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Jens Lossau & Jens Schumacher – Der Knochenhexer

28 Apr

Beschäftigt man sich mit Kollaborationen zwischen Schriftsteller_innen, stellt sich die Frage nach der Organisation des Schreibprozesses. Jens Lossau und Jens Schumacher, die seit 40 Jahren befreundet sind und seit 25 Jahren literarisch zusammenarbeiten, verlassen sich dafür auf rigorose Vor- und Nachbereitung. Die Ideen für ihre Romane entstehen im Gespräch. Um eine Idee zu verkaufen, entwerfen sie ein kurzes Exposee für Verlage. Wird das Projekt von einem Verlag erworben, erstellen sie einen ausführlichen, detaillierten Ablaufplan für ihre Geschichte. Dieser Plan ermöglicht ihnen, getrennt daran zu arbeiten. Es folgen zahlreiche Korrekturschleifen, bis das fertige Buch ausgewogen und einheitlich ist. Die Vorstellung der beiden vor einem einzigen Computer, die sich hartnäckig in meinem Kopf hielt, ist also Humbug. Das ist zwar schade, ihre Strategie scheint aber hervorragend zu funktionieren, denn gemeinsam haben sie bisher 13 Romane veröffentlicht. „Der Knochenhexer“ ist der vierte Band ihrer High Fantasy – Krimi – Reihe „Die Fälle des IAIT“.

Um das IAIT auf den Plan zu rufen, muss ein Diebstahl schon außergewöhnlich spektakulär sein. Der neuste Fall für Meister Hippolit und Jorge den Troll ist nicht nur spektakulär, sondern auch gigantisch: dem Museum in Nophelet wurden über Nacht die Skelette gewaltiger Urzeitechsen gestohlen. Der zuständige Nachtwächter liegt in einer Pfütze seiner Eingeweide tot am Boden. Warum sollte irgendjemand die Gerippe uralter Monster klauen? Als Nophelet kurz darauf von riesigen Echsen angegriffen wird, ahnt das ungleiche Ermittlerduo, dass ein Zusammenhang mit dem Raub besteht. Aber wie ist das möglich? Nicht einmal durch Thaumaturgie kann Totes wieder zum Leben erweckt werden, darin sind sich die Fachkreise einig. M.H. und Jorge stehen vor einem Rätsel, das ihnen alles abverlangt. Die Zukunft Nophelets hängt von ihnen ab und von der Lösung des Falls, der der schwierigste ihrer Karriere sein könnte.

Ach du Schreck, was ist denn aus der lockeren, leichten, amüsanten Lektüre geworden, als die ich „Die Fälle des IAIT“ kenne? In „Der Knochenhexer“ zeigen sich Jens Lossau und Jens Schumacher von einer ernsthaften Seite, die ich nicht gewohnt bin. Natürlich ist eine gewisse unterschwellige Komik weiterhin spürbar, aber den überspitzten Klamauk, den ich erwartet hatte, sucht man in diesem Band vergeblich. Etwas hat sich verändert. In den bisherigen Bänden gab es zwar grauenvolle, mysteriöse Morde, doch es gab auch immer einen spezifischen Opfertypus. In „Der Elbenschlächter“ mussten elbische Prostituierte dran glauben, in „Der Orksammler“ waren es Orks und in „Der Schädelschmied“ ging es um tödliche Zwergenpolitik. Im vierten Band hingegen steht wesentlich mehr auf dem Spiel. Um genau zu sein, ganz Nophelet. Die Bedrohung in Form der Riesenechsen ist undifferenziert, gleichgültig und extrem destruktiv. Die monströsen Viecher unterscheiden nicht zwischen Mann, Frau, Kind oder Volkszugehörigkeit. Sie töten und zerstören wahllos und beiläufig. Die Situation hat immenses Eskalationspotential – kein Wunder, schließlich reicht ein Schritt der Bestien aus, um gesamte Nachbarschaften dem Erdboden gleichzumachen. Alle physischen Waffen sind im Einsatz gegen sie ebenso wirksam wie ein Zahnstocher zur Abwehr eines wütenden Elefanten. Demzufolge hängen weit mehr Leben als sonst von Meister Hippolits und Jorges Ermittlungsergebnissen ab. Gelegenheiten für Possen sind nicht vorhanden, denn sie stoßen mit ihren üblichen Methoden dieses Mal leider an eine Grenze. Das Motiv hinter den Angriffen ist für beide schwer zu erfassen und auf seine geliebte Thaumaturgie kann sich M.H. nicht verlassen. Es war ein perfider Schachzug von Lossau und Schumacher, ihren Leser_innen ausgerechnet im Kontext der Herausforderungen von „Der Knochenhexer“ die wichtige Lektion zu erteilen, dass Magie in ihrem Universum weder Allzweckwaffe noch Allheilmittel ist. Dadurch schränken sie die Optionen ihrer Protagonisten drastisch ein, was mich ebenso frustrierte wie sie selbst. Der interessante Effekt dieser Leseerfahrung besteht darin, dass ich mich ihnen dank der geteilten Empfindungen von Hilflosigkeit und Ausweglosigkeit näher fühlte als jemals zuvor. Was dem hanswurstigen Humor der Vorgängerbände nicht gelang, schafften die negativen Emotionen in „Der Knochenhexer“. Außerdem erschien mir der Handlungsverlauf durch den massiv erhöhten Einsatz deutlich spannender, denn die Dringlichkeit, dem Übeltäter so schnell wie möglich auf die Schliche kommen zu müssen, bevor die Zerstörung irreparable Ausmaße annimmt, multipliziert den Druck, dem das Ermittlerduo ausgesetzt ist. Die Ereignisse entwickelten eine rasante Dynamik, die ihren Höhepunkt mit einem Ende erreicht, das sich beinahe als Cliffhanger qualifiziert, was ebenfalls ein Novum ist. Zum ersten Mal habe ich das Gefühl, den nächsten Band „Die Wüstengötter“ wirklich lesen zu müssen, um herauszufinden, wie M.H. und Jorge mit den Konsequenzen ihrer Entscheidungen zurechtkommen. Welch ein Glück, dass dieser bereits in meinem Regal auf mich wartet.

Möglicherweise stellt „Der Knochenhexer“ einen Wendepunkt für „Die Fälle des IAIT“ dar. Ich glaube nicht, dass Jens Lossau und Jens Schumacher den humorigen Spaß der Reihe jemals gänzlich hinter sich lassen werden, aber ich kann mir vorstellen, dass sie der gackernden Albernheit der ersten drei Bände entwachsen sind. Obwohl ich nicht damit gerechnet habe, habe ich keine Schwierigkeiten, diese Veränderung zu akzeptieren und mitzutragen, sollte sie denn bestehen bleiben. Meiner Meinung nach tut ein wenig Ernsthaftigkeit der Reihe gut, weil sie die Tür zu neuen Facetten der Protagonisten und des Worldbuildings öffnet. Daran ist nichts auszusetzen, selbst wenn es bedeutet, dass nicht mehr jede Szene von hysterischen Lachanfällen begleitet wird. Jorge wird schon dafür sorgen, dass es nicht zu ernst wird.

 

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