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Mark Lawrence – Prince of Fools

21 Jan

Mark Lawrence macht vieles anders als andere Autor_innen. Er plant nicht. Er plottet nicht. Er pflegt keine feste Schreibroutine. Wann immer es seine begrenzte Zeit zulässt, setzt er sich einfach hin und schreibt. Dementsprechend traf er die Entscheidung, seine populäre Grimdark-Trilogie „The Broken Empire“ aus der Ich-Perspektive zu schildern, nicht vorsätzlich, sondern intuitiv. Obwohl diese Erzählweise für die epische Fantasy ungewöhnlich ist, sieht Lawrence darin eindeutige Vorteile. Die Konzentration auf eine einzige Figur schafft Nähe, Unmittelbarkeit und befreit ihn von der Notwendigkeit, zahlreiche Handlungslinien zu organisieren. Er glaubt, dass die starken emotionalen Reaktionen seines Publikums eng damit zusammenhängen, dass er Ereignisse ohne abstrakte Distanz beschreibt. Es ist ein Unterschied, ob eine Figur aus auktorialer Perspektive erdolcht wird oder ob man direkt erlebt, wie die Hand des Protagonisten die Waffe führt. Deshalb behielt er diese Erzählperspektive in seiner zweiten Trilogie „The Red Queen’s War“ bei, deren erster Band „Prince of Fools“ einen ganz neuen Helden vorstellt.

Prinz Jalan Kendeth musste schon oft mit Unannehmlichkeiten fertigwerden. Bisher konnte er allen betrogenen Ehemännern, wütenden Spielpartnern und grimmigen Schuldeneintreibern entwischen, ohne seiner Großmutter, der gefürchteten Roten Königin, allzu viel Schande zu bereiten. An zehnter Stelle der Thronfolge erwartet ohnehin niemand von ihm, sich wirklich um Politik zu scheren. Lieber lässt er seinen Geschwistern den Vortritt und widmet sich seinen privaten Vergnügungen. Doch als er einen heimtückischen magischen Anschlag überlebt, wird Jalan unerwartet in den Krieg des Zersplitterten Reiches gegen den Toten König hineingezogen. Um die magische Wunde zu heilen, die ihn brandmarkt, muss er in den hohen Norden reisen – begleitet von Snorri ver Snagason, der ebenso sein Freund wie sein Untergang werden könnte. Wird Jalan die Fassade des oberflächlichen Taugenichts ablegen, um der Mann zu werden, den das Zersplitterte Reich braucht?

„Prince of Fools“ setzt die Lektüre der ersten Trilogie „The Broken Empire“ nicht voraus. Man kann die Abenteuer des Protagonisten Jalan durchaus genießen, ohne die drei vorausgegangenen Bände gelesen zu haben. Ich kann allerdings nicht leugnen, dass es den Spaßfaktor gewaltig erhöht. Der Auftakt von „The Red Queen’s War“ spielt chronologisch parallel zu „Prince of Thorns“ und fokussiert somit denselben Konflikt des Zersplitterten Reiches mit dem mysteriösen Toten König, dessen verderbte Magie die Nationen zu kompromittieren droht. In „Prince of Fools“ zeigt Mark Lawrence ein neues Schlachtfeld dieses Krieges und korrigierte meine Wahrnehmung desselbigen, den ich bisher als Jorgs persönlichen Feldzug betrachtete. Durch die Lektüre wurde mir bewusst, wie sehr ich mich damals von Jorg vereinnahmen ließ, was zwar für Lawrences brillante Konstruktion seiner Figur spricht, meine Einschätzung der Reichweite des Krieges jedoch fehlleitete. Der Vormarsch des Toten Königs gefährdet alle Staaten des Zersplitterten Reiches, nicht nur Jorgs Domäne. Außerdem begriff ich, dass die vielzitierte Düsternis der ersten Trilogie primär von ihrem feindlichen Protagonisten verursacht wird. Im direkten Vergleich gestaltet sich „The Red Queen’s War“ bisher wesentlich weniger grimmig, denn Jalan ist eine völlig andere Persönlichkeit und ermöglichte mir durch seine lockere Ausstrahlung eine entspanntere, zugänglichere Leseerfahrung. Er ist nahbarer, umgänglicher und offener, wodurch ich „Prince of Fools“ als leichter zu lesen empfand. Nichtsdestotrotz ist er eine faszinierende, komplexe Figur. Auf den ersten Blick erscheint er als egoistischer, opportunistischer Lügner, Spieler und Feigling. Meiner Meinung nach handelt es sich dabei jedoch um eine irreführende Maske, die Jalan kultivierte, um sich nicht mit den Konsequenzen auseinandersetzen zu müssen, würde er sich eingestehen, dass er das Zeug zum Helden hat. Er ist eine Zwiebel; im Verlauf der Ereignisse schält sich der wahre Kern seines Wesens langsam heraus. Seine authentische Entwicklung wird nicht von einer unrealistischen Epiphanie ausgelöst, sondern ist das Resultat einer spannenden Umkehr des klassischen Motivs des Erwachens in der Fantasy: statt Jalan mit seiner dunklen Seite zu konfrontieren, zwingt Mark Lawrence ihn, das Licht in seiner Seele zu akzeptieren und anzuerkennen, dass er eben nicht nur ein Lump ist. Sein Reisegefährte Snorri hat daran großen Anteil, denn der prototypische Nordmann glaubt an das Gute in Jalan und behandelt ihn von Anfang an wie den Mann, der er sein könnte und nicht wie den Mann, den er oberflächlich verkörpert. Er dringt zu ihm durch, obwohl Jalan sich sehr anstrengt, ihn auf Distanz zu halten. Es bleibt abzuwarten, ob Jalan die Lektion, die Snorri ihn über sich selbst lehrt, in den Folgebänden tatsächlich anwenden kann oder in alte Verhaltensmuster zurückfällt.

Ich hatte viel Freude mit „Prince of Fools“. Es hat mir gefallen, zu erleben, dass es Mark Lawrence gelingt, eine völlig andere Herangehensweise an eine Geschichte zu nutzen, ohne ihr Spannungspotential zu beeinträchtigen. Er beweist, dass „The Broken Empire“ nicht die Grenze seines Talents darstellt. Sein neuer Protagonist Jalan hat wenig mit Jorg gemeinsam und vermittelt die Handlung spielerischer, humoristischer und beschwingter. Dennoch würde ich nicht zögern, „The Red Queen’s War“ ebenfalls als Grimdark einzustufen, weil das Zersplitterte Reich ein unnachgiebiges Setting ist, das Menschen zu grenzwertigen Entscheidungen zwingt. Es wird sicher aufregend, herauszufinden, welche Entscheidungen Jalan zukünftig abverlangt werden und inwiefern diese von den Plänen der Roten Königin beeinflusst sind, die Andeutungen zufolge nicht ganz unschuldig an seinen Erlebnissen in „Prince of Fools“ ist. Ich freue mich auf die Folgebände.

 
7 Kommentare

Verfasst von - 21. Januar 2020 in Fantasy, Low Fantasy, Rezension

 

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7 Antworten zu “Mark Lawrence – Prince of Fools

  1. Sonja

    21. Januar 2020 at 9:49 am

    Naja, es gibt unter den AutorInnen viele sog. „Pantser“ (fly-by-the-seat-of-your-pants), die haben dann aber am Ende meist mehr zu editieren 😉
    Robin Hobb hat ihre Weitseherbücher auch aus der Ich-Perspektive geschrieben, dachte nicht, dass es ungewöhnlich wäre im Fantasybereich.
    Vielleicht lese ich auch mal Lawrence, wenn ich mich irgendwann durch die unsäglichen Hexerbücher gequält habe 😉

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    • wortmagieblog

      21. Januar 2020 at 10:04 am

      Das stimmt, nur ist auch das im Fantasybereich recht… Gewagt. 😀 Die meisten Fantasy-Autor_innen bezeichnen sich als Mischung aus Pantser und Planner. Mark Lawrence editiert auch nicht, jedenfalls nicht von sich aus. Er schreibt nichts um. Wie weit das geht, weiß ich natürlich nicht und ich denke schon, dass gewisse Anpassungen nach dem Lektoratsprozess notwendig sind, aber ich kann mir bei ihm sehr gut vorstellen, dass er die Geschichte an sich nicht mehr verändert, hat er sie einmal geschrieben.

      Das ist es, weil ein kleiner Figurencast schon nicht so üblich ist. Meist gibt es ja doch mehrere POVs und nicht nur einen. Deshalb finde ich es schön, dass er einen anderen Ansatz versucht. 🙂

      Du meist Sapkowski? Hm. Wieso quälst du dich? Musst du doch nicht?

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      • Sonja

        21. Januar 2020 at 10:28 am

        Wenn er nix umschreiben muss, ist er ein Genie! Dann muss ich mal dringend ein Buch von ihm lesen 🙂
        Naja, ich hab alle 5 Bände (ohne Vorgeschichte) auf einen Schlag gekauft *hust* und irgendwas muss ja dran sein, sonst wäre kein game und keine Serie daraus geworden. Aber das erste Buch ist soooo schlecht geschrieben, sowohl was Pacing als auch was Figuren und vor allem Schreibstil angeht 😦 Aber ich lese mal weiter.

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      • wortmagieblog

        21. Januar 2020 at 11:00 am

        Ich finde die Chronologie der Reihe etwas schwierig, ich hab jedenfalls „Zeit des Sturms“ gelesen, was sowas wie ein Prequel ist, aber Jahre nach der ursprünglichen Reihe erschien. Fand ich jetzt auch nicht so toll. 😐

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      • Sonja

        21. Januar 2020 at 11:21 am

        Ich lass erst einmal die Finger vom Prequel. Ich find es noch zu schlecht geschrieben, um noch mehr Geld zu investieren. Aber die Reihe macht sich in der Neuauflage echt gut im Regal 😉

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      • wortmagieblog

        21. Januar 2020 at 11:22 am

        Und das ist ja das Wichtigste! 😀 Nein, Spaß beiseite, ich weiß auch noch nicht, wie es mit mir und der Reihe weitergeht, ich hab mir überlegt, mir erst mal die Serie anzuschauen, um meine Motivation, weiterzulesen vielleicht wieder etwas zu pushen. 🙂

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  2. amaunet0101

    21. Januar 2020 at 11:58 am

    Hach, es ist schön, mal endlich wieder eine deiner Rezensionen lesen zu können. Hab sie in den letzten Wochen vermisst.

    Du hast mich sehr neugierig auf die Lektüre weiterer Mark Lawrences gemacht. Die erste Trilogie habe ich vor einiger Zeit gelesen und fand sie, obwohl sie sehr düster war, ausgesprochen spannend. War für mich eine völlig neue Art Fantasy. Da du „Prince of Fools“ als humoristischer und beschwingter beschreibst, käme das meinem Lesegeschmack mehr entgegen.
    Ich werde abwarten, wie du die Folgebände bewertest und dann evtl. meine WuLi mal wieder verlängern.

    Dir noch eine schöne Woche
    LG

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