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Joyce Carol Oates – Black Girl / White Girl

15 Jan

Joyce Carol Oates’ Karriere als Schriftstellerin verlief ungewöhnlich gradlinig. Sie wurde 1938 geboren, las bereits als Jugendliche große Literaten wie Dostojewski, Faulkner und Hemingway und begann im Alter von 14 Jahren selbst zu schreiben. Sie studierte Englisch und Philosophie und veröffentlichte 1963, zwei Jahre nach ihrem Abschluss, ihren ersten Kurzgeschichtenband „By the North Gate“. Seitdem folgten über 40 Romane, mehrere Theaterstücke, Kurzgeschichtensammlungen, Novellen, Lyrik, Essays und biografische Schriften. Sie gilt als eine der bedeutendsten Autor_innen der US-amerikanischen Gegenwartsliteratur, wurde mehrfach für den Pulitzer-Preis nominiert und wird immer wieder als Anwärterin auf den Literatur-Nobelpreis gehandelt. Ich drücke ihr jedes Jahr die Daumen und lese mich frei nach Laune durch ihr umfangreiches Werk. „Black Girl / White Girl“ stand auf meiner Oates-Leseliste ganz oben.

Am 11. April 1975, am Abend ihres 19. Geburtstags, starb Minette Swift bei einem schrecklichen Unglück auf dem Campusgelände des Schuyler College. Sie war eine der wenigen afroamerikanischen Studentinnen, die angenommen wurden. Die Umstände ihres Todes blieben rätselhaft. 15 Jahre später versucht Minettes ehemalige Mitbewohnerin Genna Hewitt-Meade die Ereignisse vor dem Tod der jungen Frau zu rekonstruieren. Schon bald verstrickt sie sich in den schmerzhaften Erinnerungen an ihre eigene verwirrende Jugend, die vom komplizierten Verhältnis zu ihren Eltern geprägt war. Als Tochter eines Bürgerrechtsanwalts verstand sie es als ihre Pflicht, Freundschaft mit Minette zu schließen und sie notfalls vor negativen Einflüssen zu beschützen. Doch Minette stieß sie von sich. Erst als Erwachsene begreift Genna, dass Minettes Weigerung, sich auf sie einzulassen, möglicherweise ihr Leben rettete – während es Minette das Leben kostete.

Ich dachte, die Lektüre von „Black Girl / White Girl“ würde ein Selbstläufer. Joyce Carol Oates befasst sich in dem ihr eigenen Stil des psychologischen Realismus mit dem Thema Rassismus – ein Garant für eine Spitzenbewertung, glaubte ich. Ich lag falsch, denn entgegen meiner Annahme handelt das Buch nicht von Rassismus. Die politische Ebene war maximal ein Beigeschmack, der sich auf die Zunge stahl, wann immer ich mit Minettes Definition ihrer Identität konfrontiert wurde. Leider habe ich erst überhaupt nicht verstanden, worum es in „Black Girl / White Girl“ geht, obwohl der Roman dank Gennas Ich-Perspektive nicht allzu anspruchsvoll geschrieben ist. Ich begriff nicht, welche Botschaft Joyce Carol Oates durch die komplexe, irritierende Beziehung zwischen Minette und Genna vermitteln wollte. Mittlerweile sind seit der Lektüre mehrere Monate vergangen. Die Geschichte erhielt viel Zeit, um in meinem Unterbewusstsein zu arbeiten. Als ich wieder bewusst über das Buch nachdachte, erkannte ich, was ich erlebt hatte: eine unerwiderte Freundschaft, deren Tragik darin besteht, dass die beiden Protagonistinnen trotz ihrer Gemeinsamkeiten nicht zueinander fanden. Beide junge Frauen stammen aus schwierigen Familien mit einschüchternden, dominanten Vätern. Gennas Vater war ein radikaler Bürgerrechtsanwalt, der sich nie Zeit für seine Kinder nahm und sie früh einem fragwürdigen Umfeld aussetzte. Minettes Vater war ein strikt konservativer Pfarrer, wodurch sie streng religiös erzogen wurde und krampfhaft versuchte, den hohen Erwartungen ihrer Eltern gerecht zu werden. Beide mussten sich erstmals allein behaupten, waren furchtbar einsam und unsicher. Beide brauchten dringend eine Freundin, doch während sich Genna nach einer intimen Beziehung sehnte und bereit war, gewaltige Kompromisse einzugehen, um sich mit ihrer übellaunigen Mitbewohnerin anzufreunden, verschanzte sich Minette hinter den dicken Mauern ihres Glaubens und den damit einhergehenden Verhaltensweisen, die nicht in die Welt des College passten. Genna gelang es nicht, ihre Rüstung zu durchbrechen, denn Minette entwickelte niemals den Wunsch, ihren Status als Außenseiterin zu ändern, um dazuzugehören. Stattdessen reagierte sie mit sturer Ablehnung und zog sich immer weiter zurück, bis sie völlig vereinsamte und in einer tiefen Depression versank. Während der Lektüre konnte ich nicht nachvollziehen, warum Genna ausgerechnet mit Minette befreundet sein wollte. Minette benahm sich ihr und allen anderen gegenüber unmöglich, doch je nachdrücklicher sie Genna wegstieß, desto entschlossener kämpfte Genna um sie. Ich bedauerte Genna, weil mir ihr Verhalten würdelos erschien. Es brauchte Monate, bis ich begriff, inwiefern Minettes Weigerung, sich anzupassen, Gennas Leben positiv beeinflusste. Ohne ihr Vorbild hätte Genna nicht gelernt, dass soziale Verpflichtungen Grenzen haben. Genna lief Gefahr, sich völlig aufzugeben, um zu gefallen. Minette lehrte sie, dass Individualität wichtiger ist als Harmonie. Schade, dass Genna ihr für diese Lektion niemals danken konnte.

„Black Girl / White Girl“ ist der erste Roman von Joyce Carol Oates, der mich nicht vorbehaltlos begeisterte. Nachdem ich endlich eine Theorie aufstellen konnte, worauf die Autorin mit dieser Geschichte hinauswollte, musste ich mich fragen, was der lange Zeitraum, den ich benötigte, um sie zu verstehen, für die Bewertung bedeutet. Wie gut ist ein Buch, in dem man monatelang herumstochern muss, um es zu begreifen? Letztendlich entschied ich, primär mein Lesevergnügen zu bewerten und sekundär einfließen zu lassen, dass „Black Girl / White Girl“ psychologisch überzeugend ist und sich in der Tiefe eine konkrete, nachvollziehbare Botschaft verbirgt. Mir bereitete die Lektüre keine Freude. Weder konnte mich das Buch fesseln, noch faszinieren. Meistens war ich verwirrt. Dennoch ist es ein Buch, das nachwirkt und somit typisch für Joyce Carol Oates. Das respektiere ich – obwohl „Black Girl / White Girl“ wohl nie zu meinen Lieblingsromanen zählen wird.

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