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[Robert E. Howard & Conan der Barbar] Kapitel 3 – Mythenschmiede nach Texas-Art (Teil 3)

01 Okt

Hallo und herzlich Willkommen zu einem weiteren Tag in meinem Blogprojekt „Robert E. Howard & Conan der Barbar“. Gestern haben wir über Roberts Anfänge als Pulp-Schriftsteller sowie die Geburt von König Kull und Solomon Kane gesprochen und herausgefunden, dass ihm realistische Fiktion nicht lag. Heute analysieren wir seine erste erfolgreiche Serienfigur, seine historische Fiktion und seine Ausflüge ins Horror-Genre, die von seiner Freundschaft zu H.P. Lovecraft inspiriert waren.

1928 bemühte sich Robert E. Howard zusätzlich zu seinen Solomon Kane – Geschichten und seinen misslungenen Experimenten in der realistischen Fiktion, in dem neu gegründeten Box-Pulp Fight Stories veröffentlicht zu werden. Es ist nicht bekannt, wie viele Box-Geschichten er in diesem Jahr schrieb, sicher ist lediglich, dass es mindestens drei waren, von denen er aber nur eine verkaufen konnte. „The Spirit of Tom Molyneaux“ erzählt von dem afroamerikanischen Schwergewichtsboxer „Ace“ Jessel, der im Kampf seines Lebens gegen einen gewissen „Man-Killer“ Gomez antreten muss. Ace droht, zu verlieren, bis er in seiner Ecke des Rings den Geist des legendären Boxers und ehemaligen Sklaven Thomas Molyneaux erblickt. Sein Idol verleiht ihm neue Kraft und neuen Mut – den Ausgang des Kampfes könnt ihr euch sicher denken. Diese Geschichte veranschaulicht, wie Robert das Cross-Genre einsetzte, um sich mit einem neuen Thema vertraut zu machen und seine Erfolgschancen auf dem Pulp-Markt zu maximieren. Er nannte es „splashing the field“: er visierte ein bestimmtes Genre-Pulp an, verwendete allerdings auch Elemente eines anderen Genres, mit dem er sich besser auskannte, um seine Erzählung notfalls einem anderen Magazin anbieten zu können. Diese gezielte Taktik ist dafür verantwortlich, dass viele seiner Werke schwer zu kategorisieren sind. „The Spirit of Tom Molyneaux“ wollte er an Fight Stories verkaufen, da er jedoch noch nicht wusste, was beim Herausgeber ankam, integrierte er Elemente des Übernatürlichen, in dem er ja quasi schon ein alter Hase war. Tatsächlich lehnte Fight Stories „The Spirit of Tom Molyneaux” ab, Ghost Stories nahm sie hingegen an und veröffentlichte sie im April 1929 unter dem Titel „The Apparition in the Prize Ring“.

Fight Stories vom Juli 1929. In dieser Ausgabe erschien „The Pit of the Serpent“, Robert E. Howard wurde aber noch nicht auf dem Cover genannt. © Galactic Central

Trotz einiger Anläufe dauerte es nicht lange, bis Robert Fight Stories knackte. Sein Siegesfeldzug mit Box-Geschichten, die ihm erstmals ein regelmäßiges Einkommen garantierten, begann im Frühjahr 1929 mit „The Pit of the Serpent“. Diese Erzählung stellte den Leser_innen von Fight Stories den Seemann und Boxchampion Steve Costigan vor, der sich schnell zu einer permanenten Serienfigur entwickelte. Costigan ist ein Iron Man, der mehr einstecken kann, als gut für ihn ist, groß und stark, aber nicht besonders klug. Er bereist auf dem Frachter Sea Girl die (exotischen) Häfen der Welt und boxt dort unter amüsanten Umständen gegen seine Kontrahenten. Robert hatte zur humoristischen Fiktion zurückgefunden und endlich eine Formel entdeckt, die funktionierte.

Die Costigan-Geschichten sind voll von den Slapstick-Techniken der Tall Tales. Dank seiner eigenen Erfahrungen als Zuschauer und Teilnehmer von Boxkämpfen wusste Robert genau, wovon er schrieb und konnte Costigans Abenteuer aus der Ich-Perspektive des unzuverlässigen Erzählers schildern, was ihm erlaubte, seinen persönlichen Sinn für Humor auszuspielen. Er setzte Übertreibungen ein, die er gewissenhaft timte und illustrativ veranschaulichte, beschränkte sich auf skizzenhafte, vorstellbare Settings und konzipierte Endsequenzen, die entweder eine traditionelle Pointe oder eine überraschende Wendung, die sowohl die Erwartungshaltung seiner Leser_innen als auch seiner Figuren kippte, enthielten. Er begriff, dass die Schriftstellerei für Pulp Magazine einem Baukastenprinzip folgte: sie bestand aus einzelnen Bausteinen, die er frei kombinieren konnte. Für eine gute Geschichte musste dennoch jeder Baustein exakt an seinem Platz sein, um eine erfolgsversprechende übergeordnete Struktur zu gewährleisten. Sein Konzept für seine humoristischen Box-Erzählungen war bereits mit der zweiten Costigan-Geschichte „The Bull Dog Breed“ vollständig, in der er Costigan schenkte, was ihm bisher fehlte: seinen Sidekick, die Bulldogge Mike. Gemeinsam bilden sie ein überzeugendes komisches Duo, das es mit jedem Gegner aufnehmen kann.

Mit Steve Costigan war Robert in seinem Element. Obwohl er viel Sorgfalt investierte, schrieben sich die Geschichten für ihn leicht, denn die Stimme des Boxers ist der Stimme des Autors sehr ähnlich. Über seine Figur konnte Robert den Boxsport, seine Freunde und sich selbst satirisch darstellen. Er konnte seine eigenen Fehler aufs Korn nehmen, ohne der Realität allzu nah zu kommen: seine Impulsivität, seine Leichtgläubigkeit, seine Vorliebe für gute Speisen und Getränke. Als Cartoon-Variante, als überzeichnete Karikatur, konnte er seine eigene physische Veränderung durch sein intensives Training und den daraus entstandenen Konflikt zu seinen intellektuellen Interessen und seinem Beruf verarbeiten. Gleichzeitig fungierte Costigan als Leinwand, auf die Robert seine Träume und Wünsche projizieren konnte. Der Seemann ist freier, als Robert es je war. Aus seiner Perspektive konnte er Settings nach Belieben erkunden und in seiner Fantasie um den gesamten Globus reisen, während er physisch an Cross Plains und sein Elternhaus gebunden war, weil er sich für seine kranke Mutter verantwortlich fühlte.

Fight Stories vom Dezemebr 1931. Nun wurde Robert E. Howard endlich auch auf dem Cover angepriesen. © Galactic Central

Steve Costigan war ein Hit. Seine witzigen Box-Abenteuer waren bei den Leser_innen von Fight Stories sehr beliebt und begleiteten das Magazin, bis es 1932 durch die Auswirkungen der Großen Depression für vier Jahre eingestellt wurde. Ab und zu „verlieh“ Robert seinen Seemann auch an Action Stories, doch er war nicht bereit, sich von Fight Stories, die ihm beständig Schecks ausstellten, zu trennen. Als das Sport Story Magazine des Verlagsriesen Street & Smith im Februar 1931 an ihn herantrat und ihm vorschlug, Steve Costigan zu ihnen umziehen zu lassen, lehnte er ab und bot stattdessen an, für sie eine ähnliche Serienfigur zu konzipieren. Der Fuchs. Nach einigem Hin und Her einigte man sich und Robert entwarf Kid Allison, einen semiprofessionellen Boxer, der von einem Manager vertreten wird. Kid Allison hat viel mit Steve Costigan gemeinsam, ist aber keine Kopie. Leider fehlt ihm der spezielle Charme des boxenden Seemanns, weshalb das Sport Story Magazine nur drei der zehn Geschichten, die Robert für sie verfasste, veröffentlichte, was ihn mächtig ärgerte. Doch auch ohne dieses Zubrot schrieb und veröffentlichte Robert mehr Geschichten über Boxer als jemals jemand zuvor und wurde von zeitgenössischen Sportjournalisten sehr geschätzt, was viel über die Qualität seiner Arbeit und speziell seiner Beschreibungen der Kämpfe aussagt.

Das vorläufige Ende von Fight Stories im Mai 1932 beendete auch die Reisen des Boxers Steve Costigan. 1934 erlebte er noch einmal ein Comeback in Jack Dempsey’s Fight Magazine und gab – umbenannt in Dennis Dorgan – ein einmaliges Gastspiel in Magic Carpet (ehemals Oriental Stories), doch da Mark Finn nicht auf den Schreibprozess dieser Geschichten eingeht, gehe ich davon aus, dass Robert sie irgendwann zwischen 1929 und 1932 für Fight Stories fertigstellte. Vermutlich zählten sie zu dem unveröffentlichten Material, das sein Agent Otis Kline, mit dem er ab 1933 zusammenarbeitete, nachträglich unterbrachte.

Fight Stories war der erste zuverlässige Kunde von Robert E. Howard, der zeitnah bei Annahme zahlte. Dennoch war das Genre-Pulp nicht das einzige Magazin, für das er 1929 schrieb. Weder gab er Weird Tales auf noch die fantastische Fiktion oder sein Lieblingsthema „Zivilisation vs. Barbarei“. Ab Oktober erschien dort eine seiner heute bekanntesten Geschichten als Serie, die motivisch an „The Last White Man“ angelehnt ist: „Skull-Face“. Die uralte atlantische Mumie «Skull-Face» Kathulos plant, die Völker Asiens und Afrikas zu vereinen, um die Weltherrschaft an sich zu reißen. In seinen Diensten befindet sich ein Veteran des Ersten Weltkriegs namens Steve Costigan. Es handelt sich selbstverständlich nicht um Steve Costigan aus Roberts Box-Geschichten und auch nicht um sein Alter Ego in „Post Oaks and Sand Roughs“. Steve schwor Kathulos Gefolgschaft im Austausch für die Befreiung von seiner Haschisch-Sucht. Aber als Steve den britischen Agenten John Gordon ermorden soll, ist es mit seiner Treue vorbei. Er verbündet sich mit John Gordon und setzt nun alles daran, Kathulos aufzuhalten.

Der Veteran Steve Costigan stellt einen interessanten Schritt in der Entwicklung seiner Protagonisten (und wenigen Protagonistinnen) dar. Er verfügt über eine beeindruckende Physis und wirkt beinahe wie ein affenähnlicher Mutant mit immenser Stärke. Nun sind König Kull oder Solomon Kane natürlich ebenfalls keine Schwächlinge und geborene Anführer. Der Seemann Steve Costigan ist als Iron Man nahezu unbesiegbar. Bereits in seinen frühen Geschichten zeigte Robert ein Faible für Figuren, die stärker, schneller, größer, härter und insgesamt einfach besser als der durchschnittliche Mensch sind. Der Unterschied zum Veteranen Costigan liegt darin, dass seine extreme körperliche Überlegenheit nicht natürlich, sondern ein bewusster und erwünschter Nebeneffekt der Heilung seiner Sucht ist und dadurch besonders in den Fokus der Handlung rückt. Diesen ausdrücklichen Fokus erhielt Robert in seinen späteren Erzählungen – vor allem natürlich bei Conan – aufrecht. Körperliche Attribute gewinnen zunehmend an Bedeutsamkeit, um seine Figuren vom übrigen Personal der Handlung zu separieren.

Weird Tales vom Oktober 1929. „Skull-Face“ war nie Coverfeature, Roberts Name erschien aber auf dem Cover. © Galactic Central

Mark Finn weist den Vorwurf, „Skull-Face“ sei wenig mehr als „Fu Manchu für Arme“, vehement zurück. Gewisse Gemeinsamkeiten lassen sich nicht verleugnen und niemand weiß, ob Robert sich von den Romanen inspirieren ließ, doch ich stimme Finn darin zu, dass er mit dieser Geschichte primär erneut eine übersättigte, degenerierte Zivilisation darstellen wollte, die durch den Aufstieg der Barbaren bedroht ist. Fremdenfeindliche Ressentiments zu befeuern, wie es der englische Autor Sax Rohmer in seinen „Dr. Fu Manchu“-Romanen wohl eindeutig tat, war nicht seine Absicht. Ich halte es nicht für einen Zufall, dass Kathulos einer vergangenen Kultur der Antike angehört und kein Vertreter eines realen, zeitgenössischen Volkes ist. Das heißt nicht, dass „Skull-Face“ aus heutiger Sicht nicht rassistisch ist, aber der ethnische Konflikt war eher ein Nebenprodukt und nicht Roberts Hauptintention. Er dachte in größeren Maßstäben. Steve Costigan wird aufgrund seiner Stärke und Statur als Barbar bezeichnet, obwohl er als ehemaliger US-Soldat zweifellos Teil der bedrohten Zivilisation ist. Robert ging es nicht darum, Hass oder Ablehnung für bestimmte Völker zu vermitteln. Er wollte das Paradoxon abbilden, dass eine moderne, fortschrittliche und demzufolge zerfallende Zivilisation auf einen Barbaren zurückgreifen muss, um sich vor Barbaren zu schützen. Nationalitäten oder gar Hautfarben spielten für ihn keine (vordergründige) Rolle. Trotzdem sind die orientalischen Details in „Skull-Face“ nicht von der Hand zu weisen und zeichneten den Kontext von Roberts Geschichten in den folgenden Jahren vor.

Das Jahr 1930 hielt für Roberts schriftstellerische Entwicklung zwei wichtige Ereignisse bereit. Das erste war die Gründung des Genre-Pulps Oriental Stories unter der Führung von Farnsworth Wright, das mit Geschichten über die Kreuzzüge im Nahen Osten und die Kriege im Mittleren Osten eine spezielle Nische in der historischen Fiktion abdeckte. Wright wusste nicht nur um Roberts Faszination mit der Vergangenheit, er teilte sie sogar. Deshalb war es für ihn naheliegend, Robert anzusprechen, ob er für Oriental Stories schreiben wollte. Robert war natürlich begeistert und beteiligte sich gern an Wrights neuem Pulp, das seinen Interessen so außerordentlich entgegenkam. Mit der Gründung von Oriental Stories trat er in eine ausgedehnte Phase ein, in der er sehr aktiv Geschichten über die Kreuzzüge schrieb. Er beschäftigte sich in seiner historischen Fiktion auch mit anderen Themen, doch hauptsächlich porträtierte er die Kreuzzüge, weil diese ihm eine bequeme Möglichkeit eröffneten, einen bestimmten Figurentyp zu integrieren.

Oriental Stories, April-Juni 1931. In dieser Ausgabe erschien Roberts Cormac McFitzgeoffrey-Geschichte „Hawks of Outremer“. © Galactic Central

Meist sind seine Protagonisten halb-fränkische oder halb-dänische Riesen, mit rotem Haar und blasser Haut, die eine Aura von fatalistischer, resignierter Schicksalsergebenheit umgibt. Charaktere wie Cormac Fitzgeoffrey, Gottfried von Kalmbach und andere, die in den vielen Einzelgeschichten dieser Zeit auftauchen, sind keine polierten Helden, sondern ambivalente, konfliktbehaftete Persönlichkeiten, die fragwürdige Entscheidungen treffen und von niederen Beweggründen wie Hass, Rache oder Machtgier angetrieben werden. Aus ihrer jeweiligen Perspektive beschrieb er eine moralische Grauzone, die damals für die Pulps eher ungewöhnlich war. Dadurch fiel es Robert leicht, den zyklischen Verlauf der Historie, wie er ihn interpretierte, offen zu kritisieren und das in religiösem Eifer begründete Abrutschen nominell zivilisierter Gesellschaften in die Barbarei unmissverständlich abzubilden.

Eine Geschichte aus diesem spezifischen Kanon ist besonders erwähnenswert: „The Shadow of the Vulture“, eine Erzählung über Gottfried von Kalmbach. Offiziell ist von Kalmbach die Hauptfigur, das Rampenlicht wird jedoch von der Frau beansprucht, die er begehrt, eine gewisse Red Sonya of Rogatino. Die feurige, wehrhafte und äußerst attraktive Schwertkämpferin rettet ihm mehrfach das Leben und beweist, dass sie ebenso versiert im Kriegsgeschäft ist wie ein Mann. Soweit ich weiß tauchte Red Sonya nur in dieser einen Geschichte auf; in den frühen 1970er Jahren erkannten der Comicautor Roy Thomas und der Comiczeichner Barry Windsor-Smith jedoch ihr Potential. Basierend auf Roberts Charakterisierung entwickelten sie die Figur der „Red Sonja“ (die abweichende Schreibweise ihres Namens ist beabsichtigt) und stellten sie Conan zur Seite. 1973 trat sie erstmals in Heft 23 der Comicreihe „Conan the Barbarian“ auf. Red Sonya und Red Sonja haben laut Mark Finn wenig gemeinsam, aber es ist durchaus interessant, dass Roberts Geschichten weit nach seinem Tod das popkulturelle Bild sowohl männlicher als auch weiblicher Barbar_innen in der Fantasy prägten. Es existiert sogar eine Verfilmung von „Red Sonja“ aus dem Jahre 1985, in der Brigitte Nielsen Red Sonja spielte.

Bedauerlicherweise trocknete der Markt für historische Fiktion aus der Zeit der Kreuzzüge ein, als Oriental Stories, das 1933 in The Magic Carpet umbenannt wurde, unter dem Druck der Großen Depression Anfang 1934 kapitulierte. Das nischige Magazin war finanziell niemals stabil und seine Leserschaft zu klein, um die Auswirkungen der Wirtschaftskrise unbeschadet zu überstehen. Aus Roberts Phase der historischen Kreuzzug-Fiktion sind deshalb fünf Geschichten erhalten, die er nicht mehr an Oriental Stories aka The Magic Carpet verkaufen und auch bei keinem anderen Magazin platzieren konnte. Sie waren einfach zu speziell. Eines der wenigen Pulps, für die diese Geschichten in Frage gekommen wären, war Adventure, doch da wir wissen, dass Robert in seiner gesamten Karriere nie Erfolg bei diesem Magazin hatte, ist es verständlich, dass er offenbar gar nicht erst versuchte, sie ihnen anzubieten. Seine Erfahrung zeigte ja, dass sie ausnahmslos ablehnten, was er ihnen schickte.

Der Verlust von Oriental Stories aka The Magic Carpet schmerzte Robert sicherlich empfindlich. Er selbst blieb von den Konsequenzen der Großen Depression schließlich auch nicht unberührt und der Wegfall eines guten Kunden bedeutete für ihn finanzielle Einbußen. Seltsamerweise konnte ich nirgendwo einen Hinweis finden, dass Oriental Stories bzw. The Magic Carpet ihm jemals Geld schuldete, obwohl das Pulp aus demselben Verlagshaus stammte wie Weird Tales und Farnsworth Wright ebenfalls der Herausgeber war. Vielleicht herrschte dort eine andere Zahlungsmentalität. Die Einstellung des Magazins wird ihn jedoch nicht nur wirtschaftlich getroffen haben, sondern auch kreativ, denn plötzlich konnte er einen Aspekt seiner Vorlieben nicht mehr literarisch ausleben. Als Berufsschriftsteller für Pulp Magazine hatte er keine Zeit, Geschichten nur für sich zum Spaß zu schreiben. Zum Glück war Robert thematisch stets breit aufgestellt und sein Facettenreichtum erhöhte sich zusätzlich, als er 1930 mit H.P. Lovecraft in Kontakt kam.

Die Bekanntschaft mit dem großen Horrorautor H.P. Lovecraft war das zweite Ereignis, das Roberts Karriere ab 1930 in neue Bahnen lenkte. Ihre rege, lebhafte Korrespondenz und ihre Freundschaft fußten auf gemeinsamen Interessen; Lovecraft war ebenso für Historie und Mythologie zu begeistern wie Robert. Daher war er für den Texaner der ideale Diskussionspartner, um über seine Theorien zum Konflikt zwischen Zivilisation und Barbarei zu debattieren. Fünf Jahre lang besprachen sie diesen Schwerpunkt in ihren Briefen. Lovecraft gab anscheinend aus Prinzip und der Freude an der Diskussion ungern nach. Er blieb immer freundlich, fand aber stetig neue Argumente, die seine Meinung unterstützten. Etwas Besseres hätte Robert nicht passieren können. Lovecrafts Einfluss auf sein Werk kann gar nicht unterschätzt werden. Mit ihm konnte sich Robert über alles austauschen, was ihn intellektuell beschäftigte. Die Debattierlust seines Freundes öffnete seinen Horizont und konfrontierte ihn mit einer anderen Perspektive. Darüber hinaus unterstützten sie sich auch in professioneller Hinsicht, kommentierten, kritisierten und lobten die Ideen und Entwürfe des jeweils anderen. Endlich hatte Robert jemanden gefunden, der sich wirklich auf demselben kreativen Niveau befand wie er selbst, von dem er Anerkennung und Feedback erhielt und dem die schriftstellerische Qualität seiner Arbeit wichtiger war als Profite. Außerdem stellte Lovecraft ihn diversen anderen erfolgreichen Pulp-Autoren seiner Zeit vor, darunter E. Hoffmann Price und Clark Ashton Smith.

Der Kontakt mit Lovecraft inspirierte Robert, dessen schriftstellerische Techniken in seine eigenen Geschichten einfließen zu lassen. Er hatte früh in ihrer Bekanntschaft die Idee, sich an Lovecrafts berühmtem Cthulhu-Mythos zu beteiligen. Bereits im September 1930 schrieb er Tevis Clyde Smith, dass er Lovecraft fragen wollte, ob er das Konzept für seine Erzählungen verwenden dürfte. Zu dieser Zeit hatte Lovecraft längst Gefallen daran gefunden, seinen Cthulhu-Mythos anderen Autoren (soweit ich weiß, waren keine Frauen darunter) zur Verfügung zu stellen und ermutigte sein breites Netzwerk aus literarischen Freundschaften und Bekanntschaften sogar, ihn zu erweitern. Nicht allen gelang es, Cthulhu als Basis für Originalität zu nutzen, doch Robert interpretierte ihn völlig richtig als kontextuelle Blaupause, die er nach Belieben an seine eigenen Ideen anpassen konnte. Er trug mehrere Geschichten zum Mythos bei, die alle zeigen, dass er sich dessen Konzept entsprechend seiner Bedürfnisse zurechtbog und nicht lediglich reproduzierte, was Lovecraft geschrieben hatte. Er entwarf das fiktive okkulte Buch „Nameless Cults“ bzw. „Unaussprechliche Kulten“ des fiktiven Friedrich Wilhelm von Junzt, das, ähnlich wie Lovecrafts „Necronomicon“, mystische Geheimnisse der Verehrung der alten Götter enthält und später von anderen Autoren aufgegriffen wurde. Es handelt sich dabei nicht um ein tatsächlich verfasstes Buch; ihr werdet es nicht in Roberts Bibliografie finden. Robert hat „Unaussprechliche Kulten“ nicht geschrieben, er hat über „Unaussprechliche Kulten“ geschrieben. Es tauchte erstmals in seiner Geschichte „The Children of the Night“ auf und spielt auch in „The Black Stone“ eine Rolle, die Mark Finn für die beste seiner Cthulhu-Geschichten hält.

Weird Tales vom November 1931, die Ausgabe, in der „The Black Stone“ erschien. © Galactic Central

„The Black Stone“ illustriert Roberts Einsatz des Cthulhu-Mythos und seine Implementierung von „Unaussprechliche Kulten“ hervorragend. Er nimmt darin die Ich-Perspektive eines anonymen Erzählers ein, der nach Ungarn reist, um dort nach dem mysteriösen Schwarzen Stein zu suchen, von dem er in „Unaussprechliche Kulten“ gelesen hat. Um diesen Monolithen ranken sich zahllose abergläubische Legenden; zum Beispiel heißt es, wer neben dem Stein übernachtet, wird ein Leben lang Albträume haben und wer dieses Wagnis zur Mittsommernacht eingeht, wird sogar verrückt. Natürlich findet er den Schwarzen Stein und entschlüsselt dessen unheilvolles Geheimnis. Ich habe eine Zusammenfassung der Geschichte gelesen. Sie klingt wirklich sehr unheimlich, denn Robert setzte nicht auf plumpe Schockeffekte, sondern skizzierte subtilen Terror, der durch die Identifikation mit dem Erzähler in Traumsequenzen entsteht, der in den furchteinflößendsten Szenen komplett handlungsunfähig zusehen muss, welcher Horror sich vor seinen Augen entfaltet. Unterschwellig verarbeitete Robert auf diese Weise seine Ansicht dazu, wie ein Mythos entsteht, überdauert und letztendlich in Vergessenheit gerät, bis er als lächerlicher Aberglaube abgetan wird. Er erschuf seinen eigenen Mythos, der im November 1931 bei Weird Tales erschien.

Nach einigen erfolgreichen Experimenten mit Mythenbildung fing Robert an, sich mit den Mythen, Sagen und Legenden seiner Kindheit zu beschäftigen. Das bekannteste Beispiel hierfür ist sicherlich „Pigeons from Hell“ von 1934, zu der ihn seine Erinnerungen an die Erzählungen von „Aunt“ Mary Bohannan inspirierten, die er mit einigen Elementen seiner (angeblichen) Familiengeschichte mütterlicherseits würzte. Die Erzählung spielt in Louisiana und konfrontiert die beiden Yankees Griswell und Branner mit dem Horror einer alten, verlassenen Plantage. Robert nutzte die Folklore der afroamerikanischen Bevölkerung vermutlich, um seinem Freund Lovecraft zu beweisen, wie beängstigend die Mythologie des Südens ist. Dieser war nämlich überzeugt, dass die Nordostküste der USA weit mehr unheimliche, übernatürliche Legenden zu bieten habe als der Südwesten, weil sie auf eine ältere Besiedlungshistorie zurückblickt. Wir wissen nicht mit Sicherheit, ob „Pigeons from Hell“ tatsächlich als Kommentar zu dieser Diskussion zwischen ihnen entstand, aber es scheint verdächtig, dass die Freunde Griswell und Branner ebenso wie Lovecraft, der in Providence, Rhode Island lebte, aus Neuengland stammen und Robert als Setting Louisiana wählte, zu dem der Cthulhu-Mythos einen starken Bezug hat. Leider konnte H.P. Lovecraft nicht mehr auf diese kollegiale Provokation reagieren, denn als „Pigeons from Hell“ 1938 in Weird Tales erschien, waren beide Männer bereits verstorben.

Ausgelöst durch die schriftlichen Gespräche mit Lovecraft über Historie, Zivilisation und Mythologie hielt der übernatürliche Horror auch Einzug in Roberts historische Fiktion. Er wandte sich erneut einem wohlbekannten Lieblingsthema zu und erweckte die Pikten samt ihrem König Bran Mak Morn literarisch wieder zum Leben. In dieser Phase interessierte ihn vor allem der Untergang dieses antiken Volkes. Im November 1930 erschien „Kings of the Night“ in Weird Tales, eine Geschichte, in der die Pikten von der römischen Invasion bedroht sind. Um die römischen Truppen aufzuhalten, sichert sich Bran Mak Morn die Hilfe eines alten Bekannten: König Kull von Valusia. Etwa ein Jahr später, im Dezember 1931, veröffentlichte Weird Tales „The Dark Man“, eine Geschichte um den irischen Ausgestoßenen Turlogh O’Brien, der im 11. Jahrhundert diverse Abenteuer erlebt. Bran Mak Morn erhält darin einen Cameo-Auftritt, ist aber bereits eine übernatürliche Entität und sein Volk Vergangenheit. Für Roberts Entwicklung der Pikten ist die Geschichte „Worms of the Earth“, die im November 1932 bei Weird Tales erschien, allerdings wesentlich wichtiger. Die darin beschriebenen Ereignisse liegen chronologisch vor „The Dark Man“ und schildern den Wendepunkt im Schicksal der Pikten, der zu ihrem Untergang durch das römische Reich führt, bis sie erst nur noch ein Mythos und später ganz vergessen sind. Danach erschienen die Pikten nie wieder als Hauptfiguren in Roberts Geschichten. Obwohl er ihnen hin und wieder Auftritte in Nebenrollen (zum Beispiel in den Conan-Geschichten) zugestand, hatte Robert offenbar das Gefühl, den Zyklus ihrer Existenz vom Konflikt zwischen Zivilisation und Barbarei bis zur Entstehung eines Mythos erschöpfend dargelegt zu haben.

Puh, heute haben wir eine Menge geschafft. Euch schwirrt bestimmt der Kopf. Lasst uns durchatmen. Ich entlasse euch erst einmal und wir sehen uns nächste Woche wieder!

 

Quellenverzeichnis (PDF)

Header-Bildquellen
Wild West – Landschaft: Seita/Shutterstock.com
Schwert im Felsen: KUCO/Shutterstock.com

 

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