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Ari Marmell – Die Horde: Die Schlacht von Morthûl

24 Okt

Der texanische Autor Ari Marmell ist ein waschechter, professioneller Nerd. Obwohl er sich seit einigen Jahren auf seine Karriere als Schriftsteller konzentriert, schrieb er ursprünglich erfolgreich für verschiedene Pen & Paper Verlage in der Rollenspielindustrie. Damit machte er sein Hobby zum Beruf, denn Marmell bekam sein erstes Dungeons and Dragons – Set im Alter von 9 Jahren geschenkt und verfasste später häufig selbst Kampagnen. Sein Low Fantasy – Roman „Die Horde: Die Schlacht von Morthûl“ basiert auf einer solchen Kampagne. Darin betrachtet er die Klischees der Fantasy aus dem Blickwinkel der „Bösen“: Orks, Trolle, Oger und alle, die sonst als Antagonisten herhalten müssen, bekommen hier ihren großen Auftritt.

Wenn Morthûl der Leichenkönig ruft, lässt man ihn besser nicht warten. Egal, ob Ork, Troll, Kobold oder Schrecklicher; ob man gerade metzelt, plündert oder stiehlt – will man überleben, lässt man alles stehen und liegen und tut, was der alte Knacker befiehlt. Besonders, wenn das Schicksal von Kirol Syrreth auf dem Spiel steht. Morthûls Plan, sich mit einem finsteren Ritual an die Spitze der Nahrungskette zu befördern, kam bei den Herrschern der angrenzenden Lande nicht gut an. Jetzt versammeln sie ihre Kräfte hinter dieser spitzohrigen Plage von einem Erzfeind, dem Elfenmagier Ananias duMark, um einen endgültigen Vernichtungsschlag zu führen. Auch Morthûl bündelt seine Truppen, doch es sieht schlecht für seine Horde aus. Seine einzige Chance ist eine geheime Eliteeinheit: das Dämonen-Korps. Er rekrutiert die fiesesten, brutalsten und erbarmungslosesten Kämpfer und erteilt ihnen Sonderaufträge, die seinen Sieg sichern sollen. Wen interessiert es da schon, dass sich seine Champions nicht leiden können und ständig kurz davorstehen, sich gegenseitig umzubringen?

Ich bin ein großer Fan davon, die traditionell „bösen“ Völker der Fantasy in den Mittelpunkt zu stellen und sie als Helden zu inszenieren. Mit dieser verschobenen Perspektive lockte mich „Die Horde: Die Schlacht von Morthûl“. Ich hoffte auf eine witzige, erfrischende Lektüre, die mit den Klischees des Genres selbstironisch spielt. Nun, lustig ist das Buch. Darüber hinaus muss ich leider resümieren, dass ich nicht begeistert war. Ich fand die Geschichte belanglos und seicht, unbefriedigend abgeschlossen durch eine Antiklimax, was nach den 636 Seiten der deutschen Ausgabe ein starkes Stück ist. Da schleppt man sich über hunderte Seiten einer dünnen und ziellosen Handlung, um am Ende herauszufinden, dass alles für die Katz war. Ich weiß nicht, warum Ari Marmell dieses Buch geschrieben hat. Es fühlte sich an, als handle es sich bloß um die Vorgeschichte der Geschichte, die er eigentlich erzählen wollte. Vielleicht wäre er gut beraten gewesen, aus seinen Ideen keinen Roman zu konzipieren, sondern eine zusammenhängende Kurzgeschichtensammlung, denn mir erschien „Die Horde“ ohnehin episodisch. Es gibt keinen richtigen Kern; alles dreht sich um das Dämonen-Korps, dessen Mitglieder zu flach und eindimensional charakterisiert sind, um diese zentrale Position überzeugend auszufüllen. Marmell schickt sie von A nach B, ich folgte ihnen von Scharmützel zu Scharmützel und erlebte sie in mal mehr, mal weniger spektakulären Kämpfen, ohne mit inhaltlichen Fortschritten belohnt zu werden. Was außerhalb des Korps geschieht, ist völlig irrelevant. Abschnitte, die sich mit dem Leichenkönig Morthûl und dem Schicksal des Landes Kirol Syrreth beschäftigen, dienen lediglich dazu, Aufgaben für das Korps zu initiieren, um sie weiter durch die Gegend scheuchen zu können. Die Lektüre von „Die Horde“ war ermüdend und ich musste mich stark auf den einzigen Aspekt konzentrieren, der mir Spaß bereitete, um durchzuhalten. Obwohl die Figuren des Korps nie über ihre anfänglichen Rollen hinauswachsen, verändern sich im Laufe ihrer Reisen ihre Beziehungen untereinander. Es war unterhaltsam, ihre fluktuierende Dynamik zu analysieren. Zu Beginn hat niemand Lust, im Dämonen-Korps zu dienen. Niemand kann die anderen Mitglieder leiden. Irgendwann raufen sie sich zusammen und es entstehen bizarre, unerwartete Einzelfreundschaften. Mein persönlicher Favorit ist der Schreckliche Jhurpess, dessen herrlich simpel gestrickter Charakter mich häufig zum Lachen brachte. Er rafft meist gar nichts, überrascht dann allerdings mit erstaunlich sinnigen Einfällen und fungiert als eine Art Maskottchen. Den Zusammenhalt innerhalb seiner Truppe kann jedoch nicht einmal er erzwingen. Ari Marmell zeigt selten Momente echter Kameradschaft oder Loyalität, stattdessen streitet sich das Korps bis zum Schluss permanent, sodass ich den Eindruck gewann, dass sie von unterschwelligen Feindseligkeiten gelähmt werden. Das Dämonen-Korps mag gemeinsam für den Leichenkönig kämpfen – aber sie würden nicht füreinander sterben.

Ich verstehe, dass Ari Marmell seinen Humor zu nutzen versuchte, um den klassischen Antagonisten der Fantasy den Weg in die Herzen seiner Leser_innen zu ebnen. Beinahe jeder zweite Satz in „Die Horde: Die Schlacht von Morthûl“ ist ein Witz oder eine ironische, sarkastische Bemerkung. Er strengte sich wirklich an. Bei mir hatte dieses Konzept leider nur zum Teil den gewünschten Effekt: obwohl ich die Figuren mochte, hatte ich das Gefühl, dass Marmell seine Geschichte nicht ernstnahm. Zugunsten ulkiger Szenen verzichtete er auf die Ausarbeitung einer echten Handlung, wodurch „Die Horde“ Substanz fehlt. Ich habe deshalb lange mit mir gerungen, ob ich 2 oder 3 Sterne vergeben soll. Mir ist bewusst, dass das Buch nicht das Gelbe vom Ei ist und einige Mängel aufweist, speziell bezüglich des Aufbaus. Dennoch hatte ich Spaß mit den Figuren und konnte mich über ihre völkerspezifischen Weltansichten, Prioritäten und Verhaltensweisen amüsieren. Letztendlich habe ich Gnade walten lassen und mich für 3 Sterne entschieden. Im Zweifel für den Angeklagten, das gilt auch für Bücher.

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