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Mike Mullin – Sunrise

25 Jun

Rezensionsheader Sunrise

Die „Ashfall“-Trilogie von Mike Mullin ist eine der realistischsten Dystopien, die ich kenne. Unter dem Yellowstone-Nationalpark liegt tatsächlich ein aktiver Supervulkan, der zuletzt vor 640.000 Jahren ausbrach. Ein weiterer Ausbruch ist jeder Zeit möglich, der USGS (US Geological Survey) schätzt das Risiko trotz Phasen „thermischer Unruhe“ in den letzten Jahrzehnten jedoch gering ein. Mullin war sich dessen bewusst, als er die Trilogie schrieb. Auf seiner Website erklärt er, dass sein Ziel darin bestand, eine spannende Geschichte zu erzählen und er deshalb auf wissenschaftlich plausible, aber nicht unbedingt wahrscheinliche Szenarien zurückgriff. Im Finale „Sunrise“ spielt der Vulkanausbruch allerdings ohnehin nur noch hintergründig eine Rolle.

Nach der monatelangen Suche nach Alex‘ Familie kehren Alex und Darla endlich nach Illinois zurück. Doch als sie die Farm seines Onkels Paul erreichen, bietet sich ihnen ein desaströses Bild. Die Kleinstadt Warren ist ein Kriegsgebiet, die Farm selbst ein notdürftiges Flüchtlingslager. Während ihrer Abwesenheit wurde Warren von der Nachbarstadt Stockton überrannt. Es gelingt ihnen, Warren zurückzuerobern – aber nicht ohne Verluste. Erneut wird Alex klar, dass die größte Bedrohung nach dem Ausbruch des Yellowstone-Supervulkans nicht von der unwirtlichen Natur ausgeht, sondern von den Menschen. Er versucht, die Erwachsenen davon zu überzeugen, sich auf einen langen Überlebenskampf einzustellen und die Verteidigung ihrer Städte als oberste Priorität einzustufen. Vergebens. Alex begreift, dass ihm nur eine Wahl bleibt, will er seine Liebsten in Sicherheit wissen: er muss Verantwortung übernehmen und eine Gemeinschaft gründen, deren Überlebenswille stark genug ist, um bis zu dem Tag, an dem die Sonne durch die Aschewolken bricht, zu überdauern.

Das Kernthema der „Ashfall“-Trilogie ist ebenso simpel wie fesselnd: Überleben. Leser_innen, die häufig zu Dystopien und Postapokalypsen greifen, kennen dieses Prinzip natürlich, aber die Art und Weise, wie Mike Mullin den Überlebenskampf seiner Figuren im Finale „Sunrise“ inszeniert, ist zweifellos ungewöhnlich. Normalerweise müssen Held_innen in Dystopien klar formulierte Missionen erfüllen: die Rettung eines geliebten Menschen, den Sturz eines repressiven Systems oder die Suche nach einem Heilmittel. In „Ashfall“ und „Ashen Winter“ bediente sich Mullin ebenfalls dieser Herangehensweise, denn in beiden Bänden sucht der Protagonist Alex seine Familie. Die Handlung von „Sunrise“ hingegen ist weniger eindeutig umrissen. Alex muss keine Prüfung absolvieren; Überleben ist die Prüfung. Der letzte Band thematisiert den Aufbau einer starken, widerstandsfähigen Gemeinschaft, die sowohl dem vulkanischen Winter als auch den Grausamkeiten ihrer Mitmenschen standhält. Die Handlung ist weder action- noch konfliktgetrieben, weshalb der Spannungsbogen trotz einiger episodischer Ausschläge insgesamt eher flach ausfällt. Gefahren und Bedrohungen offenbaren sich nach und nach über mehrere Jahre, statt Alex und seine Siedler lawinenartig zu überfallen. Diese unaufgeregte Ausrichtung muss man mögen, ich fand den alltäglichen Überlebenskampf, den Mullin realistisch und ausführlich schildert, jedoch faszinierend. Alex‘ Gemeinschaft findet für jedes Problem kreative Lösungen. Ihre Ziele und Projekte sind durchdacht und zeugen von bemerkenswertem Erfindergeist, denn die zur Verfügung stehenden Ressourcen sind selbstverständlich begrenzt. Sie wachsen über sich hinaus und zeigen, wie viel Menschen ertragen und leisten können, wenn die Situation es verlangt. Sie definieren die physischen und psychischen Grenzen unserer Spezies neu. Alex fungiert hierbei als leuchtendes Vorbild. Im Verlauf der Trilogie entwickelte er sich zu einem passablen Anführer, der seine Gefährten nun inspiriert und leitet. Im Vergleich zu ihm wirken alle erwachsenen Führungspersonen verrückt und ignorant, was unterstreicht, dass Führungsqualitäten keine Frage des Alters sind. Der Mut und die Leidenschaft, die er in seinen Verbündeten entfacht, beeindruckten mich sehr; ich hoffte von Herzen, dass ihre Siedlung gedeiht. Ich hing an den Figuren, wünschte ihnen nur das Beste und fürchtete um den sicheren Hafen, den sie sich aufbauen. Obwohl der Trilogieabschluss keine permanente Bedrohungslage involviert, nutzt Mullin temporäre Gefahren clever, um seine Leser_innen emotional an die Gemeinschaft zu binden, wodurch mir das Buch niemals langweilig erschien. Ich wollte, dass sie es schaffen. Das einzige kleine Manko einer ansonsten sehr stimmigen Geschichte war die zurückhaltende Entwicklung der Nebenfiguren. Ich bin sicher, Mullin hätte noch mehr aus ihnen rauskitzeln können – dass er es nicht tat, müssen wir vermutlich seiner Fokussierung auf Alex und Darla vorwerfen. Da es sich hierbei allerdings um Jammern auf hohem Niveau handelt, will ich mal nicht so sein und verzeihe ihm.

„Sunrise“ schließt die „Ashfall“-Trilogie gebührend ab. Die Geschichte, die Mike Mullin um den Ausbruch des Yellowstone-Supervulkans erzählt, ist vorstellbar und bestechend urtümlich, schließlich fordert der Kampf gegen Naturgewalten die Menschheit seit Jahrhunderten heraus. Es ist ein Szenario, das sich jeglicher Kontrolle entzieht und die Figuren auf ihre Urinstinkte reduziert. Dass Humanismus und Überleben dennoch möglich sind, beweist dieses Finale, das ich vollkommen zufrieden mit einem Lächeln im Gesicht zuschlug. Ich hatte keine Bauchschmerzen dabei, Alex und Darla gehen zu lassen. Tatsächlich bin ich so zufrieden, dass ich die Fortsetzung „Blades of Spring“, für die bisher weder ein Erscheinungsdatum noch eine Inhaltsangabe existieren, kritisch betrachte. Meiner Meinung nach braucht „Ashfall“ keine Ergänzung. Da ich allerdings nicht weiß, wovon „Blades of Spring“ handeln soll, werde ich abwarten. Vielleicht siegt meine Neugier am Ende ja doch.

 

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