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[Robert E. Howard & Conan der Barbar] Kapitel 3 – Mythenschmiede nach Texas-Art (Teil 5)

07 Okt

Hallo und herzlich Willkommen zu einem weiteren Tag in meinem Blogprojekt „Robert E. Howard & Conan der Barbar“. Heute schließen wir das Kapitel zu Roberts Literatur außer Conan ab. Wir werden noch eine Figur kennenlernen, die der Schriftsteller zwar erst spät in seinem Leben entwickelte, die meiner Meinung nach aber seine persönlichste Schöpfung war.

1932 trocknete Roberts Markt für Box-Geschichten mit der (vorübergehenden) Einstellung von Fight Stories fast komplett ein. Trotz dieses Rückschlags hielt der Seemann Steve Costigan zwei wichtige Lektionen für ihn bereit. Erstens: Das Schreiben lustiger Erzählungen in der Tradition der Tall Tales fiel Robert leicht. Zweitens: Er konnte sie an das Pulp Action Stories verkaufen, in dem der boxende Seemann einige Gastspiele verbracht hatte. Nachdem Steve Costigan mehr oder weniger die Segel streichen musste, wurde Robert klar, dass er Action Stories als Kunden behalten konnte, indem er lediglich das Genre änderte. So wurden aus witzigen Box-Geschichten witzige Western.

Action Stories Ausgabe von März-April 1934, in der „Mountain Man“ erschien, die erste Elkins-Geschichte. © Galactic Central

Der liebenswürdige, physisch beeindruckende, aber nicht besonders clevere Cowboy Breckinridge Elkins und seine weitreichende Familie, der Elkins-Clan, eroberten Action Stories im März 1934 und blieben dem Magazin bis ins Frühjahr 1937 treu, mehr als ein halbes Jahr nach Roberts Tod. Es war seine längste und konsequenteste Reihe. Die erste Geschichte „Mountain Man“, in der ein Boxkampf das zentrale Ereignis ist, schrieb Robert im Juli 1933 und vertraute dabei voll und ganz auf die Techniken der Tall Tales, die ihn schon sein gesamtes Leben begleiteten. Nach all den Jahren mit fantastischen Settings, epischen Figuren und grimmiger Ernsthaftigkeit wandte er sich nun Motiven zu, die er besser als alles andere kannte: Kleinstadtmentalität, kleinliche Fehden, anspruchsvolle Verwandte und texanisches Lokalkolorit. Offiziell spielen die Elkins-Geschichten in Bear Creek, Nevada, doch wie so oft in Roberts Karriere handelt es sich dabei um eine leicht durchschaubare Verkleidung. Die Elkins-Familie sind Texaner_innen im Geiste, daran gibt es nichts zu rütteln.

Jede einzelne Geschichte weist Merkmale der südwestlichen Folklore der USA auf. Sie alle enden entweder mit der Enttäuschung der Erwartungen von Leser_innen und Figuren oder mit einer klassischen Pointe. Robert schlüpft in Breckinridges Ich-Perspektive und inszeniert ihn als unzuverlässigen Erzähler, um haarsträubende Übertreibungen im todernsten Brustton der Überzeugung wiederzugeben und ideal zu timen. Da Robert darüber hinaus oft noch an der Schreibmaschine laut vorlas, was er schrieb, gestattete ihm Brecks Blickwinkel ein Maximum an Spontanität und die Möglichkeit, buchstäblich zu hören, wie seine schriftlichen Varianten der mündlich überlieferten Tall Tales wirkten. Breck ist ein Bär von einem Mann, eine Assoziation, die Robert bewusst forcierte, denn in der allerersten Szene in „Mountain Man“ treffen wir ihn, während er gerade ein Bienennest für dessen Honig plündert. Wer muss dabei nicht an Winnie-the-Pooh denken, der zu dieser Zeit übrigens bereits weltberühmt war? Er hat viel mit dem Seemann Steve Costigan gemeinsam: sie sind beide ungewöhnlich groß und stark, ein bisschen einfältig und verfügen über einen tierischen Begleiter, der als Sidekick dient. Was Mike die Bulldogge für Steve Costigan ist, ist der misslaunige, boshafte Hengst Cap’n Kidd für Breck, der in der zweiten Geschichte „Guns of the Mountain“ seinen ersten Auftritt hat. Cap’n Kidd lässt sich ausschließlich von Breck reiten, was Robert veranlasste, in der späteren Geschichte „Meet Cap’n Kidd“ noch einmal das beliebte Tall Tales – Motiv des unzähmbaren Pferdes aufzugreifen, das er in einer seiner ersten Geschichten („West is West“) verwendete.

Der Unterschied zwischen Steve Costigan und Breckinridge Elkins besteht darin, dass Breck normalerweise nicht aus eigenem Antrieb in seine Abenteuer hineinschlittert, sondern aufgrund seiner Familie in kompromittierenden, haarigen Situationen landet. In der Regel erteilt ihm sein Vater „Pap“ irgendeinen Auftrag, den er eigentlich gar nicht erfüllen will und der ihn in Schwierigkeiten bringt. Manchmal sind es stattdessen seine zahlreichen Tanten oder Onkel, die ihm mit Aufgaben auf die Nerven gehen, aber das Ergebnis ist immer dasselbe. Gefühlt ist Breck mit halb Nevada irgendwie verwandt – im Hintergrund tummeln sich Cousins, Cousinen und eine nicht genau definierte Anzahl jüngerer Schwestern. Der Elkins-Clan ist Legion, ein Haufen kleinlicher, gehässiger, missgünstiger und nachtragender Menschen, die dennoch immer zusammenhalten, wenn es hart auf hart kommt. Interessanterweise ist das einzige Familienmitglied, das Breck niemals sagt, was er tun soll und auch nie persönlich auftritt, seine Mutter. Sie fungiert als graue Eminenz, die Breck und seinen Vater in der Spur hält. Es entsteht der Eindruck, müsste sie die Bühne betreten, hätten die beiden gewaltigen Mist gebaut. Soweit kommt es jedoch nie.

Action Stories vom Juni 1934. Bereits mit der zweiten Elkins-Geschichte „Guns of the Mountain“ erhielt Robert eine Cover-Erwähnung. © Galactic Central

Bedenkt man, dass Robert E. Howard ausnahmslos in jedem seiner Werke verarbeitete, was er erlebte, empfand und glaubte, drängt sich natürlich die Frage auf, welche Schlüsse der ausgedehnte Familienbund der Elkins über ihn zulässt. Breckinridge ist die erste und einzige Figur in seinem Kanon, die überhaupt über eine explizit vorgestellte und aktiv handelnde Familie verfügt. Zuvor traten höchstens vereinzelt Verwandte auf, beispielsweise hat der Seemann Steve Costigan einen Bruder, aber niemals nahmen sie so bedeutende Rollen in seinen Geschichten ein. Mark Finn ist überzeugt, dass Robert durch den Elkins-Clan seine eigene Herkunft, Familie und Menschen, die er kannte, rekapitulierte. Anders ist die plötzliche Integration einer umfangreichen Sippe, die den Helden permanent gängelt, tatsächlich schwer zu erklären. Roberts Familie war ähnlich zahlreich und vielgestaltig wie der Elkins-Clan; auch er verfügte über eine kleine Armee aus Tanten und Onkeln, die über das ganze Land verteilt waren. Die meisten dieser Verwandten sah er so gut wie nie und lernte vermutlich gerade einmal einen Bruchteil kennen, doch durch die Geschichten, die ihm seine Eltern (hauptsächlich seine Mutter) erzählten, muss er das Gefühl gehabt haben, auf ein recht exaktes Bild seiner Familie zurückgreifen zu können. Daher musste er für die Elkins-Erzählungen keine neuen Charaktere, Konflikte oder Situationen erschaffen, sondern konnte einfach nutzen, fiktionalisieren und persiflieren, was in seinem Leben ohnehin vorhanden war. Ihm stand ein endloses Repertoire zur freien Verfügung, durch das er darüber hinaus die dysfunktionale Realität in seinem Elternhaus bewältigen konnte, über die er sonst mit niemandem sprach (außer vielleicht in Ansätzen mit Novalyne Price).

In den letzten zwei bis drei Jahren seines Lebens, während der er die Elkins-Geschichten schrieb, war seine Mutter Hester bereits sehr krank. Ihr Zustand verschlimmerte sich zusehends und Robert musste lernen, mit ihrem bevorstehenden Tod umzugehen. Ihre Pflege nahm mehr und mehr Zeit in Anspruch – Zeit, die Robert fehlte, um neue Konzepte oder Ideen für seine Literatur zu entwickeln. Dass er sich in dieser Phase auf Geschichten und Figuren besann, die ihm leicht von der Hand gingen, wenig mentalen Aufwand erforderten und außerdem zuverlässig Schecks produzierten, war aus seiner Perspektive vollkommen naheliegend. Das heißt allerdings nicht, dass in den Elkins-Geschichten nicht genauso viel von Robert steckt, wie beispielsweise in Solomon Kane oder dem Seemann Steve Costigan. Ganz im Gegenteil, vielleicht sind diese Tall Tales sogar das Persönlichste, das er je geschrieben hat. Hier illustrierte er keine ideologischen Theorien, legte nicht seine pessimistische Weltsicht dar, sondern beschrieb über die Krücke seines Humors, was ihn privat beschäftigte. Breckinridge ist mindestens ebenso sehr eine Idealisierung seiner selbst wie es Solomon Kane war – nur anders. Er rächt nicht das Unrecht der Welt, aber er stemmt die Bürde seiner Familie zuverlässig, standhaft und ohne mit der Wimper zu zucken. Er wirkt unzerstörbar und komplett unempfindlich für die Verletzungen, die in einer Familie so häufig auftreten. Es scheint plausibel, dass Robert auf Breck die Eigenschaften projizierte, die er selbst gern sein Eigen genannt hätte. Leider handelte es sich dabei um Wunschdenken. Breck mag für seine Familie der Fels in der Brandung sein – Robert hingegen zerbrach unter dem Druck seiner dysfunktionalen Familie.

Auch abseits der Anforderungen, die seine Familie an ihn stellte, verarbeitete Robert in den Elkins-Geschichten, was ihn umtrieb, seine Ängste und Sorgen. Zwei Geschichten stechen in diesem Kontext besonders heraus: „War on Bear Creek“ vom Oktober 1934 und „Sharp‘s Gun Serenade“, die er irgendwann vor 1936 schrieb und die letzte eigenständige Elkins-Erzählung war, die er noch zu Lebzeiten verkaufen konnte.

Action Stories Ausgabe vom April 1935, in der „War on Bear Creek“ erschien. © Galactic Central

„War on Bear Creek“ entstand, als Robert mit Novalyne Price anbändelte. Prompt fand sie sich in der Geschichte wieder, denn darin versucht Breck, die junge Lehrerin Margaret Ashley davon zu überzeugen, ihn zu heiraten. Diese ist von der Idee alles andere als begeistert, weil Breck sie zu sehr an einen Grizzlybären erinnert und brennt mit einem gewissen J. Pembroke Pemberton durch, mit dem sich Breck gerade erst angefreundet hatte. Während das alles auf dem Papier lustig und amüsant wirkt, spricht aus dem Szenario Roberts äußerst reale, tiefsitzende Furcht davor, dass ihm sein Mädchen von einem Freund ausgespannt werden könnte. Es ist auch nicht das erste Mal, dass dieser Plot in seinen Geschichten auftaucht; dem boxenden Seemann Steve Costigan passiert ähnliches. Robert war sehr eifersüchtig und ging grundsätzlich davon aus, dass ihm etwas weggenommen werden könnte. Umso tragischer ist es, dass sich „War on Bear Creek“ als prophetisch entpuppte, als Novalyne 1935 anfing, mit Roberts Freund Truett Vinson auszugehen. Die Trennung verarbeitete Robert ebenfalls durch Breckinridge Elkins. Im Sommer 1935 stellte er mehrere Elkins-Geschichten zu dem Roman „A Gent from Bear Creek“ zusammen, den er an den britischen Verleger Herbert Jenkins verkaufen wollte. Um eine gewisse Kontinuität zu gewährleisten, konzipierte er eine übergeordnete Handlungslinie, die die einzelnen Geschichten, nun Kapitel, miteinander verbindet. Diese thematisiert eine Romanze zwischen Breckinridge und Glory McGraw. Die beiden scharwenzeln umeinander herum, mal will er nicht, dann sie wieder nicht, aber am Ende, im letzten Kapitel, das Robert extra für den Roman schrieb, setzen sie sich zusammen, erkennen, wie dumm sie waren und verloben sich. Diese Anekdote bricht mir jedes Mal aufs Neue das Herz. Ich finde den Gedanken, dass Robert das Happy End verfasste, das er sich selbst wünschte, doch niemals bekommen sollte, unsagbar traurig.

„Sharp‘s Gun Serenade“ wirkt rückblickend und angesichts Roberts Suizid hingegen beunruhigend und unheilvoll. In dieser Geschichte tritt Breck im Trio mit den Freunden Jack Sprague und Bill Glanton auf. Sprague plant, sich zu erhängen, weil er von seiner Freundin verlassen wurde. Glanton ist fest entschlossen, ihn aufzuhalten, denn seiner Meinung nach ist ein Mann in Spragues Zustand nicht fähig, vernünftige Entscheidungen zu treffen und es liegt bei seinen Freunden, auf ihn aufzupassen. Breck steht irgendwo dazwischen, er äußert zwar, dass es ganz allein Spragues Angelegenheit ist, ob er sein Leben beenden will, hilft Glanton jedoch dabei, Sprague in letzter Sekunde zu retten und ihn anschließend vor sich selbst zu schützen. Letztendlich löst sich alles friedlich und witzig in Wohlgefallen auf; Sprague überlebt und brennt mit einer Lehrerin, auf die Breck ebenfalls ein Auge geworfen hatte, durch. Abgesehen davon, dass Robert abermals eine Situation konzipierte, in der Breck von einem Freund um seine potenzielle Ehefrau betrogen wird, hinterlässt die offene Diskussion der Figuren über Suizid den Eindruck eines düsteren Omens. Nun war dies keineswegs das erste Mal, dass Robert über Selbstmord nachdachte, seine suizidalen Tendenzen sind zumindest in seinen Gedichten schon wesentlich früher dokumentiert, aber aus dieser Geschichte ist nicht absehbar, welche Position Robert einnahm. Es scheint fast, als debattierte er mit sich selbst, als sei er hin und hergerissen gewesen zwischen dem Wunsch, sein Recht zu sterben auszuüben und dem Wunsch, gerettet zu werden.

Action Stories Ausgabe vom Januar 1937, in der „Sharp’s Gun Serenade“ erschien. © Galactic Central

„Sharp‘s Gun Serenade“ taucht als Kapitel im Elkins-Roman „A Gent from Bear Creek” auf. Es trägt den Titel „Educate or Bust“. Erstaunlicherweise fehlen die Suizid-Diskussion und der dazugehörige Handlungsstrang in dieser Variante. Es ist heute nicht mehr nachzuvollziehen, welche Version Robert zuerst verfasste, zieht man jedoch seine Verfahrensweise für die restlichen Kapitel in Betracht, ist es wahrscheinlich, dass die Kurzgeschichte die originale Fassung darstellt. Warum er sie für das Buch abänderte, ist nicht bekannt und reine Spekulation. Persönlich vermute ich, dass er das morbide Thema als zu schwerwiegend für die lockere, romantische Komödie betrachtete. Seine Leser_innen sollten sich an Breckinridge Elkins und Glory McGraw erinnern, nicht an den Selbstmordversuch von Jack Sprague.

Obwohl Robert mit Breckinridge Elkins ernstzunehmenden Erfolg hatte und er womöglich die authentischste Figur seines Kanons ist, sprach er nicht oft über ihn. Freunde oder Bekannte, die ihn überlebten, berichteten später nicht von Elkins oder El Borak, sie erinnerten sich an Conan. Wir wissen nicht, warum Robert die Charaktere, die sein Lebensende neben Conan bestimmten, offenbar kaum oder gar nicht thematisierte, Novalyne nie die Manuskripte zum Gegenlesen gab und bewusst oder unbewusst verschwieg, womit er regelmäßig Geld verdiente. Möglicherweise glaubte er, seine Freunde, die ja ebenfalls mit Tall Tales und texanischem Lokalkolorit aufgewachsen waren, würden sich nicht für Elkins interessieren. Eventuell war er nicht besonders stolz auf seinen witzigen Cowboy, weil das Schreiben so mühelos für ihn war. Vielleicht war ihm aber auch klar, dass er seine Freunde und Familie etwas zu offensichtlich karikiert hatte und wollte weder, dass sie sich beleidigt fühlten noch, dass sie erfuhren, was ihn beschäftigte.

Leider ist nicht überliefert, an welcher Geschichte Robert E. Howard zuletzt arbeitete, bevor er sich am 11. Juni 1936 das Leben nahm. In seinem Vermächtnis (ein Thema, über das wir noch ausführlich sprechen werden) befinden sich so viele unvollendete Fragmente und Entwürfe, dass man unmöglich feststellen kann, welche Erzählung seine letzte war. In seiner Schreibmaschine befand sich an seinem Todestag meines Wissens kein angefangener Text. Es ist jedoch dokumentiert, dass er noch im Frühjahr 1936 Elkins-Geschichten verfasste, bis die Pflege seiner todkranken Mutter so zeitintensiv wurde, dass er das Schreiben so gut wie ganz einstellte. Im Mai, etwa einen Monat vor seinem Suizid, berichtete er in seinem letzten Brief an Lovecraft, dass es ihm in den vergangenen Monaten nicht möglich war, viel zu schreiben, er allerdings durchaus noch einige Geschichten verkaufen konnte, darunter auch Elkins. Es ist absolut plausibel, dass die allerletzte Kurzgeschichte, die er fertigstellte, „Sharp’s Gun Serenade“ und sein letztes vollständiges Werk der Roman „A Gent from Bear Creek“ war. Einen Abschiedsbrief verfasste er nicht, was die These, dass es sich bei seinem Selbstmord um eine Kurzschlussentscheidung handelte, untermauert. Der Mythos, dass er die Verse „All fled, all done, so lift me on the pyre; The feast is over and the lamps expire.” aus dem Gedicht „The House of Caesar“ von Viola Garvin an diesem Morgen in seiner Schreibmaschine zurückließ, entspricht nicht den Tatsachen. Er trug sie in seiner Brieftasche. Es ist natürlich möglich, dass er den Streifen Papier dort im Zuge der Vorbereitungen seines Suizids deponierte, doch sie als konkreten Abschiedsbrief zu interpretieren, ist etwas weit hergeholt. Mir erscheint es persönlich wahrscheinlicher, dass Robert selbst etwas geschrieben hätte, hätte er wirklich eine Abschiedsnotiz hinterlassen wollen.

Robert E. Howard mit seinem Hund Patch (vermutlich 1930er Jahre), als gemeinfrei gekennzeichnet, Details auf Wikimedia Commons

Robert E. Howard war ein vielseitiger, experimentierfreudiger Autor, dessen extrem variables Werk durch den roten Faden seiner Herkunft zusammengehalten wird. Für ihn war es nicht abwegig, parallel fantastische Geschichten mit Magie und Monstern, aufregende realistische Wüstenabenteuer, historische Fiktion und lustige Tall Tales zu verfassen, denn all diese Erzählungen, so verschieden sie wirken mögen, waren Ausdruck ein und desselben Themas, das ihn nie losließ: Texas. Ohne die komplizierte Beziehung zu seiner Heimat wären viele seiner Geschichten vermutlich nicht entstanden. Er liebte Texas, er liebte die lokale Folklore und den Geist des Frontiers, aber er hasste, was seinem Staat durch den Ölboom angetan wurde und dass ihn seine Verpflichtungen gegenüber seiner Familie dort festhielten. Diese Hassliebe äußerte sich unterschiedlich, doch sie verbirgt sich in jeder einzelnen seiner Geschichten – wenn man weiß, wonach man suchen muss.

Roberts humoristische Geschichten sind Tall Tales, eine Form der mündlichen Überlieferung, die das Herzstück der US-amerikanischen – und damit selbstverständlich auch der texanischen – Folklore darstellt. Er wuchs mit Tall Tales auf und war seit frühester Kindheit ein aufmerksamer Zuhörer. Daher war es kein Wunder, dass bereits die erste Geschichte, die er an das Pulp Magazin Adventure schickte, „Bill Smalley and the Power of the Human Eye“, Merkmale dieser Erzählkunst enthielt. Es lag Robert im Blut. Tall Tales begleiteten ihn sein Leben lang und wann immer er diese Tradition nutzte, um originelle Figuren zu schaffen und mit ihnen Komödien zu schreiben, hatte er damit Erfolg, besonders mit dem boxenden Seemann Steve Costigan und dem familiär stark eingebundenen Cowboy Breckinridge Elkins. Costigan und Elkins sind Idealisierungen, cartoonhafte Karikaturen seiner Person, mit denen er sich gutmütig auf die Schippe nehmen konnte, ohne allzu selbstkritisch sein zu müssen. Durch seine amüsanten Charaktere drückte Robert aber auch seine tiefsten Sehnsüchte und Wünsche für die Zukunft aus, wodurch diese luftigen, ungezwungenen Geschichten zu den persönlichsten seines Kanons zählen. Steve Costigan bereist als Seemann die ganze Welt – Robert konnte sein Fernweh in der Realität nie befriedigen. Er konnte lediglich davon träumen, um den Globus zu reisen und frei zu sein, ohne Verpflichtungen und Verantwortung für seine Familie. Breckinridge Elkins entstand deutlich später, zu einer Zeit, als Robert sich offenbar damit abgefunden hatte, sein Leben in Texas im Haus seiner Eltern zu verbringen. Statt sich exotische Häfen vorzustellen, gab er seiner Heimat ein Gesicht und entwickelte einen Charakter, der jedem familiären Problem oder Konflikt und den damit verbundenen Verpflichtungen stoisch und standhaft trotzt. Beide zeigen, wer Robert sein wollte, aber nie sein konnte.

In seiner ernsthaften Literatur – Fantasy, Horror, historische Fiktion, Abenteuer, Western – fand Robert hingegen ein Sprachrohr für seine Interessen und Ansichten. Er schrieb über das, was ihn faszinierte, über Historie und Mythologie, und über die Weltanschauung, die er sich während seiner Kindheit und Jugend in Texas angeeignet hatte. Das wahrscheinlich häufigste Motiv in seinem Gesamtwerk ist der Aufstieg der Barbaren über eine degenerierte Zivilisation. Diese Geschichten sind sein Kommentar zum Zeitgeschehen, das ganz eindeutig von den Entwicklungen in seiner Heimat geprägt war. Robert stellte der fortschrittlichen Zivilisation ein Armutszeugnis aus und schwelgte in Idealisierungen der Frontiermentalität. Seine Held_innen sind nicht grundlos häufig Personen, die einem singulären, gradlinigen, individuellen Moralkodex folgen und das Recht in ihre eigenen Hände nehmen, um sich den Agent_innen einer korrupten, verdorbenen Gesellschaft entgegenzustellen. Sie alle tragen Texas in ihren Herzen. Sie tun das, was Robert nie tun konnte: sie bleiben sich selbst treu. Dennoch erkannte er die Unausweichlichkeit des zyklischen Verlaufs der Geschichte. Er porträtierte sowohl Gewinner als auch Verlierer und vermittelte stets, dass jeder Sieg vorübergehend ist. Niemand – keine Person, kein Regime, keine Nation oder Kultur – überdauert die Zeit, doch in diesem unvermeidlichen Untergang liegt der Schlüssel zur Mythenbildung.
Wäre Robert nicht in Texas während des Ölbooms aufgewachsen, hätte er diese pessimistische Einstellung vermutlich nicht entwickelt. Hätte er nicht gesehen, wie Kriminalität, Gewalt und brutale Profitgier seine Heimat überrollten, wäre er vielleicht nicht einmal Schriftsteller geworden.

Wenn er schrieb, trug Robert E. Howard sein Herz auf der Zunge. Er war ein komplizierter Mann, der mit vielen widerstreitenden Gefühlen ring, doch seine Geschichten waren sein Ventil, durch das er seiner Realität entfliehen konnte. Er traf darin Aussagen, die er sonst niemals verbalisierte, verarbeitete und lebte all seine Frustration und seinen Zorn aus, die sich ganz natürlich mit der überwältigenden Vitalität seiner Figuren verbanden. Robert wollte leben – aber er wünschte sich ein Leben, das für ihn damals nicht erreichbar war. Es ist eine Tragödie, dass er der Zukunft keine Chance gab und wir deshalb nie erfahren haben, welche Wendungen seine schriftstellerische Karriere noch genommen hätte, zu welchen Geschichten er inspiriert worden wäre. Sein früher Tod war ein herber Verlust für die Welt der Literatur. Nichtsdestotrotz lebt das Andenken an ihn in seinem Werk weiter – und mit ihm das Texas seiner Zeit.

Quellenverzeichnis (PDF)

Header-Bildquellen
Wild West – Landschaft: Seita/Shutterstock.com
Schwert im Felsen: KUCO/Shutterstock.com

 

 

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