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[Lieber Literaturnobelpreis, wir müssen reden] Kapitel 4: «Ich bin ein Schriftsteller»

29 Nov

«Ich bin ein Schriftsteller»

Ich muss den heutigen Beitrag mit einer Einschränkung beginnen: Ich möchte darauf verzichten, euch den äußerst bewegten Werdegang von Peter Handke detailliert darzulegen. Das würde zu weit führen und ist für die Thematik des Literaturnobelpreises nicht relevant. Es genügt, euch mitzuteilen, dass er einer der bekanntesten deutschsprachigen Autor_innen ist, ihm der Durchbruch 1966 mit „Die Hornissen“ gelang und er stets eine gewisse Exzentrik an den Tag legte, die ihn veranlasste, seine Kolleg_innen und den Literaturbetrieb im Allgemeinen scharf anzugreifen. Seine Fehde mit dem verstorbenen Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki ist legendär. Er war streitbar und schreckte nicht davor zurück, auch mal zuzuschlagen, wenn ihm etwas nicht passte, so zum Beispiel den FAZ-Journalisten Jochen Hieber. Heute lebt Peter Handke zurückgezogen in einem kleinen französischen Dorf bei Versailles.

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Was uns hier heute interessieren soll, ist Peter Handkes enge Bindung an die ehemals jugoslawischen Staaten, die im Erbe seiner Mutter, einer Kärntner Slowenin, begründet ist. Er wurde 1942 in Griffen geboren, eine Gemeinde, die seit Ende des 6. Jahrhunderts Ziel slowenischer Siedlungswellen war. Im Zweiten Weltkrieg wurden Teile der slowenischen Bevölkerung in KZs deportiert, woraufhin Griffen Vergeltungsmaßnahmen des slowenischen Widerstands erlebte. Diese Eindrücke prägten die frühste Kindheit von Peter Handke und entfachten in ihm eine Sympathie für das ehemalige Jugoslawien, die wiederum dazu führte, dass er weite Teile des Staates bereiste. Anfang der 1990er steigerte sich sein Interesse zusätzlich durch die politische Situation.

Es ist nicht meine Aufgabe, euch die Jugoslawienkriege zu erklären, die die Region 10 Jahre lang beutelten. Diese Konflikte fanden statt, als ich selbst noch ein Kleinkind war und eine Sichtung der entsprechenden Wikipedia-Artikel zeigt, dass es sich dabei um eine wahnsinnig komplizierte Materie handelt, die jeglichen Rahmen dieser Beitragsreihe sprengen würde. Deshalb werde ich für euch nur so gut wie möglich und stark vereinfacht die allerwichtigsten Fakten zusammenfassen, damit ihr versteht, wieso Peter Handke für seine Äußerungen zur Rolle Serbiens in diesen Kriegen massiv kritisiert wurde.

Die Sozialistische Föderative Republik Jugoslawien war bis 1992 ein Staatenbund aus den sechs Teilrepubliken Slowenien, Kroatien, Bosnien-Herzegowina, Mazedonien, Montenegro und Serbien. Seit 1991 begann der Bund aufgrund verschiedener innenpolitischer Uneinigkeiten und nationalistischer Bestrebungen zu zerfallen. Im Juni 1991 waren Slowenien und Kroatien die ersten Teilstaaten, die ihre Unabhängigkeit deklarierten. Im Oktober folgte Bosnien-Herzegowina, im November Mazedonien. Im September 1992 erklärte auch die offiziell unter serbischer Kontrolle stehende Provinz Kosovo ihre Unabhängigkeit. Die jugoslawische Regierung unter dem serbischen Präsidenten Slobodan Milošević versuchte, die Unabhängigkeit der Teilrepubliken zu verhindern und serbisch bevölkerte Gebiete an ein „Restjugoslawien“ anzuschließen. Dafür wurden militärische Interventionen eingesetzt, die letztendlich weit über 100.000 Leben forderten. Auf allen Seiten wurden schwerwiegende Kriegsverbrechen begangen: die kroatische Hauptstadt Zagreb wurden von serbischen Truppen mit Raketen beschossen, serbische Flüchtlinge wurden von kroatischen Einheiten massakriert, in Bosnien kam es zu Massenmorden in Internierungslagern, die von bosnischen Serben geleitet wurden und immer wieder gerieten Zivilisten zwischen die militärischen Fronten. Die Lage war so katastrophal, dass sich die NATO gezwungen sah, einzugreifen und Serbien bombardierte, wobei auch hier zivile Ziele getroffen wurden. Am Ende setzten Kroatien, Slowenien und Mazedonien ihre Unabhängigkeit durch. Die Jugoslawienkriege sind ein besonders hässliches Kapitel jüngerer Geschichte, das ein Verfahren des Internationalen Strafgerichtshofs für das ehemalige Jugoslawien (ICTY) in Den Haag nach sich zog, vor dem unter anderem Slobodan Milošević angeklagt wurde.

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Ich möchte es dabei belassen. Wenn ihr mutig seid, könnt ihr die Wikipedia-Artikel selbst lesen, aber ich warne euch, das ist auf verschiedenen Ebenen schwere Kost. Ich musste teilweise hart schlucken, um nicht in Tränen darüber auszubrechen, was sich die Menschen in diesen Kriegen gegenseitig antaten. Es war furchtbar und ich kann mir nicht vorstellen, wie schrecklich die Bevölkerung unter den militärischen Aktionen gelitten haben muss.
Okay, sammeln wir uns. Puh. Seid ihr soweit? Gut, dann schlagen wir nun den Bogen zu Peter Handke.

Der Kroatienkrieg und der Bosnienkrieg endeten 1995 mit dem Abkommen von Erdut bzw. dem Friedensvertrag von Dayton. Beinahe zeitgleich bereiste Peter Handke Serbien in Begleitung seiner Frau und zwei Freunden für ca. 4 Wochen. Mit dem Auto fuhren sie durch verschiedene Regionen und näherten sich auch der bosnischen Grenze. Handke erklärte, er habe vor allem der Kriege wegen nach Serbien gewollt, „in das Land der allgemein so genannten Aggressoren“. Serbien war ihm von allen Ländern Jugoslawiens am wenigsten bekannt und sei gerade durch die Berichterstattung am interessantesten.
Seine Eindrücke formte Handke zu dem Reisebericht „Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien“, das 1996 erst in der Süddeutschen Zeitung abgedruckt wurde und später beim Suhrkamp Verlag erschien. Nur wenig später folgte „Sommerlicher Nachtrag zu einer winterlichen Reise“, den er anlässlich einer weiteren Reise im Frühjahr 1996 in das bosnisch-serbische Grenzgebiet verfasste. Dieses Mal war er bis nach Bosnien vorgedrungen und hatte ehemalige Kriegsgebiete besucht, darunter die Stadt Srebrenica, in der 1995 mehr als 8.000 Bosniaken (mehrheitlich Jungen und Männer zwischen 13 und 78 Jahren) von bosnisch-serbischen Soldaten und Paramilitärs ermordet wurden, was als Massaker von Srebrenica in die Geschichte einging. Die beiden Schriften von Handke waren der Beginn einer hitzigen Debatte, die bis heute anhält und die ich, so weit möglich, chronologisch wiederzugeben versuche.

„Eine winterliche Reise“ und „Sommerlicher Nachtrag zu einer winterlichen Reise“ verharmlosen und relativieren den Kritiken zufolge serbische Kriegsverbrechen im Bosnienkrieg. So spricht Handke von „mutmaßlichen Massakerstätten“, dem „mutmaßlichen Genozid von S.“ und betont, im Juli 1996 sei dies „immer noch das richte und rechtliche Beiwort“. Für diese vorsichtige Formulierung gibt es meiner Ansicht nach keinen anderen Grund als seine Zweifel am bezeugten Geschehen. Er beschrieb Srebrenica als „Rachemassaker“, das die serbischen Truppen als Vergeltung für bosnische Kriegsverbrechen begangen hätten. Obwohl in den Jugoslawienkriegen keine Seite ohne Schuld blieb, ist es schon ein starkes Stück, die zivilen Opfer des Massakers als Folge der bosnischen militärischen Einsätze zu bezeichnen. Im Dezember 1996 traf sich Handke darüber hinaus mit dem später in Den Haag verurteilten Kriegsverbrecher Radovan Karadžić, der mitverantwortlich für das Massaker war. Es fällt mir schwer, eine unschuldige Interpretation dieses Treffens zu vermuten.

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1999 wurden Friedensgespräche zwischen der Bundesrepublik Jugoslawien (gegründet aus Serbien und Montenegro) und dem Kosovo geführt. Anlässlich der Verhandlungen gab Peter Handke im Februar im serbisch-jugoslawischen Staatsfernsehen ein Interview, in dem er die Situation des serbischen Volkes unpassend mit dem Holocaust verglich: „Was die Serben seit fünf, mehr noch, seit acht Jahren durchgemacht haben, das hat kein Volk in Europa in diesem Jahrhundert durchgemacht. Dafür gibt es keine Kategorien. Bei den Juden, da gibt es Kategorien, man kann darüber sprechen. Aber bei den Serben – das ist eine Tragödie ohne Grund. Das ist ein Skandal.“ Später stellte er diese Äußerung auf Drängen seines Verlegers bei Suhrkamp, Siegfried Unseld, im deutschen Focus richtig. Er behauptete, er habe sich „einmal verhaspelt“. Eigentlich habe er sagen wollen: „Zum Thema Juden(vernichtung) gibt es keine Kategorien. Die Juden sind außer Kategorie. Darüber gibt es nichts zu sagen (daran ist nicht zu rütteln). Das Volk aber, das in diesem Jahrhundert (nach den Juden) am meisten in Europa gelitten hat (durch die Deutschen, die Österreicher, die katholischen Ustascha-Kroaten), das sind für mich die Serben. Und was man dem serbischen Volk angetan hat und jetzt weiter antut, das geht über mein Verstehen.“ Bildet euch selbst eine Meinung, ob das für euch nach „verhaspeln“ klingt oder nicht.

Im März lehnte die Bundesrepublik Jugoslawien die Unterzeichnung eines Friedensvertrags mit dem Kosovo ab. Daraufhin flog die NATO präventive Luftangriffe auf Jugoslawien. Peter Handke reagierte, indem er das Preisgeld des Georg-Büchner-Preises, mit dem er 1973 ausgezeichnet worden war, an die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung zurückgab. Ich kann nicht erklären, welchen Effekt er sich von dieser symbolischen Geste erhoffte. Außerdem kündigte er an, aus der katholischen Kirche austreten zu wollen, weil sich Papst Johannes Paul II. nicht öffentlich vom Kosovokrieg distanzierte. Umgesetzt hat er diese Absicht jedoch nie, wie er seinem Biografen Malte Herwig gegenüber 2010 zugab.

2004 schloss sich Peter Handke einer Kampagne zur Unterstützung von Slobodan Milošević an. Der Künstlerappell des kanadischen Autors Robert Dickson diente der Verteidigung des ehemaligen Präsidenten und enthielt einige prominente Unterschriften. Hier wird es spannend, da einer der weiteren Unterzeichner_innen neben Handke der britische Dramatiker Harold Pinter war, der 2005 den Literaturnobelpreis erhielt. Ich kann der Versuchung eines kleinen Exkurses nicht widerstehen, weil Pinter sich in der Presse ausführlich zu seinen Gründen für seine Unterschrift äußerte.

Harold Pinter betonte unmissverständlich, dass er keines der Verbrechen, die angeblich von Slobodan Milošević begangen wurden, in Frage stellte. Er hielt es sogar für wahrscheinlich, dass er sie begangen hatte. Er unterschrieb den Appell nicht, um einen Unschuldigen zu verteidigen. Er unterschrieb, weil er den internationalen Strafgerichtshof für ungeeignet sah, Miloševićs Fall zu verhandeln. Die USA und Großbritannien waren Teil des Kriegsverbrechertribunals, seiner Meinung nach hatten sie jedoch mit den Bombardements auf serbischem Gebiet, auf zivile Ziele, ebenfalls schwere Kriegsverbrechen im Namen der NATO begangen. Pinter glaubte nicht, dass Milošević eine faire Verhandlung erwarten durfte, er sei „entführt“ und nach Den Haag gebracht worden, weil die USA Jugoslawien eine hohe Geldsumme dafür gezahlt hatten. In einem Interview mit dem Guardian regte er sich außerdem darüber auf, dass er bewusst falsch zitiert und ihm unterstellt wurde, Milošević als unschuldig bezeichnet zu haben. Erneut haben wir hier einen Literaturnobelpreisträger, der zweifellos politisch aktiv war.

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Dieser Einblick in Harold Pinters Beweggründe für die Unterzeichnung des Appells rückt auch Peter Handkes Unterschrift und dessen Stellungnahme zum Prozess in dem Artikel „Noch einmal für Jugoslawien“ in ein etwas anderes Licht. Er schrieb: „Ich bin zuinnerst überzeugt, dass das Welt-Tribunal, wie es da tagt (und tagt) im Saal eins der einstigen Haager Wirtschaftskammer, (…) von Anfang, Grund und Ursprung falsch ist und falsch bleibt und das Falsche tut und das Falsche getan haben wird – dass es (es speziell) zur Wahrheitsfindung kein Jota beiträgt.“ Aus diesem Zitat allein ist nicht zu erkennen, ob Handke Milošević tatsächlich für unschuldig hielt oder – ebenso wie Harold Pinter – lediglich die Rechtmäßigkeit des Strafgerichtshofes anzweifelte. Andere Indizien weisen allerdings darauf hin, dass der Autor dem Angeklagten gegenüber wohlwollend eingestellt war. Miloševićs Verteidigung wollte Handke als Entlastungszeuge aufrufen, er lehnte aber ab. Stattdessen besuchte er Milošević im Gefängnis in Den Haag für drei Stunden und trat bei dessen Tod 2006 (er starb, bevor er verurteilt werden konnte) als Grabredner auf, was zum öffentlichen Skandal führte und ihn den Heinrich-Heine-Preis kostete.

2008 ließ er seine Unterstützung für den serbischen Präsidentschaftskandidaten Tomislav Nikolić der rechtextremistischen Serbischen Radikalen Partei (SRS) verlauten und verkündete in der Belgrader Zeitung „Politika“, er habe sein Wahlrecht in Österreich und Frankreich nie genutzt, als Bürger Serbiens würde er jedoch Nikolić seine Stimme geben. Die Partei steht übrigens für die Bildung eines Großserbiens ein.

Wenige Jahre später, 2011, gab Handke Alexander Dorin und Peter Priskil ein Interview, das lange vergessen und unbekannt blieb. Dieses Interview, tatsächlich eher ein aufgezeichnetes Gespräch, wurde für die im rechtsnahen Ahriman-Verlag erscheinende Zeitschrift „Ketzerbriefe“ geführt und erst 2019 wiederentdeckt. Dorin und Priskil gelten als Leugner des Genozids von Srebrenica und hielten mit ihren Ansichten in diesem Dialog nicht hinterm Berg. Handke ließ sich zu äußerst kompromittierenden Aussagen hinreißen, die eine Welle der Empörung auslösten. Das Massaker von Srebrenica wird nicht als Massenmord an Zivilisten dargestellt, sondern als reguläres militärisches Manöver, das im Rahmen des geltenden Kriegsrechts völlig legitim gewesen sei. Die offiziellen Opferzahlen werden beschönigt und in Frage gestellt. Handke impliziert, es habe sich nicht um einen Genozid gehandelt, weil keine Frauen und Kinder getötet wurden und kontrastiert Srebrenica mit dem bosnischen Angriff auf das serbisch bevölkerte Dorf Kravica, in dem 49 Menschen ermordet wurden. Er wiederholt seine Auffassung, Srebrenica sei ein Racheakt gewesen und äußert sich despektierlich über die Opferrechtsorganisation „Mütter von Srebrenica“: „Denen glaube ich kein Wort, denen nehme ich die Trauer nicht ab. Wäre ich Mutter, ich trauerte alleine.“ Außerdem behauptet er, es habe kein einziges belastendes Dokument gegeben, dass den serbischen Präsidenten Slobodan Milošević mit dem Völkermord in Verbindung bringt und bezeichnet Srebrenica als Falle für das serbische Militär. Er halte den Großteil der Vorwürfe für „konstruiert“, „ausgemauschelt“ von dem damaligen US-Präsidenten Clinton und dem ehemaligen bosnischen Präsidenten Izetbegović.

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Was soll man dazu sagen? Als das Interview 2019 ans Tageslicht kam, schien Peter Handke selbst nicht so recht zu wissen, was er dazu sagen soll. 2006 hatte er in einem klarstellenden Artikel in der Süddeutschen Zeitung Srebrenica noch als „das schlimmste Verbrechen gegen die Menschlichkeit, das in Europa nach dem Krieg begangen wurde“ beschrieben. Wie sind seine Äußerungen von 2011 einzuordnen? In einer Stellungnahme des Suhrkamp Verlages rechtfertigt sich Handke damit, dass er das Interview weder autorisiert noch gegengelesen hätte und sich nicht vorstellen könne, diese Sätze in dieser Form so gesagt zu haben. Für ihn gelte, was er 2006 über Srebrenica geschrieben habe und er bedauere, hätten seine Äußerungen den Eindruck vermittelt, er halte den Genozid nicht für „Ein Leid, dass durch nichts auszulöschen ist“. Das kann man nun glauben oder nicht, aber der Zweifel an seinen Ansichten bleibt meiner Meinung nach bestehen. Solche Aussagen lassen sich schwer abtun oder ignorieren. Der Schaden ist angerichtet.

Nach 2008 beruhigte sich die Debatte um die Casa Handke und Serbien für einige Jahre. 2013 verlieh ihm der serbische Präsident Tomislav Nikolić (für den er 2008 seine Unterstützung öffentlich bekannt gemacht hatte) die Goldene Verdienstmedaille. Während seines Besuchs anlässlich der Verleihung erhielt er auch gleich noch den Momo-Kapor-Preis und wurde Mitglied der Akademie der Wissenschaften und Künste der Republika Srpska (eine hauptsächlich von Serb_innen bevölkerte Republik in Bosnien-Herzegowina). 2015 wurde er zum Ehrenbürger von Belgrad ernannt, mit der Begründung, die Stadt sei ihm wie keinem anderen Schriftsteller verpflichtet. Durch seine jahrzehntelange Fürsprache, „ungeachtet dessen, wer an der Macht war“, habe er „viel dafür getan, damit in den Zeiten des Zerfalls des früheren Jugoslawien auch die andere Seite der Wahrheit an die Öffentlichkeit“ kam. Meines Wissens nach sind das die letzten Meldungen über Peter Handke und Serbien, bis ihm 2019 der Literaturnobelpreis verliehen wurde.

Das Nobelkomitee der Schwedischen Akademie verkündete seine Entscheidung für Peter Handke am 10. Oktober 2019 und begründete diese mit folgenden Worten: „für ein einflussreiches Werk, das mit sprachlichem Einfallsreichtum Randbereiche und die Spezifität menschlicher Erfahrungen ausgelotet hat“. Handke gab sich bescheiden dankbar für diese Ehrung, obwohl er anlässlich der Vergabe an Patrick Modiano (dessen Werk er ins Deutsche übersetzte) 2014 noch gefordert hatte, den Literaturnobelpreis abzuschaffen, weil die kurze Aufmerksamkeit, die dieser entstehen ließe, der Literatur mit seiner „falschen Kanonisierung“ nicht helfe.

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International wurde auf die Wahl des Nobelkomitees sehr unterschiedlich reagiert; es gab keinen einstimmigen globalen Aufschrei. Einige freuten sich über Handkes Würdigung. Andere hingegen gaben sich verständnislos, erzürnt, sprachlos und beschämt. Dies betraf natürlich vor allem Menschen, deren Wurzeln in Bosnien-Herzegowina und Kroatien liegen. Saša Stanišić, der 2019 am Vorabend der Frankfurter Buchmesse mit dem Deutschen Buchpreis geehrt und in Bosnien geboren wurde, kritisierte die Verleihung in seiner Dankesrede mit den Worten „Ich hatte das Glück, dem zu entkommen, was Peter Handke in seinen Texten nicht beschreibt“. Die kroatisch-deutsche Schriftstellerin Jagoda Marinić schrieb in der taz einen Kommentar, in dem sie die Vergabe als „Schlag ins Gesicht“ bezeichnete. Sie schrieb weiter „Es ist ein Schlag ins Gesicht all jener, die an Menschenrechte und Fakten glauben“. Tijan Sila, der 1981 im jugoslawischen Sarajevo geboren wurde, mutmaßte (ebenfalls in der taz), dass der Bosnienkrieg von Westeuropäern vergessen wurde, anders sei der Nobelpreis für Handke nicht zu erklären und forderte seine Leser_innen auf, sich zu informieren, denn: „Seit wann rechtfertigt Unmündigkeit irgendetwas?“ Er berichtet von seinen Erlebnissen im Krieg, wie lange ihn die Erinnerungen auch in Deutschland noch verfolgten, ja ausgrenzten, und erzählt von einer Begegnung mit einem Mädchen aus Srebrenica, deren Trauma ihr den Lebenswillen raubte. Es war vor allem dieser Text, der mir vor Augen führte, wie verletzend die Literaturnobelpreisvergabe an Peter Handke für Opfer und Hinterbliebene des Bosnienkriegs sein muss.

Peter Handke selbst weigerte sich zuerst, sich zu der öffentlichen Kritik zu äußern. Bei einem Besuch in seinem Geburtsort Griffen reagierte er aufgebracht auf die Fragen der Journalist_innen nach der Dankesrede von Saša Stanišić: „Ich steh vor meinem Gartentor und da sind 50 Journalisten – und alle fragen nur wie Sie, und von keinem Menschen, der zu mir kommt, höre ich, dass er sagt, dass er irgendetwas von mir gelesen hat, dass er weiß, was ich geschrieben hab, es sind nur die Fragen: Wie reagiert die Welt, Reaktion auf Reaktion. Ich bin ein Schriftsteller, komme von Tolstoi, ich komme von Homer, ich komme von Cervantes, lasst mich in Frieden und stellt mir nicht solche Fragen“. Daraus lässt sich meiner Ansicht nach ablesen, dass Handke, der sich jahrzehntelang als literarisch-politischer Streiter für Serbien inszeniert hatte, keine Lust hatte, über Politik zu reden. So funktioniert das nicht. Man kann nicht so lange Zeit eine umstrittene Meinung laut vertreten und dann erwarten, dass die Menschen das ignorieren, wenn man einen hochdotieren, prestigeträchtigen Preis gewinnt. Handke ist eben nicht nur Schriftsteller. Mal davon abgesehen, dass ich die Vergleiche seiner Person mit Homer, Tolstoi und Cervantes reichlich arrogant finde, ist er eine politische Person, weil er mit seinen Ansichten an die Öffentlichkeit trat.

Offenbar sah er das selbst etwas später auch ein, denn im November gab er Ulrich Greiner für die ZEIT ein längst fälliges Interview, in dem er zur Debatte Stellung bezog. Gut, eigentlich nicht zur Debatte an sich, sondern zu seinem Verhalten in der Vergangenheit. Er erklärt, er habe „Eine winterliche Reise“ und „Sommerlicher Nachtrag“ geschrieben, um die andere Seite dieses Krieges zu beleuchten, die seiner Ansicht nach in der journalistischen Berichterstattung zu kurz kam. Slobodan Milošević besuchte er im Gefängnis, weil dieser um ein Gespräch mit Handke gebeten hatte und er sich anhören wollte, was er zu sagen hatte. Der ehemalige Präsident habe versucht, ihn zu benutzen, wogegen er sich allerdings gewehrt habe. Er sprach nicht an Miloševićs Grab, um sich primär von dem Mann zu verabschieden, sondern von dem, was er für Handke verkörperte: den Traum eines vereinten Jugoslawiens. Außerdem sagt er wörtlich „Kein Wort von dem, was ich über Jugoslawien geschrieben habe, ist denunzierbar, kein einziges. Das ist Literatur“.

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Okay. Ich kann nicht anders. Ich muss das kommentieren.
Zuerst möchte ich anmerken, dass ich finde, dass Ulrich Greiner Peter Handke sehr zart angefasst hat. Er ist ihm mit seinen Fragen nicht zu Leibe gerückt, er hat Antworten sanft aus ihm herausgeschmeichelt. Das kann einerseits daran liegen, dass sich die beiden Männer schon lange kennen und es wohl eine Art Verständigung zwischen ihnen gibt, wie ich zwischen den Zeilen herauslas; andererseits könnte Greiners Zurückhaltung damit zu tun haben, dass Handke kein einfacher Gesprächspartner ist und gern auch mal bissig wird. Vermutlich wollte Greiner verhindern, dass Handke dicht macht und gab sich deshalb handzahm.
Nun zu meiner Interpretation des Interviews. Meiner Meinung nach versteckt sich Handke weiterhin hinter seinem Beruf und verharmlost die Faktenlage. Ich habe einen beinahe weinerlichen Ton aus seinen Antworten herausgehört, eine enttäuschte Resignation, mit der er zu vermitteln versucht, er sei missverstanden worden. Ja, heul doch. Handke behauptet das nun schon so lange, so lange will er der Öffentlichkeit schon weismachen, was er sagte, sei nicht, was er meinte, dass ich mich frage, ob er eigentlich nie nachdenkt, bevor er den Mund aufmacht. Im Laufe meiner intensiven Beschäftigung mit Handke beschlich mich das Gefühl, dass ihm bis heute nicht klar ist, dass verbale Äußerungen ebenso gültig sind wie schriftliche. Offenbar glaubt er, was er ausspricht, sei Schall und Rauch und nur, was er aufschreibt, sei wahr. Das ist natürlich Blödsinn, besonders im aktuellen Informationszeitalter. Als Schriftsteller beruft er sich immer wieder auf sein Werk, wenn ihm seine mündlichen Aussagen um die Ohren fliegen. Das ist meiner Meinung nach feige, unabhängig davon, ob seine Aussprüche nun so gemeint waren oder nicht. Waren sie es, sollte er die Courage besitzen, zu ihnen zu stehen – waren sie es nicht, sollte er den Mut haben, sich zu entschuldigen und zuzugeben, dass er sich irrte. Ich glaube nicht, dass dieses Interview für diejenigen, die sich durch die Nobelpreisvergabe an Peter Handke verletzt fühlen, irgendetwas relativiert oder bessert.

Die Schwedische Akademie reagierte auf die Kritik an der Entscheidung ihres Nobelkomitees genau, wie es meiner Meinung nach zu erwarten war: sie verteidigten ihre Wahl. Natürlich. Sie beharren darauf, die Debatte auf Handkes Texte zu verlagern und dort nach Antworten zu suchen, was seine These, nur seine Schriften würden zählen, untermauert. Sie räumten zwar ein, Handke habe bezüglich der Jugoslawienkriege „eine Art politisches Kamikazemanöver“ vollbracht, hätte sich in seinen Werken jedoch „unmissverständlich für Frieden und nicht für Krieg“ ausgesprochen und habe auch im Jugoslawienkrieg „eine friedliche Lösung der Konflikte bevorzugt“. Diese Zitate stammen aus einer ausführlichen Stellungnahme des Akademiemitglieds Henrik Petersen. Ich begrüße es, dass Petersen auf den öffentlichen Druck einging und aus der Perspektive der Akademie kann ich sogar nachvollziehen, dass es schlicht undenkbar ist, dass sie eine falsche Wahl trafen. Rein literarisch haben sie das vermutlich nicht einmal. Ich habe bisher nichts von Handke gelesen, aber ich glaube dem Urteil internationaler Literaturwissenschaftler, dass sein Schaffen weitgehend groß und bedeutsam ist. Knickte die Schwedische Akademie unter der Kritik ein, schüfe sie einen gefährlichen Präzedenzfall, obwohl ihr die Statuten der Nobelstiftung (Erinnert ihr euch an den ersten Beitrag?) zusichern, dass ihre Entscheidungen nicht anfechtbar sind. Also: ich kann es verstehen. Aber deswegen heiße ich es noch lange nicht gut.

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Für mich spielt es keine Rolle, ob sich Handke in seinen Werken gegen Krieg aussprach, ob „Eine winterliche Reise“ und „Sommerlicher Nachtrag“ tatsächlich nur eine einseitige Berichterstattung bereichern sollten, wie eng er wirklich mit Slobodan Milošević war und ob er missverstanden wurde. All das wird vor dem Schmerz, den seine Ehrung für ganze Bevölkerungsgruppen bedeutet, irrelevant. Allein das zählt. Seine Auszeichnung mit dem Literaturnobelpreis verletzt Menschen, darin liegt die Krux. Deshalb ist die Entscheidung des Nobelkomitees der Schwedischen Akademie meiner Meinung nach falsch. Nicht aus fachlichen Gründen, die ich ohnehin nicht beurteilen kann, sondern aus emotionalen Gründen, weil wir versuchen sollten, Rücksicht aufeinander zu nehmen, unsere Befindlichkeiten zu respektieren und das in diesem Fall nicht geschehen ist. Ich bleibe dabei, man kann einen Schriftsteller in seinem Schaffen nicht als losgelöste Entität behandeln. Kunst ist nicht objektiv und Politik beeinflusst Kunst. Wenn eine Auszeichnung Menschen Leid verursacht, ist sie falsch, so einfach ist das.

Daraus ergibt sich für mich im größeren Rahmen ein simples wie vernichtendes Urteil: der Literaturnobelpreis gehört abgeschafft. Doch das werden wir erst morgen diskutieren, für heute soll es genug sein. Lasst die Informationen sacken und dann sehen wir uns morgen in alter Frische wieder zum großen Finale!

Alles Liebe,
Elli ❤️

 

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Eine Antwort zu “[Lieber Literaturnobelpreis, wir müssen reden] Kapitel 4: «Ich bin ein Schriftsteller»

  1. fraggle

    29. November 2019 at 9:50 am

    Wäre ich Zyniker, würde ich darauf verweisen, dass Handke mit seiner Einschätzung zu Srebrenica – die man nicht nur verwerflich finden darf, sondern als denkender Mensch eigentlich sogar verwerflich finden muss – in illustrer Gesellschaft steht, hat doch die Bundesregierung bis in die 90er Jahre die Überlebenden des Massakers im griechischen Distomo 1944 schriftlich wissen lassen, dass selbiges auch nur „eine Maßnahme im Rahmen der Kriegsführung“ gewesen sei, jegliche Schadenersatzansprüche daher nicht zulässig seien. Seitdem laviert man sich im Übrigen mit der Staatenimmunität heraus, die garantiert, dass Staaten nicht von Privatpersonen verklagt werden können.

    Da ich aber kein Zyniker bin, gebe ich zu, dass man Handke und sein Schaffen ebenso wie die Auszeichnung an ihn kritisch sehen muss.

    Dennoch halte ich Deinem Urteil entgegen und sage: Der Literaturnobelpreis gehört beibehalten! 🙂 Hättest Du Deinem Urteil ein „in seiner jetzigen Form“ hinzugefügt, hätte ich Dir vielleicht sogar zugestimmt. 😉

    Oh, und bevor ich es vergesse: Erneut vielen Dank für die intensive Recherche!

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