The Phoenix on the Sword“ handelt von einer Verschwörung, die plant, König Conan von Aquilonia zu stürzen. Er kann die aufflammende Rebellion jedoch niederschlagen, weil er im Traum rechtzeitig von einem Geist gewarnt wird. Trotz Roberts Bemühungen, Kull in Conan zu verwandeln, sind die Parallelen zum König von Valusia leicht zu lokalisieren. „The Phoenix on the Sword“ zeigt einen nachdenklichen Conan, der in seiner allerersten Szene kein Schwert schwingt, sondern einen Federkiel hält. Dieses Detail ist signifikant, wenn man bedenkt, dass dies der erste Eindruck überhaupt war, den Leser_innen von Conan erhalten sollten, lange bevor sie mit seinen späteren Eskapaden konfrontiert wurden: das Bild eines gelehrten, reflektierten Mannes, nicht das eines wilden, blutgierigen Barbaren. In den kommenden Jahrzehnten wurde die Chronologie der Conan-Geschichten zu einem umstrittenen Thema, was dazu führte, dass sie häufig nicht in der Reihenfolge verlegt wurden, in der Robert sie geschrieben hat. Daher ist dieser wichtige und bewusst inszenierte erste Auftritt oft verfälscht, woraus folgt, dass Conan anders wahrgenommen wurde, als Robert es vorgesehen hatte.

Nach der Vorstellung von König Conan konnte sich Robert dem Beginn seiner Karriere widmen. Er verfasste „The Frost-Giant’s Daughter“ (später als „Gods of the North“ veröffentlicht), Conans allererstes paranormales Abenteuer. Conan kämpft für die Asen, noch nicht weit entfernt von seiner Heimat Cimmeria, und ist der letzte Überlebende einer epischen Schlacht. Müde und erschöpft entdeckt er mitten auf dem Schlachtfeld eine wunderschöne, spärlich bekleidete Frau, die ihn neckt und verhöhnt. Wild entschlossen, sich die Provokationen des Weibsbildes nicht gefallen zu lassen, verfolgt er sie, während sie fröhlich lachend vor ihm flieht. Weiter und weiter führt sie ihn, bis sie ein mystisches Reich aus Schnee und Eis erreichen. Dort stoppt die Schönheit plötzlich, denkt jedoch nicht daran, sich Conan hinzugeben, sondern ruft ihre Brüder: zwei gewaltige Eisriesen, die keinen anderen Wunsch hegen, als Conan in den Boden zu stampfen. Natürlich rechnen sie nicht mit der Überlegenheit des Cimmeriers. Conan siegt. Doch gerade, als er über die Schönheit, die sich als Göttin entpuppt, herfallen will, ruft sie laut um Hilfe und verschwindet in blauen Flammen. Conan erwacht auf dem Schlachtfeld, umgeben von seinen besorgten Verbündeten. War alles nur ein Traum? Nein – in seiner Faust hält Conan einen Fetzen des Gewandes der Göttin.

Die Ereignisse in „The Frost-Giant’s Daughter“ sind für unseren jungen Helden eine Art Feuertaufe, die ihn schon sehr früh mit dem Titel „Riesentöter“ auszeichnen – ein Symbol für das außergewöhnliche Leben und Schicksal, das vor ihm liegt. Die Geschichte erinnert stark an die Legende von Daphne und Apollon aus der griechischen Mythologie, unterscheidet sich allerdings insofern von ihr, dass sich Conans Göttin absichtlich jagen lässt, um ihn in eine tödliche Falle zu locken. Sie löste eine kontroverse Diskussion aus, weil Conan an ihrem Ende sicherlich nicht vorhat, der Göttin die Füße zu massieren. Wäre sie nicht in Flammen aufgegangen, er hätte sie zweifellos vergewaltigt. Da es sich jedoch lediglich um die Andeutung einer Vergewaltigungsszene handelt, wissen wir nicht, was Conan wirklich getan hätte. Mark Finn konzentriert sich in seiner Analyse auf die Umstände, die dieser Szene vorausgehen. Seiner Meinung nach beschrieb Robert eine übernatürliche Variante des sogenannten „Badger Game“ (eine deutsche Übersetzung konnte ich nicht auftreiben), eine Trickbetrügerei, die in Ölboomtowns vorkam. Ein Betrügerpärchen (oft ein angebliches Ehepaar) brachte einen verheirateten Mann in eine kompromittierende Situation, um ihn zu erpressen. Obwohl Conan von der Göttin definitiv hereingelegt wird, empfinde ich diese Interpretation als sehr weit hergeholt und erkenne auch nicht, dass sie Conan vom Vorwurf der versuchten Vergewaltigung freispricht. Meiner Ansicht nach liegt die Signifikanz der Szene darin, dass Robert sexualisierte Gewalt andeutete, ohne sie eskalieren zu lassen. Sie ist für die Entwicklung des Charakters wichtig, denn später ist Vergewaltigung für Conan ein Verbrechen, das seiner nicht würdig ist. Ich denke, dass Robert hier bewusst den Ausgangspunkt einer Metamorphose inszenierte. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er zufällig oder aus einer Laune heraus entschied, Conan in letzter Sekunde an diesem Übergriff zu hindern. Er wollte einen jungen, ungestümen Conan porträtieren, dem die Reife und Weisheit fehlt, einen unverzeihlichen Fehler nicht zu begehen, ohne ihn diesen Fehler tatsächlich begehen zu lassen, der ihn für alle Zeiten als Monster gebrandmarkt hätte. Conan ist ein Barbar, er ist kein Monster, aber am Anfang seiner Karriere muss er den Unterschied erst noch lernen.

(Einschub: Heute wissen wir natürlich, dass Vergewaltigung niemals literarisch thematisiert werden sollte, nur um eine Weiterentwicklung des Täters oder der Täterin zu verdeutlichen. Nach modernen Maßstäben war Robert E. Howards Strategie vollkommen inakzeptabel. Doch zu seiner Zeit zählte vermutlich einzig und allein, dass die Vergewaltigung nicht stattfand, hauptsächlich aus Gründen des Anstands, denn Gewalt gegen Frauen wurde abgelehnt. Bis die problematischen Genderrollen, Machtverhältnisse und das Trauma einer Vergewaltigung Gegenstand der Forschung wurden, vergingen noch viele Jahrzehnte.)

Die dritte Geschichte, „The God in the Bowl“, konzipierte Robert, um den grundlegenden Konflikt in Conans Leben zu etablieren. Er brauchte drei Anläufe, um die Geschichte richtig hinzukriegen. Conan ist darin ein junger, mittelloser Dieb, der in ein Museum in Numalia (eine Großstadt in Nemedia) einbricht, um Nahrungsmittel zu stehlen. In den Räumen des Gebäudes stolpert er jedoch nicht über Köstlichkeiten, sondern über eine Leiche. Dummerweise stoßen just in diesem Moment Wachen hinzu, die ihn natürlich für den Mörder halten. Conans Ehre steht auf dem Spiel; um seinen Namen von den Verdächtigungen reinzuwaschen, beteiligt er sich an der folgenden Mordermittlung. Am Ende stellt sich heraus, dass das Opfer von einem übernatürlichen Monster ermordet wurde, das von Anhängern des Gottes Set angebetet wird. Conan ist entlastet und frei, bekommt allerdings den Schreck seines Lebens, als er die mörderische Kreatur entdeckt.
Durch den Krimi-Aufbau der Handlung und das begrenzte Setting ist „The God in the Bowl“ weniger action- und temporeich als das durchschnittliche Conan-Abenteuer, doch da diese Geschichte Conans ersten Kontakt mit der Zivilisation darstellt, ist sie nichtsdestotrotz bedeutsam. Hier konfrontiert Robert ihn erstmals mit dem Konflikt zwischen Zivilisation und Barbarei und stellt für seine Leser_innen sogleich klar, auf welcher Seite er steht, denn Conan ist der einzig ehrenhafte Mann des Szenarios, der starke, explizite Worte für seine Ankläger findet. Die Wachen sind korrupt, betrügerisch und arrogant; sie mögen Vertreter des Gesetzes sein, aber ganz sicher nicht der Gerechtigkeit. Die Verbindung zu Roberts Erfahrungen mit dem Justizsystem in Boomtowns ist offensichtlich.

An dieser Stelle möchte ich erwähnen, dass eine Diskrepanz hinsichtlich Roberts dritter Conan-Geschichte zwischen den Angaben seines Biografen Mark Finn und dem entsprechenden englischen Wikipedia-Artikel existiert. Wikipedia behauptet nämlich, das dritte Abenteuer sei nicht „The God in the Bowl“, sondern „The Scarlet Citadel“ gewesen. Mark Finn nennt diese Erzählung erst als fünfte Conan-Geschichte. Ich musste mich entscheiden, wem ich Glauben schenke und wählte Mark Finn, weil er als anerkannter Howard-Experte gilt, der viel Zeit mit Recherchen und der Sichtung der originalen, erhaltenen Unterlagen verbrachte, die Robert E. Howard betreffen. Darüber hinaus erscheint mir seine Entstehungsreihenfolge der Geschichten plausibler, denn ich halte es für naheliegend, dass Robert den Konflikt zwischen Zivilisation und Barbarei, der ihm so wichtig war, früh einführte und finde hingegen keine schlüssige Erklärung dafür, warum er in dieser Phase mit „The Scarlet Citadel“ eine zweite Geschichte um König Conan geschrieben haben sollte. Ich orientiere mich deshalb weiterhin an Mark Finn, möchte euch aber nicht vorenthalten, dass es hierzu unterschiedliche Auffassungen gibt.

Auf der Basis dieser drei ersten Geschichten entwickelte Robert eine vage Vorstellung der Welt, in der Conan lebte. Er entschied, darauf aufbauend das Fundament aller zukünftigen Erzählungen zu legen und das Setting separat konkret auszuarbeiten: er verfasste das Essay „The Hyborian Age“. Laut Wikipedia wurde er dazu von Farnsworth Wright animiert; Mark Finn lässt es hingegen eher klingen, als sei es ihm selbst ein Bedürfnis gewesen, die Eckpunkte von Conans sagenumwobener Epoche zu definieren. Er bediente sich Techniken, die er sich bei H.P. Lovecraft abgeschaut hatte und erfand ein fiktives, historisches, vergessenes Zeitalter, das etwa 12.000 Jahre zurückliegt. „The Hyborian Age“ beleuchtet vor einem geografischen Hintergrund, der an Afrika, Asien und Europa erinnert, die Entwicklungen und Bewegungen dominanter Völker und Kulturen, die zu den Gegebenheiten des hyborischen Zeitalters führten. In meinen Conan-Sammelbänden ist eine Karte abgedruckt, die die Grenzen der hyborischen Nationen abbildet. Da in der Quellenangabe lediglich steht, dass diese von Robert E. Howard vorbereitet wurde, ist nicht eindeutig, ob er sie selbst skizzierte oder sie nach den Beschreibungen des Essays gezeichnet wurde. Was auch immer zutrifft, seine Vision der hyborischen Epoche war präzise genug, um diese Karte anzufertigen.

Primär ist „The Hyborian Age“ eine anschauliche Illustration des zyklischen Verlaufs der Geschichte, des permanenten Wechselspiels zwischen Aufstieg und Fall zivilisierter Kulturen. Es ist beabsichtigt, dass einige dieser benannten Kulturen, beispielsweise die Asen oder Pikten, vage bekannt erscheinen. Robert wollte andeuten, dass die modernen Legenden über diese Völker ihren Ursprung im hyborischen Zeitalter haben. So ist es kein Zufall, dass in „The God in the Bowl“ der Gott Set erwähnt wird, den wir aus dem altägyptischen Pantheon als Seth kennen, den Gott des Chaos und Verderbens. Wieder einmal betätigte sich Robert im Feld der Mythenbildung, denn er glaubte, dass alle Sagen (und offenbar auch Religionen) einen wahren Kern besitzen, der lediglich vom Sand der Zeit verschluckt wurde – ebenso, wie Tall Tales einen wahren Kern haben. Auf diese Weise entwarf er eine Welt, die seinen Leser_innen gleichermaßen vertraut wie fremd erschien.

Roberts Conan-Geschichten können im Kontext von „The Hyborian Age“ demzufolge ebenfalls als Mythenbildung interpretiert werden und fungieren als Metaphern für seine Ansicht zur Herkunft moderner Legenden. Conan entwickelt sich innerhalb seiner Abenteuer selbst zum Mythos, ein Held, den anfangs niemand kennt, der gegen Ende seiner Karriere aber weltberühmt (und berüchtigt) ist. Dass er in der Realität eine ähnliche Entwicklung durchlief, ist ein Bonus, durch den sich Robert garantiert bestätigt gefühlt hätte. In Sachen Mythenbildung waren die Conan-Geschichten der Höhepunkt seines Schaffens.
„The Phoenix on the Sword“, „The Frost-Giant’s Daughter“ und „The God in the Bowl“ sind die Stützpfeiler und Schlüsselmomente in Conans Werdegang. Sie definieren seine Figur, seine Persönlichkeit und die Art von Geschichten, die Robert über ihn erzählen wollte und trotz unterschiedlicher Schwerpunkte haben sie alle eines gemeinsam: sie enthalten ein übernatürliches Element und waren Weird Tales somit auf den Leib geschneidert.

Weird Tales Ausgabe vom Januar 1930. Die Jules de Grandin – Geschichte „The Curse of the House of Phipps“ war das Coverfeature. Die Zeichnung von C.C. Senf erfasst das Wesen der Erzählungen punktgenau. © Galactic Central

Weird Tales stellte für Robert nach all der Zeit, die er nun schon für das Magazin schrieb und mit Farnsworth Wright vertrauensvoll zusammenarbeitete, ein Versuchslabor für neue Ideen dar. Dennoch war es ihm bisher nicht gelungen, die Formel, das Rezept für das Magazin zu entschlüsseln, das ihm – wie er hoffte – regelmäßige Veröffentlichungen und Schecks verschaffen würde. Conan sollte das ändern. Er wollte unbedingt eine dauerhafte Serienfigur für Weird Tales entwerfen und mit dieser endlich zum finanziell erfolgreichsten Autor des Magazins werden. Diesen Titel trug zu der Zeit, in der Conan entstand, ein gewisser Seabury Quinn, dessen „Jules de Grandin“ – Reihe ein Favorit der Leserschaft war. Robert folgte auf Platz 2, womit er sich als der Ehrgeizling, der er war, natürlich nicht zufriedengeben konnte. Er analysierte Quinns Geschichten, um herauszufinden, was dieser anders machte. Diese schildern die „paranormalen“ Kriminalfälle des Ermittlerduos Jules de Grandin und Dr. Trowbridge, die sich letztendlich als gar nicht so übernatürlich herausstellen, weil der Täter normalerweise ein Mensch mit schwer angeschlagener geistiger Gesundheit ist. Mich erinnert dieses Konzept ein wenig an die Zeichentrickserie „Scooby-Doo“, die aber natürlich wesentlich später über die Fernsehgeräte flimmerte (ab 1969). Die Leser_innen von Weird Tales liebten diese Fälle und Wright wählte sie oft als Coverfeature aus, was auch daran lag, dass sie sich publikumswirksam illustrieren ließen. Die „Jules de Grandin“ – Geschichten waren sexy, sie enthielten oft ein knapp bekleidetes Fräulein in Nöten, Szenen softer BDSM und erotisch aufgeladener leichter Folter. Wright beabsichtigte, dadurch die Leserschaft der sogenannten Spicys (ein Subgenre der Pulps, das damals beinahe als Softporno durchging) ansprechen und für Weird Tales gewinnen zu können. Sex sells, das war eben schon immer so, selbst wenn der „Sex“ der 1930er Jahre aus heutiger Sicht ziemlich züchtig wirkt (zum Beispiel ein bekleideter, bebender Busen).

Dank der Leserbriefe, die Weird Tales erreichten und dort auch abgedruckt wurden, wusste Robert, dass den Leser_innen der Sexappeal der „Jules de Grandin“ – Geschichten wichtig war. Conan sollte die Vorlieben, die sich sowohl in Roberts als auch in der Popularität seines Konkurrenten widerspiegelten, gezielt aufgreifen. Action, Magie und Erotik, diese Kombination erschien ihm vielversprechend. Bereits in „The Frost-Giant’s Daughter“ und „The God in the Bowl“ finden sich exakt die Elemente, die die Leserschaft an „Jules de Grandin“  liebte und von denen Robert deshalb glaubte, dass sie sich verkaufen würden: eine Mordermittlung und eine verführerische Frau in einem so gut wie durchsichtigen Gewand. Es war ein guter Plan, der vielleicht aufgegangen wäre, wäre Farnsworth Wright nicht Herausgeber von Weird Tales gewesen, der aufgrund seiner Vision für das Magazin (die er vermutlich nicht konkret hätte verbalisieren können) zu völlig unkalkulierbaren Entscheidungen neigte.

Morgen finden wir heraus, wie Farnsworth Wright auf Roberts neuste Schöpfung reagierte und wie es dem jungen Schriftsteller gelang, Conan als eine Institution von Weird Tales zu etablieren. Schaut wieder vorbei, wir werden tief in die Erzählungen eintauchen und analysieren, was das Zeug hält!

 

Quellenverzeichnis (PDF)

Header-Bildquellen
Wild West – Landschaft: Seita/Shutterstock.com
Schwert im Felsen: KUCO/Shutterstock.com

 

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