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Claudia Gray – A Thousand Pieces of You

23 Okt

Ein grundlegendes Konzept in der „Firebird“-Trilogie ist die romantische Annahme, dass gewisse Beziehungen vom Schicksal vorbestimmt sind. Einige Menschen begegnen sich in jeder Dimension, in jedem Universum. Claudia Gray entwickelte diese Idee 2012, während einer Autorenreise durch die USA und Australien. Sie fühlte sich, als würde sie jeden Tag in einer anderen Welt aufwachen. Ihr Team umgab sie aber natürlich trotzdem täglich und so begann sie mit dem Gedanken an Reisen in verschiedene Dimensionen zu spielen, in denen sich die gleichen Personen immer wieder über den Weg laufen. Dies war der Ausgangspunkt der „Firebird“-Trilogie, die ihren Anfang mit „A Thousand Pieces of You“ nimmt.

Sie wird ihn jagen. Wohin auch immer er flieht, Marguerite wird ihn finden. Und wenn sie ihn findet, wird sie ihn töten. Paul Markov verdient den Tod, denn er ermordete ihren Vater und stahl die vielleicht bedeutendste Erfindung der Menschheit. Gemeinsam entwickelten Marguerites Eltern, beide brillante Wissenschaftler, den Firebird: ein kleines Gerät, das das Bewusstsein auf Reisen in andere Dimensionen schickt. Niemand versteht, wie Paul, der an der Konstruktion des Firebird beteiligt war und den Marguerites Eltern wie einen Sohn behandelten, etwas so Furchtbares tun konnte. Jetzt springt er mithilfe des Firebird von Dimension zu Dimension. Von brennendem Hass getrieben entscheidet Marguerite impulsiv, ihn zu verfolgen. Wieder und wieder erwacht sie in einem anderen Ich, in einer anderen Marguerite, doch der Paul ihrer Dimension entwischt ihr ein ums andere Mal. Dafür trifft sie andere Pauls und beginnt, an seiner Schuld zu zweifeln. Könnte dieser sanfte junge Mann tatsächlich einen geliebten Menschen umbringen? Oder jagt Marguerite den Falschen?

Wie schaffen es Young Adult – Heldinnen nur immer, in opulenten Kleidern zu enden? Gibt es unter Autor_innen des Genres einen geheimen Kodex, der Jeans und T-Shirts verbietet? Ich frage mich ehrlich, warum eine dekadente Garderobe offenbar zur Standardausstattung der Protagonistinnen gehört. Aus diesen Überlegungen könnt ihr bereits ableiten, dass „A Thousand Pieces of You“ einige YA-Klischees bedient und der Kitschfaktor im oberen Bereich meiner Skala anzusiedeln ist. Wie eingangs erklärt, basiert die Geschichte auf der Annahme, dass das Schicksal ein Fakt der Wahrscheinlichkeitsrechnung ist: bestimmte Menschen begegnen sich in den meisten Dimensionen, ungeachtet der äußeren Umstände. Die Romanze war somit unausweichlich. Das Positive daran ist, dass Claudia Gray schmalzige Szenen nicht rechtfertigen muss. „A Thousand Pieces of You“ ist eine Liebesgeschichte, Punkt. Dadurch konnte ich mich erstaunlich gut mit der genretypischen rührseligen Ausrichtung und der damit verbundenen Vorhersehbarkeit des Buches abfinden, ja sogar darauf einlassen und hatte mit der Lektüre wirklich Spaß. Die Handlung beginnt recht abrupt, direkt nach Marguerites erstem Sprung mit dem Firebird, der nach dem magischen Tier der russischen Mythologie benannt ist, was ich sehr hübsch finde. Ich musste mich erst orientieren, begriff aber schnell, dass ich mit der Viele-Welten-Theorie konfrontiert wurde. Diese Interpretation empfinde ich stets als wunderbares intellektuelles Gedankenspiel, weil sie unzählige Möglichkeiten eröffnet. Alles, was passieren kann, wird passieren und resultiert in eine eigenständige Dimension. Aufregend. Claudia Gray verpackt die komplexe Abstraktheit des Themas sehr verdaulich und löst das Problem des „Sich-selbst-begegnens“, das in vielen Zeit- bzw. Dimensionsreisegeschichten zu Logiklöchern führt, elegant und ökonomisch, denn in ihrem Design reist nicht der Körper, sondern nur das Bewusstsein einer Person. Spirituell könnte man von einer Seelenreise sprechen. Die Protagonistin Marguerite nimmt die Körper anderer Marguerites in Besitz, während das originale Bewusstsein in eine Art Traumzustand verfällt. Sie ist als Sympathieträgerin konstruiert: in ihrer Familie ist sie als Künstlerin, die sich stark auf Emotionen und ihre Intuition verlässt, das sprichwörtliche schwarze Schaf, weil sie als einzige nichts mit Physik und der Wissenschaft anfangen kann. Sie ist sehr zugänglich und als Ich-Erzählerin für die Leser_innen greifbar, weil sie eben kein verkopfter Nerd ist. Je besser ich sie kennenlernte, desto unwahrscheinlicher erschien mir, dass sie fähig ist, den vermeintlichen Antagonisten Paul zu töten. Zweifel an seiner Schuld beschleichen sie während ihrer Zeit in einer bezaubernden russischen Dimension, in der sie besagte Kleider trägt, eine andere Version von Paul trifft und eine tiefe Beziehung zu ihm aufbaut. Dieser Part war süß und erzielte bei mir den gewünschten Effekt, ich fürchtete allerdings, dass der Kitsch Überhand nehmen könnte. Glücklicherweise offenbart Claudia Gray im letzten Drittel von „A Thousand Pieces of You“ den wahren Bösewicht der Geschichte und initiiert somit den Konflikt, der die Lektüre für mich rettete.

„A Thousand Pieces of You“ ist ein solider, gut durchdachter Young Adult Science-Fiction-Roman. Claudia Grays Design der Dimensionsreisen empfand ich als clevere, interessante Theorie, die mich über den hohen Stellenwert der Liebesgeschichte hinwegtröstete. Faszinierend fand ich vor allem die Frage, inwieweit Marguerites Besuche in anderen Dimensionen ihre alternativen Ichs beeinflussen. Sie stiehlt ihnen Zeit und in einigen Fällen einzigartige, unwiederbringliche Erfahrungen. Es beeindruckte mich, dass Gray die Thematik der moralischen und ethischen Vertretbarkeit der Reisen ihrer Protagonistin nicht ausklammert, sondern sich dieser mutig stellt. Dadurch weist der Auftakt der „Firebird“-Trilogie eine seriöse Integrität auf, die im YA-Genre nicht selbstverständlich ist. Ich freue mich auf die Folgebände und auf die Abenteuer, die Marguerite erwarten. Selbst falls sie diese in pompösen Ballkleidern erlebt.

 

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