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Maggie Stiefvater – The Raven Boys

06 Nov

Rezensionsheader The Raven Boys

Maggie Stiefvater ist eine Frau vieler Talente: Autorin, Künstlerin, Musikerin, Rennfahrerin, Ehefrau, Mutter. Sie besaß stets das Selbstbewusstsein, jede ihrer Leidenschaften auszuleben, doch ihre vermutlich älteste Passion ist das Schreiben. Sie begann bereits als Kind, Geschichten zu schreiben und schickte ihre Manuskripte erstmals mit 16 Jahren an Verlage. Bekannt wurde sie vor allem durch ihre Reihe „The Wolves of Mercy Falls“. Ihr Name ist mir schon lange geläufig; sie tanzte jahrelang durch meine Peripherie, bis ich entschied, sie endlich kennenlernen zu wollen. Ich wählte „The Raven Boys“ aus, Auftakt der Tetralogie „The Raven Cycle“, die Kritiken zufolge anspruchsvoller ist als „The Wolves of Mercy Falls“.

Dein Kuss wird den Tod deiner wahren Liebe besiegeln – ihr ganzes Leben verfolgt die 16-jährige Blue diese düstere Prophezeiung. Also entschied sie, sich einfach niemals zu verlieben. Am Markustag hält sie wie jedes Jahr Totenwache für die armen Seelen derjenigen, die in den nächsten 12 Monaten sterben werden. Bisher konnte Blue die Toten nicht sehen, dieses Mal erscheint ihr jedoch der Geist eines Jungen in ihrem Alter, der die Uniform der schicken privaten Aglionby Academy trägt. Er sagt, sein Name sei Gansey. Blue weiß, dass seine Manifestation nur zwei Gründe haben kann: entweder, sie ist für seinen Tod verantwortlich oder er ist ihre wahre Liebe. Normalerweise hält sie sich bewusst von den sogenannten Raven Boys fern. Sie bedeuten Ärger. Verstört flüchtet sie zurück in ihren Alltag – bis Gansey plötzlich lebendig vor ihr steht. Er und seine drei Freunde Ronan, Adam und Noah sind keine normalen Schüler der Academy. Sie sind auf der Suche: nach Macht, nach Energie, nach Antworten. Schon bald ist auch Blue von ihrer mystischen Mission fasziniert. Und das Schicksal nimmt seinen vorbestimmten Lauf …

Schriftsteller_innen fantastischer Literatur lieben die Theorie der Ley-Linien. Die Annahme, dass bestimmte Landmarken wie Steinkreise, Kirchen und prähistorische Kulturstätten systematisch über Kilometer hinweg auf geraden Linien angeordnet sind, lädt zu wilden Spekulationen ein und dient immer wieder als Inspirationsquelle für magische Geschichten. Ich schließe mich der Faszination freudig an. Es interessiert mich nicht, dass es keine statistischen Beweise für ihre Existenz gibt, ich sehe Ley-Linien als prickelndes Geheimnis, das andeutet, dass unsere Welt vielleicht etwas zauberhafter ist, als sie wirkt. Maggie Stiefvater mag das ähnlich betrachten, denn „The Raven Boys“ basiert auf der Hypothese, dass Ley-Linien nicht nur existieren, sondern magisch-energetische Strömungen darstellen. Hätte ich das vor der Lektüre gewusst, hätte ich wahrscheinlich viel eher begonnen, „The Raven Cycle“ zu lesen. Der Reihenauftakt ist eine ansteckende und manchmal angenehm gruselige mystische Schnitzeljagd, die mich fesselte und mir großen Lesespaß bereitete. Die Geschichte beginnt mit Blue, die aus einer Familie von Wahrsagerinnen stammt und herausfindet, dass ihr Schicksal an vier Jungs geknüpft ist, die die örtliche Aglionby Academy besuchen. Diese vier, Gansey, Ronan, Adam und Noah, sind ihrerseits auf der Suche nach den Ley-Linien. Es handelt sich dabei jedoch nicht um den naiven Zeitvertreib privilegierter, gelangweilter Söhne oder um ein unschuldiges Abenteuer, nein, die Jungs haben alle sehr individuelle, komplizierte Gründe für ihre Suche, komplexe Motivationen, die viel tiefer gehen, als ich jemals erwartet hätte. Stiefvater konzipierte jede Figur gewissenhaft und überzeugend lebendig. Ich hatte bei allen das Gefühl, dass sie über reiche, detaillierte Biografien verfügen, die ihre Verhaltensweisen in der Gegenwart konsequent beeinflussen. Dadurch fand ich sehr schnell in die Handlung von „The Raven Boys“ und ehe ich mich versah, fieberte ich atemlos mit. Ich wollte die Ley-Linien und das, was sich besonders Gansey von ihnen erhofft, ebenfalls finden. Seine Leidenschaft infizierte mich, ich wurde jedoch auch von der Atmosphäre elektrisiert. Ich konnte mich des Eindrucks nicht erwehren, dass unter der Oberfläche wesentlich bedeutendere Mächte am Werk sind; als sei es vorbestimmt, dass Blue den Jungs begegnet. Diese rätselhafte, beklemmende, schicksalhafte Aura zeichnete eine diffuse tragische Melancholie vor, die nicht unbedingt ein Happy End verspricht. „The Raven Boys“ schließt mit einem befriedigenden Erfolgserlebnis, Stiefvater lässt allerdings keine Zweifel aufkommen, dass es sich dabei lediglich um ein Zwischenziel handelt, das die erste Etappe der Geschichte beendet. Ich bin sicher, dass der weitere „Raven Cycle“ für die Figuren eine Menge Schmerz und Kummer bereithält und sie schwerwiegende Opfer erbringen müssen, um ihre Ziele zu erreichen. Selbstverständlich werde ich sie auf ihrem steinigen Weg begleiten; die unausgesprochene, aber unbestreitbare Düsternis der Reihe ist einfach reizvoll.

Es ist schade, dass ich so lange gewartet habe, um Maggie Stiefvater kennenzulernen. Hätte ich geahnt, wie viel Talent die Autorin besitzt, wie mühelos sie eine erregende Geschichte erzählt, deren verschlungene, geheimnisvolle Kraft beinahe unbemerkt die Grenze zwischen Leser_in und Geschehen überwindet, hätte ich „The Raven Boys“ schon viel eher aus dem Regal befreit. Neben den schockierend realistischen Charakteren hinterließ vor allem die melancholische, sehnsuchtsvolle Atmosphäre starken Eindruck bei mir. Stiefvater setzt dieses nonverbale Mittel hervorragend ein, um die düstere Ernsthaftigkeit ihrer Geschichte zu transportieren. Die Suche nach den Ley-Linien ist kein Spiel und ihre Bedeutung für die Figuren ist es ebenso wenig. Einem fantastischen Thema in einem Young Adult – Roman so viel Gewicht zu verleihen und es unmissverständlich als Folge der inneren Dämonen der Figuren darzustellen, ist bemerkenswert. Aber… auf ein Happy End für den „Raven Cycle“ darf ich trotzdem hoffen, oder?

 
5 Kommentare

Verfasst von - 6. November 2019 in Fantasy, Rezension, Urban Fantasy, Young Adult

 

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5 Antworten zu “Maggie Stiefvater – The Raven Boys

  1. Alica

    6. November 2019 at 10:02 am

    Huhu Elli,

    die Reihe möchte ich auch unbedingt bald lesen. Von Maggie Stiefvater habe ich bereits einiges gelesen, aber genau diese Reihe noch nicht. Zuletzt hat mich „Wie Eulen in der Nacht“ von ihr richtig begeistert. Schreiben und fesselnd erzählen kann sie einfach. 🙂

    Schöne Grüße
    Alica

    Gefällt 1 Person

     
    • wortmagieblog

      6. November 2019 at 10:10 am

      Hey Alica,

      das ist ja ein Einzelband, richtig? Der landet bestimmt auch auf meiner WuLi, wenn ihre weiteren Bücher mich ebenfalls begeistern! 🙂

      LG
      Elli

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      • Alica

        11. November 2019 at 10:33 am

        Ja, genau, das ist nur ein Einzelband und auch ein bisschen anders als andere Romane von Maggie Stiefvater, aber ich fand ihn richtig toll! 🙂

        Gefällt 1 Person

         
  2. Caroline

    11. November 2019 at 3:36 pm

    Ohhh, ich freue mich, dass du dem Reiz des Stiefvater´schen Schreibstils ebenfalls erlegen bist! 😀 Und du hast deine Rezension so schön, so – ja, treffend mal wieder geschrieben. „Melancholische, sehnsuchtsvolle Atmosphäre“ – genau, so ist es! Und die findet man immer wieder in ihren Büchern. Die „Wolfes of Mercy Falls“- Reihe habe ich persönlich ja nie gelesen (Teil 1 mal begonnen, dann abgebrochen nach einigen Kapiteln), was aber nicht an der Schreibe lag (die war wie gewohnt toll), sondern am Thema. Dieses Mensch-verwandelt-sich-in-Wolf-Ding ist irgendwie nicht so meins, das erinnert mich zu stark an „Twilight“ und davon habe ich heute noch einen Schaden…
    Aber lies die „Raven Boys“ Reihe, ganz ehrlich, und lies sie auf Englisch! Ich kriege direkt wieder Lust, die auch nochmal zu lesen, jetzt wo ich hier nur einen Kommentar drüber schreibe. Und falls du es noch nicht weißt: Weil sich Ronan im Laufe der Handlung noch zu einem ziemlich (ziemlich) interessanten Charakter entwickelt, schreibt Frau Stiefvater gerade echt noch eine komplette Ableger-Reihe mit Ronan im Fokus. Der erste Teil „Call down the hawk“ ist gerade erschienen.

    Ansonsten kann ich dir, wie Alica hier, auch „Wie Eulen in der Nacht“ („All the crooked saints“) empfehlen, das zwar ganz anders als ihre Reihen, aber atmosphärisch-träumerisch echt toll ist. Und mein Liebling von ihr ist letztlich auch „Rot wie das Meer“.
    Oh Gott, jetzt muss ich mal aufhören zu schwärmen, mir ist schon ganz warm im Gesicht… 😮

    Gefällt 1 Person

     
    • wortmagieblog

      11. November 2019 at 3:49 pm

      Huhu,

      ja, ich merk schon, die Romane von Stiefvater gehen dir nahe. 😀 Aber das motiviert mich nur umso mehr, weiterzulesen, denn es ist toll, zu lesen, dass sie so eine Begeisterung und Leidenschaft auslöst. 🙂

      LG
      Elli

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