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[Robert E. Howard & Conan der Barbar] Kapitel 3 – Mythenschmiede nach Texas-Art (Teil 4)

06 Okt

Hallo und herzlich Willkommen zu einem weiteren Tag in meinem Blogprojekt „Robert E. Howard & Conan der Barbar“. Letzte Woche haben wir bereits ein recht breites Spektrum von Roberts Fiktion abgedeckt. Heute müssten wir eigentlich mit Conan starten. Robert E. Howard entwickelte seine Figur 1932 und schrieb die ersten drei Geschichten um den eindrucksvollen Cimmerier. Doch da Conan das Herzstück dieses Projekts ist und eine gesonderte Analyse erhält, gönnen wir uns den Luxus, seine Existenz vorerst zu ignorieren und komplett zu überspringen. Stattdessen möchte ich euch heute zu Beginn eine andere Figur vorstellen, die Robert ebenfalls etwa 1932 entwarf und für deren Schicksal er sich im hyborischen Zeitalter bediente, die fiktive, sagenumwobene Epoche, in der Conan seine Abenteuer erlebt.

Der Texaner James Allison (Nein, es besteht keine Verbindung zu dem Boxer Kid Allison) gehört vermutlich zu den ungewöhnlichsten Figuren im gesamten Howard-Kanon. Robert schrieb drei vollständige Geschichten, zusätzlich sind fünf Fragmente erhalten. Von diesen drei Geschichten konnte er nur zwei verkaufen; „The Valley of the Worm“ wurde im Februar 1934 bei Weird Tales veröffentlicht, „The Garden of Fear“ von Juli bis August 1934 in Marvel Tales (das Pulp, nicht der Comicverlag). Die erste James Allison – Geschichte war jedoch „Marchers of Valhalla“. Sie stellt den Protagonisten vor und demonstriert, wieso er in Roberts Gesamtwerk heraussticht.

Marvel Tales, Ausgabe Juli-August 1934. Dass es sich um ein Amateur-Pulp handelte, ist deutlich zu erkennen. © Galactic Central

James Allison ist die (vermutlich) einzige Hauptfigur, die sich Robert ausdachte, die körperlich eingeschränkt ist und nicht über beeindruckende physische Kräfte verfügt. Als Kind hatte Allison einen Unfall, der ihm eines seiner Beine nahm, weshalb er sich als Erwachsener auf Krücken fortbewegen muss. Er lebt in einer Gegend von Texas, die stark an Cross Plains erinnert. Leser_innen treffen ihn auf einem Spaziergang durch die Natur; er ist unglücklich und depressiv, seine Existenz erscheint ihm miserabel. Doch dann findet er heraus, dass er nicht immer der amputierte James Allison war. In der Vergangenheit lebte er viele Leben und war vor tausenden von Jahren Mitglied der Armee der mächtigen Asen. Das barbarische Volk der Asen stammt direkt aus dem hyborischen Zeitalter. In der Folge besucht er seine früheren Leben, wird Zeuge seiner eigenen Abenteuer und entkommt so dem Gefängnis seines versehrten Körpers. Wie bereits erwähnt, glaubte Robert an Reinkarnation – James Allison ist die Personifikation dieser Überzeugung. Durch die Einbindung der Asen konnte er außerdem erneut sein Stammthema einbringen: Zivilisation vs. Barbarei. Die Asen werden letztendlich nämlich durch ebenjene Vertreter der Zivilisation zu Fall gebracht, denen sie zu helfen geschworen haben.

Ganz neu war Roberts Konzept für die James Allison – Geschichten jedoch nicht. Es weist eindeutige Parallelen zu Jack Londons Roman „The Star Rover“ auf, der 1915 erschien. Darin wandelt der für Mord inhaftierte Darrell Standing zwischen den Sternen und besucht seine vergangenen Leben, um der Realität und Folter im Gefängnis zu entfliehen. Es ist bekannt, dass Robert Jack London verehrte. Man darf deshalb annehmen, dass er das Buch irgendwann las und es Einfluss auf seine Schöpfung von James Allison hatte. Mark Finn vermutet, dass die metaphysische Grundidee in Londons Werk ihn auch abgesehen von seinem Glauben an Reinkarnation persönlich stark ansprach. Anfang der 30er Jahre kristallisierte sich immer deutlicher heraus, dass von Robert erwartet wurde, sich zu Hause in Cross Plains um seine kranke Mutter zu kümmern. Seine Eltern länger allein zu lassen, weite Reisen zu unternehmen oder gar auszuziehen, kam nicht in Frage. So gern er vielleicht all das getan hätte, sein Verantwortungsgefühl für Hester und die Erwartungshaltung beider Elternteile ließen das nicht zu. Er liebte seine Mutter, aber ihre Pflege muss ihm oft wie ein Gefängnis erschienen sein. Solange sie ihn brauchte, konnte er nicht frei sein. Dass er eine Figur zum Leben erweckte, die an einem Ort, der Cross Plains zum Verwechseln ähnlich ist, ebenso gefangen ist wie er selbst und ihren Ausweg in Visionen der Vergangenheit findet, sagt auch meiner Meinung nach viel darüber aus, wie er sich damals fühlte. Das Schreiben war Roberts einziges dauerhaftes Ventil, der einzige Rahmen, in dem er seinen Wünschen und Sehnsüchten freien Lauf lassen konnte. Es war für ihn ebenso Flucht wie Selbstverwirklichung. In James Allison stecken viele der Emotionen, mit denen Robert damals zu kämpfen hatte.

Die Tatsache, dass James Allison in einer dünn maskierten Variante von Cross Plains ansässig ist, ist nicht ungewöhnlich für Robert. Er hatte bereits früher in seiner Karriere versucht, seine Heimatstadt und deren Umgebung zu fiktionalisieren, mit gemischten Ergebnissen. Ab 1932 intensivierte er diese Bemühungen, denn es zog ihn zu dem Genre zurück, mit dem für ihn alles begonnen hatte: Western. Dieses Mal wollte er jedoch keine amüsanten Tall Tales schildern, sondern ernsthafte, realistische Erzählungen. Leider lag ihm diese Spielart nicht. Es gelang ihm nur, Cross Plains überzeugend abzubilden, wenn er Westernmotive mit übernatürlichen, folkloristischen Horrorelementen kombinierte. Beispiele hierfür sind „The Horror from the Mound“, traditioneller Vampirgrusel, der im Mai 1932 bei Weird Tales erschien und „Old Garfield’s Heart“, eine Geschichte, in der es um einen unheilvollen Pakt mit einem indischen Gott geht, die im Dezember 1933 ebenfalls von Weird Tales veröffentlicht wurde. Die erhaltenen ernsten, realistischen Western aus dieser Phase sind im Großen und Ganzen nicht weiter erwähnenswert, es gibt jedoch zwei Ausnahmen.

„Wild Water“ schrieb Robert vermutlich im Sommer 1932, sie wurde erst nach seinem Tod veröffentlicht. Die Hauptfigur ist ein Revolverheld, der Rache an denjenigen nimmt, die seiner Familie Unrecht taten. Dabei findet er heraus, dass in der Stadt noch mehr im Argen liegt. Der neue, unter fragwürdigen (mindestens halb-illegalen) Umständen gebaute Staudamm vertrieb einen Farmer von seinem Land. Erbost und verzweifelt plant dieser, den Damm in die Luft zu sprengen, was die Stadt fluten und tausende Bewohner_innen töten würde. Es kommt zu einem dramatischen Showdown während eines nahezu biblischen Gewittersturms. Der Revolverheld rettet die Stadt, zahlt dafür allerdings mit seinem eigenen Leben.

Erste Seite des Brownwood Bulletin vom 5. Juli 1932. Die Berichterstattung zur Flutung des Stausees befindet sich in der Spalte ganz rechts. Der Artikel wird auf Seite 6 fortgesetzt, bei Interesse kann die gesamte Zeitung auf The Portal to Texas History (ein Projekt der University of North Texas Libraries) eingesehen werden. © Brownwood Public Library

Die Idee, für das Szenario dieser Geschichte einen umstrittenen Staudamm und einen apokalyptischen Sturm zu verwenden, überfiel Robert nicht aus heiterem Himmel. Seit 1924 zankte die Stadtverwaltung in Brownwood mit einem Zusammenschluss aus Bauunternehmen über die Zukunft des Pecan Bayou, die den Fluss in ein Wasserreservoir umwandeln wollten. Erst Jahre später und nach diversen Gerichtsverfahren fand man endlich eine Einigung. Es wurde ein Staudamm errichtet und Lake Brownwood entstand. Laut Berechnungen zur durchschnittlichen Regenmenge in Callahan und Brown County sollte der Stausee zwei Jahre brauchen, um sich zu füllen. Das launische Wetter in Texas stellte diese Prognose völlig auf den Kopf. Am 03. Juli 1932 erlebte der Westen des Staates sintflutartige Regenfälle, die zu katastrophalen Überschwemmungen führten. Pecan Bayou und der Fluss Jim Ned Creek traten über die Ufer. Lake Brownwood lief innerhalb von sechs Stunden voll und enthielt dann mehr Wasser als dem Normalpegel des Stausees entspricht. (Es existieren Zahlen dazu, aber da sich das metrische System in den USA nie durchsetzen konnte und deshalb die in Deutschland nicht gebräuchliche Maßeinheit „acre-feet“ genutzt wird, erspare ich euch und mir die Umrechnung.) Obwohl der Damm hielt, waren die Folgen der Überschwemmungen verheerend. Wie Robert in einem Brief an Lovecraft wenig später beschrieb, wurden Ernten und Felder überflutet, Bäume entwurzelt und Häuser völlig zerstört. Zahllose Pferde und Rinder ertranken. Trotz des Wohlstands, den das Öl Texas gebracht hatte, bestritt ein großer Teil der Bevölkerung seinen Lebensunterhalt noch immer mit der Landwirtschaft. Robert schilderte darüber hinaus, dass der buchstäblich über Nacht gefüllte Stausee die Landschaft komplett veränderte. Es befremdete und beeindruckte ihn, mitten in der texanischen Kargheit plötzlich ein stehendes Gewässer zu erblicken. Bedenkt man, wie sehr sein Leben sein Werk grundsätzlich beeinflusste, ist es nicht verwunderlich, dass er diese Emotionen und Eindrücke literarisch in „Wild Water“ verarbeitete.
Der Staudamm wurde übrigens 1933 fertiggestellt und existiert noch heute.

Die zweite Geschichte, die eine nähere Betrachtung rechtfertigt, ist „The Vultures of Wahpeton“, die Robert 1934 schrieb. Diese beleuchtet wieder einmal das wohlbekannte Motiv einer korrupten, verrottenden Zivilisation, der sich ein einzelner, rechtschaffener Mann entgegenstellt. Der Protagonist Steve Corcoran, ein Revolverheld aus Texas, wird als Deputy für die Goldgräberstadt Wahpeton angeheuert, in der seit einiger Zeit eine Bande namens Vultures ihr Unwesen treibt und ungehindert Menschen ermordet. Niemand weiß, wer ihre Mitglieder sind, trotz ihrer zahlreichen und häufig dreisten Verbrechen. Corcoran erkennt, dass er niemandem trauen kann, denn selbst Angestellte der Stadt scheinen mit den Vultures im Bunde zu stehen. Dennoch stellt er sich ihnen mutig in den Weg. Robert war bewusst, dass diese düstere, grimmige Geschichte von Paranoia, Intrigen und Korruption nicht den damals üblichen Strukturen des Westerngenres entsprach und er es schwer haben würde, die Pulp Magazine zu einer Annahme zu bewegen. Vermutlich konzipierte er deshalb eine zweite Version des Schlusses, ein Happy End, das seinen Leser_innen eher entgegenkommen sollte als sein ursprüngliches, trostloses Ende. Es dauerte zwei Jahre, bis „The Vultures of Wahpeton“ im Pulp Smashing Novels erschien. Sie wurde im Dezember 1936, Monate nach Roberts Tod, veröffentlicht – mit beiden Schlussvarianten.

Der bescheidene Erfolg seiner ernsthaften Western hinderte Robert nicht daran, Westernmotive in ein anderes Setting zu verlegen, womit er bessere Ergebnisse erzielte. Im Spätjahr 1933 schrieb er die Geschichte „The Daughter of Erlik Khan“ und stellte der Welt Francis X. Gordon vor, auch bekannt als El Borak oder The Swift. Gordon war das Überbleibsel eines frühen Schreibversuchs, den er komplett überarbeitete. Ehemals ein Weltenbummler und Abenteurer, der Unruhen im Orient anstachelte, war er nun ein Revolverheld aus El Paso, Texas, den es nach Afghanistan verschlägt. Dort muss er sich zwischen der Stammespolitik verschiedener Nomadenvölker zurechtfinden, mit Schwert und Revolver kämpfen und diverse Übeltäter durch die Wüste verfolgen, zum Beispiel Schatzjäger oder Söldner. Gordon ist ein Mediator zwischen Zivilisation und Barbarei; zu barbarisch für die Zivilisation und zu zivilisiert für die Barbaren, deren Akzeptanz er dadurch gewinnt, dass er viele ihrer Gebräuche und Verhaltensweisen übernimmt und sich der lokalen Kultur anpasst, obwohl er nie zum Islam konvertiert und nur sich selbst verpflichtet bleibt. Sein stark ausgeprägter moralischer Kompass motiviert ihn, Afghanistan und dessen natürliche Ressourcen immer wieder vor despotischer Ausbeutung und Kriegstreiberei zu schützen, meist ausgelöst dadurch, dass ein Freund von ihm in Gefahr ist. Er vermittelt daher sowohl sehr wenig Sympathie für weiße Europäer, von deren Joch sich das Land erst 1919 befreit hatte (zuvor war Afghanistan eine britische Kolonie), als auch für örtliche Warlords oder Rebellen. Trotz dessen sind die El Borak – Geschichten keineswegs eindimensional, denn alle auftretenden Figuren – inklusive Gordon – sind nicht einfach gut oder böse, sondern ambivalent und voller egoistischer Triebfedern.

Top-Notch vom Juli 1935. „The Blood of the Gods“ war das Coverfeature. © Galactic Central

Robert E. Howard war nie in Afghanistan. Er verbrachte sein gesamtes Leben in Texas. Zwar hatte er die Historie des Mittleren Ostens gründlich recherchiert und interessierte sich für die lokale Politik, aber ein Teil der Konflikte, die er mithilfe von El Borak darstellte, hatten ihren Ursprung in seinem Heimatstaat während des Ölbooms. Robert war stets der Meinung, dass ortfremde Personen und Firmen Cross Plains und die umliegenden Countys ausbeuteten und mehr Probleme verursachten als Vorteile brachten. Diese Ansicht kombinierte er mit seinem Wissen zur texanischen Historie. Er wandelte die blutige Vergangenheit seiner Heimat in den Kriegen mit der indigenen Bevölkerung in Spannungen zwischen Nomadenstämmen und der afghanischen Regierung um, wodurch er überzeugende Erzählungen schreiben konnte, ohne jemals vor Ort gewesen zu sein. Es ist erstaunlich, wie präzise er die Situation in Afghanistan erfasste, nur, indem er die texanische Geschichte und seine eigenen Erfahrungen auf dieses Setting projizierte.

El Borak war, beispielsweise verglichen mit dem Seemann Steve Costigan, kein Kassenschlager. Otis Kline, den Robert 1933 als Agenten engagierte, brauchte ein Jahr, um „The Daughter of Erlik Khan“ zu verkaufen. Im Dezember 1934 erschien die Geschichte in Top-Notch. Das Magazin erwarb lediglich zwei weitere El Borak – Abenteuer, „Hawk of the Hills“ (veröffentlicht im Juni 1935) und „Blood of the Gods“ (veröffentlicht im Juli 1935), obwohl Robert insgesamt 17 vollständige Geschichten und zwei Fragmente verfasste. Es war offensichtlich: Roberts ernsthafte Western, ob sie nun in Texas oder in Afghanistan spielten, waren in den Pulps nicht sonderlich gefragt. Seine humoristischen Western wurden ihm hingegen nahezu aus den Händen gerissen.

Morgen widmen wir uns dem letzten Abschnitt dieses Kapitels und finden heraus, wieso es für Robert kein Widerspruch war, am schmerzhaften Ende seines Lebens humoristische Literatur in der Tradition der Tall Tales zu schreiben. Schaut vorbei und lernt Breckinridge Elkins kennen!

 

Quellenverzeichnis (PDF)

Header-Bildquellen
Wild West – Landschaft: Seita/Shutterstock.com
Schwert im Felsen: KUCO/Shutterstock.com

 

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