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Andrzej Sapkowski – Zeit des Sturms

07 Nov

Im Mai 2016 erhielt ich ein Päckchen. Darin befand sich „Zeit des Sturms“, ein Zwischenband der populären „Hexer-Saga“ des polnischen Autors Andrzej Sapkowski, die vielen durch die Videospielreihe „The Witcher“ bekannt sein dürfte. Das Buch war ein Geschenk von Sanne vom Blog Wortgestalten. Der Verlag hatte ihr ungefragt ein Exemplar zugeschickt und ihren Geschmack zielsicher verfehlt, also sollte es bei mir, der Fantasytante, ein neues Heim finden. Danke Sanne! „Zeit des Sturms“ erschien 2013, lange nach der ursprünglichen Reihe, die bereits 1999 ihr Finale erreichte. Inhaltlich ist es zwischen den ersten zwei Bänden, beides Kurzgeschichtensammlungen, angesiedelt. Ich mag Kurzgeschichten nicht besonders, daher wollte ich mit „Zeit des Sturms“ erst einmal in die Welt des Hexers Geralt von Riva hineinschnuppern, um zu entscheiden, ob ich mit der Reihe eine Zukunft haben könnte.

Kaum betritt der Hexer Geralt von Riva die Stadt Kerack, wird er verhaftet. Die Vorwürfe sind lächerlich – dennoch könnte eine Verurteilung drohen. Dann wird er überraschend freigelassen. Jemand wendete erheblichen Einfluss und beachtliche finanzielle Mittel auf, um ihn aus dem Gefängnis zu holen. Als er seinen beschlagnahmten Besitz auslösen will, stellt sich jedoch heraus, dass seine unersetzbaren Hexenschwerter verschwunden sind. Geralt ist außer sich. Nur sein alter Freund, der Barde Rittersporn, hindert ihn daran, eine Dummheit zu begehen. Dieser teilt ihm auch mit, wer seine großzügige Wohltäterin war: eine mächtige und atemberaubend schöne Zauberin namens Lytta Neyd, genannt Koralle. Die Koralle verlangt für ihre Hilfe eine Gegenleistung: Geralt soll zum Schloss Rissberg reisen und für den Orden der Zauberer einen Dämon jagen. Geschäfte mit Zauberern sind selten klug, doch vielleicht verfügt der Orden über Hinweise auf den Verbleib seiner Schwerter. Geralt willigt ein und stürzt sich in ein gefährliches Abenteuer…

Ich werde der „Hexer-Saga“ eine weitere Chance einräumen müssen, um ein faires Urteil über sie fällen zu können. Es ist immer ein Handicap, eine Reihe nicht mit dem ersten Band zu beginnen. Quereinsteigen ist stets ein Glücksspiel: entweder, es klappt, weil die Geschichte ohne Vorwissen funktioniert oder es klappt nicht, weil Zusammenhänge unverständlich bleiben. Es gibt Autor_innen, die potentiellen Quereinsteiger_innen helfen, indem sie Gedächtnisstützen platzieren. Andrzej Sapkowski gehört nicht zu dieser wohlmeinenden Spezies. Für mich blieb „Zeit des Sturms“ undurchsichtig. Ich habe leider keinen blassen Schimmer, ob das daran lag, dass mir entscheidendes Kontextwissen fehlte oder ob Sapkowski sich schlicht weigerte, Erklärungen zu liefern. Ein gutmütiger, großzügiger Märchenonkel ist er keinesfalls. Ich hatte das Gefühl, dass ihm meine Anwesenheit als Leserin vollkommen gleichgültig war. Er erzählte kühl und distanziert, ließ gelegentlich seinen intelligenten, feinsinnigen Humor aufblitzen und kümmerte sich überhaupt nicht um mich. Er ist kein leserfreundlicher Autor, was mir besonders bezüglich des Handlungsaufbaus von „Zeit des Sturms“ aufgefallen ist. Im Kern geht es in diesem Buch um die Suche des Protagonisten Geralt von Riva nach seinen kostbaren Hexenschwertern. Das sollte die Geschichte sein. Ist sie aber nicht. Tatsächlich kämpft sich Geralt von Gegner zu Gegner und erfüllt etappenweise eine Quest nach der anderen, während der Haupthandlungsstrang brachliegt. Es entstand keine verlässliche Kohärenz. Mir wurden keine Bezugspunkte geboten, anhand derer ich die Ereignisse einzuordnen vermochte. Dadurch fiel es mir schwer, mich in seiner erstaunlich aufgeklärten, fortschrittlichen Welt zu orientieren, weil ich kein zusammenhängendes, mentales Bild dieser Welt modellieren konnte und keinen emotionalen Zugang fand. Ich wünschte, es wäre mir über Geralt gelungen. Ich liebe das kreative Konzept des Hexers als kontrollierte magisch-genetische Mutation und fand Geralt als Persönlichkeit durchaus sympathisch. Er scheint rechtschaffen und ehrlich zu sein, doch da Sapkowski auf eine Betrachtung seines Innenlebens verzichtete und ihn als verschlossen charakterisierte, konnte ich keine Beziehung zu ihm aufbauen. Viele seiner Entscheidungen wirkten auf mich rätselhaft, weil ich ihn ebenso wenig einschätzen kann wie den Autor, dessen Feder er entspringt.

Ich verstehe Andrzej Sapkowski nicht. Ich halte ihn für einen sehr klugen Mann – wieso setzte er sein intellektuelles Potential nicht ein, um eine wahrhaft epische Geschichte zu erzählen, statt dieses seltsame Missionstagebuch im Namen des Geralt von Riva zusammenzustückeln? Oh, am Ende wird die Handlungslinie der verschwundenen Schwerter natürlich aufgeklärt. Aber ich habe es nicht kapiert. Ich erkenne noch immer nicht, was das alles sollte. Für mich war „Zeit des Sturms“ ein verwirrendes Puzzle vieler Komponenten, die in kaum zu ermittelnden Zusammenhängen standen. Selbstverständlich ist es möglich, dass meine Schwierigkeiten darin begründet sind, dass ich die „Hexer-Saga“ nicht mit dem ersten Band begonnen habe. So recht kann ich daran allerdings nicht glauben. Ich habe lange über „Zeit des Sturms“ nachgedacht und gegrübelt, warum Sapkowski diesen späten Band überhaupt geschrieben hat. Das Ergebnis meiner Überlegungen ist nicht schmeichelhaft. Ich bin überzeugt, dass es um Geld ging. Diese Motivation könnte nicht nur erklären, weshalb er 14 Jahre nach dem Finale der Reihe mal eben eine weitere Geschichte um Geralt von Riva veröffentlichte, die ihm zufolge nicht zum abgeschlossenen Fünfteiler gehört, sie könnte auch bedeuten, dass „Zeit des Sturms“ nichts über die Qualität der ursprünglichen „Hexer-Saga“ aussagt. Mein Fazit lautet daher: noch mal von vorn. Neuer Versuch. Ich werde einfach so tun, als hätte ich „Zeit des Sturms“ nie gelesen und gebe Geralt von Riva noch eine Chance – dieses Mal mit dem ersten Band „Der letzte Wunsch“.

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