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Anthony Ryan – Blood Song

25 Feb

Anthony Ryan schreibt unter einem Pseudonym. Ich konnte nicht herausfinden, wie der britische Autor tatsächlich heißt, aber ich habe erfahren, dass er sich zu diesem Schritt entschied, weil er während der Entstehung seines Debüts „Blood Song“ als Beamter arbeitete. Parallel zu seinem Job studierte er damals zusätzlich in Teilzeit mittelalterliche Geschichte, weshalb sechseinhalb Jahre vergingen, bis er seinen Roman fertigstellte. Seine Arbeit war zuerst jedoch nicht von Erfolg gekrönt: er fand keinen Agenten. Daher beschloss er, „Blood Song“ im Selfpublishing zu veröffentlichen. Das Buch wurde von der Leserschaft begeistert aufgenommen und weckte dadurch das Interesse des Verlagsriesen Penguin, der Ryan einen Vertrag über drei Bücher anbot – die Geburtsstunde der Trilogie „Raven’s Shadow“. Ende gut, alles gut.

Nach Jahren der Gefangenschaft erblickt der berüchtigtste Häftling des Alpiranisches Reiches wieder die Sonne. Vaelin Al Sorna weiß, dass er nur befreit wurde, um zu sterben. Ein Schiff soll ihn auf die Meldeneischen Inseln bringen, wo er ein gnadenloses Duell auf Leben und Tod ausfechten wird. Auf seiner Reise begleitet ihn der kaiserliche Geschichtsschreiber Verniers, der nicht widerstehen kann, den Hoffnungstöter persönlich zu befragen. Vaelin erzählt ihm seine Geschichte. Er berichtet von seiner Kindheit und Ausbildung im strikten Sechsten Orden der Vereinigten Königslande, seiner Zeit als Glaubenskämpfer, den Kriegen als Schwert des Königs und dem Blut an seinen Händen. Doch sein größtes Geheimnis behält er für sich: die mysteriöse Macht, die in seinen Adern flüstert und ihn lehrt, zu sehen. Er kann nicht riskieren, Verniers einzuweihen, denn hinter dem Gewebe der Welt giert eine bösartige Kreatur danach, die Kontrolle über die gesamte Menschheit an sich zu reißen. Vaelin ist der einzige, der ihre Pläne vereiteln kann. Er ist der Rabenschatten. Sein Lied ist noch nicht gesungen.

Zwischenzeitlich dachte ich, ich würde es niemals fertigbringen, „Blood Song“ zu rezensieren. Ewig habe ich auf diesem Trilogieauftakt herumgedacht, habe versucht, ihn auseinanderzunehmen und meine Gefühle beim Lesen zu analysieren. Wieder und wieder nahm ich Anlauf. Wieder und wieder rannte ich gegen eine Wand und holte mir eine blutige Nase. Möglicherweise habe ich irgendwann sogar meinen Laptop angeschrien und das Buch gedanklich als fieses, gemeines Biest betitelt, weil ich keinen Ansatz fand, immer wieder abrutschte und mit allem, was ich (digital) zu Papier brachte, unzufrieden war. Ich musste mich fragen, was da los war, warum ich so fürchterlich blockierte. Ich verrate es euch: ich verstrickte mich immer tiefer in meiner Frustration, weil ich den Auftakt der „Raven’s Shadow“-Trilogie besser bewerten wollte, als er ist. Ja, das klingt hart, ich weiß. Doch in meiner aktuellen Lage hilft nur brutale Ehrlichkeit. „Blood Song“ ist kein schlechtes Buch, das möchte ich klarstellen. Ich freue mich für alle, die die Lektüre begeistert genossen und will absolut nicht abstreiten, dass Anthony Ryan einen guten Job machte, als er es völlig im Alleingang schrieb und veröffentlichte. Aber sehen wir den Tatsachen ins Auge: ich hätte keine Schwierigkeiten, diesen Roman zu besprechen, hätte er bei mir mehr Eindruck hinterlassen. Meiner Meinung nach ist „Blood Song“ ganz stinknormale, durchschnittliche High Fantasy. Die Euphorie, die offenbar viele Rezensent_innen dafür empfinden, teile ich nicht. Ich sehe darin nichts Besonderes und erst recht keine Offenbarung. Es enthält einige interessante Ideen und leitet eine verschachtelte, komplexe Geschichte ein, die der perfekte Nährboden für zahlreiche spannende Konflikte ist – das ändert jedoch nichts daran, dass mich Ryans blutleerer Schreibstil emotional nicht abholte. Ich empfand keine Leidenschaft, kein Feuer und habe die meisten Entwicklungen distanziert hingenommen. Mein Interesse war stets rein intellektueller Natur; beispielsweise wollte ich natürlich herausfinden, wie Ryan die Rahmenerzählung der Gegenwart, in der sein Protagonist Vaelin Al Sorna als Gefangener des Alpiranischen Reiches auf die Meldeneischen Inseln verschifft wird und ein langes Gespräch mit dem kaiserlichen Historiker Verniers führt, mit der Binnenhandlung der Vergangenheit, die Vaelins Werdegang detailliert beschreibt, zusammenführt. Ebenso nahm ich das interessante Worldbuilding, das die Kultur des mittelalterlichen Europas mit den religiösen Merkmalen eines Ahnenkults kombiniert, wohlwollend zur Kenntnis. Dennoch funkte es nicht, weil ich nicht an Vaelin herankam, der so wenig in Kontakt mit seinen Gefühlen steht, dass er auch mir den Zugang verwehrte. Ohne eine emotionale Bindung an die Hauptfigur las sich „Blood Song“ für mich spröde und abstrakt. Nicht einmal ich kann rund 600 Seiten High Fantasy bejubeln, wenn mein Herz schweigt.

Die High Fantasy nimmt in meiner Lesewelt eine Sonderrolle ein. Es ist mein Lieblingsgenre, für das ich – zugegeben – gern mal ein Auge zudrücke. Meine Erfahrung mit „Blood Song“ beweist allerdings, dass selbst ich Grenzen habe und gewisse Mindestanforderungen erfüllt sein müssen, um diese Nachsicht zu rechtfertigen. So gern sich mein Kopf durchsetzen wollte und mir immer wieder vorbetete, in welcher Hinsicht der Auftakt der „Raven’s Shadow“-Trilogie bemerkenswert ist, gegen die Stimme meines Bauches, den ich als Sprachrohr meines Herzens interpretiere, konnte er nicht bestehen. Ist der Bauch unglücklich, bin ich es auch. Selbstverständlich ist es schade, dass „Blood Song“ bei mir nicht die Reaktion auslöste, die ich mir wahrscheinlich ebenso wünschte wie der Autor Anthony Ryan, doch entschuldigen werde ich mich dafür nicht, denn meiner Ansicht nach war nicht ich das Problem. Hätte Ryan nur ein klein wenig mehr Wert auf die emotionale Ebene seiner Geschichte gelegt, hätte er mich gehabt. Ich werde sehen, ob ihm das in der Fortsetzung „Tower Lord“ besser gelingt.

 
7 Kommentare

Verfasst von - 25. Februar 2020 in Fantasy, High Fantasy, Rezension

 

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7 Antworten zu “Anthony Ryan – Blood Song

  1. Jay (Bücher wie Sterne)

    25. Februar 2020 at 10:28 am

    Hallo Elli,

    mir ging es bei dem Buch ähnlich wie dir. Ich konnte nicht so recht einen Draht zu den Protagonisten finden, was tatsächlich oft ein Problem ist. Ich mag spannende Charaktere, die mein Herz erobern können und mit denen ich mitfiebern kann (ganz gleich, ob gut oder böse).
    Eine Reihe, in der das sehr gut gelingt und die ich dir hier wärmstens empfehlen kann, ist Riyria von Michael J. Sullivan und auch seine aktuelle Reihe „Zeit der Legenden“, die in der Zeit 3000 Jahre vor der Riyria-Reihe spielt. In meinem Blog findest du recht viele Rezensionen zu den Büchern, da ich die seit Wochen verschlinge. Das erste Buch der Riyria-Reihe heißt „Der Thron von Melengar“.
    Du kannst dir auch das Autorenporträt von Sullivan im Blog ansehen, da sind die Reihen nochmal aufgeführt. Ich glaube, die Bücher könnten dir gefallen.

    Liebe Grüße
    Jay

    Gefällt 1 Person

     
    • wortmagieblog

      25. Februar 2020 at 10:30 am

      Hallo Jay,

      es beruhigt mich, dass ich nicht die einzige war, die Schwierigkeiten mit Vaelin hatte.

      Mit Sullivan rennst du bei mir offene Türen ein, er steht längst hier im Regal. Seine Zeit war bisher nur noch nicht gekommen. 😉

      LG
      Elli

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  2. fraggle

    25. Februar 2020 at 11:16 am

    Ich habe den ersten Teil vor so drei Jahren in der deutschen Übersetzung gelesen und bei mir kam „Das Lied des Blutes“ durchaus gut an. Ich mochte aber auch Vaelin ganz gerne. Ein viel größeres Problem hinsichtlich der Charaktere hatte ich damit, dass ich bei der Personenfülle irgendwann ein bisschen den Überblick verloren hatte. 🙂

    Dass ich bis heute nicht den zweiten Teil – der durchaus schon seit damals in der Hardcover -Version bei mir rumliegt – gelesen habe, deutet aber darauf hin, dass es mir rückblickend soooo gut auch wieder nicht gefallen haben kann … 🙂

    Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Karthago zer …, ach nee, warte, das war Cato der Ältere … – nein, im Übrigen bin ich der Meinung, dass man kein Problem damit haben muss, wenn ein allseits beliebtes Buch bei einem selbst nicht gut ankommt. Die Geschmäcker sind halt verschieden, sonst bestünde die ganze Welt nur noch aus Bayern-Fans, Dschungelcamp und Dieter-Bohlen-Biografien …

    Gefällt 1 Person

     
    • wortmagieblog

      25. Februar 2020 at 11:42 am

      Damit hatte ich tatsächlich gar kein Problem, weil Vaelin meinem Empfinden nach so sehr im Mittelpunkt stand. Aber für mich brachte eben das ganz eigene Schwierigkeiten mit sich. 😉

      Die Rezensionen zu den anderen beiden Bänden stehen noch aus, gelesen habe ich sie schon. 🙂

      Ja, ich weiß. Aber ich frage mich dann halt schon immer, ob mit mir etwas nicht stimmt oder ob ich vielleicht das Problem bin. In diesem Fall muss ich aber sagen: Nein, es war nicht meine Schuld. Ryan hätte es besser machen können, hat er aber nicht.

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  3. Mein Senf für die Welt

    25. Februar 2020 at 7:44 pm

    Sei gegrüßt Elli!

    Wie du weißt mochte ich das Buch, aber ich kann deine Kritikpunkte voll und ganz nachvollziehen. Ich stimme dir sogar in sehr vielen Punkten zu. Auch ich habe bei der Reihe die Nähe vermisst, die ich sonst oft bei High Fantasy empfinde. Aber ich mochte das Buch eben trotzdem. ^^‘

    Liebe Grüße
    Marina

    Gefällt 1 Person

     
    • wortmagieblog

      25. Februar 2020 at 8:01 pm

      Hey Marina,

      ich will ja gar nicht sagen, dass es mir nicht gefiel, ich will eher ausdrücken, dass es mir nicht so gut gefiel, wie ich anfangs glauben wollten. 😄

      Liebe Grüße,
      Elli

      Gefällt 1 Person

       

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